Migräne ist mehr als nur Kopfschmerz. Sie ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die das Leben vieler Menschen beeinträchtigt. Etwa ein Prozent aller Menschen erleidet wöchentlich einen Migräneanfall. Die Betroffenen nehmen während einer Attacke mitunter auch die Umwelt oder ihren eigenen Körper verzerrt wahr. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Migräne, insbesondere die der Augenmigräne und der Migräne mit Aura, ihre vielfältigen Symptome, und zeigt verschiedene Behandlungsansätze auf, um Betroffenen zu helfen, besser mit dieser Erkrankung umzugehen.
Migräne: Eine Volkskrankheit mit vielfältigen Erscheinungsformen
"Migräne sind Kopfschmerzen, auch wenn man gar keine hat", schrieb Erich Kästner. Dieser Satz verdeutlicht die Komplexität der Migräne. Tatsächlich verspüren etwa fünf Prozent der Migränepatienten gar kein Kopfweh oder haben auch schmerzfreie Attacken. Migräne ist eine Volkskrankheit: Zwei von fünf Frauen und einer von fünf Männern leiden wenigstens einmal im Leben darunter. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass Migräne für fast drei Prozent aller Krankheitslasten weltweit verantwortlich ist. In der Rangliste der am schwersten belastenden Krankheiten steht Migräne an achter Stelle und sogar auf Platz eins, wenn man nur die neurologischen Störungen betrachtet.
Ursachen von Migräne: Ein komplexes Zusammenspiel von Faktoren
Die genauen Ursachen von Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren eine Rolle spielt. Veränderungen in der Durchblutung des Gehirns, neurologische Veränderungen, hormonelle Schwankungen und bestimmte Auslöser können Migräneattacken provozieren.
Mögliche Ursachen und Auslöser:
- Veränderungen in der Durchblutung: Eine unregelmäßige Durchblutung im Gehirn und den Blutgefäßen kann zur Entwicklung von Migräne beitragen. Vasokonstriktion (Verengung der Blutgefäße) und Vasodilatation (Erweiterung der Blutgefäße) können eine Rolle spielen.
- Neurologische Veränderungen: Es wird vermutet, dass eine gestörte neuronale Aktivität im Gehirn, insbesondere im Bereich der Sehbahn, zu den visuellen Symptomen der Augenmigräne führen kann.
- Genetische Veranlagung: Es gibt Hinweise darauf, dass eine genetische Veranlagung für Migräne auch das Risiko für Augenmigräne erhöhen kann. Eine familiäre Häufung von Migräneerkrankungen deutet darauf hin, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen könnten.
- Hormonelle Veränderungen: Hormonelle Veränderungen, insbesondere bei Frauen, können Auslöser für Migräne sein. Beispielsweise können hormonelle Schwankungen während des Menstruationszyklus, der Schwangerschaft oder der Menopause Migräneepisoden auslösen.
- Auslösende Faktoren: Es gibt bestimmte Auslöser, die bei manchen Menschen Migräne auslösen können. Dazu gehören Stress, Schlafmangel, bestimmte Lebensmittel oder Getränke (z. B. Koffein, Alkohol), grelles Licht, starke Gerüche oder Umweltreize.
Es ist wichtig zu beachten, dass nicht alle Menschen auf dieselben Auslöser reagieren. Jeder Mensch kann unterschiedliche individuelle Auslöser haben. Es kann hilfreich sein, ein Migränetagebuch zu führen, um potenzielle Auslöser zu identifizieren und zu vermeiden.
Augenmigräne: Wenn visuelle Störungen im Vordergrund stehen
Augenmigräne, auch bekannt als ophthalmische Migräne oder retinale Migräne, ist eine spezielle Form der Migräne, die mit visuellen Symptomen und Beschwerden im Zusammenhang mit den Augen einhergeht. Die Häufigkeit von Augenmigräne ist geringer als bei der klassischen Migräne. Es wird angenommen, dass etwa 20% der Menschen mit Migräneerkrankungen auch Augenmigräne erleben. Frauen sind etwas häufiger von Augenmigräne betroffen als Männer. Im Gegensatz zur klassischen Migräne, bei der starke Kopfschmerzen das Hauptsymptom sind, stehen bei der Augenmigräne die visuellen Störungen im Vordergrund.
