Die Frage, ob Handynutzung das Risiko für Hirntumore erhöht, ist seit der Einführung von Mobiltelefonen ein viel diskutiertes Thema. Während einige Studien einen Zusammenhang nahelegen, kommen andere zu dem Schluss, dass kein erhöhtes Risiko besteht. Dieser Artikel analysiert die aktuellen Forschungsergebnisse und bietet eine umfassende Übersicht über die potenziellen Risiken und Unsicherheiten.
Einführung
Die rasante Verbreitung von Mobiltelefonen hat Bedenken hinsichtlich möglicher Gesundheitsrisiken, insbesondere in Bezug auf Hirntumore, aufgeworfen. Mobiltelefone senden hochfrequente elektromagnetische Felder aus, und da sie in unmittelbarer Nähe zum Kopf verwendet werden, ist die Frage nach potenziellen Auswirkungen auf das Gehirn von großer Bedeutung.
Studienergebnisse im Überblick
Französische Studie (Occupational and Environmental Medicine)
Eine französische Studie aus dem Jahr 2014, veröffentlicht in "Occupational and Environmental Medicine", untersuchte die Auswirkungen von Handynutzung in Frankreich zwischen 2004 und 2006. Die Ergebnisse zeigten, dass Personen, die ihr Handy über fünf Jahre hinweg mehr als 15 Stunden pro Monat nutzten, ein zwei- bis dreifach höheres Risiko hatten, einen Hirntumor zu entwickeln. Dabei handelte es sich sowohl um gutartige als auch um bösartige Gliome sowie um Meningeome, meist gutartige Tumore der Hirnhaut. Die Forscher berücksichtigten andere Risikofaktoren und die geringe Nutzung von Freisprecheinrichtungen.
Interphone-Studie
Die größte Studie zu den Gesundheitsrisiken durch Handys, die Interphone-Studie, wurde 2010 veröffentlicht und umfasste 13 Länder, darunter Deutschland. Diese Studie ergab, dass bei intensiver Nutzung und Bevorzugung einer Kopfseite das Gliom-Risiko um 40 Prozent und das Meningeom-Risiko um 15 Prozent erhöht war.
UK Million Women Study
Eine große Langzeitstudie aus Großbritannien, die "UK Million Women Study", fand keine Anhaltspunkte für ein erhöhtes Hirntumorrisiko bei gewöhnlicher Handynutzung. In dieser Studie wurden Hunderttausende Frauen über einen Zeitraum von zehn Jahren zu ihrer Handynutzung befragt. Von den knapp 800.000 Frauen, die den ersten Fragebogen vollständig ausgefüllt hatten, erkrankten später knapp 3.300 an einem Hirntumor.
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COSMOS-Studie
Die COSMOS-Studie, eine prospektive Kohortenstudie mit 264.000 Personen aus Dänemark, Finnland, den Niederlanden, Schweden und Großbritannien, zeigte, dass auch bei starker Nutzung von Handys keine erhöhte Häufigkeit von Gliomen, Meningeomen oder Akustikusneurinomen auftrat. Die Studie begann 2008 und soll voraussichtlich bis 2037 laufen.
Detailanalyse der COSMOS-Studie
Die COSMOS-Studie erfasste Daten von 264.574 Teilnehmenden über 1,8 Millionen Personenjahre. Die Forscher analysierten, ob bei längerer und intensiverer Handynutzung mehr Hirntumore auftraten als bei kürzerer und geringerer Nutzung. Sie ermittelten die Zeitspanne, in der Handys regelmäßig genutzt wurden, und teilten diese für Gliome und Meningeome in drei Abschnitte (0-9, 10-14 und ≥ 15 Jahre) und für Akustikusneurinome in zwei Abschnitte (0-15 und > 15 Jahre) ein. Anhand der Gesamtstunden der Handynutzung wurden Perzentile erstellt.
Die Ergebnisse zeigten, dass eine intensive Handynutzung nicht mit einem statistisch signifikant erhöhten Risiko für die jeweiligen Hirntumortypen verbunden war. Die Hazard Ratio pro 100 Stunden Handynutzung betrug 1,0 für Gliome, 1,01 für Meningeome und 1,02 für Akustikusneurinome. Auch in Nutzungsjahren ausgedrückt ergaben sich keine statistisch signifikanten Unterschiede im Risiko.
