Gerald Hüther: Die Neurobiologie des Lernens und die Wiederentdeckung der Freude am Lernen

Einführung

Die moderne Bildungsdebatte greift zunehmend auf neurobiologische Erkenntnisse zurück, um das Lernen besser zu verstehen und angemessen zu fördern. Gerald Hüther, ein bekannter Neurobiologe, widmet sich der Wiederentdeckung der Freude am Lernen und betont die Bedeutung der Emotionen für erfolgreiches und nachhaltiges Lernen. Dieser Artikel beleuchtet Hüthers Ansichten und Erkenntnisse über das Lernen aus neurobiologischer Sicht, die Rolle von Emotionen, die Bedeutung von Beziehungen und die Notwendigkeit einer hirngerechten Bildung.

Lernen als Ausdruck des Lebendigen

Lernen ist ein grundlegendes Merkmal des Lebens und ein kontinuierlicher Prozess der Anpassung und Reorganisation. Alle Lebewesen lernen, ihre inneren Beziehungen so umzugestalten, dass sie ihrem Überleben und ihrer Reproduktion dienen. Dieses Konzept gilt auch für soziale Systeme wie Familien, Unternehmen und ganze Gesellschaften. Hirnforscher definieren den Zustand, in dem eine Zelle, ein Organismus oder eine Gemeinschaft die wenigste Energie verbraucht, als "Kohärenz". In diesem Zustand passen alle inneren Abläufe gut zusammen und sind optimal aufeinander abgestimmt.

Der Kohärente Zustand und Inkohärenz

Der kohärente Zustand wird jedoch immer wieder gestört, was zu Inkohärenz führt. Dieser Zustand, den Hirnforscher als "Arousal" bezeichnen, ist unangenehm und geht mit Aufregung, innerer Unruhe und Angst einher. Um diesen Zustand zu überwinden, sucht die Person nach einer Lösung. Wenn die Lösung erfolgreich ist und zu einem kohärenteren Zustand führt, werden Botenstoffe ausgeschüttet, die das Auswachsen von Nervenfortsätzen und die Neubildung von Kontakten fördern. Dadurch werden die neuronalen Verknüpfungen, die an der Lösung beteiligt sind, verstärkt und gefestigt. Dieser Prozess wird als "Lernen" bezeichnet.

Die Rolle der Emotionen

Emotionen spielen eine entscheidende Rolle beim Lernen. Neues Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten werden nur dann erworben, wenn sie emotional berühren und die emotionalen Zentren im Gehirn aktivieren. In diesem Zustand werden neuroplastische Botenstoffe ausgeschüttet, die das Auswachsen weiterer Fortsätze und die Bereitstellung weiterer Kontakte und Vernetzungen stimulieren. Daher ist es wichtig, dass das, was gelernt werden soll, für den Lernenden bedeutsam ist und Begeisterung oder Freude auslöst.

Hirngerechte Bildung

"Hirngerecht" sind Bildungsangebote, wenn sie für Kinder bedeutsam und wichtig sind, als eigene Erfahrung am ganzen Körper und mit allen Sinnen erfahren werden, sich im praktischen Lebensvollzug als nützlich erweisen und wenn Kinder in ihrer Bildungseinrichtung spüren, dass sie so, wie sie sind, richtig sind, angenommen werden und dazugehören dürfen. Es ist wichtig, dass Kinder genügend Raum und Möglichkeiten haben, um zu zeigen, was in ihnen steckt, und die Erfahrung machen, dass sie gemeinsam über sich hinauswachsen können.

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Rahmenbedingungen für erfolgreiches Lernen

Kinder brauchen Aufgaben, an denen sie wachsen können, und Herausforderungen, die sie zu bewältigen lernen. Sie benötigen jedoch auch Rahmenbedingungen, die es ihnen ermöglichen, sich diesen Aufgaben zu stellen und diese Herausforderungen anzunehmen. Bildung braucht vertrauensvolle Beziehungen, in denen sich Kinder sicher, geborgen, unterstützt und wertgeschätzt fühlen. Entscheidend ist dabei die subjektive Bewertung des Kindes und nicht die objektiv herrschenden Umstände.

Vorbilder und Ziele

Neben Vertrauen brauchen Kinder auch Vorbilder, denen sie nacheifern können, und Ziele, für deren Erreichen es sich anzustrengen lohnt. Sie benötigen Visionen davon, wie ihr Leben gelingen kann. Bildungseinrichtungen sollten die Sehnsucht nach dem großen, endlosen Meer wecken und die Kinder dazu inspirieren, sich als Entdecker und Gestalter auf den Weg zu machen.

Die Bedeutung sozialer Beziehungen

Soziale Beziehungen sind für die Hirnentwicklung und das Lernen von großer Bedeutung. Das Gehirn ist primär für den Austausch mit anderen optimiert und entsprechend strukturiert. Es gibt im Grunde zwei Erziehungsfehler: Vernachlässigung und Verwöhnung. Vernachlässigte Kinder müssen mit Problemen allein fertig werden, während verwöhnte Kinder wichtige Erfahrungen vorenthalten werden.