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Typische Symptome der Augenmigräne:
- Flimmern oder Lichtblitze: Während einer Augenmigräne-Episode können Betroffene flimmernde Lichter oder Blitze im Sichtfeld wahrnehmen. Diese können sich wie ein funkelndes Licht oder Blitzlichter anfühlen und können in verschiedenen Formen und Farben erscheinen.
- Zickzacklinien oder wellenförmige Muster: Ein häufiges visuelles Symptom sind Zickzacklinien oder wellenförmige Muster, die sich durch das Sichtfeld bewegen können. Diese Linien können sich langsam bewegen oder schnell hin und her schwingen.
- Verschwommenes Sehen: Während einer Augenmigräne-Episode kann das Sehen vorübergehend verschwommen sein. Die Sicht kann unscharf oder verwischt erscheinen, was die Lesefähigkeit oder das Erkennen von Details beeinträchtigen kann.
- Tunnelblick: Einige Menschen erleben während einer Augenmigräne einen Tunnelblick, bei dem das periphere Sichtfeld eingeschränkt ist und sich das Sehen auf einen schmalen Bereich in der Mitte des Sichtfelds konzentriert.
- Blindheit auf einem Auge: In seltenen Fällen kann es zu vorübergehender Sehblindheit auf einem Auge kommen. Dies wird als monokulare Blindheit bezeichnet und kann mehrere Minuten bis zu einer Stunde dauern.
Es ist wichtig zu beachten, dass Augenmigräne in der Regel keine Kopfschmerzen verursacht. Bei einigen Menschen können jedoch leichte Kopfschmerzen oder Migränesymptome wie Übelkeit oder Lichtempfindlichkeit im Anschluss an die visuellen Symptome auftreten. Die Dauer der Symptome kann variieren. In der Regel dauert eine Episode von Augenmigräne etwa 10 bis 30 Minuten, kann aber auch bis zu eine Stunde andauern.
Migräne mit Aura: Wahrnehmungsstörungen als Vorbote
Bei der Augenmigräne kann eine sogenannte Aura auftreten. Eine Aura ist eine vorübergehende Störung des Sehvermögens, die in der Regel kurz vor dem Beginn der Migräne-Kopfschmerzen auftritt. Sie kann jedoch auch ohne Kopfschmerzen auftreten. Die Aura bei Augenmigräne kann verschiedene visuelle Symptome umfassen, die typischerweise schrittweise auftreten und etwa 20 bis 60 Minuten anhalten.
Häufige Merkmale einer Aura bei Augenmigräne:
- Flimmerskotome: Flimmernde oder funkelnde Lichter, die sich im Sichtfeld bewegen und das Sehen beeinträchtigen können. Sie können als helle Blitze, Zickzacklinien oder Wellenmuster wahrgenommen werden.
- Geblendetes Sehen: Plötzliche, vorübergehende Blendung oder das Gefühl, dass eine Lichtquelle sehr hell ist.
- Verzerrtes Sehen: Verzerrungen des Sichtfelds, bei denen Objekte in ihrer Form oder Größe verändert erscheinen.
- Gesichtsfeldausfälle: Das Auftreten von schwarzen oder blinden Flecken im Sichtfeld, die das Sehen von bestimmten Bereichen einschränken können.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Aura bei Augenmigräne normalerweise reversibel ist und die Sehfunktion nach dem Abklingen der Symptome vollständig wiederhergestellt wird. Bei einigen Menschen können jedoch nach der Aura-Komponente auch Kopfschmerzen oder andere Migräne-Symptome auftreten.
