Gemeinsamkeiten von Multipler Sklerose, Hodgkin-Lymphom und Psoriasis: Eine vergleichende Analyse

Die Multiple Sklerose (MS), das Hodgkin-Lymphom und die Psoriasis sind drei unterschiedliche Erkrankungen, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben. Bei genauerer Betrachtung lassen sich jedoch einige interessante Gemeinsamkeiten feststellen, insbesondere im Hinblick auf ihre Pathogenese, Risikofaktoren und potenziellen Therapieansätze. Dieser Artikel beleuchtet diese Gemeinsamkeiten und bietet eine vergleichende Analyse dieser drei Krankheitsbilder.

Einführung

Die Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Immunsystem die Myelinscheiden der Nervenfasern angreift. Das Hodgkin-Lymphom ist eine Krebserkrankung des lymphatischen Systems, die durch die Entartung von Lymphozyten entsteht. Psoriasis ist eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung, die durch eine beschleunigte Erneuerung der Hautzellen gekennzeichnet ist. Obwohl diese Erkrankungen unterschiedliche Organe betreffen, weisen sie doch einige Gemeinsamkeiten auf, die im Folgenden näher betrachtet werden.

Gemeinsamkeiten in der Pathogenese

Autoimmunologische Aspekte

Sowohl die Multiple Sklerose als auch die Psoriasis sind Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem körpereigene Strukturen angreift. Bei MS richtet sich die Immunreaktion gegen die Myelinscheiden der Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark, was zu Entzündungen und Schädigungen führt. Bei Psoriasis greift das Immunsystem die Hautzellen an, was zu einer beschleunigten Zellteilung und Entzündungen führt. Auch beim Hodgkin-Lymphom spielen immunologische Faktoren eine Rolle, da die entarteten Lymphozyten das Immunsystem beeinflussen und zu einer gestörten Immunantwort führen können.

Rolle von T-Zellen

T-Zellen spielen eine zentrale Rolle in der Pathogenese aller drei Erkrankungen. Bei MS sind autoreaktive T-Zellen beteiligt, die die Myelinscheiden angreifen. Bei Psoriasis aktivieren T-Zellen die Keratinozyten, was zu einer beschleunigten Zellteilung führt. Auch beim Hodgkin-Lymphom sind T-Zellen involviert, da sie mit den entarteten Lymphozyten interagieren und die Immunantwort beeinflussen.

Entzündungsmediatoren

Entzündungsmediatoren wie Zytokine und Chemokine spielen eine wichtige Rolle in der Pathogenese aller drei Erkrankungen. Bei MS führen diese Mediatoren zu Entzündungen und Schädigungen im zentralen Nervensystem. Bei Psoriasis tragen sie zur Entzündung der Haut bei. Auch beim Hodgkin-Lymphom beeinflussen sie das Wachstum und die Ausbreitung der Tumorzellen.

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Gemeinsame Risikofaktoren

Genetische Prädisposition

Eine genetische Prädisposition spielt bei allen drei Erkrankungen eine Rolle. Bei MS gibt es bestimmte Genvarianten, die das Risiko erhöhen, an MS zu erkranken. Auch bei Psoriasis gibt es eine familiäre Häufung, was auf eine genetische Komponente hindeutet. Beim Hodgkin-Lymphom spielen genetische Faktoren ebenfalls eine Rolle, obwohl die genauen Mechanismen noch nicht vollständig verstanden sind.

Umweltfaktoren

Umweltfaktoren können ebenfalls das Risiko für alle drei Erkrankungen beeinflussen. Bei MS werden beispielsweise Vitamin-D-Mangel, Rauchen und Infektionen als mögliche Risikofaktoren diskutiert. Auch bei Psoriasis spielen Rauchen, Übergewicht und Infektionen eine Rolle. Beim Hodgkin-Lymphom werden bestimmte Virusinfektionen (z. B. Epstein-Barr-Virus) als mögliche Risikofaktoren angesehen.

