Hirntransfusionsforschung: Aktuelle Erkenntnisse und zukünftige Richtungen

Die Hirntransfusionsforschung ist ein sich entwickelndes Gebiet, das das Potenzial hat, unser Verständnis von altersbedingten neurologischen Erkrankungen, Hirnverletzungen und den Möglichkeiten der Regeneration des Gehirns zu revolutionieren. Dieser Artikel untersucht die neuesten Fortschritte in der Hirntransfusionsforschung und beleuchtet sowohl die vielversprechenden Ergebnisse als auch die Herausforderungen, die vor uns liegen.

Hintergrund: Bluttransfusionen im medizinischen Kontext

In Deutschland wurden im letzten Jahr 3,4 Millionen Transfusionen mit Fremdblut durchgeführt. Das ist fast ein Viertel weniger als vor zehn Jahren. Im Jahr 2009 wurden von den Krankenhäusern noch 4,5 Millionen Blutkonserven abgerufen. „Der Rückgang lässt sich vor allem auf die strengeren Regeln für Bluttransfusionen bei Operationen, Krebs- und Herzerkrankungen sowie Magendarm-Blutungen zurückführen. Früher erhielten die Patienten bereits Transfusionen, wenn der Hämoglobinwert auf unter 10 g/dl abgefallen war“, sagt Professor Dr. med. Andreas Greinacher, Leiter der Abteilung Transfusionsmedizin am Institut für Immunologie und Transfusionsmedizin der Universitätsmedizin Greifswald. Dieser Wert für den Sauerstoffträger im Blut ist zwar bereits deutlich unter der Norm, die bei Männern zwischen 14 und 18 g/dl und bei Frauen zwischen 12 und 16 g/dl liegt. „Studien haben jedoch gezeigt, dass die Überlebenschancen der Patienten nicht schlechter sind, wenn der Hämoglobinwert nicht zu stark angehoben wird“, sagt Greinacher. Bei vielen Patienten werde heute ein Hämoglobinwert von 7 oder 8 g/dl angestrebt. „Die genauen Ursachen hierfür sind immer noch nicht geklärt“, so der Experte. Ein weiterer Grund für den gesunkenen Bedarf ist der sparsamere Umgang mit dem Blut. „Viele Kliniken haben ein Patient Blood Management eingeführt“, erläutert Greinacher. Die Maßnahmen würden von kleineren Röhrchen zur Blutentnahme bis zum Einsatz von Cell-Savern reichen. Mit letzteren kann während der Operation das Blut aufgefangen und dem Patienten als Eigenblut für eine Transfusion zur Verfügung gestellt werden. Auch die Behandlung einer Blutarmut mit Eisen kann den Bedarf an Blutkonserven bei geplanten Operationen verringern. Der Experte sieht durchaus weitere Einsparmöglichkeiten. In Deutschland kämen auf 1000 Einwohner im Jahr 41,7 Blutkonserven. In der Schweiz seien es 35 und in den Niederlanden sogar nur 27. „Die Gründe für diese Unterschiede sind derzeit noch unklar und es bedarf weiterer Forschung hierzu“, so Greinacher. Dennoch dürfe man sich von diesen Zahlen nicht täuschen lassen, warnt er. Die meisten Blutkonserven werden von Menschen über 65 benötigt. Derzeit sind dies häufig die Geburtsjahrgänge 1940 bis 1950, deren Zahl wegen der Auswirkungen des zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit niedriger seien als andere Jahrgänge. Zu den aktivsten Blutspendern zählen derzeit die geburtenstarken Jahrgänge 1955 bis 1965. In den nächsten Jahren kommen genau diese „Baby Boomer“ in ein Alter, in dem sie selbst verstärkt Blutkonserven benötigen. „Während also diese Gruppe vom Spender zum Empfänger wird, haben wir einen jetzt schon deutlichen Mangel in Bezug auf die „nachwachsende“ Spendergeneration der nach 1989 Geborenen, vor allem in den neuen Bundesländern. Denn nach der Wende ist die Geburtenrate dort um 50 Prozent gefallen“, sagt Greinacher, der die Entwicklung in Mecklenburg-Vorpommern seit 2005 in einer Studie beobachtet. Auch der Vorsitzende der DGTI, Professor Dr. med. Hermann Eichler, erwartet für die nächsten Jahre Engpässe. „Wir benötigen dringend ein bundesweites Monitoring, um festzustellen, wo Blutkonserven benötigt werden und wo weitere Einsparpotenziale bestehen“, sagt der Direktor des Instituts für Klinische Hämostaseologie und Transfusionsmedizin am Universitätsklinikum des Saarlands in Homburg/Saar. Die Blutbanken müssten in die Lage versetzt werden, den Bedarf besser als bisher abzuschätzen. Dann werde auch in schwierigen Situationen jeder Patient in Deutschland die Bluttransfusionen erhalten, die er benötigt.

