Nervenverletzungen oder krankheitsbedingte Nervenschädigungen führen oft zu dauerhaften Störungen der Motorik, Sensibilität oder chronischen Schmerzen. Für betroffene Patienten hat dies schwerwiegende Beeinträchtigungen der Lebensqualität sowohl in privater als auch in beruflicher Hinsicht zur Folge. Fast acht Prozent der über 55-Jährigen in Deutschland und Europa sind von sogenannten peripheren Neuropathien betroffen.
Das periphere Nervensystem verstehen
Das periphere Nervensystem (PNS) umfasst aus anatomischer Sicht jenen Teil der Nerven, der nicht zum zentralen Nervensystem (ZNS) gehört - also nicht innerhalb des Schädels oder des Wirbelkanals liegt. Die Nerven des PNS sind allerdings funktionell mit dem zentralen Nervensystem verbunden. Sie leiten Impulse aus dem Gehirn und Rückenmark an die zu versorgenden Organe und Gewebe weiter und sorgen damit für eine physiologische Reaktion an den Zielorganen.
Das periphere Nervensystem besteht aus zwei unterschiedlichen Anteilen:
- Das somatische (willkürliche) Nervensystem ist für die Ausführung willkürlicher Bewegungen und für Reflexe zuständig. Bei den meisten Polyneuropathien sind Nerven des willkürlichen Nervensystems betroffen.
Ursachen von Nervenschädigungen
Nervenschädigungen können durch eine Vielzahl von Ursachen hervorgerufen werden. Diese Schädigungen entstehen, wenn die Nerven nicht mehr richtig funktionieren oder geschädigt werden, was zu Schmerzen, Taubheitsgefühlen, Schwäche oder anderen neurologischen Symptomen führen kann.
Insgesamt sind mehr als 200 Auslöser für Erkrankungen aus dem neuropathischen Formenkreis bekannt. Die erworbene Polyneuropathie ist mit Abstand die häufigere Form der Erkrankung - sie entwickelt sich als Folge einer anderen Erkrankung oder durch einen externen Auslöser.
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Häufige Ursachen sind:
- Diabetes mellitus: Diabetiker sind besonders gefährdet, an einer erworbenen Polyneuropathie zu erkranken. Es kommt zu Schädigungen der kleinsten Gefäße, die die peripheren Nerven versorgen. Diese sogenannte diabetische Polyneuropathie beginnt oft in den Zehen und Füßen und ist durch ein herabgesetztes Schmerz- und Temperaturgefühl gekennzeichnet.
- Alkoholmissbrauch: Die zweite häufige Form der erworbenen Polyneuropathie ist die alkoholische Polyneuropathie oder alkoholbedingte Neuropathie. Dabei kommt es durch die neurotoxischen (nervenschädigenden) Wirkungen chronischen Alkoholkonsums zu funktionellen Beeinträchtigungen der peripheren Nerven.
- Intensivmedizinische Behandlungen: Eine dritte erworbene Polyneuropathie ist die Critical-illness-Polyneuropathie, wo der Körper als Fehlleitung des Immunsystems die Nerven des peripheren Nervensystems schädigt. Dies tritt z. B. im Rahmen langwieriger intensivmedizinischer Behandlungen auf und äußert sich vor allem in schwindender Kraft und Muskelmasse in der Extremitäten- und Rumpfmuskulatur. In schwerwiegenden Formen können weitgehende Bewegungsunfähigkeit und Schluckstörungen resultieren. Mit Beendigung der intensivmedizinischen Behandlung bessert sich der Befund meist wieder, was durch intensive therapeutische Behandlungen gefördert werden kann.
- Autoimmunerkrankungen: Eine weitere wichtige Sonderform der Polyneuropathie ist eine Schädigung durch das eigene Immunsystem (autoimmune Ursache) z. B. bei langwierigen intensivmedizinischen Behandlungen (Critical-illness-Polyneuropathie).
- Erbkrankheiten: Angeborene Polyneuropathien sind dagegen relativ selten. Ihnen liegen vererbbare Krankheiten wie Enzymdefekte, veränderte Proteine oder eine eingeschränkte Nervenleitgeschwindigkeit zugrunde. Sie unterscheiden sich aus diesem Grund meist auch in der Symptomatik von den erworbenen Polyneuropathien.