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED)

Eine aktuelle Metaanalyse konnte zeigen, dass Menschen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) ein leicht erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Lymphoma haben. Das Risiko ist bei Menschen mit Morbus Crohn höher als bei Colitis ulcerosa. Studien über den Zusammenhang zwischen chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) und dem Lymphomrisiko kamen bisher zu unterschiedlichen Ergebnissen. Der systematische Review identifizierte relevante bevölkerungsbasierte Kohortenstudien aus den medizin-wissenschaftlichen Datenbanken Embase, PubMed und Scopus mit Veröffentlichung bis 30. April 2024. Die Autoren identifizierten 23 Studien, in denen insgesamt 2 078 Lymphomereignisse bei 656 731 CED-Patienten berichtet wurden. Menschen mit CED hatten ein um 30 % höheres Risiko für Lymphome (Risk Ratio, RR = 1,30; 95 % KI: 1,21 - 1,40). Das erhöhte Risiko für Lymphome wurde sowohl bei Morbus Crohn (17 Studien; RR: 1,54; 95 % KI: 1,27 - 1,80) als auch bei Colitis ulcerosa (20 Studien; RR: 1,22; 95 % KI: 1,09 - 1,35) beobachtet (pInteraktion = 0,026). Das Risiko, ein Lymphom zu entwickeln, ist demnach bei Menschen mit CED erhöht. Bei Morbus Crohn ist das Risiko für ein Lymphom etwas höher als bei Colitis ulcerosa. Es schien jedoch keinen Unterschied zwischen Hodgkin- und Non-Hodgkin-Lymphoma zu geben.

Gemeinsame Therapieansätze

Immunsuppressiva

Immunsuppressiva werden bei allen drei Erkrankungen eingesetzt, um die Aktivität des Immunsystems zu reduzieren. Bei MS werden beispielsweise Interferone, Glatirameracetat und Natalizumab eingesetzt. Bei Psoriasis werden Methotrexat, Ciclosporin und Biologika verwendet. Auch beim Hodgkin-Lymphom werden Immunsuppressiva im Rahmen der Chemotherapie eingesetzt, um die entarteten Lymphozyten zu zerstören.

Biologika

Biologika sind gentechnisch hergestellte Medikamente, die gezielt in das Immunsystem eingreifen. Bei MS werden beispielsweise Natalizumab und Ocrelizumab eingesetzt. Bei Psoriasis werden TNF-alpha-Inhibitoren, IL-17-Inhibitoren und IL-23-Inhibitoren verwendet. Auch beim Hodgkin-Lymphom werden Biologika wie Brentuximab Vedotin eingesetzt, die gezielt gegen die entarteten Lymphozyten wirken.

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Zukünftige Therapieansätze

Zukünftige Therapieansätze könnten sich auf die Modulation des Immunsystems konzentrieren, um die Autoimmunreaktion bei MS und Psoriasis zu unterdrücken und die Immunantwort gegen die Tumorzellen beim Hodgkin-Lymphom zu stärken. Auch die Entwicklung von personalisierten Therapien, die auf die individuellen genetischen und immunologischen Merkmale der Patienten zugeschnitten sind, könnte in Zukunft eine wichtige Rolle spielen.

Hodgkin-Lymphom und das Risiko für weitere Krebserkrankungen

Eine Langzeit-Analyse von späteren Krebserkrankungen bei Menschen, die in jungen Jahren an Krebs litten, zeigte, dass Früherkennungs- und Vorsorgeuntersuchungen hier besonders wertvoll sind. Besonders nach Hodgkin-Lymphom empfiehlt sich bei Frauen die Brustkrebsvorsorge schon früher als für andere Frauen üblich. Auch die Lunge scheint bei diesen Krebsüberlebenden, sowohl bei Männern als auch bei Frauen, häufiger gefährdet zu sein.

Studienergebnisse

Eine bevölkerungsweite Patientengruppe (Kohorte) umfasst 200.945 ehemalige Krebspatienten, die ihre Diagnose im Alter von 15-39 Jahren zwischen 1971 und 2006 erhielten. Insgesamt wurden 2.631.326 Personen-Jahre in der Nachsorge nach der ersten Krebserkrankung analysiert, im Mittel über eine Dauer von 16,8 Jahren. Bei 11.565 der Krebsüberlebenden wurden 12.321 neue Krebserkrankungen diagnostiziert.

