Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte, unprovozierte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Ein epileptischer Anfall entsteht durch eine plötzliche, übermäßige elektrische Aktivität im Gehirn, die zu vorübergehenden Störungen von Bewusstsein, Bewegung, Empfindung oder Verhalten führen kann. Die Diagnose und Behandlung von Epilepsie erfordert oft einen Krankenhausaufenthalt, um eine umfassende Beurteilung und Therapie zu gewährleisten.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie ist eine Sammelbezeichnung für eine Gruppe von Funktionsstörungen des Gehirns. Der epileptische Anfall ist als Krankheitszeichen (Symptom) einer möglichen Epilepsie zu werten. Er ist meistens nur sehr kurz und dauert in aller Regel nicht länger als ein bis zwei Minuten. Je nachdem, welcher Bereich im Gehirn betroffen ist, können während eines Anfalls dabei sehr unterschiedliche Symptome auftreten, wie zum Beispiel vorübergehende Sprachstörungen, Bewusstseinsstörungen oder aber auch ein Zustand der Verwirrung und Orientierungslosigkeit.
Etwa 5 % der Bevölkerung erkranken an epileptischen Anfällen - meistens nur vorübergehend - im Laufe ihres Lebens. Eine aktive Epilepsie entwickeln hingegen etwa 0,6 % der europäischen Bevölkerung, dies entspricht ca. 500 000 Menschen in Deutschland. Besonders häufig beginnt eine Epilepsie in den ersten Lebensjahren oder jenseits des 60. Lebensjahres. Im höheren Lebensalter sind das meist Veränderungen im Gehirn, die auf Durchblutungsstörungen zurückzuführen sind.
Ursachen und Formen von Epilepsie
Epileptische Anfälle entstehen durch eine plötzliche zeitgleiche Erregbarkeitssteigerung von Hirnzellen. Ein epileptischer Anfall kann sich vielgestaltig der Umwelt präsentieren. So kommt es teilweise zu Zuckungen einer bestimmten Körperregion wie z. B. der Hand (einfach fokal-motorischer Anfall). In vielen Fällen ist der epileptische Anfall nur Ausdruck einer zugrunde liegenden anderen neurologischen Erkrankung wie z. B. Schlaganfall, Hirnhaut- oder Gehirnentzündung, Hirntumor, narbige Veränderungen nach einer Hirnverletzung, Missbildung/Fehlanlage des Gehirns bei der Geburtsentwicklung, Stoffwechselstörung.
Es gibt verschiedene Formen von Epilepsie, die sich in ihren Ursachen, Symptomen und Behandlungsmöglichkeiten unterscheiden. Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) teilt die unterschiedlichen Formen von Anfällen und Epilepsien grob ein:
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- Fokale Anfälle: Sie werden von einer Funktionsstörung an einer bestimmten Region des Gehirns ausgelöst und äußern sich klinisch zum Beispiel durch unwillkürliche Zuckungen an einem Arm bei erhaltenem Bewusstsein. Der Patient verspürt häufig ein Vorgefühl (Aura) vor dem Anfall.
- Fokale Anfälle mit Übergang zu bilateral tonisch klonischen Anfällen (früher sekundär generalisierte Anfälle): Sie treten zunächst wie fokale Anfälle auf, breiten sich aber im Verlauf auf das ganze Gehirn aus, so dass ein Bewusstseinsverlust und Zuckungen an beiden Armen und Beinen auftreten.
- Generalisierte Anfälle: Sie zeigen keinen bestimmten Ursprung und betreffen vom ersten Moment das gesamte Gehirn. Hier kommt es zu einer Bewusstseinsstörung ohne Vorgefühl.
