Nervus facialis: Anatomie, Funktion und Erkrankungen des Gesichtsnervs

Der Nervus facialis, auch Gesichtsnerv genannt, ist der siebte von zwölf Hirnnerven. Er spielt eine zentrale Rolle bei der Steuerung der Gesichtsmuskulatur, der Geschmacksempfindung und der Funktion von Drüsen im Kopfbereich. Eine Schädigung dieses Nervs kann zu einer Vielzahl von Beschwerden führen, die als Fazialisparese bekannt sind.

Anatomie des Nervus facialis

Der Nervus facialis ist ein komplexer Nerv, der aus verschiedenen Faserarten besteht:

  • Motorische Fasern: Steuern die mimische Muskulatur des Gesichts, einschließlich der Muskeln für Stirnrunzeln, Lächeln und Augenschluss.
  • Sensorische Fasern: Übertragen Geschmacksempfindungen von den vorderen zwei Dritteln der Zunge.
  • Parasympathische Fasern: Innervieren die Tränen-, Nasen- und Mundbodendrüsen und beeinflussen so die Tränen-, Speichel- und Nasensekretion.
  • Sensible Fasern: Versorgen einen kleinen Bereich am Ohr (R. auricularis posterior).

Verlauf des Nervs

Der Nervus facialis entspringt seitlich aus dem Hirnstamm und verläuft durch den inneren Gehörgang in den knöchernen Canalis facialis (Fallop-Kanal) im Felsenbein. Er verlässt den Kanal durch das Foramen stylomastoideum und gelangt in die Ohrspeicheldrüse, wo er sich in seine Endäste für die Versorgung der Gesichtsmuskulatur aufteilt.

Abzweigungen des Nervs

Auf seinem Weg zweigen verschiedene Nerven vom Nervus facialis ab oder treten an ihn heran:

  • N. petrosus major: Führt präganglionäre parasympathische Fasern zu den Tränendrüsen.
  • N. stapedius: Innerviert den Musculus stapedius im Mittelohr, der für die Dämpfung lauter Geräusche verantwortlich ist.
  • Chorda tympani: Enthält Geschmacksfasern für die vorderen zwei Drittel der Zunge und präganglionäre parasympathische Fasern für die Speicheldrüsen.
  • N. auricularis posterior: Versorgt ein kleines Hautgebiet hinter dem Ohr sensibel.

Funktion des Nervus facialis

Der Nervus facialis hat vielfältige Funktionen:

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  • Mimische Muskulatur: Steuerung der Muskeln, die für Gesichtsausdrücke wie Lächeln, Stirnrunzeln, Augenschließen und Wangenblasen verantwortlich sind.
  • Geschmacksempfindung: Übertragung von Geschmacksinformationen von den vorderen zwei Dritteln der Zunge (süß und sauer).
  • Drüsensekretion: Beeinflussung der Tränen-, Speichel- und Nasensekretion.
  • Gehörschutz: Der Musculus stapedius, der vom N. facialis innerviert wird, dämpft laute Geräusche und schützt so das Innenohr.

Erkrankungen des Nervus facialis

Die häufigste Erkrankung des Nervus facialis ist die Fazialisparese, eine Lähmung der Gesichtsmuskulatur. Es wird zwischen zentraler und peripherer Fazialisparese unterschieden.

Zentrale Fazialisparese

Die zentrale Fazialisparese wird durch eine Schädigung im Gehirn verursacht, beispielsweise durch einen Schlaganfall, Multiple Sklerose oder einen Tumor. Typischerweise ist bei einer zentralen Fazialisparese nur die untere Gesichtshälfte betroffen, während die Stirnmuskulatur und der Augenschluss erhalten bleiben. Dies liegt daran, dass die obere Gesichtshälfte von beiden Gehirnhälften versorgt wird.

Periphere Fazialisparese

Die periphere Fazialisparese entsteht durch eine Schädigung des Nervus facialis außerhalb des Gehirns. Die Ursachen können vielfältig sein:

  • Idiopathische Fazialisparese (Bell-Lähmung): Die Ursache ist oft unklar, wird aber mit viralen Infektionen (z.B. Herpes simplex) oder Autoimmunreaktionen in Verbindung gebracht.
  • Infektionen: Herpes Zoster Oticus (Ramsay-Hunt-Syndrom), Borreliose, Otitis media.
  • Trauma: Verletzungen des Gesichts oder Schädels, z.B. bei einer Felsenbeinfraktur.
  • Tumore: Tumore im Bereich des Kleinhirnbrückenwinkels, des Mittelohrs oder der Ohrspeicheldrüse.
  • Entzündliche Erkrankungen: Sarkoidose, Guillain-Barré-Syndrom.