Der Einfluss von Bluttransfusionen auf die neurologische Erholung nach Schädel-Hirn-Trauma

Eine im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie untersuchte die Auswirkungen einer liberalen Transfusionsstrategie, die den Hämoglobinwert auf über 10 g/dl anhebt, auf die neurologische Erholung von Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma. Die Studie ergab, dass diese Strategie die neurologische Erholung nur tendenziell verbesserte, wobei es in einigen Aspekten der funktionalen Unabhängigkeit und der Lebensqualität günstige Ergebnisse gab.

Die meisten Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma entwickeln eine Anämie. Da der Mangel an Erythrozyten die Sauerstoffversorgung des Gehirns gefährdet, besteht die logische Behandlung in der Gabe von Bluttransfusionen. Ein Vorteil für die Patienten konnte in früheren Studien jedoch nicht belegt werden.

Im Gegenteil: In einer Studie der „Canadian Critical Care Trials Group“ hatte eine restriktive Transfusionsstrategie, bei der die Patienten erst Erythrozytenkonzentrate erhielten, wenn das Hämoglobin (Hb) auf unter 7 g/dl abgefallen war, bessere Ergebnisse erzielt. Es starben signifikant weniger Patienten im Krankenhaus. Eine spätere Studie an Kindern fand ebenfalls keine Vorteile für eine liberale Transfusionsstrategie.

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Diese Studien waren jedoch bei Patienten durchgeführt worden, die aus unterschiedlichen Gründen auf einer Intensivstation behandelt wurden. Der Anteil mit Schädel-Hirn-Trauma war gering. Die „Canadian Critical Care Trials Group“ hat deshalb eine neue Studie (HEMOTION) durchgeführt, die auf erwachsene Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma beschränkt war. Diese Patienten haben nach Einschätzung von Neurologen das höchste Risiko, bei einer Anämie durch den damit verbundenen Sauerstoffmangel zu Schaden zu kommen.

Zwischen September 2017 und April 2023 wurden an 34 Kliniken in Kanada, Großbritannien, Frankreich und Brasilien 742 Patienten auf die beiden Strategien randomisiert. Der primäre Endpunkt war ein ungünstiger Ausgang in der erweiterten „Glasgow Outcome Scale“ (GOS-E) nach sechs Monaten. In einer sogenannten „Sliding Dichotomie“ wurden die Teilnehmer nach den initialen GOS-E-Werten in Gruppen aufgeteilt, um die Wirkung der Therapie bei verschiedenen Schweregraden des Schädel-Hirn-Traumas besser berücksichtigen zu können. Die Studie hatte zudem zahlreiche sekundäre Endpunkte zu Mortalität, funktioneller Unabhängigkeit, Lebensqualität und Depressionen nach sechs Monaten.

Die meisten Patienten waren Männer (72,7 %), das Durchschnittsalter betrug 48,7 Jahre und 73,2 % hatten ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten mit einem mittleren motorischen „Glasgow Coma Score“ von 4. Der Hb-Wert bei der Aufnahme lag bei durchschnittlich 9,1 g/dl.

In der Gruppe mit einer liberalen Transfusionsstrategie erhielten fast alle Patienten (98,9 %) Bluttransfusionen, die den Hb-Wert auf 10,8 g/dl erhöhten. In der Gruppe mit restriktiver Transfusionsstrategie erhielt nur jeder dritte Bluttransfusionen (38,4 %). Dabei wurde ein mittlerer Hb-Wert von 8,8 g/dl erreicht. Bei insgesamt 722 Patienten wurde das Protokoll eingehalten.

