Den Geruchssinn aktivieren: Ein umfassender Leitfaden zur Verbesserung Ihrer olfaktorischen Wahrnehmung

Oft schenken wir unserem Geruchssinn keine große Aufmerksamkeit, obwohl er ein zentrales Sinnesorgan ist, das unsere Wahrnehmung der Welt maßgeblich beeinflusst. Er ermöglicht es uns, mehr als 10.000 verschiedene Duftnoten wahrzunehmen und unsere Umwelt auf eine besondere Weise zu erleben. Gerüche wecken Erinnerungen, beeinflussen unsere Stimmung und spielen sogar bei der Partnerwahl eine Rolle. Doch was passiert, wenn der Geruchssinn plötzlich nicht mehr richtig funktioniert? Ein eingeschränkter oder vollständig verlorener Geruchssinn kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Glücklicherweise gibt es Möglichkeiten, den Geruchssinn zu trainieren und zu aktivieren, um die olfaktorische Wahrnehmung zu verbessern.

Die Bedeutung des Geruchssinns

Der Geruchssinn, auch als olfaktorische Wahrnehmung bezeichnet, dient der Wahrnehmung von Geruchsstoffen. Schon in den ersten drei Lebensjahren bildet sich das sogenannte Geruchsgedächtnis aus, das später eine zentrale Rolle beim Wiedererkennen von Düften spielt. Die Nase ist weit mehr als nur ein Atmungsorgan; sie ist eines unserer zentralen Sinnesorgane. Über sie können wir mehr als 10.000 verschiedene Duftnoten wahrnehmen und dadurch unsere Umwelt auf eine ganz besondere Weise erleben. Gerüche wecken Erinnerungen, beeinflussen unsere Stimmung und spielen sogar bei der Partnerwahl eine Rolle. Nicht umsonst spricht man davon, dass man jemanden „riechen können“ muss. Schon bei Neugeborenen ist der Geruchssinn weitestgehend ausgebildet und hilft ihnen, sich in ihrer Umgebung zurechtzufinden. Zudem trägt er maßgeblich zu unserem Geschmackserlebnis bei. Erst das Zusammenspiel von Geruchs- und Geschmackssinn ermöglicht es uns, Speisen in ihrer Vielfalt zu genießen.

Der Geruchssinn und seine Verbindung zum Gehirn

Jede Sekunde prasseln unzählige Reize auf das Gehirn ein: Geräusche, Bilder und andere Sinneseindrücke von außen, dazu Informationen aus dem Körperinneren. Was davon wirklich im Bewusstsein ankommt, entscheidet eine Art Türsteher: Rein kommt nur, wer besonders wichtig ist oder auffällt. Im Gehirn übernimmt diese Aufgabe der Thalamus, eine Hirnregion, die im Zentrum sitzt und dort Sinnesreize filtert und sortiert. Der Thalamus gilt als Tor zum Bewusstsein. Nur über einen Sinn hat er keine Entscheidungsherrschaft: den Geruchssinn. Olfaktorische Reize landen ungefiltert und direkt im limbischen System. Dieses steuert die Emotionen, ist aber auch für das Gedächtnis entscheidend. Erlebnisse, die mit starken Emotionen verknüpft sind, bleiben wohl auch darum besonders gut hängen. Dank ihres direkten Zugangs zu diesem Netzwerk entfalten Düfte geradezu magische Wirkung: Sekundenschnell katapultieren sie einen in einen längst vergangenen Moment, rufen verschüttete Erinnerungen hervor und die dazugehörigen Bilder und Gefühle. Omas Apfelkuchen. Der Duft von Pinien im Südfrankreichurlaub. Aber auch: der chemische Geruch beim Zahnarzt. Der direkte Draht olfaktorischer Reize zum Gedächtnis liegt in der Evolution begründet: „Der Geruchssinn ist der älteste aller Sinne“, erklärt Prof. Michael Leon von der University of California in Irvine im Gespräch mit netDoktor. Selbst Einzeller haben Sensoren für chemische Reize und reagieren auf sie - und nichts anderes passiert beim Riechen. Experten vermuten, dass sich die Hirnregion, die für das Langzeitgedächtnis zuständig ist, aus dem ursprünglichen Riech-Hirn entwickelt hat.