Atypische Migräne-Aura
Von der typischen Migräne-Aura werden atypische Auren unterschieden. Darunter fällt die Migräne mit Hirnstammaura. Betroffene leiden an Hirnstammsymptomen wie Drehschwindel, Tinnitus, Doppelbildern oder Bewusstseinsstörungen. Eine hemiplegische Migräne diagnostizieren Ärzte, wenn die Aura mit motorischen Störungen wie einer halbseitigen Lähmung einhergeht. Die motorischen Symptome können länger andauern als andere Aura-Symptome, sie bilden sich aber innerhalb von 72 Stunden ebenfalls wieder vollständig zurück. Sind in der Familie (ersten oder zweiten Verwandtschaftsgrades) ähnliche Migränefälle bekannt, wird die Migräne noch spezifischer als familiär hemiplegische Migräne definiert. Eine weitere atypische Form ist die retinale Migräne. Charakteristisch für diese sehr seltene Migräneform sind vorübergehende, visuelle Phänomene wie plötzliches Flimmern vor dem Auge, Gesichtsfeldausfälle (Skotome) oder eine Erblindung.
Diagnose: Abgrenzung zu anderen Erkrankungen
Bei der Diagnose von Migräne mit Aura müssen Ärzte andere mögliche Ursachen ausschließen. Das ist wichtig, weil eine Sehstörung zum Beispiel auch ein Indiz für eine Durchblutungsstörung oder Augenerkrankung sein kann. Besonders problematisch ist die Abgrenzung zum Schlaganfall, da Symptome wie Taubheitsgefühl oder Sprachstörungen auch für einen Schlaganfall sprechen können.
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Differenzialdiagnosen:
- Retinale Probleme: Retinale Probleme wie Netzhautablösung, Netzhautriss oder Makuladegeneration können ähnliche visuelle Symptome wie Augenmigräne verursachen.
- Glaukom: Glaukom, auch bekannt als grüner Star, ist eine Augenerkrankung, die den Sehnerv schädigt und zu einem progressiven Sehverlust führen kann.
- Augenmuskelerkrankungen: Bestimmte Erkrankungen der Augenmuskeln, wie Okuläre Myasthenie oder Strabismus, können zu Sehstörungen und Augenbeschwerden führen.
- Augeninfektionen: Augeninfektionen wie Konjunktivitis (Bindehautentzündung) können ebenfalls visuelle Symptome wie Rötung, Schwellung oder Tränenfluss verursachen.
- Neurologische Erkrankungen: Bestimmte neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall, Sehnerventzündung oder Migräne mit Aura können ähnliche visuelle Symptome wie Augenmigräne verursachen.
Behandlung von Migräne: Linderung der Symptome und Vorbeugung von Attacken
Die Behandlung von Migräne zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, die Häufigkeit von Episoden zu reduzieren und den individuellen Bedürfnissen des Patienten gerecht zu werden. Es ist wichtig, mit einem Arzt über Ihre spezifischen Symptome und Behandlungsmöglichkeiten zu sprechen.
Medikamentöse Behandlung:
- Akutmedikation: Zur Behandlung akuter Migräneattacken werden Schmerzmittel wie Ibuprofen, Paracetamol oder Acetylsalicylsäure sowie migränespezifische Medikamente wie Triptane eingesetzt. Gegen Übelkeit helfen zum Beispiel Metoclopramid und Domperidon. Die neue Wirkstoffgruppe der Gepante kann eingesetzt werden, wenn Schmerzmittel oder Triptane nicht wirksam sind oder nicht vertragen werden.
- Prophylaktische Behandlung: Bei häufigen oder schweren Migräne-Attacken können Medikamente helfen vorzubeugen (Prophylaxe). Dafür kommen beispielsweise bestimmte Betablocker oder Krampflöser wie Topiramat oder das Antidepressivum Amitriptylin infrage. Seit einigen Jahren ist in Deutschland eine besondere Antikörpertherapie zur Vorbeugung von Attacken bei chronischer Migräne zugelassen. Die ist gut wirksam, kommt aber nicht für jeden infrage. Ähnlich verhält es sich mit der neuen Wirkstoffgruppe der Gepante.
Selbsthilfemaßnahmen und Lebensstiländerungen:
- Ruhe und Entspannung: Während einer Migräne-Episode ist es wichtig, sich an einen ruhigen Ort zurückzuziehen und sich zu entspannen.
- Dunkelheit: Das Aufsuchen eines abgedunkelten Raums oder das Tragen einer Sonnenbrille kann dabei helfen, empfindliche Augen vor hellem Licht zu schützen und die visuellen Symptome zu reduzieren.