- Unfälle und Verletzungen: Direkte Verletzungen, wie z. B. führen manchmal dazu, dass periphere Nerven geschädigt werden.
- Kompression: Eine anhaltende Kompression, z. B.
- Medikamente: Einige Chemotherapien oder andere Arzneimittel können als Nebenwirkung Nervenschäden hervorrufen.
- Vitamin-B-Mangel: Vitamine der B-Gruppe, insbesondere B1, B6 und B12, sind wichtig für die Funktion und Regeneration der Nerven.
- Erbkrankheiten: Einige Erkrankungen, wie die Charcot-Marie-Tooth-Krankheit, sind genetisch bedingt und führen zu Nervenschäden und Muskelschwäche.
- Degenerative Veränderungen: Mit zunehmendem Alter nehmen die Regenerationsfähigkeit und die Leitfähigkeit der Nerven ab. Degenerative Prozesse, wie sie z. B.
- Idiopathische Nervenschädigungen: In einigen Fällen bleibt die genaue Ursache einer Nervenschädigung ungeklärt (idiopathisch).
- Chronischer Stress: Chronischer Stress hat weitreichende Auswirkungen auf den Körper hat, die indirekt auch Nerven schädigen können. Direkte Nervenschädigungen durch Stress sind seltener als indirekte Effekte. Chronische Muskelverspannungen durch Stress können Nerven einklemmen (z.B. im Nacken-Schulter-Bereich oder im Becken), was zu Symptomen wie Taubheit, Kribbeln oder Schmerzen führt. Auch die Schmerzwahrnehmung kann unter Stress verstärkt werden.
Symptome von Nervenschädigungen
Zu Beginn der Krankheit nehmen Patienten in Fingern, Händen, Zehen und Füßen ein Kribbeln oder Taubheitsgefühle wahr. Oft werden diese Symptome von Schmerzen oder Krämpfen begleitet. Im Verlauf der Erkrankung kommt es ohne Behandlung zur Verschlimmerung der Symptomatik, vor allem des Schmerzempfindens.
Eine Nervenschädigung kann sich auf verschiedene Weisen bemerkbar machen:
- Taubheitsgefühle
- Kribbeln
- Anhaltende Schmerzen (brennend, stechend, elektrisch, pulsierend, dumpf, ziehend)
- Muskelschwäche oder -lähmungen
- Sensorische Veränderungen (verändertes Tastempfinden)
- Gestörte Koordination
- Probleme mit der Blasenkontrolle
- Verdauungsstörungen
- Unerklärliche Müdigkeit
- Schlafstörungen
Häufig betroffene Nerven
Ein besonders häufig geschädigter Nerv ist der Nervus peroneus communis (gemeinsamer Wadenbeinnerv). Dieser Nerv ist aufgrund seiner anatomischen Lage und seines Verlaufs im Bereich des Beins anfällig für Verletzungen und Schädigungen.
Weitere häufig betroffene Nerven sind:
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- Nervus medianus (Mittelarmnerv): Ursachen Der Nervus medianus wird häufig beim Karpaltunnelsyndrom komprimiert. Durch die Verengung des Karpaltunnels (z. B. Symptome bei Schädigung Typischerweise kommt es zu Schmerzen, Taubheitsgefühlen und Kribbeln im Bereich des Daumens, Zeige- und Mittelfingers. Oft tritt nachts ein Einschlafen der Hand auf, und bei länger anhaltenden Schädigungen kann die Greiffähigkeit der Hand eingeschränkt sein.
- Nervus ulnaris (Ellennerv): Ursachen Der Nervus ulnaris verläuft entlang des Ellenbogens und ist besonders anfällig für eine Kompression am sogenannten „Musikantenknochen“ (Sulcus nervi ulnaris). Symptome bei Schädigung Eine Schädigung führt zu Kribbeln und Taubheitsgefühlen im Ring- und Kleinfinger.
- Nervus radialis: Ursachen Der Nervus radialis kann durch äußeren Druck geschädigt werden, z. B. Symptome bei Schädigung: Eine Schädigung des Nervus radialis führt typischerweise zu einer „Fallhand“, bei der das Heben der Hand erschwert ist.
