Parkinson, eine der am schnellsten wachsenden neurodegenerativen Erkrankungen weltweit, betrifft Hunderttausende Menschen allein in Deutschland. Während die Krankheit bislang als unheilbar gilt, eröffnen aktuelle Studien und innovative Therapieansätze neue Perspektiven für Betroffene. Dieser Artikel beleuchtet den aktuellen Stand der Forschung, vielversprechende Therapieformen und präventive Maßnahmen, um die Lebensqualität von Parkinson-Patienten zu verbessern.
Neuroplastizität: Die Fähigkeit des Gehirns zur Selbstheilung
Schäden im Gehirn können schwerwiegende Folgen haben, doch das Gehirn besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Selbstheilung, die als Neuroplastizität bekannt ist. Dieser Prozess ermöglicht es Nervenzellen, sich neu zu organisieren und geschädigte Funktionen zu kompensieren.
Wie Neuroplastizität funktioniert
Die Neuroplastizität beruht auf der Fähigkeit von Nervenzellen, sich ständig neu zu vernetzen. Jedes Neuron kommuniziert über Synapsen mit Tausenden anderen Nervenzellen. Nach einem Schlaganfall oder einer anderen Hirnschädigung beginnen die überlebenden Nervenzellen, sich anders zu verknüpfen. Sie bilden Fortsätze, sogenannte Axone, die aussprießen und sich über Synapsen mit anderen Nervenzellen verbinden. Dadurch entstehen Ersatzkabel, die Umgehungskreisläufe bilden und die Funktion des geschädigten Areals übernehmen können.
Grenzen der Neuroplastizität
Die Selbstheilungskräfte des Gehirns sind jedoch begrenzt. Bei größeren Läsionen, die weite Teile einer Hirnhälfte betreffen, ist eine vollständige Kompensation oft nicht mehr möglich. In solchen Fällen kann das Gehirn jedoch auf die andere, noch gesunde Hirnhälfte zurückgreifen. Studien haben gezeigt, dass in jungen Jahren sogar der Verlust einer kompletten Hirnhälfte kompensiert werden kann.
Neuroplastizität bei Parkinson
Bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson, bei denen Nervenzellen schleichend absterben, kann die Neuroplastizität eine wichtige Rolle spielen. Der Verfall verläuft oft so langsam, dass andere Hirnregionen die Verluste immer wieder ausgleichen können. Dadurch bleiben Symptome lange Zeit unbemerkt. Erst wenn die Anpassungsfähigkeit des Nervensystems erschöpft ist, treten Symptome auf.
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Zelltherapien: Hoffnung durch Transplantation neuer Nervenzellen
Zwei im Fachmagazin „Nature“ veröffentlichte Studien zeigen, dass Zelltherapien typische Parkinson-Symptome wie Zittern und steife Muskeln lindern können. Bei dieser Therapieform werden Parkinson-Patienten neue Nervenzellen transplantiert, um die verlorengegangenen dopaminproduzierenden Zellen zu ersetzen.
Transplantation embryonaler Stammzellen
Eine Studie von US-amerikanischen Forschern testete aus Embryonen gewonnene Stammzellen, die sich in alle Zelltypen des Organismus entwickeln können. Die Wissenschaftler wandelten diese im Labor in eine Vorstufe von dopaminproduzierenden Nervenzellen um und transplantierten sie in die Gehirne von zwölf Parkinson-Patienten. 18 Monate später zeigte eine radiologische Untersuchung, dass die transplantierten Nervenzellen überlebt hatten und Dopamin produzierten. Insbesondere bei den Probanden, die eine höhere Dosis an Zellen erhalten hatten, verbesserte sich die Beweglichkeit. Schwere Nebenwirkungen oder Tumore traten nicht auf.
Transplantation induzierter pluripotenter Stammzellen (iPS-Zellen)
Ein Forschungsteam aus Japan experimentierte mit iPS-Zellen, die im Labor aus Körperzellen hergestellt werden und embryonalen Stammzellen ähnlich sind. Sie nutzten die Blutzellen eines gesunden Spenders, die sie im Labor in Stammzellen reprogrammierten. Aus den daraus entstandenen iPS-Zellen stellten die Forscher ebenfalls Vorstufen von dopaminproduzierenden Nervenzellen her, welche sie in die Gehirne von sechs Patienten transplantierten. Nach zwei Jahren Beobachtung zeigte sich auch hier eine Verbesserung der motorischen Funktion.