Erhöhtes Krebsrisiko nach Hodgkin-Lymphom

Bei weiblichen Überlebenden von Hodgkin-Lymphoma waren im Vergleich zu Kontrollpersonen pro 10.000 Personenjahren 56 Personen mehr durch eine weitere Krebserkrankung betroffen. Dabei traten besonders Brustkrebs und Lungenkrebs messbar häufiger auf. Männliche Überlebende von Hodgkin-Lymphoma entwickelten etwa 30 Krebserkrankungen mehr pro 10.000 Personen-Jahre als die Kontrollen. Das Risiko für solche nachfolgenden Krebserkrankungen nahm, wie auch bei den Kontrollpersonen, mit den Jahren zu. Allerdings stieg das Risiko bei den früheren Lymphom-Patienten deutlich stärker an.

Langzeitfolgen

Bei Frauen, die mindestens 30 Jahre das Lymphom überlebt hatten, erkrankten im Vergleich zu den Kontrollen 71,8 mehr Betroffene pro 10.000 Personen-Jahre an Brustkrebs und 26 mehr pro 10.000 Personen-Jahre an Lungenkrebs. Insgesamt waren 35 Jahre nach der Lymphom-Diagnose 14,4 % der Patientinnen von Brustkrebs und 3,8 % von Lungenkrebs betroffen. Erwartbar bei Frauen ähnlichen Alters ohne vorherige Krebserkrankung wären 4,9 % (Brustkrebs) und 0,9 % (Lungenkrebs). Bei Männern, die mindestens 30 Jahre ein Hodgkin-Lymphom überlebt hatten, erkrankten im Vergleich zu Kontrollen 50,2 mehr Personen pro 10.000 Personen-Jahren an Lungenkrebs.

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Geschlechtsspezifische Unterschiede

Frauen haben demnach nach überstandenem Hodgkin-Lymphom ein erhöhtes Risiko besonders für Brustkrebs- aber auch Lungenkrebserkrankungen. Männer nach überstandenem Hodgkin-Lymphom entwickeln Jahre später dagegen häufiger Lungenkrebs als für Männer in ähnlichem Alter typisch. Auffällig war auch das Lungenkrebsrisiko bei anderen Krebserkrankungen junger Menschen.

Mögliche Ursachen

Ein Teil der Ursache könnte sein, dass die Patienten in jungen Jahren einer Therapie mit Bestrahlung ausgesetzt waren. So könnte die Strahlentherapie beim Hodgkin-Lymphom einen Risikofaktor für Lungenkrebs und Brustkrebs darstellen.

Bedeutung von Früherkennung und Vorsorge

Früherkennungs- und Vorsorgeuntersuchungen scheinen demnach bei ehemaligen Krebspatienten, die die Krebserkrankung als Kinder oder junge Erwachsene überstanden haben, besonders angebracht zu sein. Besonders nach Hodgkin-Lymphom empfiehlt sich bei Frauen wohl die Brustkrebsvorsorge schon früher als für andere Frauen üblich. Auch die Lunge scheint bei diesen Krebsüberlebenden, sowohl bei Männern als auch bei Frauen, häufiger gefährdet zu sein.

Kutane Lymphome: Eine besondere Form von Lymphomen

Maligne Proliferationen lymphatischer Zellen werden als Lymphome bezeichnet. Die primären Lymphome der Haut repräsentieren die zweitgrößte Gruppe extranodaler Lymphome. Kutane Lymphome bilden eine heterogene Gruppe neoplastischer Erkrankungen mit einem weiten Spektrum klinischer und histologischer Manifestationen. Die Häufigkeitsverteilung einzelner Entitäten, deren Prognose und damit auch die therapeutischen Strategien unterscheiden sich deutlich von denen morphologisch vergleichbarer primär nodaler Lymphome.