- Nervus ischiadicus (Ischiasnerv): Ursachen: Der Nervus ischiadicus ist der längste Nerv im menschlichen Körper und verläuft von der Lendenwirbelsäule über das Gesäß bis in das Bein. Symptome bei Schädigung: Typische Beschwerden sind Schmerzen, die vom Rücken bis ins Bein ausstrahlen, Taubheitsgefühle und Schwäche im Bein. Ischiasschmerzen werden oft durch eine Reizung oder Kompression des Nervs verursacht, was zu starken Schmerzen, Taubheitsgefühlen oder Kribbeln im unteren Rücken, Gesäß und entlang des Beins bis zum Fuß führen kann.
Diagnose von Nervenschäden
Die Diagnostik der Krankheit erfordert einige Erfahrung. Der behandelnde Arzt wird Sie zunächst zu Ihrer medizinischen Vorgeschichte und der Intensität und Dauer der Beschwerden befragen, um Hinweise auf mögliche Ursachen zu finden. Gegebenenfalls wird der Neurologe auch untersuchen, ob eine schwere Nierenerkrankung vorliegt, die ebenfalls als Verursacher einer Polyneuropathie in Frage kommt.
Die Diagnose von Nervenschäden im Bein beginnt oft mit einer gründlichen Anamnese und körperlichen Untersuchung durch einen Arzt.
Weitere Diagnoseverfahren sind:
- Bildgebende Verfahren (MRT, CT): Bildgebende Verfahren wie MRT- oder CT-Scans können verwendet werden, um strukturelle Probleme wie Bandscheibenvorfälle oder Tumore zu identifizieren, die auf Nerven drücken könnten.
- Elektromyographie (EMG) und Nervenleitgeschwindigkeitstests (NLG): Elektromyographie (EMG) und Nervenleitgeschwindigkeitstests können die Funktion und Geschwindigkeit der Nervenleitung überprüfen. Die Nervenleitgeschwindigkeitsprüfung (NLG) ist eine Untersuchung, die oft von Neurologen oder spezialisierten Neurophysiologen durchgeführt wird, nicht vom Orthopäden. Dabei werden Elektroden platziert, um die Geschwindigkeit elektrischer Impulse entlang der Nerven zu messen. Diese Testmethode kann helfen, Nervenschäden zu lokalisieren und ihre Schwere zu bestimmen, indem sie die Funktion der Nervenleitung bewertet.
- Nervenbiopsie: In einigen Fällen kann eine Nervenbiopsie durchgeführt werden, um die Ursache für die Schädigung genauer zu bestimmen.
- Röntgen: Ein Röntgenbild wird typischerweise bei der Untersuchung von Nervenschäden eingesetzt, um strukturelle Ursachen auszuschließen oder zu identifizieren, die die Nerven beeinträchtigen könnten. Es ist besonders nützlich, um Knochenanomalien, Verletzungen, Wirbelsäulendeformitäten oder Tumore zu erkennen, die auf Nerven drücken könnten. Bei Verdacht auf Wirbelsäulenverletzungen, Bandscheibenvorfälle oder Arthrose kann ein Röntgenbild Klarheit bieten. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass Röntgenbilder eher strukturelle als funktionelle Informationen liefern und für die Beurteilung von Nervenfunktionen weniger geeignet sind.
- MRT vom Nervenverlauf: Ein MRT (Magnetresonanztomographie) des Nervenverlaufs ist oft dann sinnvoll, wenn eine detaillierte Darstellung des Nervs oder seiner umliegenden Strukturen notwendig ist, um die Ursache eines Nervenschadens zu ermitteln. Bei komplexen Nervenschäden, die nicht durch andere bildgebende Verfahren wie Röntgen oder CT klar diagnostiziert werden können, bietet das MRT eine hochauflösende Ansicht der Nerven und deren Umgebung. Es ist besonders nützlich, um Nervenkompressionen, Tumore, Entzündungen oder Verletzungen genau zu lokalisieren und zu beurteilen.
