Hirntumoren sind seltene Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS), wobei Glioblastome als die häufigsten hirneigenen Tumore gelten. Im Jahr 2022 erkrankten in Deutschland etwa 3.128 Frauen und 4.176 Männer an bösartigen Tumoren des ZNS. Die relativen 5-Jahres-Überlebensraten für bösartige ZNS-Tumoren liegen für Männer bei 21 Prozent und für Frauen bei 23 Prozent. Die Auslöser der verschiedenen Hirntumoren sind bisher weitgehend unklar. Dieser Artikel beleuchtet die genetischen und anderen Risikofaktoren, die mit der Entstehung von Hirntumoren in Verbindung stehen.
Hirntumoren: Eine Übersicht
Hirntumoren können direkt im Gehirngewebe entstehen oder als Hirnmetastasen von einem Tumor außerhalb des Gehirns abstammen. Primäre Hirntumoren entwickeln sich aus verschiedenen Zellen im Gehirn, am häufigsten aus den Stützzellen, den sogenannten Gliazellen. Mediziner bezeichnen solche Tumoren als "Gliome". Es gibt verschiedene Arten von Gliomen, je nachdem, aus welchem Zelltyp der Gliazellen sie sich entwickelt haben, wie Astrozytome, Oligodendrogliome und Ependymome. Das Glioblastom ist ein besonders aggressiv wachsendes Astrozytom. Andere häufige Hirntumoren sind Meningeome und Neurinome/Schwannome.
Wie häufig sind Hirntumoren?
Hirntumoren, die direkt im Gehirngewebe entstehen, sind selten. Im Jahr 2020 erkrankten in Deutschland etwa 7.300 Menschen an einem bösartigen Hirntumor. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei Frauen bei 66 Jahren, bei Männern bei 63 Jahren. Bei Kindern machen Hirntumoren etwa ein Viertel aller Tumorerkrankungen im Kindesalter aus.
Genetische Faktoren als Risikofaktoren
Patienten mit sehr seltenen erblichen Tumorsyndromen haben ein deutlich erhöhtes Risiko, an einem Hirntumor zu erkranken.
Erblich bedingte Tumorerkrankungen
Krebs ist in erster Linie eine Erkrankung des höheren Alters. Als Auslöser kommen vor allem exogene Faktoren wie Lebensstil und Umwelteinflüsse in Betracht. Nur bei einem geringen Prozentsatz steckt tatsächlich eine angeborene Veranlagung dahinter. Typisch für ein erblich bedingtes Tumorsyndrom sind das Auftreten der Krebsfälle in jeder Generation und ein Ausbruch der Erkrankung bereits in jungen Jahren. Dabei liegt in der Regel eine Veränderung in einem bestimmten Gen vor. Meist handelt es sich um Gene, die eine Funktion in der Kontrolle des Zellzyklus oder bei der Reparatur von Erbgut-Schäden (DNA-Schäden) innehaben. Es gibt verschiedene erbliche Tumorsyndrome mit jeweils charakteristischen Tumoren und unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit.
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Die Veranlagung für einen erblichen Tumor wird mit 50%iger Wahrscheinlichkeit an die Kinder beiderlei Geschlechts weitergegeben. Gewissheit verschafft ein Gen-Test, der ab dem 18. Lebensjahr durchgeführt werden kann. Dieser sollte in eine humangenetische Beratung eingebettet werden, bei denen die Ratsuchenden auch mit den Konsequenzen des Testergebnisses vertraut gemacht werden.
Familiäre Vorbelastung
Verwandte ersten Grades von Patientinnen und Patienten mit Hirntumoren haben ein leicht erhöhtes Risiko, selbst an einem Hirntumor zu erkranken. Erkranken Patienten jung an einem Hirntumor, ist das Risiko für Verwandte ersten Grades zu erkranken ebenfalls leicht erhöht. Da Hirntumoren aber sehr selten sind, ist das Risiko für Eltern und Geschwister von Hirntumorpatienten insgesamt gesehen immer noch sehr gering.
Genetische Prädisposition
Einige Familien weisen eine erhöhte Anfälligkeit für Hirntumore auf, was auf eine genetische Prädisposition hindeutet.
Niedriggradig maligne Gliome
Niedriggradig maligne Gliome sind nicht im eigentlichen Sinne erblich. Allerdings hat man festgestellt, dass das Risiko für die Entstehung mancher dieser Tumoren erhöht ist, wenn in der Familie schon häufiger bösartige Erkrankungen aufgetreten sind und/oder wenn bestimmte angeborene oder erworbene Erbgutveränderungen vorliegen.
Neurofibromatose
Kinder, die an einer erblich bedingten Neurofibromatose vom Typ I (kurz: NF I; auch Morbus Recklinghausen oder Recklinghausen-Krankheit) leiden, haben ein deutlich erhöhtes Risiko, an einem niedrigmalignen Gliom zu erkranken: Bis zu 20 % aller Patienten mit dieser Fehlbildungskrankheit entwickeln in den ersten 20 Lebensjahren ein niedrigmalignes Gliom, meist im Bereich der Sehbahn oder im unteren Hirnstamm, aber auch in anderen Hirnregionen.
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Tuberöse Sklerose
Bei der tuberösen Sklerose treten bevorzugt so genannte Riesenzellastrozytome in den Seitenhohlräumen des Gehirns auf. Sie stellen das Haupt-Diagnosekriterium für die Erkrankung dar und nehmen im Laufe der Kindheit an Häufigkeit zu.