Sichere Bindungen und Neugier

Kinder benötigen die Erfahrung, dass sie von Zeit zu Zeit selbst in der Lage sind, ein Problem zu lösen, und dass es jemanden gibt, der ihnen bei der Suche nach Lösungen hilft. Nur so können sie Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten und in die Fähigkeiten anderer entwickeln. Der beste Weg, dies zu erreichen, ist das Wecken von Neugier. Lösungen, die angesichts solcher Neugier gefunden werden, werden unter Beteiligung der emotionalen Zentren verankert.

Die Rolle der Eltern

Der elterliche Einfluss ist von großer Bedeutung, auch wenn Eltern heutzutage in einer komplexen Welt leben und mit vielen widersprüchlichen Einflüssen konfrontiert sind. Unsichere Eltern können keine sicheren Bindungen aufbauen. Es ist wichtig, dass Eltern eine sichere emotionale Beziehung zu ihrem Kind aufbauen und es vor äußeren Bedrohungen schützen.

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Die Plastizität des Gehirns und die Freude am Lernen

Die moderne Hirnforschung hat gezeigt, dass das menschliche Gehirn lebenslang plastisch und veränderbar ist. Dies bedeutet, dass wir uns verändern und die Freude am Lernen wiederfinden können. Wir können aufhören, einander zu Objekten unserer Absichten und Ziele zu machen, und stattdessen lernen, einander als Subjekte zu begegnen. Wir können einander einladen, ermutigen und inspirieren, die Freude am miteinander Lernen und am Zusammenleben wiederzufinden.

Die Herausforderung der Konditionierung

Es gibt jedoch auch eine dunkle Seite der menschlichen Lernfähigkeit. Nur wir Menschen sind in der Lage zu lernen, die Lernfähigkeit anderer Lebewesen und vor allem die unserer eigenen Artgenossen gezielt und bewusst zur Verfolgung unserer eigenen Absichten auszunutzen. Wir können andere Tiere abrichten und so dressieren, dass sie sich so verhalten und genau das tun, was wir wollen. Diese Konditionierung kann jedoch dazu führen, dass wir andere Lebewesen als Objekte betrachten und behandeln.

Der Weg zu einer neuen Lernkultur

Um eine neue Lernkultur zu schaffen, müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass Lernen durch Konditionierung und äußeren Druck erreicht werden kann. Stattdessen sollten wir uns auf die Förderung der intrinsischen Motivation, der Freude am Entdecken und Gestalten und der Bedeutung von Beziehungen konzentrieren. Nur so können wir die volle Entfaltung der in unserem Gehirn angelegten Möglichkeiten erreichen.

Das Interview mit Gerald Hüther

In einem Interview mit Herder Korrespondenz betont Gerald Hüther die Bedeutung der frühkindlichen Erfahrungen für die Struktur des Gehirns. Er erklärt, dass komplexe Verschaltungsmuster im Gehirn in Abhängigkeit von der Nutzung stabilisiert und destabilisiert werden können. Lernen wird in Gang gesetzt, wenn einem etwas unter die Haut geht und man gezwungen wird, eine neue Lösung zu finden.

Emotionale Zentren und Problemlösung

Gleichzeitig mit der Erregung der emotionalen Zentren werden vermehrt wachstumsfördernde Botenstoffe ausgeschüttet, die die nachgeschalteten Nervenzellen in Erregung versetzen. Je häufiger man die einmal gefundenen Bewältigungsstrategien verwendet, desto breiter werden die Wege. Wenn ständig Unruhe herrscht, wird es sehr schwer, Neues zu erlernen.

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Die Bedeutung von Beziehungen und Neugier

Hüther betont auch die Bedeutung von Beziehungen für die Hirnentwicklung und das Lernen. Kinder können erstens die Erfahrung machen, dass sie von Zeit zu Zeit selbst in der Lage sind, ein Problem zu lösen. Zweitens ist die Erfahrung unverzichtbar, dass es jemanden gibt, der ihnen bei der Suche nach Lösungen hilft. Der beste Weg ist das Wecken von Neugier.

Die Rolle der Eltern und die Unsicherheit in der Erziehung

Es kommt in viel stärkerem Maße als bisher gedacht auf den elterlichen Einfluss an. Allerdings leben Eltern heutzutage auch nicht in einer abgeschlossenen Welt. Es ist heute schwer, gute Eltern zu sein. Kinder werden heute sehr viel früher Gedanken und Vorstellungen ausgesetzt, die mit den elterlichen nicht übereinstimmen und oft genug sehr fragwürdig sind. Auch gab es noch nie so viele verunsicherte Eltern wie heute.

Bindung und die Art der Geburt

In traditionellen Kulturen gibt es bereits im vorgeburtlichen Bereich Rituale, die dazu beitragen, dass die Bindung zwischen dem ungeborenen Kind und der Mutter sowie der Gemeinschaft gestärkt wird. Der natürliche Geburtsprozess ist von der Natur her bindungsfördernd. Während der Geburt kommt es zur Ausschüttung einer ganzen Reihe von Hormonen, die sonst nicht ausgeschüttet werden.

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