- Auslöser vermeiden: Identifizieren Sie mögliche Auslöser für Ihre Migräne und versuchen Sie, diese so konsequent wie möglich zu vermeiden.
- Stressmanagement: Stressmanagementtechniken wie Entspannungsübungen, Meditation, Yoga oder Atemübungen können helfen, Stress abzubauen und die Häufigkeit von Episoden zu reduzieren.
- Regelmäßiger Schlaf: Stellen Sie sicher, dass Sie ausreichend Schlaf bekommen und einen regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus einhalten.
- Regelmäßige Mahlzeiten: Überspringen Sie keine Mahlzeiten und halten Sie regelmäßige Essenszeiten ein.
- Ausreichende Flüssigkeitsmenge: Stellen Sie sicher, dass Sie ausreichend Flüssigkeit trinken, insbesondere Wasser.
- Augenschutz: Schützen Sie Ihre Augen vor grellem Licht, indem Sie eine Sonnenbrille tragen, insbesondere bei hellem Sonnenlicht oder grellem Kunstlicht.
- Entspannungstechniken für die Augen: Übungen zur Augenentspannung können helfen, die Belastung der Augen zu verringern.
- Regelmäßige Pausen bei Bildschirmarbeit: Wenn Sie viel Zeit vor Bildschirmen verbringen, nehmen Sie regelmäßige Pausen, um Ihre Augen zu entlasten.
Weitere Therapieansätze:
- Remote Electrical Neuromodulation (REN): Dabei werden Nervenfasern außerhalb der Migräneschmerzregion stimuliert. In der Folge schüttet das Gehirn Botenstoffe aus - und der eigentliche Migränekopfschmerz wird unterdrückt.
- Akupunktur: Die Daten zur Wirksamkeit von Akupunktur sind widersprüchlich.
- Verhaltenstherapie: Bei vielen Patienten ist eine Verhaltenstherapie sinnvoll. Die Betroffenen lernen, mit der Migräne zu leben und Stress vorzubeugen.
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Es ist ratsam, einen Arzt aufzusuchen, wenn Sie unter Augenmigräne leiden. Hier sind einige Situationen, in denen es besonders wichtig ist, ärztlichen Rat einzuholen:
- Erstmalige Symptome: Wenn Sie zum ersten Mal Augenmigräne-Symptome erleben, sollten Sie einen Arzt aufsuchen, um eine genaue Diagnose zu erhalten und andere mögliche Ursachen für Ihre Symptome auszuschließen.
- Veränderungen der Symptome: Wenn sich Ihre Augenmigräne-Symptome plötzlich verändern, intensivieren oder länger andauern als zuvor, ist es wichtig, einen Arzt aufzusuchen.
- Beeinträchtigung der Lebensqualität: Wenn die Augenmigräne-Symptome Ihre täglichen Aktivitäten und Ihre Lebensqualität erheblich beeinträchtigen, sollten Sie ärztlichen Rat einholen.
- Begleitende Symptome: Wenn Sie neben den visuellen Symptomen von Augenmigräne zusätzliche Symptome wie starke Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen oder neurologische Symptome haben, sollten Sie einen Arzt aufsuchen.
- Häufige oder schwere Episoden: Wenn Sie häufige oder schwere Episoden von Augenmigräne haben, die sich nicht ausreichend durch Selbsthilfemaßnahmen oder verschreibungspflichtige Medikamente kontrollieren lassen, sollten Sie ärztlichen Rat einholen.
Leben mit Migräne: Eine Herausforderung, die bewältigt werden kann
Migräne kann eine belastende Erkrankung sein, aber es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit ihr umzugehen und die Symptome zu lindern. Durch die Identifizierung von Auslösern, Stressmanagement, medikamentöse Behandlung und Selbsthilfemaßnahmen können Betroffene eine bessere Kontrolle über ihre Migräne-Symptome erlangen und ihre Lebensqualität verbessern. Es ist wichtig, sich nicht entmutigen zu lassen und aktiv nach Lösungen zu suchen, um ein möglichst normales Leben mit Migräne zu führen.
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