Die Alzheimer-Forschung steht vor einem Paradigmenwechsel. Gerald Hüther, ein bekannter deutscher Hirnforscher, kritisiert die traditionelle Sichtweise auf Demenz und plädiert für ein Umdenken. Seiner Meinung nach wird Demenz nicht primär durch altersbedingte Abbauprozesse und Ablagerungen im Gehirn verursacht, sondern durch die Unterdrückung der Regenerations- und Kompensationsfähigkeit des Gehirns, die bis ins hohe Alter vorhanden ist. Dieser Artikel beleuchtet Hüthers Ansatz und seine Thesen zur Entstehung und Prävention von Demenz.
Kritik an der klassischen Demenzforschung
Hüther kritisiert die Starrheit der medizinischen Forschung, die sich oft auf pathologische Prozesse in der Zelle konzentriert und den Gesamtzusammenhang ausblendet. Er bemängelt, dass die traditionelle Forschung die Fähigkeit des Gehirns zur stetigen Veränderung und Anpassung nicht ausreichend berücksichtigt.
Ausgehend von einer Langzeitstudie an nordamerikanischen Nonnen, die ihr ganzes Erwachsenenleben in einer Klostergemeinschaft lebten, aber beruflich auch außerhalb tätig waren, z.B. als Lehrerinnen, kritisiert der Autor die bislang nur begrenzt erfolgreichen Paradigmen der klassischen Demenzforschung.
Die Nonnenstudie als Ausgangspunkt
Ein zentraler Punkt in Hüthers Argumentation ist die sogenannte Nonnenstudie von David Snowdon, die seit 1986 läuft. Diese Studie untersuchte 678 katholische Nonnen im Alter von 75 bis 106 Jahren. Die Ergebnisse zeigten, dass bei einem Drittel der verstorbenen Nonnen im Gehirn degenerative Prozesse nachweisbar waren, die normalerweise mit schwerer Alzheimer-Demenz einhergehen. Überraschenderweise zeigten diese Nonnen zu Lebzeiten jedoch keinerlei Symptome der Erkrankung.
In der mittlerweile berühmten Nonnenstudie von David Snowdon, die seit 1986 läuft und über die beispielsweise schon 2003 berichtet wurde, stellte sich der Zusammenhang zwischen dem zerstörten Gehirn und der Symptomatik der Alzheimer-Erkrankung nur in 10 % der Gestorbenen dar, in 40 % gab es keinen Zusammenhang, im Rest nur lose Korrelationen oder gar keine.
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Die Nonnen wurden ausgewählt, weil sie eine relativ homogene Gruppe darstellt, die in einem ebenfalls homogenen Umfeld lebt und arbeitet. Allen war eine hohe Bildung und regelmäßige intellektuelle Tätigkeit bei gleichzeitiger körperlicher regelmäßiger Betätigung eigen und sie hatten schon vor ihrem endgültigen Eintritt ins Kloster geistige Regsamkeit und Lebenstüchtigkeit bewiesen.
Diese Erkenntnisse legen nahe, dass das Gehirn in der Lage ist, Abbauprozesse zu kompensieren, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Hüther interpretiert die Ergebnisse der Nonnenstudie als Beleg dafür, dass ein aktiver und sinnvoller Lebensstil die "neuroplastische Umbaufähigkeit" des Gehirns bis ins hohe Alter erhalten kann.
Das Kohärenzgefühl als Schlüssel zur Gesundheit
Hüther findet in der Medizin im wesentlichen nur eine Theorie, die explizit die Gesundheit erforscht: Antonovskys Theorie der Salutogenese. Diese besagt, dass Gesundheit aus der Bewegung des Strebens von Inkohärenz weg und hin zur Kohärenz entsteht.
Ein stabiles oder defektes Kohärenzgefühl sieht Hüther als Dreh- und Angelpunkt sowohl für den Beginn dementieller Prozesse als auch für den Ansatz, dem Fortschreiten entgegenzutreten. Von der Kritik am vorherrschenden Paradigma kommt er zu „nicht-medikamentösen Interventionsmöglichkeiten“. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist Antonovskys Modell der Salutogenese, also was Menschen gesund erhält.
Der Neurobiologe beruft sich auf das salutogenetische Prinzip des Medizinsoziologen Aaron Antonovsky, nach dem es im Leben insbesondere auf ein "Kohärenzgefühl" ankommt. Dieses Gefühl entsteht durch Erfahrungen, die uns das Gefühl geben, in einer Welt zu leben, die versteh-, gestaltbar sowie sinnvoll erscheint und in der Konflikte aus eigener Kraft bewältigt werden können.
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Das Kohärenzgefühl ist „eine globale Orientierung, die das Ausmaß ausdrückt, in dem jemand ein durchdringendes, überdauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass erstens die Anforderungen aus der inneren oder äußeren Erfahrungswelt im Verlauf des Lebens strukturiert, vorhersagbar und erklärbar sind und dass zweitens die Ressourcen verfügbar sind, die nötig sind, um den Anforderungen gerecht zu werden. Und drittens, dass diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Investition und Engagement verdienen.„(Bengel,J,,Strittmater,R. und Willmann,H. Was erhält Menschen gesund?- Antonovskys Modell der Salutogenese.
Hüther argumentiert, dass Widersprüche und ungelöste Konflikte die Selbstheilungskräfte des Gehirns schwächen. Wenn wir jedoch unser kohärentes Selbstgefühl stärken, indem wir ein sinnhaftes, gestaltbares und verstehbares Leben führen, können wir Demenzerkrankungen entgegenwirken.