Weitere Studienergebnisse und Forschung
INTERPHONE-Studie im Detail
Die INTERPHONE-Studie, eine internationale Fall-Kontroll-Studie, untersuchte mögliche Gesundheitsrisiken durch Handynutzung in 13 Ländern. Zwischen 2000 und 2003 wurden 2765 Gliom- und 2425 Meningeom-Patienten sowie 7658 gesunde Vergleichspersonen zu ihren Telefoniergewohnheiten befragt. Die Studie ergab, dass regelmäßiges Telefonieren mit einem Handy nicht mit einem höheren Risiko für Gliome oder Meningeome verbunden war. Allerdings zeigte sich bei den stärksten Nutzern (fünf Prozent der Teilnehmer) ein erhöhtes Risiko für Gliome, insbesondere bei denjenigen, die das Handy bevorzugt an die vom Gliom betroffene Kopfseite hielten. Die Studienautoren wiesen jedoch darauf hin, dass diese Ergebnisse auch durch methodische Probleme entstanden sein könnten.
Deutsche Beteiligung an der INTERPHONE-Studie
An der INTERPHONE-Studie waren auch Wissenschaftler aus Deutschland beteiligt, unter anderem vom Institut für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik der Universität Mainz. Die deutschen Ergebnisse wurden 2006 in der Fachzeitschrift "American Journal of Epidemiology" veröffentlicht.
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Langzeitstudie aus Australien
Eine australische Langzeitstudie, die knapp 30 Jahre lief, wertete die Daten von über 19.800 Männern und 14.200 Frauen aus, die zwischen 1982 und 2012 an einem Hirntumor erkrankt sind, sowie die Nutzungsdaten von Mobiltelefonen im Zeitraum von 1987 bis 2012. Auch diese Studie konnte keinen Anstieg der Neuerkrankungsrate feststellen.
Tierversuche in den USA
Eine Studie des National Toxicology Program (NTP) in den USA berichtete 2016 über einen Zusammenhang von Mikrowellen-Bestrahlung und Tumorerkrankungen in Tierversuchen. Ratten und Mäuse wurden mit Mikrowellen der Übertragungstechnologien GSM und CDMA bestrahlt.
Schwedische Studie
Eine schwedische Studie aus dem Jahr 2015, die 1498 Gliompatienten und 3530 Kontrollen einschloss, deutete darauf hin, dass die Nutzung von Mobiltelefonen das Risiko für Gliome leicht erhöht. Das größte Risiko ergab sich für die Gruppe mit einer Latenzperiode von mehr als 25 Jahren. Auch die Nutzung von schnurlosen Telefonen wurde mit einem erhöhten Risiko in Verbindung gebracht.
Methodische Probleme und Unsicherheiten
Einige Studien, die einen Zusammenhang zwischen Handynutzung und Hirntumoren nahelegen, weisen methodische Probleme auf. Beispielsweise gaben einige Teilnehmer der INTERPHONE-Studie eine sehr hohe Nutzungsdauer an, die nicht plausibel war. Zudem stieg das Risiko nicht kontinuierlich mit zunehmender Stundenzahl an, sondern war nur für die kleine Gruppe der extremen Vieltelefonierer erhöht. Auch die retrospektive Erhebung von Daten zur Handynutzung kann zu Verzerrungen führen, da sich Patienten möglicherweise besser an ihre Nutzungsgewohnheiten erinnern oder diese überschätzen.
Aktuelle Bewertungen und Empfehlungen
Trotz der widersprüchlichen Studienergebnisse gibt es keinen eindeutigen Beweis dafür, dass Handynutzung das Risiko für Hirntumore erhöht. Die Internationale Agentur für Krebsforschung der WHO listet Mobilfunkstrahlung derzeit noch als "möglicherweise krebserregend" auf, da bei der letzten Überprüfung im Jahr 2011 noch nicht genügend Daten vorlagen.
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Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) betont, dass die Ergebnisse der INTERPHONE-Studie die bisherigen Bewertungen möglicher gesundheitlicher Risiken des Mobilfunks bestätigen. Es empfiehlt dennoch, Möglichkeiten zur vorsorglichen Expositionsverringerung zu nutzen.
Tipps zur Reduzierung der Exposition gegenüber elektromagnetischen Feldern
Obwohl die Studienlage keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Handynutzung und Hirntumoren belegt, können folgende Tipps helfen, die individuelle Belastung durch elektromagnetische Felder zu verringern:
- Verwenden Sie Freisprecheinrichtungen oder Headsets, um das Handy nicht direkt ans Ohr halten zu müssen.
- Telefonieren Sie in Gebieten mit gutem Empfang, da das Handy bei schlechtem Empfang stärker sendet.
- Vermeiden Sie lange Telefonate.
- Schalten Sie das Handy nachts aus oder legen Sie es außerhalb des Schlafzimmers ab.
- Fragen Sie sich, ob Sie das Handy wirklich anschalten müssen oder ob die Nachricht warten kann.
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