Elongator Proteinkomplex
Durch einen angeborenen genetischen Defekt konnten diese Patienten in 15 Prozent der Fälle im Tumor das Protein Elongator Complex Protein 1 (ELP1) nicht mehr herstellen. Der Elongator Proteinkomplex ist daran beteiligt, dass Eiweiße nach Anleitung des genetischen Codes korrekt zusammengebaut und gefaltet werden. Ohne ELP1 gerät ein großer Teil des Proteinhaushaltes durcheinander.
Weitere Risikofaktoren
Neben genetischen Faktoren gibt es weitere Faktoren, die das Risiko für die Entwicklung von Hirntumoren beeinflussen können.
Therapeutische Kopfbestrahlung
Nach einer therapeutischen Kopfbestrahlung ist das Risiko leicht erhöht, nach einer langen Latenzzeit an einem Hirntumor zu erkranken. Dies gilt insbesondere bei Bestrahlungen im Kindes- und Jugendalter. Hirntumoren können bei Erwachsenen und insbesondere bei Kindern und Jugendlichen viele Jahre nach einer Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich oder des Schädels auftreten.
Computertomografie (CT) im Kindesalter
Bei einer solchen diagnostischen Untersuchung der Kopf-Hals-Region kann sich das Risiko für Hirntumoren geringfügig erhöhen.
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Mobiltelefonnutzung
Ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Mobiltelefonnutzung und Hirntumoren ist bislang nicht belegt. Ein erhöhtes Risiko lässt sich aber auch nicht zweifelsfrei ausschließen. Insbesondere gilt dies für Menschen, die besonders lang und häufig mit einem Handy oder Smartphone telefonieren.
Früherkennung
Es gibt kein gesetzliches Programm zur Früherkennung von Hirntumoren, da Hirntumoren insgesamt eher selten sind. Zudem gibt es Hirntumoren, die innerhalb weniger Wochen auftreten können. Eine Ausnahme gilt für Personen mit einem erblichen Tumorsyndrom. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) empfiehlt Personen, bei denen der Verdacht auf ein erbliches Tumorsyndrom besteht, zunächst eine sogenannte humangenetische Beratung und gegebenenfalls eine genetische Testung.
Diagnose
Die Diagnose von Hirntumoren beginnt häufig mit einer eingehenden Anamnese und körperlichen Untersuchung des Patienten, um Symptome und Risikofaktoren zu ermitteln. Bildgebende Verfahren spielen eine entscheidende Rolle bei der Diagnose von Hirntumoren, und die Magnetresonanztomographie (MRT) ist dabei das am häufigsten verwendete Verfahren. Besteht auch nach der MRT ein Tumorverdacht, bekommt die Patientin oder der Patient in der Regel während einer Operation aus dem verdächtigen Bereich im Gehirn Gewebe entnommen (Biopsie). Das ist notwendig, um die Diagnose abzusichern. Nach der Biopsie untersucht eine Fachärztin oder ein Facharzt die Gewebeproben unter einem Mikroskop. Dadurch lässt sich der Tumortyp und ebenfalls mögliche Erbgutveränderungen mit molekularbiologischen Tests feststellen.
Therapie
Die Therapiemethoden sind vom Gewebetyp des Tumors, vom Alter und Allgemeinzustand des Patienten und von der Größe und Lage des Tumors im Gehirn abhängig. Grundsätzlich gilt auch hier, je früher ein Gehirntumor erkannt wird, umso günstiger ist die Prognose für den Patienten. In Abhängigkeit von der WHO-Klassifikation des Tumors ist meist jedoch keine Heilung, sondern eine Symptomkontrolle ggf. mit Verlängerung des Überlebens und Stabilisierung bzw. Reduktion der Tumorgröße möglich.
Operation
Im Idealfall kann der Gehirntumor vollständig operativ entfernt werden, ohne Tumorzellen zurückzulassen. Häufig gelingt es jedoch nur, einen Grossteil des Tumors zu entfernen. In manchen Fällen kann auch nur die Entnahme einer kleinen Gewebeprobe (Biopsie) zur Diagnosesicherung möglich sein.
Strahlentherapie
Da in den allermeisten Fällen keine vollständige Entfernung der Tumorzellen möglich ist, ist eine Nachbehandlung mittels Strahlentherapie angeraten. Eine Strahlentherapie als Ersttherapie wird insbesondere dann eingesetzt, wenn der Tumor an einer besonders kritischen Stelle im Gehirn liegt und deswegen nur eine Biopsieentnahme und keine Operation möglich ist. Durch eine Bestrahlung kann das Risiko eines erneuten Tumorwachstums vermindert werden.
Chemotherapie
Eine Chemotherapie alleine, ohne Operation und Strahlentherapie, zeigt bei den meisten Gehirntumoren eine nur geringe Wirkung. Jedoch kann eine Chemotherapie bei kombiniertem Einsatz mit der Strahlentherapie die Wirkung der Strahlentherapie verbessern.
Immuntherapie
Die Studienlage zur Immuntherapie bei Hirntumoren ist vielversprechend, aber noch im Wandel. Fortschritte in der Immuntherapie könnten in Zukunft zu wirksameren und weniger toxischen Behandlungsoptionen für Hirntumorpatienten führen.
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