Wie François Lauzier von der Université Laval in Québec und Mitarbeiter berichten, kam es in der Gruppe mit liberaler Strategie bei 249 von 364 Patienten (68,4 %) zu einem ungünstigen Ausgang gegenüber 263 von 358 Patienten (73,5 %) in der Gruppe mit restriktiver Strategie. Die liberale Strategie war demnach im Vorteil, doch die adjustierte Differenz von 5,4 Prozentpunkten verpasste mit einem 95-%-Konfidenzintervall von −2,9 bis 13,7 Prozentpunkten die statistische Signifikanz. Ein Vorteil der liberalen Strategie war damit nicht sicher belegt.

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Ein Viertel der Patienten überlebte das Schädel-Hirn-Trauma nicht. Zwischen der liberalen Strategie (26,8 %) und der restriktiven Strategie (26,3 %) gab es keine Unterschiede. Bei den überlebenden Patienten erzielte die liberale Strategie einen leichten, aber signifikanten Vorteil von 4,34 Punkten (0,22-8,45) im „Functional Independence Measure“ (der von 18 bis 126 Punkten reicht). Die Patienten beurteilten ihre Lebensqualität auf der visuellen Analogskala EuroQol, die von 0 bis 100 reicht, ebenfalls etwas besser (0,06 Punkte; 0,01 bis 0,10 Punkte). Im „EQ-5D-5L-Utility-Index“-Score und im „Qolibri“-Score gab es ebenfalls leichte Vorteile, nicht aber bei den Depressionen.

Die Bluttransfusionen haben sich laut Lauzier als sicher erwiesen. Venöse thromboembolische Ereignisse traten in beiden Gruppen bei 8,4 % der Patienten auf. Ein akutes Atemnotsyndrom war unter der liberalen Strategie mit 3,3 % versus 0,8 % häufiger.

Insgesamt lässt sich aus den Daten kein sicherer Vorteil der liberalen Strategie ableiten. Dennoch titelt die Pressemitteilung, dass nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma mehr Bluttransfusionen bessere Ergebnisse bedeuten könnten. Begründet wird dies mit den günstigen Ergebnissen in den sekundären Endpunkten. In der Publikation wird dagegen klar festgestellt, dass die liberale Transfusionsstrategie das Risiko eines ungünstigen neurologischen Ergebnisses nach sechs Monaten, gemessen mit dem GOS-E, bei kritisch kranken Patienten mit traumatischer Hirnverletzung nicht gesenkt hat.

Derzeit laufen weitere Studien. Die belgische TRAIN-Studie vergleicht die Schwellenwerte von 7 g/dl und 9 g/dl bei Patienten mit traumatischer Hirnverletzung, Subarachnoidalblutung und intrazerebraler Blutung. An der nordamerikanisch-australischen SAHaRA-Studie nehmen nur Patienten mit Subarachnoidalblutungen teil. Die US-amerikanische BOOST3-Studie untersucht die Kombination aus einer besseren Oxygenierung des Gehirns mit einer Senkung des Hirndrucks.

Die Rolle von jungem Blut bei der Umkehrung des Alterungsprozesses

Seit einiger Zeit hatten Forscher gehofft, das Blut von jungen Spendern könnte für den Körper von Älteren eine Art Jungbrunnen sein: Zumindest hatten Studien gezeigt, dass Blutkonserven von kräftigen und gesunden Jungmäusen die Muskeln von gebrechlichen Artgenossen stärken können. Diese Vermutung hatte auch schon Experimente befördert, bei denen zum Beispiel der Einfluss von jungem Blut auf den Fortschritt von Alzheimersymptomen bei Älteren untersucht wurde, um vielleicht ein Medikament entwickeln zu können, das ähnlich arbeitet. Dabei waren die Forscher auf ein bestimmtes Blutprotein namens GDF11 gestoßen, das die Ursache des Jungbrunneneffekts sein könnte und Hoffnung auf eine einfache und kräftigende Blutspendentherapie für Senioren machte.