Klassifikation kutaner Lymphome

Morphologisch, immunphänotypisch und funktionell lassen sich verschiedene Typen lymphozytärer Zellen abgrenzen. B-Zellen, welche dem Knochenmark entstammen, spielen eine zentrale Rolle bei der humoralen Immunität durch die Bildung von Immunglobulinen. Lymphozytäre Zellen aus dem Thymus werden dagegen als T-Zellen bezeichnet und sind für die zelluläre Immunität verantwortlich. B- oder T-Zellen sind jedoch keine homogenen Zellpopulationen, sondern weisen zahlreiche morphologische und funktionelle Subtypen, Funktionszustände und Reifegrade auf, die im komplexen Netzwerk des Immunsystems interagieren.

Entwicklung der Lymphomklassifikationen

Ursprünglich basierten nahezu alle gängigen Lymphomklassifikationen (wie Kiel-Klassifikation, Working Formulation) hauptsächlich auf zytologischen Kriterien. Diese Klassifikationen berücksichtigten kutane Lymphome nicht als eigenständige Entitäten und konnten den klinischen, therapeutischen und prognostischen Eigenheiten kutaner Lymphome nicht gerecht werden. Neuere Lymphomklassifikationen, wie die WHO-Klassifikation nodaler und extranodaler Lymphome (2001), hingegen definieren Lymphomentitäten aufgrund distinkter klinischer, morphologischer, immunphänotypischer und molekularer Eigenschaften. Die WHO-EORTC-Klassifikation (2005) und die neue aktualisierte WHO-Klassifikation (2016) versuchen, die Charakteristika extranodaler, das heißt auch primärer kutaner Lymphome innerhalb einer Klassifikation nodaler und extranodaler Lymphome zu integrieren.

Diagnose kutaner Lymphome

Primäre kutane T- und B-Zell-Lymphome zeigen Überlappungen im klinischen und morphologischen Erscheinungsbild mit reaktiven benignen lymphoproliferativen Erkrankungen (sogenannte Pseudolymphome), es finden sich aber auch Überschneidungen innerhalb der kutanen Lymphome, welche die Diagnostik kutaner Lymphome anspruchsvoll gestalten. Daher beruht die Diagnose stets auf einer Synthese klinischer, histo- und zytomorphologischer, immunphänotypischer und molekularer Merkmale, welche eine adäquate Klassifikation ermöglichen.

Staging kutaner Lymphome

Das Staging zur Erfassung der klinischen Ausbreitung der Erkrankung beruht weitgehend auf dem in der Onkologie verbreiteten TNM-System, welches in seiner ursprünglichen Form jedoch nur bedingt für kutane Lymphome geeignet war und deshalb für die kutanen Lymphome angepasst wurde.

Diagnostische Verfahren

Diese sollten teils in Formalin fixiert, teils in flüssigem Stickstoff eingefroren werden. Blutstatus, Leber- und Nierenfunktion, Laktatdehydrogenase, Harnsäure sind wichtig. Darüber hinaus stehen immunhistologische und molekularbiologische Verfahren zur Diagnostik kutaner Lymphome zur Verfügung. Immunhistologisch lassen sich B-Zell- oder T-Zell-assoziierte Antigene oder Antigene der myelomonozytären Differenzierung in situ nachweisen. Diese werden entsprechend ihrer Reaktivität in Gruppen (cluster of differentiation, CD) zusammengefasst. Molekularbiologisch kann die Konfiguration der T-Zell-Antigenrezeptor- oder Immunglobulingene untersucht und diagnostisch verwertet werden.

Klonalität von Lymphomen

Lymphome repräsentieren klonale Proliferationen von Lymphozyten. Jede T- oder B-Zelle besitzt eine charakteristische, individuelle Konfiguration ihres Antigenrezeptors. Wird eine solche Zelle bei einem Lymphom klonal expandiert, haben alle Zellen des malignen Klons dieselbe Konfiguration für das T-Zell- oder Immunglobulin-Rezeptor-Gen. Liegt in einem Infiltrat genügend identisch konfigurierte T- oder B-Zell-Antigenrezeptor-DNA vor, kann das entsprechende Rearrangement der Rezeptorgene im Southern Blot oder mittels auf Polymerasekettenreaktion basierender Verfahren als distinkte Tumorzellpopulation nachgewiesen werden.

