Die Frage, wie das Gehirn die Seele hervorbringt, beschäftigt Philosophen und Wissenschaftler seit Jahrtausenden. Gerhard Roth und Nicole Strüber nehmen in ihrem Buch "Wie das Gehirn die Seele macht" eine neurobiologische Perspektive ein und untersuchen, wie psychische Prozesse, Persönlichkeit und Bewusstsein im Gehirn entstehen. Sie argumentieren, dass Psyche und Geist untrennbar mit Prozessen im Gehirn verbunden sind und sich zusammen mit ihm entwickeln.
Historischer Überblick
Die Einengung des Seelenbegriffs von einem Lebensprinzip auf empirisch erfassbare Vorgänge war ein langer Prozess. Ebenso dauerte die Suche nach dem "Sitz" dieser Vorgänge. Im Mittelalter entwickelte das Christentum die Vorstellung einer unsterblichen Seele, die sich mit dem Körper verbindet und ihn beim Tod verlässt. Bis ins 19. Jahrhundert glaubte man, dass Lebewesen von anderen Kräften bestimmt werden als die unbelebte Natur. Roth und Strüber halten die These einer Dualität von Geist und Körper für unvereinbar mit empirischen Erkenntnissen. Ihre Überlegungen basieren auf einer naturalistischen Sicht, wonach sich Psyche und Geist in das Naturgeschehen einfügen.
Neuronale Grundlagen
Eine zentrale Frage der Hirnforschung war die nach der Erregungsleitung. Experimente legten nahe, dass die Erregungsfortleitung in den Nerven elektrisch geschieht. Wilhelm His entdeckte, dass Nervenzellen als diskrete Einheiten entstehen und Fortsätze entwickeln. Inzwischen wissen wir, dass elektrische und chemische Prozesse bei der Übertragung von Erregungen zusammenwirken. Roth und Strüber beschreiben den Aufbau des Gehirns aus Neuronen, die Axone und Dendriten ausbilden. Entscheidend ist das Zusammenwirken zahlreicher vernetzter Neuronen.
Das limbische System
Das psychische Geschehen ist an die Aktivitäten corticaler und subcorticaler limbischer Zentren gebunden. Das limbische System ist eine Funktionseinheit, die an der Auslösung und Kontrolle angeborener Verhaltensweisen und elementarer affektiv-emotionaler Zustände beteiligt ist. Auf der mittleren Ebene finden unbewusste Vorgänge der Emotionsentstehung und -kontrolle statt. Die obere limbische Ebene hängt mit bewussten Gefühlen, Motiven und der Sozialisation zusammen. Hier findet das bewusste emotional-soziale Lernen statt.
Neurotransmitter und Persönlichkeit
Das interne Beruhigungssystem wird durch Serotonin bestimmt. Ein Mangel an Serotonin kann Depressionen, Ängstlichkeit und Impulsivität hervorrufen. Nach der Geburt wächst das Gehirnvolumen durch die Entwicklung von Verzweigungen und Synapsen. Neugeborene verfügen über "Vorläuferemotionen". Genom, frühkindliche Erfahrungen und Reifung bringen ein individuelles Temperament hervor. Die Art, wie ein Mensch mit Belastungen umgeht, bildet den Kern seiner Persönlichkeit. Roth und Strüber beschreiben sechs psychoneuronale Grundsysteme: Stressverarbeitung, Selbstberuhigung, Bewertung und Belohnung.
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Unbewusstes und Bewusstsein
Mit der Entdeckung des Unbewussten wird Sigmund Freud assoziiert. Freud schichtete das Psychische in ein Unbewusstes, ein Vorbewusstes und ein Bewusstes. Er vermutete, dass alle Hirnvorgänge außerhalb der Großhirnrinde dem Bewusstsein unzugänglich sind. Es gebe keine bewussten Prozesse ohne neuronale Vorgänge. Geist und Bewusstsein beruhen auf Prozessen im Gehirn, die größtenteils unbewusst ablaufen. Jeder bewussten Wahrnehmung geht eine unbewusste Verarbeitung von Erregungen voraus. Bewusstseinsprozesse schaffen einen mentalen Raum, in dem Körper, Welt und Ich miteinander interagieren.
Psychische Erkrankungen und Psychotherapie
Zentraler Ausgangspunkt der psychoanalytischen Therapie ist die Annahme, dass gegenwärtige psychische Störungen durch unbewusste Vorgänge in Kindheit und Jugend verursacht werden. Neurowissenschaftler suchen nach Auffälligkeiten im Gehirn bei psychischen Erkrankungen. Mithilfe bildgebender Verfahren lassen sich abweichende Aktivitätsmuster in bestimmten Hirnbereichen nachweisen. Der Placeboeffekt besteht aus neurobiologischer Sicht in einer erhöhten Ausschüttung von Oxytocin und endogenen Opioiden. Bei schwereren psychischen Störungen sind strukturelle Änderungen im Bereich der Basalganglien notwendig. Psychotherapie führt nachweislich zu strukturellen Veränderungen im Gehirn. Entscheidend ist die "therapeutische Allianz" zwischen Patient und Behandler.
Gene und Umwelt
Gene sind über wenige Generationen unveränderlich, werden aber bei jedem Zeugungsakt neu gemischt. Umwelteinflüsse greifen über epigenetische Prozesse verändernd in die Genexpression ein. Ungünstige Erbanlagen können durch Fürsorge und Zuwendung in den ersten Lebensjahren wettgemacht werden.
Teilautonomie des Geistes
Roth und Strüber betonen, dass sie den Geist nicht auf Vorgänge im Gehirn reduzieren. Das Bewusstsein hat seinen Ort im subjektiven Erleben des Menschen. Für das Mentale gelten gewisse Eigengesetzlichkeiten. Das Gehirn produziert eine psychische Welt, in der es Zustände wie das Ich-Gefühl gibt. Diese Zustände wirken auf die naturgesetzlich bestimmten Abläufe im Gehirn zurück.
Neurowissenschaftliche Erkenntnisse in der Anwendung
Neurowissenschaftliche Erkenntnisse lassen sich vor Gericht anwenden. Ein Hirnscan sollte aber niemals den alleinigen Ausschlag für eine Verurteilung geben. Im Bereich der Psychotherapie zeigt sich, dass der Erfolg der Behandlung von der therapeutischen Allianz abhängt. Im besten Fall passiert hier etwas Ähnliches wie während der ersten Bindungserfahrung zwischen Mutter und Kind.
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