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Diese Hoffnung scheint nun allerdings ganz zu platzen, denn eine neue Studie zeigt, dass das hoffnungsvolle Protein tatsächlich sogar das Gegenteil des Gewünschten bewirkt. Die Menge von GDF11 sollte, laut den ersten früheren Versuchen, im Körper von Senioren abnehmen - und weil es zudem das Wachstum neuer Blutgefäße und Neurone im Gehirn nachweislich anregt und über die Aktivierung von Stammzellen die Reparatur von Muskeln fördert, galt es als Ursache des positiven Effekts von jungem Spenderblut. Die neuen Experimente von der Forschungsabteilung des Pharmaunternehmens Novartis wiederlegen nun aber zunächst, dass GDF11 in altem Gewebe tatsächlich seltener wird: Offenbar war es in früheren Untersuchungen mit dem sehr ähnlichen Protein Myostatin verwechselt worden, spekulieren die Forscher um David Glass. Myostatin aber hat den gegenteiligen Effekt: Es bremst Stammzellen sogar, bevor sie sich in Muskelzellen differenzieren.

Ein weiterer, genauerer Test enthüllte dann, dass die GDF11-Menge im alternden Körper nicht fällt, sondern im Gegenteil steigt. Tatsächlich könnte das vermeintlich heilsame Protein sogar das Gegenteil von dem bewirken, was man sich von ihm versprochen hatte: Anscheinend blockiert es die Reparaturmechanismen in alten Zellen, statt eine Neubildung anzuregen. Im Licht dieser Erkenntnis sollte man die Menge dieses Proteins also vielmehr senken und nicht erhöhen.

Junges Blut im Kampf gegen Alzheimer: Eine neue Perspektive

Eine Infusion mit jungem Blut könnte den Zustand von Alzheimer-Patienten möglicherweise verbessern. Zu diesem Schluss kam eine kleine, eng begrenzte Studie der Stanford-Universität, deren Ergebnisse jetzt auf einer Konferenz in Boston vorgestellt wurden.

Im hohen Alter lässt die Gedächtnisleistung bei den meisten Menschen nach, oft so stark, dass dies ihren Alltag massiv beeinflusst. Bioinformatiker:innen der Universität des Saarlandes (UdS) und des Helmholtz-Instituts für Pharmazeutische Forschung Saarland (HIPS) haben nun in einer gemeinsamen Studie mit der Stanford University ein Protein mit verjüngender Wirkung identifiziert, das den Prozess der abnehmenden Hirnleistung im Alter beeinflusst. Das HIPS ist eine gemeinsame Einrichtung des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) und der UdS. Ihre Forschungsergebnisse wurden online in der Fachpublikation Nature veröffentlicht.

Es gibt vielfältige Ursachen für altersbedingte Krankheiten - und oft führen diese zu erheblichen Einschränkungen im Alltag Betroffener. Eine der meistverbreiteten Symptome ist eine schleichend abnehmende kognitive Kapazität, die später oft gepaart mit Altersdemenz auftritt. Forscher der Universität des Saarlandes (UdS) interessieren sich daher für die Frage, welche neuen Stoffe uns neben einer gesunden Lebensweise dabei helfen können, so lange wie möglich fit im Gehirn zu bleiben. Sie suchen zudem nach Wirkstoffen, die Beschwerden bei bereits betroffenen Patienten wieder heilen können.

In einer Studie zusammen mit Forscher:innen der Gruppe von Prof. Tony Wyss-Coray aus dem Bereich Neurologie der Stanford University in den USA, die nun im renommierten Fachmagazin Nature publiziert wurde, beschreiben die Bioinformatiker Andreas Keller und Fabian Kern die Entdeckung eines solchen physiologisch wirksamen Stoffes. Andreas Keller ist Professor für Klinische Bioinformatik der Universität des Saarlandes. Sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Fabian Kern forscht seit kurzem eigenständig am Helmholtz-Institut für Pharmazeutische Forschung Saarland (HIPS), wo er Infektionsprozesse auf Einzelzellebene räumlich und zeitlich aufgelöst untersuchen wird, um so die Erforschung neuer Wirkstoffe voranzutreiben. Zusammen haben sie wesentlich dazu beigetragen, den eigentlichen Mechanismus hinter der Wirkweise des sogenannten Signalproteins Fgf17 zu entschlüsseln. Dieses entstammt einer Familie von zellulären Wachstums- und Entwicklungsfaktoren. Das in der Gehirnflüssigkeit (auch bekannt als Cerebrospinalflüssigkeit - CSF) lösliche Protein dockt spezifisch an entsprechende Rezeptoren der Gehirnzellen, insbesondere den sogenannten Oligodendrozyten aus der Familie der Gliazellen, an. Diese sind für die elektrische Signalleitung unserer Neuronen unentbehrlich, können jedoch mit zunehmendem Alter an Anzahl und Funktion verlieren. Eine der bekanntesten Autoimmunkrankheiten, die unmittelbar auf einen Verlust der Oligodendrozytenfunktion zurückzuführen ist, ist die Multiple Sklerose. CSF enthält ein komplexes Gemisch an Nährstoffen, welches die Zellen im zentralen Nervensystem versorgt, sowie diverse Proteine mit nach wie vor unbekannter Funktionsweise.