- Muskelfunktionsanalyse (EMG): Lumedis zeichnet sich durch eine spezialisierte Muskelfunktionsanalyse (EMG - Elektromyographie) bei der Behandlung von Nervenschäden aus. Diese hochentwickelte diagnostische Methode ermöglicht eine präzise Beurteilung der Nerven- und Muskelfunktion durch Messung elektrischer Aktivitäten im Muskelgewebe. Die EMG kann helfen, die genaue Lokalisation, den Schweregrad und die Ursache der Nervenschädigung zu bestimmen, was eine gezieltere Behandlung ermöglicht. Besonders die Kombination verschiedener Diagnosemethoden miteinander gibt ein umfassendes Bild, wie man dem Patienten am besten helfen kann. Besonders bei chronischen Verspannungen und Funktionsstörungen der Muskeln kann eine kombinierte EMG Untersuchung besonders gut helfen.
- Kraftmessung: Die Kraftmessung ist eine wichtige Methode zur Beurteilung von Nervenschäden. Durch gezielte Tests wie die manuelle Muskelkraftprüfung oder die Verwendung von speziellen Geräten kann die Stärke und Funktionalität der Muskeln gemessen werden, die von den betroffenen Nerven innerviert werden. Diese Tests helfen dabei, den Grad der Muskelschwäche oder -lähmung zu quantifizieren, was eine genaue Beurteilung des Ausmaßes der Nervenschädigung ermöglicht.
Behandlung von Nervenschäden
Die Therapie der Polyneuropathie richtet sich nach der festgestellten Ursache und nach dem Beschwerdebild. Die Behandlung einer Nervenschädigung konzentriert sich primär auf die Behandlung der zugrunde liegenden Ursache.
Konservative Behandlungsmethoden
- Schmerztherapie: Gegen die Schmerzsymptomatik werden Pregabalin oder Gabapentin sowie alternativ Duloxetin oder Amitriptylin eingesetzt. Diese Medikamente modifizieren die Schmerzwahrnehmung auf unterschiedlichen Wegen und haben sich als effektiver gegenüber klassischen Schmerztabletten erwiesen. Hierzu bedarf es der Unterstützung eines erfahrenen Neurologen oder Schmerztherapeuten.
- Physiotherapie und Ergotherapie: Physiotherapeutische und physikalische Maßnahmen sind als langfristige Behandlungen am effektivsten. Bei Nervenschäden können gezielte Übungen Teil der Behandlung sein, um die Muskelkraft, Koordination und Mobilität zu verbessern. In der Physiotherapie und Krankengymnastik lernen Sie einzeln oder in der Gruppe verschiedene Techniken und Übungen kennen, mit denen Sie Ihre Gefühlsstörung, Gleichgewichts- oder Bewegungsfunktionen wieder verbessern können. In der Ergotherapie wenden wir gestalterische und handwerkliche Techniken an, um die Feinmotorik und das Tastvermögen wieder zu stärken.
- Psychologische Betreuung: Nervenschmerzen können eine starke psychische Belastung sein. Um Depressionen oder Angststörungen vorzubeugen, kann daher eine psychologische Behandlung sinnvoll sein.
- Rehabilitation: Wenn bisherige Behandlungen nicht zur gewünschten Beschwerdefreiheit geführt haben, ist ein Reha-Aufenthalt eine sinnvolle therapeutische Ergänzung.
- TENS-Gerät: Ein TENS-Gerät (Transkutane Elektrische Nervenstimulation) ist ein tragbares Gerät, das elektrische Impulse über Elektroden an die Haut abgibt, um Schmerzen zu lindern. Es wird oft bei der Behandlung von neuropathischen Schmerzen eingesetzt, indem es die Nervenstimulation verändert und die Schmerzsignale zum Gehirn blockiert. Das Gerät kann verschiedene Einstellungen für Intensität und Frequenz der elektrischen Impulse haben und wird oft als nicht-invasive Methode zur Schmerzlinderung genutzt.
