Neue Strategien zur Wachstumshemmung von Hirntumoren

Hirntumoren stellen eine heterogene Gruppe von Erkrankungen dar, die von gutartigen Meningeomen bis zu aggressiven Glioblastomen reichen. Prof. Dr. Wolfgang Wick, Ärztlicher Direktor der Neurologischen Klinik am Universitätsklinikum Heidelberg und Sprecher des Standortes Heidelberg/Mannheim im Hertie Network of Excellence in Clinical Neuroscience, erläutert in einem Interview neue Behandlungsansätze, die darauf abzielen, das Wachstum dieser Tumoren zu stoppen. Diese Ansätze umfassen Immuntherapie, zielgerichtete Therapien und die gezielte Störung der Tumorkommunikation.

Vielfalt der Hirntumoren

Es ist wichtig zu verstehen, dass nicht jeder Hirntumor bösartig ist. Meningeome, Tumore der Hirnhäute, sind meist gutartig und können oft durch eine Operation geheilt werden. Bösartige Hirntumoren, wie diffus wachsende Gliome und aggressive Glioblastome, sind behandelbar, aber bisher unheilbar.

Innerhalb der hirneigenen Tumoren wird zwischen Isozitratdehydrogenase (IDH)-mutierten und IDH-nicht-mutierten Tumoren unterschieden. Diese Unterscheidung ist entscheidend, da IDH-mutierte Tumoren eine spezifische Mutation aufweisen, die als Ziel für Medikamente und Immuntherapien dient. Hirnmetastasen, Absiedlungen von Primärtumoren aus anderen Körperregionen, werden anders behandelt als hirneigene Tumoren und stellen oft eine lebenslimitierende Erkrankung dar.

Immuntherapeutische Ansätze zur Bekämpfung bösartiger Hirntumoren

Ein vielversprechender Ansatz ist die Immuntherapie, bei der das körpereigene Abwehrsystem zur Bekämpfung von Krebszellen genutzt wird. Ziel ist es, die für Hirntumoren spezifischen Antigene mit immuntherapeutischen Verfahren zu erkennen und zu attackieren. Dies kann durch Peptide, RNA (wie bei der Corona-Impfung) oder Zellen mit Rezeptoren, die zu den Eigenschaften der Hirntumorzellen passen, erfolgen.

Zielgerichtete Therapien bei Hirntumoren

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf zielgerichteten Therapien, die auf spezifische Mutationen in Hirntumoren abzielen. Die INDIGO-Studie, an der Prof. Dr. Wolfgang Wick mitwirkte, präsentierte positive Signale für die Blockierung von IDH-Mutationen. Das Medikament Vorasidenib, ein Hemmstoff zur Behandlung dieser Tumoren, hat in den USA bereits einen beschleunigten Zulassungsstatus erhalten und wird voraussichtlich ab 2024 in Deutschland erhältlich sein, nachdem das Prüfverfahren der Europäischen Arzneimittelzulassungsbehörde (EMA) abgeschlossen ist.

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Störung der Tumorkommunikation

Ein dritter Ansatz zielt darauf ab, die Kommunikation des Tumors zu stören, um ihn besser bekämpfen zu können. Forschungsergebnisse der Unimedizin Heidelberg in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum zeigen, dass einzelne, gut vernetzte Zellen im Tumorgewebe eine Art "Gehirn" bilden und eine Schrittmacherrolle einnehmen. Diese Zellen geben Aktivitätssignale für das gesamte Tumorzell-Netzwerk vor, was das Wachstum des Glioblastoms fördert und seine Widerstandskraft erhöht.

Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass diese Netzwerke eigene biologische Strukturen nutzen und Verbindungen zwischen Tumorzellen und Nervenzellen bestehen. Nervenzellaktivität unterstützt die Hirntumor-Situation, und der Tumor profitiert von seiner Lage im Gehirn. Dies führt zu der Schlussfolgerung, dass Krebs in seiner Entstehung eine neurologische Erkrankung sein könnte. Aktuelle Studien untersuchen, wie die Übertragung von Nervenzellen auf Hirntumorzellen blockiert werden kann, beispielsweise durch Medikamente aus dem Epilepsie-Bereich. Diese Therapie könnte dazu beitragen, den Hirntumor für bekannte Therapiemaßnahmen empfindlicher zu machen. Es wird erwartet, dass es noch einige Jahre dauern wird, bis entsprechende Medikamente auf den Markt kommen, aber die Innovationszyklen scheinen sich zu beschleunigen.

Umgang mit einer Hirntumor-Diagnose

Prof. Dr. Wick betont, dass Patienten ihre Lebensplanung nicht nach statistischen Prognosen ausrichten sollten. Es ist wichtig, die individuelle Patientensituation so gut wie möglich zu erhalten und weiterhin Pläne zu machen. Patienten sollten sich bewusst sein, dass sie mit dieser Erkrankung nicht allein sind und dass es hochspezialisierte Zentren gibt, in denen sie sich beraten lassen können. Es gibt keine vorbeugenden Maßnahmen, um das Hirntumor-Risiko zu verringern.