Wie wir riechen: Vom Duft zur Wahrnehmung

Die Wahrnehmung von Gerüchen beginnt in der Nase. In der Riechschleimhaut, die sich im oberen Bereich der Nasenhöhle befindet, liegen Millionen spezialisierter Riechzellen. Die von uns wahrgenommenen Gerüche sind in Wahrheit chemische Moleküle, die beim Einatmen auf diese Zellen treffen. Dort werden sie von rund 400 verschiedenen Geruchsrezeptoren erkannt. Sobald ein Duftmolekül an einen passenden Rezeptor bindet, wird das chemische Signal in ein elektrisches umgewandelt. Dieser Vorgang wird als chemoelektrische Transduktion bezeichnet. Die so entstehenden elektrischen Signale werden im sogenannten Riechkolben (Bulbus olfactorius) gesammelt und über Nervenbahnen direkt ins Riechhirn weitergeleitet. Von dort gelangen sie ohne Umweg in den Hypothalamus und das limbische System, das für Emotionen und Gedächtnisprozesse zuständig ist. Man unterscheidet dabei zwischen der Wahrnehmungsschwelle, bei der lediglich ein Duft wahrgenommen, aber noch nicht erkannt wird, und der Erkennungsschwelle, bei der der Geruch eindeutig identifiziert werden kann, zum Beispiel: “Es riecht nach Vanille”. Im Hippocampus und der Amygdala, beides Teile des limbischen Systems, werden die Duftreize weiterverarbeitet und mit Emotionen verknüpft. Dadurch entsteht die enge Verbindung zwischen Gerüchen, Erinnerungen und Gefühlen, der sogenannte Madeleine- oder Proust-Effekt. Ein bestimmter Duft kann so längst vergangene Erinnerungen plötzlich wieder lebendig werden lassen.

Ursachen für einen verminderten oder verlorenen Geruchssinn

Ein eingeschränkter oder vollständig verlorener Geruchssinn wird medizinisch als Dysosmie bezeichnet. Dabei unterscheidet man zwischen einer Hyposmie, also einer verminderten Geruchswahrnehmung, und einer Anosmie, dem vollständigen Geruchsverlust. Eine chronische Dysosmie sollten Sie stets von einem HNO-Arzt oder Neurologen abklären lassen, da die Ursachen sowohl vorübergehend als auch chronisch auftreten können.

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Zu den häufigsten reversiblen Ursachen zählen:

  • Starke Erkältungen, grippale Infekte oder Schnupfen
  • Chronische Entzündung der Nasennebenhöhlen
  • Diabetes mellitus
  • Allergien
  • Verletzungen oder Operationen im Kopfbereich
  • Nebenwirkungen einiger Medikamente
  • Alterungsprozess
  • Rauchen oder Alkoholismus
  • Häufiger Kontakt mit Giftstoffen, Chemikalien, Schmutz oder Staub
  • Neurologische Erkrankungen wie Parkinson oder Demenzerkrankungen

Anosmie: Leben ohne Geruchssinn

Während bei einer Hyposmie der Geruchssinn nur eingeschränkt vorhanden ist, beschreibt die Anosmie den vollständigen Verlust des Geruchssinns. Beide Formen können plötzlich, etwa nach einem Infekt, oder auch chronisch auftreten. Das Gegenteil einer Anosmie ist die Hyperosmie, also eine übermäßig gesteigerte Geruchswahrnehmung, die zum Beispiel während einer Schwangerschaft oder bei Migräne vorkommen kann. Menschen, die ihren Geruchssinn verlieren, bemerken häufig zuerst, dass Speisen fade oder geschmacklos erscheinen. Dadurch kann es zu Appetitverlust und Gewichtsabnahme kommen. Zudem besteht eine erhöhte Gefahr durch verdorbene Lebensmittel, da Warnsignale wie faulige oder ranzige Gerüche nicht mehr wahrgenommen werden. Auch Brand-, Gas-, Schimmel- oder Faulgase bleiben unbemerkt. Die Ursachen einer Anosmie sind vielfältig. Häufig treten sie infolge Erkältungen, Atemwegsinfektionen oder Grippe auf. Weitere mögliche Auslöser sind: Verletzungen oder Verformungen der Nasenscheidewand, Polypen oder geschwollene Schleimhäute, Nebenwirkungen bestimmter Medikamente wie Antibiotika, Neurologische Erkrankungen wie Parkinson oder Alzheimer, Schädel-Hirn-Trauma. In seltenen Fällen kann eine Anosmie auch durch Tumore oder chronische Entzündungen der Nasennebenhöhlen ausgelöst werden.

