Multiple Sklerose und ihre Auswirkungen auf die kognitive Gesundheit: Ein umfassender Überblick

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die Gehirn und Rückenmark betrifft. In Deutschland sind etwa 250.000 Menschen von MS betroffen, wobei die Erkrankung meist im jungen Erwachsenenalter auftritt. Die Symptome sind vielfältig und können Gefühlsstörungen, Lähmungen, Seh- und Gleichgewichtsstörungen sowie starke Müdigkeit (Fatigue) umfassen. MS wird oft als die "Krankheit mit den 1000 Gesichtern" bezeichnet, da ihr Verlauf und ihre Ausprägung sehr unterschiedlich sein können.

Ursachen und Verlauf von Multipler Sklerose

Die genauen Ursachen von MS sind bis heute nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren eine Rolle spielt. Kinder von MS-Betroffenen haben ein etwa 20-fach erhöhtes Erkrankungsrisiko, wobei das absolute Risiko mit etwa 3 Prozent dennoch gering ist. MS ist also keine reine Erbkrankheit, sondern eher eine Erkrankung, die durch Umweltfaktoren bei genetisch prädisponierten Personen ausgelöst wird.

Der Verlauf von MS ist individuell sehr unterschiedlich. Mediziner unterscheiden drei Hauptverlaufsformen:

  1. Schubförmige MS (RRMS): Bei etwa 85 Prozent der Betroffenen beginnt die MS mit Schüben, bei denen Symptome plötzlich auftreten und sich innerhalb von Tagen oder Wochen entwickeln. Diese Symptome können sich vollständig oder teilweise zurückbilden (Remission).
  2. Sekundär progrediente MS (SPMS): Bei etwa 50% der Patienten geht die schubförmige MS später in eine sekundär progrediente Form über, bei der sich die Symptome zwischen den Schüben nicht mehr vollständig zurückbilden oder sich im Laufe der Zeit verstärken.
  3. Primär progrediente MS (PPMS): Bei etwa 15 Prozent der Betroffenen nimmt die MS von Beginn an einen kontinuierlich fortschreitenden Verlauf ohne Schübe.

Kognitive Beeinträchtigungen bei MS: Ein oft übersehenes Symptom

Neben den körperlichen Symptomen können bei MS auch kognitive Beeinträchtigungen auftreten. Diese "unsichtbaren" Symptome umfassen:

  • Verlangsamtes Denken: Schwierigkeiten, Informationen schnell zu verarbeiten.
  • Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme: Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten und sich zu konzentrieren.
  • Beeinträchtigungen der exekutiven Funktionen: Schwierigkeiten beim Planen, Organisieren und Multitasking.

Kognitive Störungen können die Lebensqualität und die Berufsfähigkeit der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Studien zeigen, dass selbst bei geringer körperlicher Behinderung kognitive Defizite die Arbeitsfähigkeit stark reduzieren können. Fatigue (Erschöpfung) und kognitive Störungen sind Hauptgründe für eine verringerte Produktivität.

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Neuropsychiatrische Beschwerden und ihre Auswirkungen

Im Verlauf der MS können auch neuropsychiatrische Beschwerden auftreten, wie Fatigue, Depressionen, Angstzustände und kognitive Störungen. Bis zu 95 % der MS-Patienten leiden unter Fatigue, 35 bis 50 % unter Depressionen und Angstzuständen und 50 % unter kognitiven Störungen. Diese Beschwerden können die Lebensqualität und die Berufsfähigkeit der Betroffenen stark negativ beeinflussen und zu Arbeitsausfällen und Frühverrentung führen.

Es ist wichtig zu beachten, dass neuropsychiatrische Symptome unabhängig von der Behinderungsprogression auftreten können. Daher sollten sie immer als Warnsignal gesehen werden, um eine symptomatische oder krankheitsmodifizierende Therapie einzuleiten oder anzupassen.

Die Rolle des Thalamus bei kognitiven Störungen

Der Thalamus, auch als "Tor zum Bewusstsein" bezeichnet, spielt eine wichtige Rolle bei kognitiven Leistungen. Neuere Erkenntnisse zeigen, dass MS-Patienten bereits im frühen Krankheitsstadium eine thalamische Atrophie aufweisen können, selbst wenn das restliche Hirnvolumen noch intakt ist. Ein Volumenverlust des Thalamus kann ein Hinweis auf eine Progression der Erkrankung sein, noch bevor kognitive Störungen auftreten.

Der Netzwerkkollaps: Eine mögliche Ursache kognitiver Störungen

Es wird angenommen, dass verschiedene Faktoren kognitive Störungen bei MS beeinflussen. Hirnregionen, die für das kognitive Lernen zuständig sind, können durch Läsionen, mikrostrukturelle Veränderungen der weißen Substanz und diffuse Atrophie beeinträchtigt sein. Schädigungen von weißer und grauer Substanz können dazu führen, dass bestimmte Strukturen im Gehirn nicht mehr miteinander kommunizieren können - ein Zustand, der als Netzwerkkollaps bezeichnet wird.