Praktische Implikationen und Präventionsansätze
Basierend auf seinen Erkenntnissen schlägt Hüther eine Reihe von Verhaltensweisen und Einstellungen vor, die das Kohärenzgefühl stärken und somit die Gesundheit des Gehirns fördern können.
Ansatzpunkt ist demzufolge denn auch, den Stoffwechsel der Zelle wieder in Schwung zu bringen und den Gedächtnisverfall (Verfall in Gedanken, Worten und Werken) aufzuhalten.
Folgende Merksätze können dabei helfen:
- Wer seinen Körper vernachlässigt, vernachlässigt auch sein Gehirn: Was gut ist für die Herzgesundheit, ist auch gut fürs Gehirn. Regelmäßige Bewegung, eine ausgewogene Ernährung und ausreichend Schlaf sind essenziell für die Gesundheit des Gehirns.
- Wer sich selbst nicht mag, neigt dazu, sich und andere zu verlieren: Ein positives Selbstwertgefühl ist wichtig für die Lebensfreude und die Entfaltung des eigenen Potenzials. Wertschätzung und Akzeptanz von anderen können helfen, das Selbstwertgefühl zu stärken.
- Wer sich nicht bewusst macht, wer er sein will, kann sich nur verlieren: Ziele und Träume geben dem Leben Sinn und Richtung. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, was man im Leben erreichen möchte und sich aktiv darum zu bemühen.
- Wer sich nicht verbunden fühlt, bleibt mit Problemen allein: Einsamkeit kann die geistige Regeneration beeinträchtigen. Es ist wichtig, soziale Kontakte zu pflegen und sich mit anderen verbunden zu fühlen.
- Wer die Lust am Lernen verliert, hat auch keine Neugier mehr aufs Leben: Lebenslanges Lernen hält das Gehirn aktiv und fördert die geistige Flexibilität. Es ist wichtig, neugierig zu bleiben und sich für neue Dinge zu interessieren.
Es geht nicht darum, das Leben auf den Kopf zu stellen. Aber ab sofort sollte gelten: bewusster, achtsamer sich selbst und anderen gegenüber, mehr im Einklang mit der Natur leben. Neugieriger auf die Umwelt sein und zuversichtlicher in die Zukunft blicken. Ganz allmählich wird sich ein besseres Lebensgefühl einstellen. Das Leben, das Zusammenleben passt wieder besser, ist „kohärent“, wie es wissenschaftlich heißt - und im Gehirn kann etwas Neues wachsen und sich verknüpfen.
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Wer den Körper vernachlässigt, vernachlässigt auch das Gehirn. Störungen in körperlichen Abläufen werden zur Ursache von Inkohärenz, also einem Nicht-Zusammenpassen, im Gehirn. Das unterdrückt das neuroplastische Potenzial und begünstigt die Entstehung einer Demenz. Es gilt also, das Gefühl für den eigenen Körper wieder zu entdecken, in Bewegung zu kommen - und zwar aus eigenem Antrieb und mit Freude. Das gute Körpergefühl unterstützt die Regenerationsfähigkeit des Gehirns.
Wer sich selbst nicht mag, bremst sein geistiges Potenzial. Körperliche Beschwerden und Unzufriedenheiten mit der Lebensleistung machen manche ältere Menschen zu mürrischen Griesgramen. Wer sich selbst nicht mag, kann sich weder für Lebensfreude noch die Entfaltung des eigenen Potenzials begeistern. Hier hilft der Anstoß von außen: Wer dem abweisenden Alten Wertschätzung entgegenbringt oder einfach unvoreingenommen begegnet (Enkelkinder!) kann den Psycho-Panzer knacken. Das bessere Selbstwertgefühl bringt auch die Selbstheilung im Gehirn wieder in Gang.
Wer sich nicht verbunden fühlt, bleibt mit Problemen allein. Einsamkeit ist ein großes Thema im Alter. Es geht dabei nicht nur um einen fehlenden Lebenspartner, sondern generell um private Zugehörigkeit und Verbundenheit mit anderen. Dann ist niemand da, der bei Problemen zur Seite steht - ein großes Handicap für die geistige Regeneration.
Wer die Lust am Lernen verliert, hat auch keine Neugier mehr aufs Leben. Die lebenslange Lernfähigkeit des Menschen und seine Freude am Lernen ist eine Herzensangelegenheit von Hirnforscher Hüther. Er bedauert, dass die Lust auf neue Erkenntnisse oft schon Kindern abhanden kommt. Ist die Freude am Lernen verloren gegangen, ist es für die Gesundheit des Gehirns im Alter unerlässlich, sie wieder zu entfachen.
Kritik und Einordnung
Hüthers Ansatz ist nicht unumstritten. Einige Kritiker bemängeln, dass seine Schlussfolgerungen aus der Nonnenstudie zu weit reichen und dass die Komplexität der Demenzentstehung nicht ausreichend berücksichtigt wird. Es ist wichtig zu betonen, dass eine bestehende Demenz nicht durch bloße Anwendung des salutogenetischen Prinzips umkehrbar ist.
Dennoch bietet Hüthers Perspektive wertvolle Impulse für ein Umdenken in der Demenzforschung und -prävention. Seine Betonung der Selbstheilungskräfte des Gehirns und die Bedeutung eines aktiven und sinnvollen Lebensstils können dazu beitragen, ein würdevolles Altern zu ermöglichen und die Lebensqualität im Alter zu verbessern.