Gründe für einen Krankenhausaufenthalt bei Epilepsie
Eine Indikation zur Krankenhausaufnahme besteht bei:
- Anfällen, deren Art und Verursachung unklar sind
- neu aufgetretenen Anfällen
- Differenzialdiagnose nicht-epileptischer Anfälle und anfallsartig auftretender organischer Erkrankungen, z.B. Synkopen
- Anfallshäufung bei bekannter und behandelter Epilepsie
- Therapiekontrolle und Therapieoptimierung
- Einschätzung von Nebenwirkungen der antiepileptischen Therapie
- Notfallbehandlung (Status epilepticus, Anfallsserien)
Diagnostische Maßnahmen im Krankenhaus
Im Krankenhaus werden verschiedene diagnostische Maßnahmen durchgeführt, um die Ursache der Epilepsie zu ermitteln und die geeignete Behandlung festzulegen. Dazu gehören:
- Anamnese: Erhebung der Anamnese, Beschreibung der Anfälle, Klärung der Vorgeschichte, Medikamentenanamnese eventuelle Beobachtung und Klassifikation der Anfälle
- EEG-Diagnostik: differenzierte EEG-Diagnostik einschließlich üblicher Provokationsverfahren, Langzeitund Videoableitung, 24-Stunden-EEG
- Bildgebende Diagnostik: Kernspintomographie (MRT)
- Labordiagnostik: einschließlich neurochemischem Labor, serologischer, pharmakologischer und immunologischer Methoden für therapeutisches Drug Monitoring sowie weitere apparative Diagnostik, z.B. EKG, Echokardiographie (transthorakal, transoesophageal), Kipptischuntersuchung
- Neuropsychologische Diagnostik: einschließlich Überprüfung der Fahreignung
- Psychiatrische Vorstellung: zur psychiatrischen Diagnostik und Therapie
- Erfassung sozialer Probleme: Rehabilitationsabklärung
Video-EEG-Monitoring
Ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik ist das Video-EEG-Monitoring. Hierbei werden die Patienten rund um die Uhr sowohl mittels Videokamera als auch mittels synchroner Registrierung der Hirnstrom-Aktivität (EEG) überwacht. Dadurch können Aussagen zur Anfallsart, Anfallsfrequenz und Intensität getroffen werden. Ebenso dient das Video-Langzeit-EEG-Monitoring dazu, epileptische Anfälle von nichtepileptischen Anfällen (Kreislaufregulationsstörungen, Schlafstörungen, psychogenen Anfällen) abzugrenzen.
Einige Epilepsiezentren, wie das Epilepsiezentrum Münster-Osnabrück, bieten spezielle Bereiche für das Video-EEG-Monitoring an. Dort können alle Zimmer mit HD-Video-Kamera überwacht werden, um Anfälle jederzeit erfassen zu können. Zusätzlich gibt es Video-EEG-Monitoring Systeme mit mehreren Ableiteplätzen, die eine EEG-Aufzeichnung auch unabhängig vom Bettplatz gewährleisten und damit den Patienten eine wesentlich größere Mobilität erlaubt.
Fallbeispiele
- Fallbeispiel 1: Der 43-jährige Brauereimeister Klaus stellt sich beim Neurologen vor, da er vier Mal im letzten Monat Zuckungen an seinem rechten Arm bemerkt hatte. Das Zucken würde immer zunächst an der Hand beginnen und sich dann auf den kompletten Arm ausbreiten. Er könne dies überhaupt nicht kontrollieren. Die „Anfälle“ dauerten meist wenige Sekunden. Heute hätte er dies aber über zwei Minuten beobachtet und im Anschluss eine Kraftlosigkeit im Arm festgestellt, so dass er nicht mehr arbeitsfähig gewesen sei.
- Fallbeispiel 2: Der 22-jährige Fabian wird vom Notarzt in die Klinik gebracht. Eine Epilepsie ist seit dem 12. Lebensjahr bekannt. Auch Schwester und Onkel leiden an Epilepsie. Er hatte heute bereits vier Anfälle. Sonst hat er nur einen Anfall alle drei Monate. In der Notaufnahme schreit er plötzlich auf, atmet schwer und verliert das Bewusstsein. Es kommt zu einer starken Muskelanspannung an Armen und Beinen, bevor diese rhythmisch zu zucken beginnen. Die Augen sind geöffnet, die Pupillen erweitert und reagieren nicht auf Licht.
Therapie im Krankenhaus
Die Therapie der Epilepsie zielt darauf ab, die Anfälle zu kontrollieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Die wichtigsten Therapieformen sind:
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- Pharmakotherapie: Anfallsunterdrückende Medikamente (Anfallssuppressiva) werden spätestens dann von Ihrem Arzt verordnet, wenn mindestens zwei Anfälle unprovoziert auftreten. In Einzelfällen muss bereits nach dem ersten Anfall eine medikamentöse Behandlung vorgenommen werden. Eine regelmäßige Betreuung durch einen Neurologen, manchmal auch lebenslang, ist für einen guten Behandlungserfolg erforderlich. Ebenso wichtig ist das Führen eines sogenannten Anfallskalenders durch den Patienten. Hierdurch können Auslöser für Anfälle ausgemacht, deren Gefahren erkannt und die Häufigkeit ihres Auftretens besser abgeschätzt werden. Die Medikamenteneinstellung kann durch ein einzelnes Präparat oder durch Kombinationen erfolgen.
- Epilepsiechirurgie: Ist durch die medikamentöse Therapie keine ausreichende Anfallskontrolle zu erreichen, so kann auch eine epilepsiechirurgischer Eingriff zur Anfallsfreiheit oder Anfallsreduktion führen.