Meningeom-Forschung in Heidelberg

Wissenschaftler des Universitätsklinikums Heidelberg untersuchen in einem neuen Verbundprojekt die Gründe für Rückfälle bei Meningeomen, den häufigsten Krebserkrankungen des Gehirns. Ziel ist es, verbesserte Methoden zur Prognose und neue Therapiemöglichkeiten zu entwickeln. Eine genaue Risikoeinschätzung, ob der Tumor nach der Operation erneut auftreten wird, wäre von großer Bedeutung, um die Therapie frühzeitig anzupassen. Die Forscher suchen nach Biomarkern, die in direktem Zusammenhang mit dem Tumorwachstum stehen und eine bessere Klassifizierung des Tumors ermöglichen. Alternative Therapieverfahren, die gezielt an den biologischen Mechanismen des aggressiven Tumors ansetzen, sollen entwickelt und in klinischen Studien untersucht werden.

Neue Therapieansätze für Glioblastome

Glioblastome gehören zu den aggressivsten Hirntumoren im Erwachsenenalter. Eine klinische Studie am Universitätsklinikum Ulm untersucht eine Wirkstoffkombination von neun Medikamenten namens CUSP9v3 (Coordinated Undermining of Survival Paths by 9 Repurposed Drugs, Version 3) in Kombination mit einer niedrig dosierten Chemotherapie. Die bisherigen Ergebnisse sind ermutigend, und eine größere klinische Folgestudie ist geplant. Die Idee, mehrere Wirkstoffe kombiniert einzusetzen, entstand aus der Überlegung, dass ein einzelner Wirkstoff möglicherweise nicht ausreichend ist, um die aggressive Tumorart zu bekämpfen.

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Tumortherapiefelder (TTFields)

Eine tragbare Haube, die elektrische Wechselfelder an das Gehirn abgibt, kann das progressionsfreie Leben und das Gesamtleben von Patienten mit einem Glioblastom verlängern, die eine Standardchemotherapie erhalten. Die Tumortherapiefelder (TTFields) stören die Zellteilung, indem sie die Spindelbildung in der Mitose verhindern. Die Therapie hat in den letzten Jahren eine lebensverlängernde Wirkung gezeigt und ist in Europa verfügbar.

Laserinduzierte Thermaltherapie (LITT) und Medikamententests an Minitumoren

Forschende aus Heidelberg prüfen ein neuartiges Therapiekonzept, bei dem die Erhitzung des Tumors mittels einer minimal-invasiv eingebrachten Lasersonde von personalisierten Medikamententests an Miniversionen des Patiententumors gefolgt wird. An diesen sogenannten Tumororganoiden können mehrere Medikamente gleichzeitig getestet und die wirksamsten identifiziert werden. Die Dietmar Hopp Stiftung fördert diese Behandlungsstudie und die Medikamententests an den patientenindividuellen Tumororganoiden.

Das LITT-Verfahren bietet den Vorteil, dass es eine schonende Alternative zur wiederholten OP darstellt und die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger macht, wodurch Medikamente besser in das Tumorgewebe eindringen können. Die Tumororganoide bilden die individuellen Eigenschaften des Tumors ab und ermöglichen es, verschiedene Medikamente auf ihre Wirksamkeit beim jeweiligen Patienten zu testen.

Forschung zu kindlichen Hirntumoren

Fortschritte bei der Erforschung einer bislang nicht behandelbaren Form kindlicher Hirntumoren, den Embryonalen Tumoren mit vielschichtigen Rosetten (ETMR), wurden am UKE-Krebsforschungszentrum Hamburg erzielt. Die Wissenschaftler konnten molekulare Mechanismen identifizieren, die für die Entstehung von ETMR verantwortlich sind, und im Labor das Tumorwachstum mithilfe von Medikamenten signifikant verlangsamen.

Chemotherapie bei Hirntumoren

Die Chemotherapie ist eine systemische Therapie, die im ganzen Körper wirkt und darauf abzielt, das krankhafte Zellwachstum der Tumoren zu hemmen. Bei Hirntumoren wird die Chemotherapie in der Regel nach der Operation und histologischen Sicherung des Tumors angewendet. Es werden Medikamente eingesetzt, die die Blut-Hirn-Schranke passieren können, wie Temozolomid, Nitrosoharnstoffe, Mitosehemmstoffe und Platinverbindungen.

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Die Nebenwirkungen der Chemotherapie hängen von der Art der Chemotherapie ab und können Haarausfall, Entzündungen der Mundschleimhäute, Übelkeit und Erbrechen, Durchfall und Blutbildveränderungen umfassen. Viele dieser Nebenwirkungen lassen sich jedoch durch eine supportive Therapie behandeln.

Deutsches Glioblastomtag

Der Deutsche Glioblastomtag am 17. bietet Patienten und ihren Familien die Möglichkeit, sich über die Erkrankung und die verschiedenen Therapiemöglichkeiten zu informieren und Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung zu finden.

Krebszellen in Tiefschlaf versetzen

Forscher vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) haben einen Weg gefunden, das Wachstum von Hirntumoren zu bremsen, indem sie Tumorzellen in Mäusen in eine Art Tiefschlaf versetzt haben. Im Fokus stand das Glioblastom, die häufigste und aggressivste Form von Hirntumoren bei Erwachsenen. Die Forscher untersuchten den Aufbau der "Aktivierungs-Pyramide" bei bösartigen Hirntumoren und stießen auf ein Protein, das den Wechsel vom Ruhestand in die Aktivität verlangsamt, indem es die Krebszellen umprogrammiert.

Ein zentrales Ergebnis war, dass je höher der Anteil ruhender Tumorzellen an der Pyramidenbasis, desto langsamer wächst das Glioblastom - und desto besser ist die Prognose für Betroffene. Durch Überexpression des Signalproteins SFRP1 konnten die Wissenschaftler die menschlichen Tumorzellen in einen Schlafmodus versetzen und ihr epigenetisches Profil verändern.

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