Diagnose von Riechstörungen

Die Abklärung beginnt in der Regel mit einer Anamnese, also einem ausführlichen Gespräch über Symptome, mögliche Auslöser und Vorerkrankungen. Anschließend erfolgt eine Untersuchung der Nase, des Nasenrachens, der Nasennebenhöhlen sowie der Riechspalte. Nur in seltenen Fällen werden bildgebende Verfahren eingesetzt. Um den Grad des Geruchsverlusts zu bestimmen, kommen verschiedene Riechtestverfahren zum Einsatz. Dabei werden dem Patienten unterschiedliche Duftstoffe in einer bestimmten Konzentration dargeboten, um seine persönliche Wahrnehmungs- und Erkennungsschwelle zu ermitteln.

Riechtestverfahren

  • Sniffin' Sticks (Riechstifte): Hierbei werden 12 bis 16 verschiedene, mit Duftstoffen gefüllte Filzstifte, verwendet. Jeder Stift wird für etwa drei Sekunden unter beide Nasenlöcher gehalten, und der Patient muss den jeweiligen Duft benennen. Das Verfahren gibt auch Aufschluss über die individuelle Riechschwelle.
  • UPSI-Test: Bei diesem Test sind die Duftstoffe in kleinen Mikrokapseln auf Papier aufgebracht. Durch Reiben an den Kapseln wird der jeweilige Duft freigesetzt und muss anschließend erkannt werden.
  • CCCRC-Test: In kleinen Glas- oder Plastikfläschchen befinden sich verschiedene Duftstoffe, darunter auch der stark stechende Duft Butanol, die in unterschiedlichen Konzentrationen dargeboten wird. Der Patient muss die Düfte erkennen und benennen.
  • Aachener Rhinotest: Dieses Verfahren wird seltener angewendet. Dabei werden sechs verschiedene Duftstoffe in den Mund gesprüht, und der Patient beschreibt den wahrgenommenen Geschmack, zum Beispiel fruchtig, stechend oder würzig.
  • Messung des Riechpotenzials: Eine objektive Ergänzung zu den Geruchstests ist die Messung elektrischer Potenziale (OEP = olfaktorisch evozierte Potenziale). Dabei werden über die Kopfhaut Elektroden, ähnlich wie beim EEG, angebracht, während dem Patienten verschiedene Duftstoffe über die Nase zugeführt werden. Die Testperson riecht dabei an drei unterschiedlichen Substanzen, zum Beispiel Rosenduft, Vanillin oder Schwefelwasserstoff. Kohlendioxid (CO2) wird dabei häufig als geruchsloser Kontrollreiz eingesetzt, da es zwar keinen Geruch hat, aber dennoch die Riechzellen stimuliert. Die gemessenen elektrischen Potenziale geben Aufschluss darüber, wie das Gehirn auf Geruchsreize reagiert und ermöglichen so eine genaue Beurteilung der Riechfunktion.

Behandlungsmöglichkeiten von Riechstörungen

Mithilfe einer Nasenendoskopie kann der Arzt beispielsweise störende Polypen oder anatomische Veränderungen erkennen und gegebenenfalls entfernen. In bestimmten Fällen kann eine operative Begradigung der Nasenscheidewand oder eine Verkleinerung der Nasenmuscheln mittels Laser oder Radiofrequenzverfahren helfen, die Riechfunktion zu verbessern. Auch Operationen an den Nasennebenhöhlen, die den Abfluss von Schleim und den Luftaustausch erleichtern, können sinnvoll sein. Nach der Operation wird häufig eine Therapie mit kortisonhaltigen Tabletten oder Nasensprays verordnet, um Entzündungen zu reduzieren und die Schleimhäute zu regenerieren.

Riechtraining: Düfte wieder wahrnehmen lernen

Unser Geruchssinn besitzt eine bemerkenswerte Regenerationsfähigkeit. Die Riechzellen in der Nasenschleimhaut erneuern sich regelmäßig, allerdings nimmt diese Fähigkeit mit zunehmendem Alter, meist ab dem 40. Lebensjahr, deutlich ab. Durch gezieltes Riechtraining kann der Geruchssinn jedoch stimuliert und teilweise wiederhergestellt werden. Das Training lässt sich einfach in den Alltag integrieren und erfordert lediglich etwas Geduld und Konsequenz.

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Geeignete Duftstoffe für das Riechtraining

Für das Riechtraining eignen sich vor allem ätherische Öle ohne Zusatzstoffe, die unterschiedliche Duftkategorien abdecken:

  • Rose: lieblich
  • Zitrone: sauer
  • Gewürznelke: würzig
  • Pfefferminze: frisch

Nicht geeignet sind hingegen sehr intensive oder reizende Gerüche wie Essig oder Alkohol, da sie die Schleimhäute reizen können. Asthmatiker und Allergiker sollten vor Beginn des Trainings unbedingt ärztlichen Rat einholen.

