Die Tuschezeichnung, eine altehrwürdige Kunstform, erfährt in der modernen Kunst eine Renaissance. Ihre Einfachheit und Direktheit, gepaart mit der Möglichkeit subtiler Nuancen und expressiver Kraft, machen sie zu einem faszinierenden Medium für Künstler und Betrachter gleichermaßen. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Aspekte der Tuschezeichnung, von den technischen Grundlagen bis hin zu konzeptionellen Überlegungen, und gibt Einblicke in die kreativen Prozesse, die hinter der Entstehung von Tuschezeichnungen stehen.
Die Grundlagen der Tuschezeichnung
Die Tuschezeichnung reduziert die künstlerischen Mittel auf ein Minimum: Tusche, Papier und ein Werkzeug zur Auftragung, meist Pinsel oder Feder. Diese Reduktion zwingt den Künstler zur Konzentration auf das Wesentliche: Linie, Fläche, Kontrast und Komposition.
Materialien und Werkzeuge
- Tusche: Chinatusche, bekannt für ihre tiefe Schwärze und Lichtechtheit, ist ein beliebtes Material. Verdünnt mit Wasser, ermöglicht sie eine breite Palette von Grauwerten.
- Papier: Die Wahl des Papiers beeinflusst das Ergebnis maßgeblich. Je nach gewünschter Wirkung eignen sich glatte oder raue, dünne oder dicke Papiere.
- Pinsel: Flachpinsel, Rundpinsel, spezielle Chinapinsel - die Vielfalt der Pinsel ermöglicht unterschiedliche Strichführungen und Flächenwirkungen.
- Feder: Für feine Linien und detaillierte Darstellungen ist die Feder ein ideales Werkzeug.
Techniken der Tuschezeichnung
Die Vielfalt der Techniken in der Tuschezeichnung ist gross. Hier sind einige Beispiele:
- Linienführung: Die bewusste Setzung von Linien, ihre Stärke, Richtung und Dichte, bestimmt die Form und Struktur der Zeichnung.
- Flächengestaltung: Durch Schraffuren, Lavierungen oder den Einsatz verschiedener Pinseltechniken lassen sich Flächen gestalten und Tonwerte erzeugen.
- Nass-in-Nass-Technik: Das Auftragen von Tusche auf feuchtes Papier erzeugt weiche, fließende Übergänge und organische Formen.
- Trockenpinseltechnik: Durch das Verwenden eines wenig mit Tusche getränkten Pinsels entstehen raue, strukturierte Oberflächen.
Die Kunst der Reduktion: Luise von Rohdens "Vertikale"
Die Künstlerin Luise von Rohden hat sich intensiv mit der Tuschetechnik auseinandergesetzt und eine minimalistische Ästhetik entwickelt, die das Wesen der Zeichnung freilegt. Ihre Arbeit "Vertikale (v m/vs 0/11)" aus dem Jahr 2016 ist ein Paradebeispiel für die Reduktion auf das Wesentliche.
Beschreibung der Zeichnung
Die Zeichnung zeigt elf vertikale Streifen wässrig verdünnter Chinatusche, die mit einem Flachpinsel auf eine Papierbahn von 180 cm Höhe und 150 cm Breite aufgetragen wurden. Die Streifen berühren oder überschneiden sich leicht, wobei oben, unten, links und rechts ein weißer Rand verbleibt, der die Gruppe der vertikalen Striche wie ein Passepartout rahmt.
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Analyse der Komposition
Auf den ersten Blick mag die Komposition monoton erscheinen. Doch bei näherer Betrachtung offenbaren sich vielfältige Variationen innerhalb der einzelnen Streifen. Horizontale Zonen der Verdunkelung, individuelle Grauwertvariationen und Überlagerungen erzeugen ein lebendiges Spiel von Hell und Dunkel, Vertikal und Horizontal.