Vorläufer-T- und -B-Zell-Neoplasien in der Haut

Infiltrate von VorIäufer-T- und -B-Zell-Neoplasien in der Haut sind sehr selten und repräsentieren in der Mehrzahl der beschriebenen Fälle einen sekundären kutanen Befall im Rahmen einer leukämischen Aussaat der Vorläuferneoplasien (T- oder B-lymphoblastisches Lymphom). Eine sekundäre Hautbeteiligung kommt bei etwa 20 % der Patienten mit lymphoblastischem Lymphom vor, insbesondere beim B-Zell-Typ. Ein gehäuftes Vorkommen wird im Kindesalter beobachtet. Bevorzugt sind Kopf und Hals befallen. Die Hauteffloreszenzen sind nicht einheitlich. Man findet purpurische Plaques und rötlich livide Knoten. Histologisch findet sich eine ausgedehnte, weitgehend monomorphe Infiltration durch kleine bis mittelgroße T-Lymphoblasten. Solitäre Tumoren ohne extrakutanen Befall können chirurgisch und/oder durch Bestrahlung behandelt werden.

Periphere T-Zell- oder NK-Zell-Lymphome

werden in Anlehnung an die WHO-Klassifikation in Vorläufer und periphere T-Zell- oder NK-Zell-Lymphome eingeteilt. Natürliche Killer- (NK-)Zellen sind Lymphozyten, die im Rahmen der unspezifischen Abwehr gegen infizierte oder maligne Zellen gerichtet sind. Die Mycosis fungoides und deren leukämische Variante, das Sézary-Syndrom, die lymphomatoide Papulose sowie das CD30-positive großzellig anaplastische Lymphom und das subkutane Pannikulitis-artige T-Zell-Lymphom sind eigenständige Entitäten.

Mycosis fungoides (MF)

Die Mycosis fungoides (MF) ist ein primär kutanes, niedrigmalignes, peripheres T-Zell-Lymphom. Die MF zählt zu den häufigsten kutanen Lymphomen. Die Inzidenz beträgt 0,5/100.000 Einwohner. Die Erkrankung tritt überwiegend jenseits des 4. Lebensjahrzehnts auf. Die Pathogenese der MF ist unbekannt. In Analogie zu den modernen Vorstellungen über die Tumorgenese kann bei der Pathogenese der MF von folgender Hypothese ausgegangen werden: Ein Lymphozytenklon mit chromosomaler Instabilität wird durch ein persistierendes Antigen (virale oder bakterielle Antigene oder Autoantigene oder Superantigene) permanent stimuliert und zur Proliferation angeregt. Im Verlauf der Zellproliferation führt dies in einigen Fällen zur Akkumulation von Mutationen, die aus dem normalen Lymphozyten eine autochthon proliferierende Neoplasie entstehen lassen. Die stufenweise Entwicklung der MF aus reaktiven präneoplastischen Vorstufen ist aufgrund verschiedener klinischer und experimenteller Beobachtungen wahrscheinlich. Untersuchungen bei europäischen und amerikanischen Patienten haben gezeigt, dass - anders als bei der adulten T-Zell-Leukämie/Lymphom - Retroviren (HTLV-1 und -2) keine pathogenetische Rolle spielen.

Klinische Erscheinungsformen der MF

Die klinischen Erscheinungsformen der MF sind vielgestaltig und stadienabhängig. Bereits Ende vergangenen Jahrhunderts wurde von Aliberts Schüler Bazin das Auftreten unterschiedlicher Manifestationen im zeitlichen Verlauf der Erkrankung beobachtet. Drei aufeinanderfolgende Phasen können unterschieden werden: Patch-, Plaque- und Tumor-Stadium. Bei fortgeschrittener Erkrankung findet sich häufig ein Nebeneinander verschiedener Stadien.

Patch-Stadium

Es finden sich unterschiedlich große, scharf begrenzte, runde, ovale, serpiginöse, bogig oder polyzyklisch begrenzte, wenig infiltrierte, entzündliche und pityriasiform oder psoriasiform schuppende Herde, welche sich über Jahre und Jahrzehnte hin entwickeln.