- Nahrungsergänzungsmittel: Vitamin B-Komplexe, insbesondere B1 (Thiamin), B6 (Pyridoxin) und B12 (Cobalamin), werden oft zur Unterstützung bei Nervenschäden eingesetzt. Diese Vitamine spielen eine Rolle bei der Nervenfunktion und können helfen, Nervenschäden zu reparieren und die Regeneration zu fördern. B-Vitamine können in einigen Fällen helfen, neuropathische Schmerzen zu lindern und die Gesundheit der Nerven zu verbessern, aber ihre Wirksamkeit kann je nach Ursache und Schweregrad der Schädigung variieren. Keltican und Doloctan sind Nahrungsergänzungsmittel, die speziell für die Unterstützung bei Nervenschäden entwickelt wurden. Sie enthalten eine Kombination von Vitaminen (B1, B6, B12) sowie weiteren Inhaltsstoffen wie Alpha-Liponsäure oder Myo-Inositol, die zur Regeneration und Funktion der Nerven beitragen sollen. Diese Präparate werden häufig als unterstützende Maßnahme zur Behandlung von Nervenschäden eingesetzt, um die Nervengesundheit zu fördern.
- Hausmittel: Bei Nervenverletzungen kann sowohl Wärme als auch Kälte ein hilfreiches Hausmittel sein. Wärmeanwendungen können durch Bäder, Heizkissen oder Rotlichtanwendungen erfolgen. Für Kälteanwendungen eignen sich Kühlkompressen gut. Bei chronischen Nervenverletzungen hilft gezielte Bewegung, um die auftretenden Schmerzen zu lindern. Chili ist ein scharfes Gewürz und verfeinert das Essen. Das im Chili enthaltene Capsaicin ist ein altes Hausmittel gegen auftretende Nervenverletzungen. In einer Salbe äußerlich angewendet oder als Inhaltsstoff eines Pflasters fördert Capsaicin die Durchblutung und wirkt gleichzeitig schmerzlindernd. Bei Nervenverletzungen an den Füßen sollte man auf bequemes Schuhwerk zurückgreifen. Modische Schuhe sind oft eng geschnitten mit hohem Absatz, um einen schmalen Fuß zu zeigen.
Operative Behandlungsmethoden
In einigen Fällen, insbesondere bei Engpasssyndromen oder Nervenverletzungen, kann ein operativer Eingriff erforderlich sein.
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- Engpasssyndrome: Bei den sogenannten Engpasssyndromen gilt es, den eingeklemmten oder gequetschten Nerven aus seiner misslichen Lage zu befreien, damit er keinen weiteren Schaden nimmt. Solche Engpasssyndrome treten meist in bestimmten Bereichen wie am Handgelenk oder Fußknöchel auf, wo aufgrund der anatomischen Enge schon geringe Schwellungen oder Massenzunahmen zu einer Quetschung des Nerven führen können. Auslöser können z.B.
- Karpaltunnelsyndrom: Bei der offenen Operation wird nach einem Hautschnitt an der Innenseite des Handgelenkes das bindegewebige Mittelband (Retinaculum flexorum) durchtrennt, um den Nerven mehr Platz zu verschaffen. Ggf. Bei der minimal-invasiven (endoskopischen) Vorgehensweise wird über zwei kleine Hautschnitte das schmale Operationsinstrument in die Hohlhand eingeführt und die Druckentlastung der betroffenen Nerven durch eine Durchtrennung des Mittelbandes quasi von „innen“ vorgenommen. Zum Abschluss des Eingriffs werden die Hautschnitte vernäht und ein fester Verband angelegt.
- Tarsaltunnelsyndrom: Beim Tarsaltunnelsyndrom ist der N. tibialis unterhalb des Innenknöchels analog zum Karpaltunnelsyndrom im sogenannten Tarsaltunnel eingeklemmt. Der Eingriff erfolgt ähnlich wie beim Karpaltunnelsyndrom.
- Tibialis-anterior-Syndom: Beim Tibialis-anterior-Syndom wird der Tibialis-Nerv im Bereich der Unterschenkelmuskulatur gequetscht. Die Muskulatur ist hier von einer derben, wenig dehnbaren Hülle umgeben. Nimmt die Muskelmasse zu, z.B. durch Überlastung, Wassereinlagerung oder Einblutungen nach einem Muskelfaseriss, kann der Nerv nicht ausweichen und wird gequetscht.