Das in der Studie beschriebene, natürlich vorkommende Protein führt zu einer teilweisen Umkehrung der beobachteten Alterungsprozesse durch eine Reaktivierung von Oligodendrozyten und darüber hinaus zu einer signifikanten Verbesserung der kognitiven Schwächen. Dies konnte nachgewiesen werden, indem Rückenmarksflüssigkeit von jungen Labormäusen an ihre älteren Artgenossen per Transfusion übertragen wurde. Die Saarbrücker Bioinformatiker haben die an diesem konkreten molekularen Prozess beteiligten Transkriptionsfaktoren und Gene genauer beschrieben. Bis zu einer möglichen Therapie im Menschen sind jedoch noch viele weitere Fragen zu klären. Zum Einstieg ging es erst einmal darum, geeignete Wirkstoffkandidaten zu identifizieren, was sich in der Regel als überaus schwierig und aufwändig erweist. Die Bioinformatiker konnten in diesem Fall eine solche Entdeckung mit ihrem methodischen Wissen, wie unter Anderem in der Hochdurchsatzsequenzierung, erst möglich machen. „Fachübergreifende Forschung dieser Art mit ausgesuchter Nähe und Potential zur klinischen Nutzung gehören zu den Zielen der Universität im Bereich NanoBioMed. Damit werden richtungweisende Innovationen vom Campus in die ganze Welt getragen“, sagt Professor Andreas Keller mit Blick auf die nun im Nature-Magazin veröffentlichte Studie.

Bluttransfusionen bei Frühgeborenen: Auswirkungen auf die neurologische Entwicklung

Bei Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht von weniger als 1000g fällt die Konzentration an rotem Blutfarbstoff (Hämoglobin) und die Zahl der roten Blutzellen nach Geburt rasch ab, was als Frühgeborenenanämie bezeichnet wird. Rote Blutzellen, genauer das Hämoglobin, dienen dem Sauerstofftransport von der Lunge zu den Organen einschließlich dem Gehirn.

Die ETTNO-Studie untersuchte die Auswirkungen von großzügigeren versus zurückhaltenden Bluttransfusionen auf die neurologische Entwicklung von Frühgeborenen mit sehr niedrigem Geburtsgewicht. Das Hauptergebnis der ETTNO Studie ist, dass bei den untersuchten 1013 Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht zwischen 400g und 999g die Rate an Versterben oder neurokognitiver Beeinträchtigung im für die Frühgeburtlichkeit korrigierten Alter von 24 Monaten bei großzügigerer Anwendung von Bluttransfusionen 44% betrug während diese Rate bei zurückhaltenden Bluttransfusionen 43% betrug, ein Unterschied der statistisch nicht signifikant war.

Stammzelltherapie zur Förderung der Selbstheilungskräfte des Gehirns

Unser Gehirn verfügt über erstaunliche Selbstheilungskräfte, die z.B. nach einem Schlaganfall wirken. Jedoch sind diese gerade bei schweren Schädigungen und bei Neugeborenen oftmals nicht ausreichend, um dauerhafte neurologische Beeinträchtigungen zu verhindern. So treten weltweit bei Babys, die während der Geburt einen Sauerstoffmangel erleiden, lebenslange Behinderungen auf. Unser Gehirn verfügt über erstaunliche Selbstheilungskräfte, die z.B. nach einem Schlaganfall wirken. Jedoch sind diese gerade bei schweren Schädigungen und bei Neugeborenen oftmals nicht ausreichend, um dauerhafte neurologische Beeinträchtigungen zu verhindern. So treten weltweit bei Babys, die während der Geburt einen Sauerstoffmangel erleiden, lebenslange Behinderungen auf.