Plaque-Stadium

Das klinische und histologische Bild ist diagnostisch typisch mit zunehmender plattenförmiger Infiltration der Herde, und besteht in dieser Form meist für 2-5 Jahre. Man findet scharf abgegrenzte, plattenartig infiltrierte oder lichenifiziert wirkende, leicht schuppende oder verkrustete und im Verlauf konfluierende Herde von entzündlich-roter, rötlich violetter oder mehr bräunlich-roter Farbe und mit langsamer Wachstumstendenz, zum Teil mit dazwischen verbleibenden unbetroffenen Stellen. Bei behaarter Haut kann es zur Alopezie kommen. Es besteht mäßiger bis starker Juckreiz. Die Diagnose einer MF ist in dieser Phase klinisch und histologisch sicher zu stellen.

Tumor-Stadium

Es entwickelt sich nach unterschiedlich langer, oft erst mehrjähriger Krankheitsdauer und stellt das 1-2 Jahre dauernde Endstadium der MF dar. Innerhalb der plattenförmig infiltrierten Herde oder innerhalb einer Erythrodermie, aber auch de novo entwickeln sich halbkugelige, pilzförmige oder gelappte rötlich livide bis braunrote Tumoren. Diese fungoiden Knoten können oberflächlich zu ulzerösem Zerfall neigen. Fieber und ein reduzierter Allgemeinzustand sind für das Tumorstadium typisch.

Follikulotrope Form der MF

Die follikulotrope Form der MF manifestiert sich klinisch in alopezischen geröteten Herden mit follikulär gebundenen Papeln, welche zu Plaques konfluieren können. Histologisch findet sich eine ausgeprägte Exozytose atypischer Lymphozyten in das Follikelepithel mit begleitender Spongiose. Oftmals kommt es zur muzinösen Degeneration des Haarfollikels (MF-assoziierte Mucinosis follicularis). Zur Abgrenzung gegenüber reaktiven Formen der follikulären Muzinose ist der Nachweis atypischer Lymphozyten und einer klonalen T-Zell-Population bei der follikulotropen MF hilfreich.

Granulomatöse Form der MF

Die granulomatöse Form der MF manifestiert sich klinisch gehäuft mit hyperpigmentierten Herden.

Erythrodermie

Eine Erythrodermie kann in fortgeschrittenen Stadien der Erkrankung auftreten und wird in seltenen Fällen als Erstmanifestation der MF beobachtet. Zahlreiche andere klinische und histologische Varianten der MF sind beschrieben worden: hypo- und hyperpigmentierte sowie poikilodermatische Formen, uniläsionale und palmoplantare Formen sowie bullöse, hyperkeratotisch-verruköse, vegetierend-papillomatöse, ichthyosiforme, pustulöse, interstitielle und syringotrope Formen.

Lymphknotenbeteiligung

Eine klinisch tastbare Lymphknotenvergrößerung kann im prämykosiden Stadium reaktiv bedingt sein (dermatopathische Lymphadenopathie). Mit Verbesserung der molekularbiologischen Nachweisverfahren können spezifische Infiltrate im Lymphknoten jedoch mittlerweile schon relativ früh gefunden werden. Obwohl sich die atypischen Zellen bei MF zunächst bevorzugt in der Haut manifestieren und dann zu einer Lymphknotenvergrößerung führen, können sie in späteren Phasen auch andere Organe infiltrieren. Die Milz ist dabei häufiger betroffen als die Leber. Die Miterkrankung von Lungen, Gastrointestinaltrakt, Zentralnervensystem und anderen Organen kommt vor. Schleimhäute sind bei der MF nur sehr selten betroffen.

Differentialdiagnose

Im Patch-Stadium sind nummuläres oder chronisch-lichenifiziertes Ekzem, Arzneimittelreaktion und Psoriasis vulgaris abzugrenzen. Langes Bestehen und Therapieresistenz deuten auf die Diagnose einer MF. Im Plaque- und Tumor-Stadium sind andere Lymphome der Haut sowie eine leukämische Infiltration der Haut zu berücksichtigen.