Um den strukturellen Schaden so gering wie möglich zu halten, ist eine frühzeitige Immuntherapie wichtig. Kognitive Veränderungen sollten als Warnsignal gesehen, frühzeitig diagnostiziert und regelmäßig kontrolliert werden.

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Diagnose kognitiver Störungen

Eine regelmäßige Überprüfung der Kognition sollte Bestandteil der Routineuntersuchungen bei MS-Patienten sein. Der kognitive Status kann bei der Bewertung der Krankheitsprogression hilfreich sein. Bleibt die kognitive Leistungsfähigkeit stabil, kann dies ein Hinweis auf die Wirksamkeit der Therapie sein. Bei einer Verschlechterung sollte die Therapie angepasst werden.

Zur Bestimmung kognitiver Defizite stehen verschiedene Testbatterien zur Verfügung, darunter die Brief International Cognitive Assessment in Multiple Sclerosis (BICAMS), die Brief Repeatable Battery of Neuropsychological Tests (BRB-N) und die Minimal Assessment of Cognitive Function in Multiple Sclerosis (MACFIMS). Die BICAMS-Testbatterie gilt als internationaler Standard und ist in kurzer Zeit umsetzbar.

Die BICAMS-Testbatterie besteht aus drei Tests:

  • Symbol Digit Modalities Test (SDMT): Misst die Verarbeitungsgeschwindigkeit.
  • Brief Visuospatial Memory Test-Revised (BVMT-R): Untersucht das räumlich-visuelle Kurzzeitgedächtnis und Lernen.
  • California Verbal Learning Test-II (CVLT-II) / Verbaler Lern- und Merkfähigkeitstest (VLMT): Erfasst die verbale Merk- und Lernfähigkeit.

Therapie kognitiver Störungen

Bislang gibt es keine evidenzbasierte, pharmakologische Therapie zur Behandlung kognitiver Störungen bei MS. Einige Studien haben jedoch gezeigt, dass immunmodulatorische Arzneimittel und nicht-pharmakologische Maßnahmen einen positiven Einfluss haben können.

Pharmakologische Therapie

Einige Studien deuten darauf hin, dass Interferone, Glatirameracetat, Natalizumab, Fingolimod und Dimethylfumarat die kognitive Leistungsfähigkeit stabilisieren können. Daclizumab zeigte in einer Studie sogar eine klinisch relevante Verbesserung im Vergleich zu Interferon beta-1a.

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Es gibt jedoch keine hinreichende Evidenz für die Wirksamkeit von Medikamenten wie Modafinil, 4-Aminopyridin, Amantadin, L-Amphetamin, Methylphenidat oder Antidementiva wie Donepezil, Rivastigmin und Memantin.

Nicht-pharmakologische Therapie

  • Geistig anregende Aktivitäten: Aktivitäten wie Lesen, Musizieren, Malen oder das Erlernen neuer Dinge können die geistige Flexibilität stärken. Eine Studie zeigte, dass Menschen mit MS, die an einem strukturierten Programm mit kognitiv stimulierenden Aktivitäten teilnahmen, sich geistig fitter und selbstbewusster fühlten und weniger kognitive Ermüdung erlebten.
  • Körperliche Aktivität: Moderates Ausdauertraining wirkt sich positiv auf die kognitive Leistungsfähigkeit aus. Studien haben gezeigt, dass intensives, moderates und leichtes Training gleichermaßen positive Auswirkungen haben können.
  • Kognitive Rehabilitation: Gezieltes Hirnleistungstraining, das spezifisch auf die jeweiligen Defizite zugeschnitten ist, kann vielen Patienten helfen.

Weitere Aspekte des Lebens mit MS

  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung kann die Immunabwehr stärken undEntzündungsreaktionen minimieren. Eine ballaststoffreiche Ernährung fördert die Bildung von kurzkettigen Fettsäuren, die Entzündungsreaktionen unterdrücken können.
  • Sport und Bewegung: Regelmäßiges Training hilft, die Muskelfunktion und das Gleichgewicht zu fördern. Bewegung und Dehnübungen können Schmerzen und Verkrampfungen lindern. Sport wirkt zudem Stress, Müdigkeit und Abgeschlagenheit entgegen, verbessert die geistige Leistungsfähigkeit, erhöht das Selbstwertgefühl und fördert das allgemeine Wohlbefinden.
  • Berufstätigkeit: Symptombezogene Risikofaktoren wie Depressionen, Gehschwierigkeiten, kognitive Schwierigkeiten und Schmerzen können zu einem vorzeitigen Ruhestand führen. Unterstützung der psychischen Gesundheit, Schmerztherapie und kognitive Rehabilitation sowie Physiotherapie und Flexibilität am Arbeitsplatz können dazu beitragen, dass Menschen länger erwerbstätig bleiben.
  • Kinderwunsch: Menschen mit MS können sich ihren Kinderwunsch erfüllen, da die Erkrankung die Fruchtbarkeit nicht beeinträchtigt. Studien zeigen sogar, dass sich eine Schwangerschaft positiv auf MS auswirken kann, da das Risiko für Schübe abnimmt. Es ist jedoch wichtig, den Kinderwunsch mit einem Neurologen zu besprechen, da die Behandlung möglicherweise angepasst werden muss.

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