Ablauf des Riechtrainings

Für das Training werden vier verschiedene Duftstoffe vorbereitet, beispielsweise auf Wattestäbchen, die zur Frischhaltung in einer verschließbaren Plastiktüte aufbewahrt werden. Das Training erfolgt morgens und abends:

  1. Jeden Duft einzeln 20 bis 30 Sekunden lang in einem Abstand von drei bis fünf Zentimetern vor ein Nasenloch halten, während das andere verschlossen wird.
  2. Zwischen den Düften sollten Sie jeweils eine Pause von 20 bis 30 Sekunden einlegen.
  3. Eine entspannte Körperhaltung einnehmen und dabei ruhig und gleichmäßig durch die Nase ein- und ausatmen.
  4. Den wahrgenommenen Duft bewusst visualisieren und laut benennen. Das stärkt die neuronale Verbindung zwischen Geruch und Gedächtnis.

Um spürbare Erfolge zu erzielen, sollten Sie das Riechtraining für mindestens drei bis vier Monate regelmäßig durchführen. Viele Betroffene berichten nach dieser Zeit über eine deutliche Verbesserung der Geruchswahrnehmung und über ein gesteigertes Wohlbefinden im Alltag.

Neuroathletiktraining zur Aktivierung des Geruchssinns

Neuroathletiktraining ist das Training der Bewegungssoftware. Es geht darum, die Inputsysteme des Nervensystems so spezifisch zu trainieren, dass man einzelne Hirnareale aktivieren kann. Über den Input sammeln wir Informationen. Im nächsten Schritt interpretiert das Gehirn die eingegangenen Signale. Mithilfe funktioneller Tests wie Blicksprünge, Sensorik- oder Bewegungstests können wir herausfiltern, welche Gehirnareale unterfunktionell sind und diese durch spezifische Aktivierung hochfahren. Das gleicht das gesamte Nervensystem aus, was wiederum die Bewegungsqualität optimiert. In manchen Fällen ist nicht der Riechnerv direkt das Problem, sondern vielmehr die Verarbeitung von dem, was gerochen wird. Diese Identifikation läuft unter anderem im Temporallappen unseres Gehirns ab. Auf Basis der funktionellen Neurologie weiß man, welche Funktionen die einzelnen Hirnareale haben. So kann man nicht nur durch das Riechen, sondern auch mit anderen Aktivierungsübungen wie beispielsweise Augenbewegungen oder akustischen Reizen dieses Areal hochfahren, um es schneller wieder in den Riechprozess zu integrieren.

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Weitere Ansätze zur Verbesserung des Geruchssinns

  • Topische Applikation von Vitamin A in der Nase: Ein weiterer Ansatz zur Verbesserung der olfaktorischen Erholung bietet die topische Applikation von Vitamin A in der Nase.
  • Elektrische Stimulation: Die elektrische Stimulation von Sinnesorganen bzw. -nerven kann zu Empfindungen führen, die für die Betroffenen bei der Orientierung im Alltag eine große Hilfe sind. Als Beispiele seien Indikationen wie hochgradige Schwerhörigkeit oder Blindheit aufgrund von degenerativen Netzhauterkrankungen genannt. Was in diesen Fällen durch Cochlea- bzw. Retinaimplantate erreicht werden kann, bietet zukünftig - übertragen auf die Nase­ - möglicherweise auch für Patienten mit Riechstörungen eine Perspektive.
  • Stammzelltherapie: Eine Stammzelltransplantation bietet sich bei der Behandlung von Geruchsminderungen an, da die Riechschleimhaut ein enormes regeneratives Potenzial hat und hier eine Neurogenese auch noch im Erwachsenenalter stattfinden kann. Zudem treten Stammzellen in der gesunden Schleimhaut ohnehin auf.
  • Transplantation von Riechschleimhaut: Abgesehen von der Stammzelltherapie haben Forscher auch die Transplantation von Riechschleimhaut im Blick.

Riechtraining im Alltag integrieren

Neben dem gezielten Riechtraining mit ätherischen Ölen gibt es viele Möglichkeiten, den Geruchssinn im Alltag zu aktivieren und zu fördern.