Diagnosestellung

Die Diagnose beruht in allen Krankheitsstadien auf einer Synthese aus klinischem Bild (Verlauf), Histologie und den immunhistochemischen sowie molekularbiologischen Befunden. Das sequenzielle Auftreten der oben beschriebenen Stadien ist ein wichtiges diagnostisches Merkmal. Da die Histologie besonders im frühen Stadium uncharakteristisch sein kann, sind mehrere und wiederholte Biopsien im Verlauf der Erkrankung erforderlich. Die Immunphänotypisierung dient der genaueren Charakterisierung der Tumorzellen (CD4+ versus CD8+). Molekularbiologische Untersuchungen geben Aufschluss über die Klonalität des Infiltrats und stellen eine diagnostische Zusatzuntersuchung in der Abgrenzung gegenüber entzündlichen Dermatosen. Prognostisch wichtige Parameter sind jedoch das Ausmaß der Hautbeteiligung sowie die extrakutane Manifestation in Lymphknoten, Blut und inneren Organen und die Expression von CD30.

Histologische Befunde

Histologisch findet sich ein oft unspezifisches Bild ohne den im weiteren Verlauf charakteristischen Epidermotropismus von kleinen Lymphozyten. Kernatypien werden nur in einem Teil der Fälle gesehen. Die Epidermis zeigt gelegentlich fokale Parakeratose, Hyperkeratose und unregelmäßige Akanthose; eine deutliche Spongiose fehlt in der Regel. Eher selten werden im frühen Stadium intraepidermale, einzeln liegende, kleine Lymphozyten beobachtet (Einzelzell-Epidermotropismus). Die histologischen Veränderungen sind typisch, sodass die Diagnose einer MF zu stellen ist. Durch Verlängerung und Verbreiterung der Reteleisten mit Hyperparakeratose kann ein psoriasiformes Bild entstehen. Charakteristisch ist die Invasion von atypischen Lymphozyten in die Epidermis (Epidermotropismus), besonders entlang der Spitzen der Reteleisten, und eine Aufreihung von atypischen Lymphozyten entlang der Junktionszone (lining up). Als besonders typisch gilt die umschriebene Ansammlung von Lymphozyten in der Epidermis (Pautrier-Mikroabszesse bzw. Ansammlungen). Häufiger ist jedoch die Einwanderung einzelner Lymphozyten. Die Lymphozyten zeigen hyperchromatische, irregulär begrenzte, konvolutierte oder zerebriforme Kerne mit geringer mitotischer Aktivität. Eosinophile Granulozyten und Plasmazellen können dem Infiltrat beigemengt sein. Mit zunehmender blastärer Umwandlung der Infiltratzellen (Transformation) kann der Epidermotropismus in den Hintergrund treten. Subepidermal kann ein infiltratfreier Streifen (Grenzzone) gesehen werden, an den sich ein bis in die Subkutis reichendes tumoröses Infiltrat anschließt. Es überwiegen mittelgroße oder große, häufig hyperchromatische atypische Zellen mit unregelmäßiger Kernkonfiguration.

Immunphänotyp

Die infiltrierenden Zellen bei MF zeigen den Immunphänotyp reifer T-Helfer-Zellen (CD2+, CD3+, CD4+, CD8−, CD45R0+). Seltenere CD8+- (CD3+-CD4−-)Formen der MF sind beschrieben worden und können nur immunhistochemisch erfasst werden. Sehr seltene Formen zeigen eine Expression der γ/δ-Kette des T-Zell-Rezeptors. Die oben genannten phänotypischen Varianten zeigen keine schlechtere Prognose als die CD4+-MF.

Prognose und Behandlung

Im Blutbild erkennt man gelegentlich leichte Lymphozytose und Eosinophilie. Die Prognose der MF hängt vom Krankheitsstadium ab. Im Patch-Stadium liegt eine exzellente Prognose mit einer 5- beziehungsweise 10-Jahres-Überlebensrate von 95-98 % vor. Eine Progression in ein Tumorstadium wird bei 10-20 % der Patienten beobachtet. Die Behandlung der MF sollte stadienbezogen unter Meidung ausgeprägt zytotoxischer Therapieansätze erfolgen. Es gilt die Dichotomie und Imbalance der sich zunehmend entwickelnden Th2-Immunantwort in Richtung einer Th1-dominierten zu überführen. Die Behandlung der frühen Stadien des kutanen T-Zell-Lymphoms beruht in Europa auf dem Einsatz auf die …

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