Der Entstehungsprozess als Inhalt
Die sichtbaren Indizien der Zeichnung zeugen von einer einfachen, konzentrierten menschlichen Handlung. Der Betrachter kann den Entstehungsprozess Zug um Zug nachvollziehen: das Fixieren des Papiers, das langsame Herabstreichen des Pinsels, die Variationen im Druck und der Geschwindigkeit. Die Zeichnung zeigt nicht mehr und nicht weniger als die konkreten Spuren des Entstehungsprozesses und des verwendeten Materials: Tusche, Papier, Pinsel.
"Less is more"
Durch die Beschränkung der Mittel entsteht ein neuer Reichtum. Das Wenige an Bildelementen lädt den Betrachter ein, genauer hinzuschauen, seine Aufmerksamkeit kleinsten Details und Variationen zu widmen. Jede Form, jedes Detail ist das Indiz einer Funktion: der Bewegung von Arm und Hand, Pinsel und Tusche auf einer Fläche Papier.
Die Wiederholung als Variation
Luise von Rohden hat im selben Jahr eine formatgleiche Fassung der Zeichnung angefertigt, "Vertikale (v m 0/11)", die in allen Punkten der beschriebenen ähnelt, aber dennoch ein signifikant eigenes Gepräge hat. Die Wiederholung einer Handlung eröffnet Gelegenheiten für Variationen. Etwas mit der Hand zu wiederholen bedeutet, es zu variieren.
Wahrnehmungsschärfung
Luise von Rohden verzichtet auf alles Künstliche, Erzählerische und Expressive, auf Ornament und Figur. Stattdessen konzentriert sie sich auf einfache Handzüge mit dem Tuschepinsel, auf die visuelle Präsenz der verwendeten Mittel und Werkzeuge. Dadurch schärft sie die Wahrnehmungsfähigkeit des Betrachters und lädt ihn ein, die Schönheit im scheinbar Monotonen zu entdecken.
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Einflüsse und Inspirationen
Luise von Rohden begann 2011 als Studentin in Halle mit Tusche und Pinsel zu zeichnen. Anfangs noch farbig, dann beschränkt auf Grautöne. An der Tusche faszinierte sie ihre Materialität und Transparenz, die Interaktion mit verschiedenen Papieren. Ein Gastsemester an der Academy of Fine Arts im chinesischen Tianjin 2013/14, wo sie Kurse im Fach Traditionelle Chinesische Tuschemalerei belegte, prägte ihren künstlerischen Werdegang nachhaltig.
Die Traditionelle Chinesische Tuschemalerei
In China machte sie sich mit einer ihr fremden Pinselhaltung vertraut, die eine freie Pinselführung zulässt, und kopierte in der „Blumen-Vögel-Insekten-Klasse“ die Konturen von Blüten. Durch das Kopieren der Stilistik ihrer Lehrer und der alten Meister erarbeitete sie sich ein Gefühl für die Qualität von Linienführungen. Die Intensität des Malens, das ständige Wiederholen, Scheitern und Wiederholen eines einzigen Motivs, prägte ihr Verständnis für die kleinen Variationen.
Shi Tao und Zhu Da
Eine besondere Vorliebe entwickelte sie für die Werke von Shi Tao (Zhū Rùojí, 1641-ca.1707) und Zhu Da (Bādà Shānrén, 1626-1705), zwei der berühmtesten Vertreter der sog. individualistischen Malerschule während der frühen Qing-Dynastie. Shi Taos Tuschemalereien wirken erstaunlich modern, weil hier im selbstbewussten Spiel mit tradierten Verfahren wie „nasser Pinsel“ und „trockener Pinsel“ der freie, in der Tendenz schon abstrakt anmutende Einsatz von Tusche und Pinsel betont und zelebriert wird.
Die "Richtlinie des All-Einen Pinselstrichs"
Shi Tao formulierte in seinem Traktat über die Tuschemalerei seine "Richtlinie des All-Einen Pinselstrichs". In philosophischer Tiefe sah er in ihm den elementaren und zugleich universellen Pinselstrich, aus dem alle anderen hervorgehen, und nicht nur diese, sondern die ganze Vielfalt der Welt. "Der All-Eine Pinselstrich ist der Ursprung alles Gegebenen, die Wurzel der Zehntausend Erscheinungen." Für die Überlieferungen der Traditionellen Chinesischen Tuschemalerei wichtig wurde vor allem die folgende Passage: "Der All-Eine Pinselstrich birgt die Zehntausend Dinge in seiner Mitte. Das Bild empfängt die Tusche, die Tusche empfängt den Pinsel, der Pinsel empfängt das Handgelenk, das Handgelenk empfängt das Herz."