Einschränkungen und Kritik an den Studien
Obwohl die Ergebnisse vielversprechend sind, weisen Experten auf Einschränkungen der Studien hin. Die geringe Probandengröße und die begrenzte Beobachtungsdauer schränken die Aussagekraft ein. Zudem fehlen randomisierte Kontrollen beziehungsweise ein Placebo-Arm, die in weitergehenden Studien im Fokus stehen müssen. Auch die Bewertung des Schweregrades der Parkinson-Krankheit beruht zum Teil auf klinischer Einschätzung und Selbstberichten der Probanden. Zusätzliche objektive Messmethoden wären ratsam.
Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Zelltransplantation nichts an der Grunderkrankung ändert, welche trotz der Transplantation weitergeht. Es ist bekannt, dass transplantierte Zellen nach mehreren Jahren krankhafte Veränderungen und Ablagerungen des Proteins Alpha-Synuclein in der Umgebung im Gehirn hervorrufen können. Daher wird eine solche Therapie eher fortgeschrittenen Stadien vorbehalten sein und man wird Patienten sorgfältig auswählen müssen.
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Weitere Therapieansätze und Forschungsperspektiven
Neben Zelltherapien gibt es weitere vielversprechende Therapieansätze und Forschungsbereiche, die Hoffnung auf eine bessere Behandlung von Parkinson machen.
Tiefe Hirnstimulation
Die tiefe Hirnstimulation ist eine etablierte Behandlungsmethode bei Parkinson. Dabei werden Elektroden in bestimmte Hirnbereiche implantiert, um die gestörte Hirnaktivität zu modulieren. Die tiefe Hirnstimulation kann Symptome wie Zittern, Muskelsteifigkeit und Bewegungsverlangsamung lindern.
Gentherapie
Die Gentherapie bietet verschiedene Möglichkeiten, die Dopaminproduktion im Gehirn anzuregen oder schädliche Abläufe in den Nervenzellen zu stoppen. So können beispielsweise Gene für bestimmte Enzyme in das Gehirn injiziert werden, die die Nervenzellen anregen, Dopamin zu produzieren. Ein anderer Ansatz ist, Dopamin produzierende Nervenzellen im Gehirn wieder wachsen zu lassen. Auch die genetische Veränderung von lebenden Nervenzellen, um sie in Dopamin produzierende Zellen umzuwandeln, ist ein vielversprechender Ansatz.
Antikörper-Therapie
Verantwortlich für das Absterben von Nervenzellen bei Parkinson ist das Protein Alpha-Synuclein, das sich dort übermäßig anlagert. In Studien wurde versucht, diese Ablagerungen mit einer zielgerichteten Antikörper-Therapie zu reduzieren. Die Ergebnisse waren jedoch enttäuschend. Weitere Versuche mit einer veränderten Dosierung der Antikörper sollen folgen. Einige Experten vermuten, dass der Ansatz, Ablagerungen zu reduzieren, zu kurz greift. Demnach müsste der Hebel früher angesetzt werden, damit Ablagerungen im Gehirn gar nicht erst entstehen.
Präventive Maßnahmen und Lebensstilfaktoren
Neben den genannten Therapieansätzen gibt es auch präventive Maßnahmen und Lebensstilfaktoren, die das Risiko für Parkinson senken oder den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen können.
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Bewegung und Sport
Regelmäßige Bewegung und Sport können das Risiko für Parkinson um bis zu 60 Prozent senken. Dabei muss es keine bestimmte Sportart sein. Alles, was Herz- und Atemfrequenz steigert, hilft. Bewegung hat eine sehr starke antientzündliche Wirkung und ist ein wichtiges "Medikament", das wir in uns tragen. Aktivität, Sport und Koordinationsübungen helfen, die Muskulatur zu erhalten sowie Gleichgewicht und Feinmotorik zu trainieren und zu stabilisieren.
Ernährung
Bestimmte Eiweiße, die in Fleisch und Milch enthalten sind, können die Aufnahme von Levodopa stören. Erkrankte sollten außerdem auf wenig Zucker und wenig gesättigte Fettsäuren achten. Eine mediterrane Diät mit einem hohen Gehalt an Antioxidantien kann das Risiko für Parkinson senken.
Schlafposition
Eine Studie der Stony-Brook-Universität (New York, USA) hat herausgefunden, dass eine seitliche Schlafposition dem Gehirn helfen kann, Stoffwechselendprodukte aus dem Gehirn zu eliminieren, die unter anderem zu einem erhöhten Risiko für Morbus Alzheimer und Parkinson führen.
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