  • Bewusstes Riechen: Nehmen Sie sich Zeit, um bewusst an verschiedenen Dingen zu riechen, wie zum Beispiel an Blumen, Gewürzen, Kaffee oder Tee. Versuchen Sie, die verschiedenen Duftnoten zu identifizieren und zu beschreiben.
  • Riechspiele: Spielen Sie Riechspiele mit Ihrer Familie oder Freunden. Verbinden Sie die Augen und versuchen Sie, verschiedene Gegenstände anhand ihres Geruchs zu erkennen.
  • Erinnerungen wecken: Versuchen Sie, sich an bestimmte Gerüche aus Ihrer Kindheit oder anderen besonderen Momenten zu erinnern. Beschreiben Sie die Gerüche so detailliert wie möglich.
  • Kochen: Kochen Sie mit frischen Kräutern und Gewürzen. Achten Sie auf die verschiedenen Aromen und wie sie sich beim Kochen verändern.
  • Spaziergänge in der Natur: Machen Sie Spaziergänge in der Natur und nehmen Sie die verschiedenen Gerüche bewusst wahr, wie zum Beispiel den Duft von Bäumen, Blumen oder Erde.

Die Rolle des Geruchssinns bei neurologischen Erkrankungen

Die große Bedeutung des Geruchssinnes für die kognitive Leistungen offenbart sich umgekehrt auch dann, wenn die Riechfähigkeit nachlässt. Leon und Kollegen haben dazu die aktuelle Studienlage ausgewertet und eine erstaunliche Zahl von rund 70 neurologischen und psychiatrischen Störungen zusammengetragen, die mit einem Verlust des Geruchssinns einhergehen. Darunter ist auch ein Leiden, das die Betroffenen nach und nach aller kognitiven Fähigkeiten beraubt: die Alzheimerdemenz. Schon länger beobachtet man, dass ein nachlassender Geruchssinn oft ein Vorbote der Erkrankung ist. Es spricht jedoch einiges dafür, dass abnehmende olfaktorische Sinnesreize den Niedergang der Hirnfunktionen direkt beschleunigen könnten. Fehlen Reize aus dem olfaktorischen System, mangelt es dem Gehirn in diesem Bereich an Stimulation. Und die bewirkt normalerweise, dass neue Nervenzellen (Neuronen) entstehen und/oder neue Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen (Synapsen) sprießen und sich vernetzen. Eine lebenslange olfaktorische Stimulation könnte eine heilsame Wirkung auf das Gehirn haben.

Düfte lassen neue Nervenzellen sprießen

In einer australischen Studie ließ ein tägliches 30-minütiges Duftbad bei Mäusen innerhalb von drei Monaten neue Nervenzellen sprießen. Das galt sowohl für den Riechkolben als auch für den Hippocampus, der zentral für Lernen und Gedächtnis ist. Entscheidend für die Neurogenese war, dass sich die Düfte abwechselten - eine Duftmischung hatte keinen entsprechenden Effekt. Um das zu untersuchen, hat sich eine Gruppe kanadischer Forschender die denkbar geeignetsten Kandidaten ausgesucht: angehende Sommeliers. Diese müssen ihre Nase intensiv schulen, um die feinen Duftnoten verschiedener Weine zu unterscheiden und wiederzuerkennen. Hirnscans zu Beginn und am Ender der 18-monatige Ausbildung zeigten, dass sich bei den Weinkellnern aufgrund des intensiven Riechtrainings nicht nur der Riechkolben verstärkt hatte. Auch die Dicke des sogenannten entorhinalen Kortex hatte zugenommen. Diese Beobachtung könnte viele Ergebnisse aus der Geruchshirnforschung erklären. Denn der entorhinalen Kortex spielt eine zentrale Rolle bei der Gedächtnisbildung. Nur Reize, die er an den Hippocampus weiterleitet, werden im Gedächtnis abgespeichert.

Dufttraining zur Alzheimertherapie?

Die wirklich spannende Frage in diesem Zusammenhang ist: Können Düfte auch dann noch eine Wirkung entfalten, wenn der geistige Verfall bereits eingesetzt hat? Dafür spricht eine Studie, die ein Forschungsteam um Hyegyeong Cha von der Universität Seoul vorgelegt hat. Dazu fuhr das koreanische Team gleich ein ganzes Arsenal von 40 Düften auf. An diesen ließen sie 34 mittelschwer an Alzheimer erkrankte Patientinnen und Patienten zweimal täglich schnuppern. Das Ergebnis war eindrucksvoll: Innerhalb von 15 Tagen verbesserte sich deren Gedächtnisleistung im Vergleich zu einer Kontrollgruppe um bis zu 300 Prozent. Mehr noch: Auch die depressiven Symptome, die vielen Demenzbetroffenen zusetzen, reduzierten sich im Vergleich zur Kontrollgruppe um 325 Prozent.

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