Strukturelle Anregungen statt stilistischer Vorbilder
Im Unterschied zu europäischen Künstlern der Moderne, die sich ebenfalls von der Geisteskultur und Kunst Asiens inspirieren ließen, orientiert sich Luise von Rohden nicht stilistisch an bestimmten Vorbildern, sondern verarbeitet die Anregungen strukturell, auf der Material- und Handlungsebene. Ihre zentrale Intention, alle künstlerischen Mittel möglichst konsequent zu vereinfachen, führte sie zu Kompositionen, die ohne jede Darstellung von Gegenständen auskommen, ohne ‚erzählerische‘ Details. Vielmehr konzentriert sie sich auf nur ein Formelement: die mit dem Pinsel getuschte Linie.
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Optische Illusion und All-Over-Pattern
Einige Kompositionen von Luise von Rohden weisen eine komplexere visuelle Struktur auf. Richtungsänderungen, Überschneidungen, schmale Spalten zwischen den Linien, kontinuierliche Änderungen in der Linienbreite und den Tonwerten führen zu Effekten optischer Illusion. Der Betrachter meint, Schattenverläufe, kleine Vor-und Rücksprünge oder gar Bewegung wahrzunehmen. Die Kompositionen kommen ohne Schwerpunkte aus, sind überall auf der Fläche ähnlich komplex oder einfach gebaut. Es handelt sich um All-Over-Pattern, um Raster, Gitter, wie sie aus dem Textilrapport bzw. -dessin bekannt sind.
Minimal Art als Referenz
Die Minimal Art hat derartige repetitive, richtungsneutrale und schwerpunktlose Strukturen kultiviert. Elementare Formen, serielle Anordnungen, das Kunstwerk als Objekt, nicht mehr als Bild, Symbol, Fensterblick in imaginäre oder wirklich erlebte Welten - das waren die gemeinsamen Nenner all jener Künstler, die sich in den frühen 1960er Jahren in den USA gegen die Dominanz des Abstrakten Expressionismus wandten und ihre Werke als „primary structures“ charakterisierten.
"What you see is what you see"
Frank Stella, mit seinen Black Paintings einer der Vorläufer der amerikanischen Minimal Art, formulierte es in einem Interview 1964 so: „My painting is based on the fact that only what can be seen there is there. It really is an object. Any painting is an object and anyone who gets involved in this finally has to face up to the objectness of whatever it is that he’s doing. He is making a thing. All that should be for granted. […] All I want anyone to get out of my paintings is the fact that you can see the whole idea without any conclusion […] What you see is what you see.“
Realistische Zeichnung als Basis
Unter den verschiedenen Formen des Zeichnens ist das realistische Zeichnen eine wichtige Grundlage. Es ist ein wesentlicher Schritt, um die Grundlagen des Zeichnens zu verstehen. Beobachtung ist ein komplexer Prozess, der erlernt werden kann. Ein Modell bis ins Detail abbilden, die Gesichtszüge analysieren, um ein realistisches Portrait zu zeichnen, eine Landschaft malen - diese Übungen haben die gleichen Sinne zur Grundlage.
Beobachten ohne zu bewerten
Der indische Philosoph Jiddu Krishnamurti sagte: "Beobachten ohne zu bewerten ist die höchste Form menschlicher Intelligenz." Die realistische Zeichnung ist genau das: Beobachten ohne zu urteilen. Das Gehirn soll nicht interpretieren, sondern der Realität treu bleiben.
Die rechte Gehirnhälfte aktivieren
Um realistisch zu zeichnen, muss man die rechte Gehirnhälfte benutzen. Die linke Gehirnhälfte ist das analytische Gehirn, zuständig für rationales, logisches Denken. Die rechte Gehirnhälfte steuert Kreativität, Stimmung und die Wahrnehmung von Formen im Raum. Diese Fähigkeiten sind nicht angeboren, sondern können erlernt werden.