Wissenschaftler befassen sich daher intensiv mit den Mechanismen und Therapiemöglichkeiten von Hirnschäden bei Neugeborenen. In einem aktuellen Artikel fassen niederländische und US-amerikanische Forscher die bisherigen Ergebnisse aus tierexperimentellen und präklinischen Studien zusammen. Bislang behandelte man die Hirnschäden mit einer Kühlung des Körpers oder verabreichte Medikamente. Beides müsse jedoch innerhalb weniger Stunden nach der Schädigung eingesetzt werden, um wirksam zu sein. Weitere Vorteile: Die Behandlung mit Stammzellen ist nicht invasiv. Sie werden am besten durch die Nase verabreicht, eine Transfusion ins Blut führte dazu, dass nur ein Teil der Stammzellen im geschädigten Gehirn ankommt. Die genauen Wirkmechanismen müssen noch weiter untersucht werden. Aktuell gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die mesenchymalen Stammzellen die Selbstheilungskräfte anregen, indem sie die Teilung und Wachstum von Nervenzellen unterstützen.

Die heterochronische Parabiose und Plasmatransfusionen: Experimentelle Ansätze zur Verjüngung des Gehirns

Enthält das Blut junger Individuen den Schlüssel gegen das Altern? US-Forscher haben in Experimenten an Mäusen, deren Übertragung auf den Menschen makabre Phantasien weckt, eine Jahrhunderte alte Hypothese überprüft - und bestätigt: Der Blutaustausch mit einem Jungtier hat bei älteren Mäusen tatsächlich Altersvorgänge im Gehirn nicht nur aufgehalten, sondern umgekehrt. Die Behandlung steigerte die Lernfähigkeit der Tiere.

Bei einem bereits in den 1950er Jahren durchgeführten Experiment, heterochronische Parabiose genannt, werden die Blutkreisläufe von zwei Tieren miteinander verbunden. Das Blut des jungen gelangt dann in Organismus des älteren Tieres und umgekehrt. In den letzten Jahren konnten verschiedene Forscherteams zeigen, dass diese „Verjüngungskur“ die Stammzellfunktion in Muskulatur, Leber, Rückenmark und Gehirn fördern und die Funktion des Herzmuskels verbessern kann. Auf der anderen Seite schien sich die Organfunktion des jüngeren Tieres unter der Einwirkung des älteren Blutes (oder des Mangels an eigenem jungen Blut) zu verschlechtern.

Jetzt hat das Team um Tony Wyss-Coray von der Stanford Universität die Auswirkungen der heterochronischen Parabiose auf das Gehirn der älteren Tiere untersucht. Im Hippocampus, einer zentralen Schaltstation des Gedächtnisses, fanden die Forscher nach dem Abschluss der Behandlung Zeichen einer vermehrten Plastizität, die auf eine verbesserte Lernfähigkeit hindeutete: Bestimmte Gene wurden aktiviert und neue Nervenverbindungen geschaffen.

In einem weiteren Experiment erhielten ältere Tiere regelmäßig Plasmatransfusionen jüngerer Tiere. Danach mussten sie typische Lerntests für Mäuse bestehen. So mussten sie eine unter Wasser gelegene Plattform finden, oder Stromstöße in einem Käfig vermeiden. Auch hier begriffen die älteren Tiere nach den Bluttransfusionen schneller.

Auf den Menschen übertragbar sind die Experimente sicherlich nicht. Eine Parabiose eignet sich allenfalls als Plot für einen Horrorfilm und Bluttransfusionen als Verjüngungskur für ältere Menschen dürften kaum umsetzbar sein, einmal abgesehen davon, dass Bluttransfusionen wegen der Immunreaktionen mit Nachteilen für die Gesundheit verbunden sind (und in jüngsten Studien das Sterberisiko erhöht haben).

Die Forscher suchen deshalb nach den Faktoren im Blut, die für die Verjüngung verantwortlich sein könnten. Sie vermuten, dass es sich um Proteine handelt. Denn die günstigen Effekte blieben aus, wenn das Plasma vor der Transfusion kurz erhitzt wurde, was die Eiweiße denaturiert.

Welche Faktoren für die Wirkung verantwortlich sind, ist unklar. Die Effekte scheinen aber im Gehirn über das Protein Creb (cyclic AMP response element binding protein) vermittelt zu werden. Diese Entdeckung eröffnet die Möglichkeit, gezielt nach Molekülen zu suchen, die die Aktivität von Creb fördern.

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