- Elektrische Stimulationsverfahren: Vagusstimulator
Epilepsiezentrum Münster-Osnabrück
Der Standort Osnabrück des Epilepsiezentrums Münster-Osnabrück ist in die Klinik für Neurologie des Klinikums Osnabrück integriert. Im Neubau des Zentrums für Neuromedizin und Geriatrie (ZNG) bietet neben modernster Architektur und Einrichtung sämtliche Ressourcen inklusive einer neurologisch geführten Intensivtherapiestation und einer Abteilung für die neurologische Frührehabilitation einer der größten neurologischen Abteilungen Nordwestdeutschlands. Die Patienten des Epilepsiezentrums Münster-Osnabrück werden in der Regel in einem speziell ausgerichteten Bereich der Station 09.1 des ZNG aufgenommen und behandelt.
Im Stationsbereich Epilepsie sorgt ein Team von speziell weitergebildeten Pflegenden, Therapeuten, Psychologen und Sozialarbeiterinnen/Case-Managerinnen für eine umfassende und ganzheitliche Behandlung der oftmals komplexen gesundheitlichen und sozialmedizinischen Probleme. Dabei können alle Einrichtungen des Hauses (z.B. Therapiegarten, Snoezelen-Raum etc.) genutzt werden. Weitere Angebote sind:
- Interdisziplinäre Epilepsieschulungen (MOSES)
- Beratung, Einleitung und Kontrolle einer ketogenen Diät oder modifizierten Atkins-Diät
- Implantationen von Vagusnerv-Stimulatoren
Dieses Angebot richtet sich besonders an Patienten mit Anfallserkrankungen in komplexen Konstellationen sowie an Menschen mit kombinierter geistiger und körperlicher Behinderung. Die Unterbringung einer Begleitperson ist grundsätzlich möglich.
MEDICLIN Klinikum Soltau
Das MEDICLIN Klinikum Soltau bietet Akutbehandlung und Reha aus einer Hand an. Das heißt konkret, dass ein Team aus Ärzten und Therapeuten ein auf Sie abgestimmtes Behandlungskonzept erstellt, das sowohl Ihren Krankenhausaufenthalt als auch Ihre Reha umfasst. Sollte nach einer neu festgestellten Epilepsie die Behandlung mit Medikamenten nicht helfen und die Anfälle schränken Sie im Alltag deutlich ein, sind weitere rehabilitative Maßnahmen notwendig.
Die wichtigsten Gründe für eine Anschlussheilbehandlung oder Rehabilitation nach dem stationären Aufenthalt bei Epilepsie sind:
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- erfolgte Hirnoperationen (Epilepsiechirurgie)
- keine Besserung der Symptome durch Medikamente (pharmakoresistente Epilepsie)
- neuropsychologische und körperliche Störungen als Folge der Epilepsie
- gleichzeitiges Auftreten von nicht-epileptischen Anfällen
- schwerwiegende psychosoziale Folgen der Epilepsie.
Komplikationen und Notfälle
Die Mehrzahl der epileptischen Anfälle hält wenige Sekunden bis ein oder zwei Minuten an und klingt folgenlos ab. Bei Bewusstseinsverlust kann es jedoch durch einen Sturz oder heftige Entäußerungen zu Verletzungen kommen. Manche Muskelanspannungen können so heftig sein, dass es zu Knochenbrüchen kommt. Bei einem bewusstlosen Patienten im Anfall sollte nicht versucht werden Gegenstände in den Mundraum einzubringen. Ein Freihalten der Atemwege ist wichtig. Gegenstände jedoch können zu Zahnverletzungen und Verschlucken oder gar Ersticken am Material führen.
Selten sind Anfälle von längerer Dauer und verlaufen nicht selbstlimitierend. Dieser Zustand kann lebensgefährlich sein und wird Status epilepticus genannt. Das Gehirn kann bei längerer Dauer eines Anfalles Schaden nehmen. Die Situation muss so schnell wie möglich mit Medikamenten durchbrochen werden.
Leben mit Epilepsie
Neben der medizinischen Behandlung ist es wichtig, dass Menschen mit Epilepsie lernen, mit ihrer Erkrankung umzugehen und ihr Leben so normal wie möglich zu gestalten. Dazu gehört:
- Regelmäßige Einnahme der Medikamente: Die Medikamente müssen regelmäßig und in der verordneten Dosis eingenommen werden, um die Anfälle zu kontrollieren.
- Vermeidung von Auslösern: Bestimmte Faktoren, wie Schlafmangel, Stress oder Alkoholkonsum, können Anfälle auslösen. Diese sollten vermieden werden.
- Anfallskalender: Das Führen eines Anfallskalenders kann helfen, Auslöser zu identifizieren und die Wirksamkeit der Behandlung zu überwachen.
- Information und Aufklärung: Es ist wichtig, sich über die Erkrankung zu informieren und sich mit anderen Betroffenen auszutauschen.
- Soziale Unterstützung: Die Unterstützung von Familie, Freunden und Selbsthilfegruppen kann helfen, mit den Herausforderungen der Erkrankung umzugehen.