- Nervenverletzungen: Bei Nervenverletzungen wird der verletzte Nerv unter Lupen- oder Mikroskopsicht zuerst freigelegt und - falls möglich - die beiden Enden spannungslos wieder zusammengenäht. Sind die beiden Nervenenden durch die Verletzung soweit voneinander entfernt worden, dass sie nicht mehr spannungsfrei zusammengefügt werden können, erfolgt eine Nerventransplantation. Hierzu wird je nach Länge und Dicke das fehlende Nervenstück durch einen entbehrlichen Hautnerven ersetzt, der vorher an anderer Stelle entnommen wurde, wo der Nerv entbehrlich ist.
Innovative Therapieansätze
Ein Kölner Forschungsteam des Zentrums für Pharmakologie stellt eine Studie vor, in welcher ein möglicher Wirkstoff zur Nervenregeration untersucht wurde.
Nervenfasern (Axone) leiten Signale vom Gehirn und Rückenmark über Nerven zu den Zielorganen wie Muskeln oder Haut und umgekehrt. Deren Schädigung führt daher zu einer Verbindungsunterbrechung und als Konsequenz zu Lähmungen oder Taubheit. Die Erfolgschancen für eine Genesung hängen vor allem von der Geschwindigkeit ab, mit der die gekappten Fasern nachwachsen. Diese ist zeitlich limitiert, sodass letztlich nur kurze Strecken überwunden werden können. Bei Nervenverletzungen in Beinen und Armen bleiben daher oft dauerhaft Schäden zurück, die später auch von neuropathischen Schmerzen begleitet sind. Ein wesentliches Ziel der Forschung ist daher die Entwicklung von Therapien zur Beschleunigung des Nervenfaserwachstums. Diese gibt es aber bis heute, trotz intensiver weltweiter Forschung, noch nicht.
Diesem Ziel könnten nun das Kölner Forscherteam um Dr. Philipp Gobrecht und Univ.-Prof. Dr. Dietmar Fischer, Direktor des Zentrums für Pharmakologie der Uniklinik Köln, nähergekommen sein. In einer neu veröffentlichten Studie im Journal of Neuroscience untersuchten sie Proteine, sogenannte Vasohibine, die den Zustand des Skelets der axonalen Wachstumsspitzen (Mikrotubuli) beeinflussen. Sie stellten fest, dass sich das Gleichgewicht zwischen detyrosinierten und tyrosinierten Mikrotubuli zwischen erwachsenen Tieren und neugeborenen unterscheidet. Dies ist daher von Relevanz, da das axonale Wachstum bei Neugeborenen durch optimal tyrosinierte Mikrotubuli fast doppelt so hoch ist wie bei Erwachsenen. Mithilfe eines definierten Inhaltsstoffes aus dem Mutterkraut (Tanacetum Parthenium) wurden die Vasohibine so stark gehemmt, dass sich das Gleichgewicht zwischen detyrosinierten und tyrosinierten Mikrotubuli bei Nervenzellen von adulten Tieren dem von neugeborenen Tieren annäherte. Dies führte bei adulten Nervenzellen zu einer deutlichen Beschleunigung der axonalen Regeneration. Bemerkenswert ist, dass die Forscher auch im lebenden Tier zeigen konnten, dass Parthenolid nach täglicher intravenöser Gabe den Heilungsprozess von geschädigten Nerven deutlich beschleunigt, sodass die Tiere nach einer Behandlung deutlich früher wieder ihre Zehen bewegen und Reize spüren konnten. Eine modifizierte Form von Parthenolid, die auch oral verabreicht werden kann, zeigte hierbei ähnliche Effekte.
„Versuche an menschlichen Nervenzellen haben bereits eine regenerationsfördernde Wirkung gezeigt. Bis der Wirkstoff allergindings in der Theaphie Verwendung finden kann, sind noch weitere Untersuchungen in klinischen Studien notwendig", sagt Prof. Fischer.
Unterstützung der Nervenregeneration durch Uridinmonophosphat (UMP)
Bei einer peripheren Nervenschädigung sind meist die Myelin produzierenden Schwann-Zellen der peripheren Nerven betroffen, sodass ein wesentlicher Aspekt der Behandlung in der Regeneration und dem Schutz der Myelinscheide besteht. In klinischen Modellen zu Myelinscheiden- Schädigungen hat sich die Gabe von Nukleotiden wie Uridinmonophosphat (UMP) als sinnvoller Ansatz erwiesen.