Klischees vermeiden
Unser Gehirn filtert Informationen und speichert Klischees. Beim Zeichnen muss man lernen, die Dinge unvoreingenommen zu betrachten, so als würde man das, was man zeichnen will, zum ersten Mal sehen. Das ist es, was man beim Zeichnen lernen als „Sehen lernen“ bezeichnet.
Übungen zur Förderung der Beobachtungsgabe
- Zeichnen, ohne auf das Papier zu schauen: Die Hand ist die Verlängerung der Augen.
- Auf dem Kopf zeichnen: Eine Technik, um die rechte Gehirnhälfte zu aktivieren.
- Leerräume zeichnen: Anstatt den Arm einer Person zu zeichnen, male den Leerraum zwischen seinem Körper und seinem Arm.
Die Bedeutung der Perspektive
Das realistische Zeichnen erfordert bei 3D-Modellen eine perfekte Beherrschung der Perspektiven, Tiefen, Proportionen und Linien. Es ist wichtig zu wissen, was hinter dem Thema steckt, um eine realitätsgetreue Zeichnung zu reproduzieren.
Persönliche Vorteile des realistischen Zeichnens
Das realistische Zeichnen ermöglicht die Entwicklung bestimmter Qualitäten und Fähigkeiten:
- Volle Beherrschung der Bewegungen
- Entwicklung der Beobachtungsgabe
- Förderung der Konzentrationsfähigkeit
- Entspannung
Zeichnen und das Gehirn
In Büchern, Anleitungen und Kursen wird immer wieder erklärt, dass jeder das Zeichnen lernen kann. Kinder zeichnen meist spontan und ohne sich großartig Gedanken zu machen. Ab etwa dem zehnten Lebensjahr ändert sich diese natürliche Haltung. Die Schwierigkeit besteht darin, dass das, was die Augen sehen, nicht mit dem übereinstimmt, was die linke Gehirnhälfte an Wissen gespeichert hat.
Die Rolle der Gehirnhälften
Die rechte Gehirnhälfte ist für die Verarbeitung bildlicher Daten zuständig, die linke Gehirnhälfte für das begriffliche Denken. Beim Zeichnen, bei dem es ja darauf ankommt, Bilder zu sehen und wiederzugeben, wäre also die rechte Gehirnhälfte gefordert. Da die linke, begriffsorientierte Gehirnhälfte jedoch ihre vorhandenen Informationen beisteuert, fällt es vielen schwer, das zu zeichnen, was sie tatsächlich sehen.
Tricks zum Austricksen der linken Gehirnhälfte
- Abpausen: Trainiert, das und wirklich nur das zu zeichnen, was tatsächlich zu sehen ist.
- Vorlage auf den Kopf stellen: Die linke Gehirnhälfte erkennt keine typischen Symbole und überlässt die Arbeit der rechten Gehirnhälfte.
- Spiegel: Zeigt Stellen, die noch nicht stimmig sind und überarbeitet werden sollten.
Atemtechniken beim Zeichnen
Eine ruhige Hand und gute Konzentration sind wichtig für das Zeichnen. Atemübungen können helfen, sich darauf vorzubereiten und zu beruhigen. Bewusst zu atmen kann sicher auf Dauer sehr anstrengend sein, es bewirkt aber langfristig auch eine Entlastung des Körpers.
Die richtige Atmung
Beim Zeichnen ist es wichtig, tief und ruhig zu atmen. Beim Einatmen stellt man sich vor, dass man den Brustkorb mit "frischer Luft" füllt und achtet darauf, dass sich der Brustkorb ausdehnt und der Bauch etwas eingezogen wird.
Bewegung und Entspannung
Sich zwischendurch etwas zu bewegen, im Stehen tief durchzuatmen und mal etwas anderes anzuschauen als Striche auf dem Zeichenblatt hilft immer gleich wieder konzentriert und ruhig weiter zu zeichnen.