UMP besteht aus den Komponenten Uracil, einer Ribose sowie Phosphat. Das Pyrimidinnukleotid ist ein natürlicher Bestandteil der in allen Zellen vorkommenden Ribonukleinsäure (RNA). UMP kann mit weiteren Phosphaten energiereiche Verbindungen eingehen und als Bestandteil gruppenübertragender Coenzyme mit der abgegebenen Energie zahlreiche Stoffwechselreaktionen aktivieren. Dadurch wird die Synthese von Phospho- und Glykolipiden sowie Glykoproteinen angeregt und der Wiederaufbau der Myelinschicht unterstützt. Zusätzlich fördert UMP als RNA-Baustein die Biosynthese von Strukturproteinen und Enzymen. Insgesamt trägt die gezielte Stimulation des Nervenstoffwechsels zur Unterstützung der physiologischen Reparaturmechanismen nach Nervenläsionen bei.
UMP in Form von Nahrungsergänzungsmitteln„Wenn ein Nerv wachsen soll, sollte Uridinmonophosphat in ausreichender Menge vorhanden sein. In Kombination mit Vitamin B12 und Folsäure ist es ein wichtiger Baustein, um das optimale Millieu für eine Regeneration zu schaffen“, erläuterte Wimmer. Enthalten ist UMP sowohl in tierischen als auch in pflanzlichen Lebensmitteln. Um aber die benötigte Menge zu sich zu nehmen, können Nahrungsergänzungsmittel mit entsprechend hoher UMP-Konzentration in die Therapie zur Unterstützung der Nervenregeneration einbezogen werden. Diese sollten regelmäßig und über einen längeren Zeitraum von mindestens 60 Tagen eingenommen werden, da die Regeneration zerstörter Nervenfasern Zeit benötigt. „Für alle Patienten mit Nervenschädigungen, insbesondere bei langfristigen Beschwerden, kann die Einnahme von UMP in Verbindung mit Vitamin B12 und Folsäure empfohlen werden“, so Wimmer.
Falsch „verschaltete“ Schmerzrezeptoren als Ursache chronischer Schmerzen
Selbst ausgeheilte Nervenverletzungen hinterlassen häufig chronischen Schmerz und Überempfindlichkeit gegenüber sanften Berührungen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Pharmakologischen Instituts und des Instituts für Anatomie und Zellbiologie der Medizinischen Fakultät Heidelberg (MFHD) haben nun im Tierversuch gezeigt, dass fehlerhafte „Verschaltungen“ der Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) zu einer bisher noch nicht untersuchten Form sogenannter neuropathischer Schmerzen führen. Sie treten erst im Zuge der Regeneration von Nervenverbindungen beim Ausheilen der Verletzung auf.
Bei chronischen Schmerzen wird zwischen nozizeptiven und neuropathischen Schmerzen unterschieden. Nozizeptive Schmerzen haben ihren Ursprung in Gewebeverletzungen, neuropathische Schmerzen in der Schädigung der Nervenfasern selbst. Nerventraumata oder Quetschungen, bei welchen verletzte und intakte Nervenfasern in direktem Kontakt stehen, sind besonders anfällig für die Entwicklung chronischer neuropathischer Schmerzen. Die neuen Ergebnisse zeigen nun, dass die chronischen Schmerzen nicht etwa durch die eigentliche Verletzung entstehen, sondern auf einer fehlerhaften Nervenregeneration sowie auf einer fehlerhaften Wiederherstellung der nervalen Versorgung, der sogenannten Reinnervation, beruhen.
Während sich die taktilen Nervenfasern, die Berührungsreize an Rückenmark und Gehirn weiterleiten, nach der Verletzung nicht oder nur langsam regenerieren - daher das anfängliche Taubheitsgefühl -, sind die schmerzleitenden Fasern dazu schneller in der Lage. Sie nehmen statt der sensorischen Fasern den Platz der gekappten Berührungssensoren in der Haut ein. Die Folge: Jeder taktile Reiz wirkt nun wie ein Schmerzreiz - selbst ein sanftes Streicheln oder das Gefühl von Kleidung auf der Haut kann dann Schmerzen verursachen.
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