Symptome der Fazialisparese

Die Symptome einer Fazialisparese können je nach Ursache und Ausmaß der Nervenschädigung variieren. Typische Symptome sind:

  • Herabhängender Mundwinkel: Der Mundwinkel auf der betroffenen Seite hängt herab, was zu Schwierigkeiten beim Sprechen und Essen führen kann.
  • Unvollständiger Lidschluss: Das Auge auf der betroffenen Seite kann nicht vollständig geschlossen werden, was zu Trockenheit und Reizungen führen kann. Beim Versuch, das Auge zu schließen, kann die physiologische Aufwärtsbewegung des Augapfels sichtbar werden (Bell-Phänomen).
  • Verstrichene Nasolabialfalte: Die Falte zwischen Nase und Mundwinkel ist auf der betroffenen Seite weniger ausgeprägt.
  • Glatte Stirn: Die Stirn kann auf der betroffenen Seite weniger gerunzelt werden.
  • Geschmacksstörungen: Beeinträchtigung des Geschmacksempfindens auf der vorderen Zungenhälfte.
  • Erhöhte Geräuschempfindlichkeit (Hyperakusis): Kann auftreten, wenn der Musculus stapedius nicht mehr richtig innerviert wird.
  • Tränenfluss: Durch den unvollständigen Lidschluss kann es zu vermehrtem Tränenfluss kommen.
  • Schmerzen: In einigen Fällen können Schmerzen hinter dem Ohr oder im Gesicht auftreten.

Weitere Erkrankungen des Nervus facialis

Neben der Fazialisparese gibt es noch weitere Erkrankungen, die den Nervus facialis betreffen können:

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  • Spasmus hemifacialis: Unwillkürliche, krampfartige Zuckungen der Gesichtsmuskulatur auf einer Seite.
  • Fazialismyokymien: Kontinuierliche, undulierende Bewegungen von Muskelfasern im Versorgungsgebiet des N. facialis.
  • Melkersson-Rosenthal-Syndrom: Seltene neurologische Erkrankung mit rezidivierenden peripheren Fazialisparesen, Schwellungen im Gesichtsbereich und Zungenveränderungen.
  • Möbius-Syndrom: Angeborene faziale Diplegie mit bilateraler Abduzensparese.

Diagnose

Die Diagnose einer Erkrankung des Nervus facialis basiert in der Regel auf einer sorgfältigen Anamnese und einer neurologischen Untersuchung. Dabei werden die Funktion der Gesichtsmuskulatur, der Geschmackssinn und die Reflexe überprüft.

Weitere diagnostische Maßnahmen

  • Elektrophysiologische Untersuchungen: Elektroneurographie (ENG) und Elektromyographie (EMG) können helfen, die Funktion des Nervs zu beurteilen und den Ort der Schädigung zu lokalisieren.
  • Bildgebende Verfahren: Magnetresonanztomographie (MRT) kann eingesetzt werden, um Tumore, Entzündungen oder andere strukturelle Veränderungen im Bereich des Nervus facialis darzustellen.
  • Laboruntersuchungen: Blutuntersuchungen können helfen, Infektionen (z.B. Borreliose, Herpes Zoster) oder andere Grunderkrankungen (z.B. Sarkoidose) zu identifizieren.
  • Lumbalpunktion: In einigen Fällen kann eine Lumbalpunktion erforderlich sein, um eine Entzündung des Nervensystems auszuschließen.

Therapie

Die Therapie einer Erkrankung des Nervus facialis richtet sich nach der Ursache und dem Ausmaß der Schädigung.

Konservative Therapie

  • Medikamentöse Therapie:
    • Kortikosteroide: Bei der idiopathischen Fazialisparese werden Kortikosteroide eingesetzt, um die Entzündung im Nerv zu reduzieren und die Heilung zu fördern.
    • Antivirale Medikamente: Bei viralen Infektionen (z.B. Herpes Zoster) können antivirale Medikamente eingesetzt werden.
    • Antibiotika: Bei bakteriellen Infektionen (z.B. Borreliose) werden Antibiotika eingesetzt.
    • Schmerzmittel: Bei Schmerzen können Schmerzmittel eingesetzt werden.
  • Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Gesichtsmuskulatur zu stärken und die Beweglichkeit wiederherzustellen.
  • Logopädie: Logopädie kann bei Schwierigkeiten beim Sprechen, Essen und Trinken helfen.
  • Augenpflege: Bei unvollständigem Lidschluss ist eine sorgfältige Augenpflege wichtig, um Austrocknung und Hornhautschäden zu vermeiden. Es können Augentropfen, Augensalben und ein Uhrglasverband eingesetzt werden.

Operative Therapie

In einigen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um den Nervus facialis zu dekomprimieren oder zu rekonstruieren. Dies kann beispielsweise bei Tumoren, Verletzungen oder schweren Entzündungen der Fall sein. Die Behandlung von bleibender Gesichtsnervenlähmung erfordert große Erfahrung, da die konservative und operative Behandlung oft sehr komplex ist und viele verschiedene Aspekte bei der Therapieplanung berücksichtigt werden müssen. Die HNO-Klinik der Uniklinik Köln bietet eine große Auswahl erprobter Operationsmaßnahmen zur Wiederherstellung des Gesichtsnervs und der mimischen Gesichtsmuskulatur an. Die Wahl des optimalen Verfahrens erfolgt individuell nach den Voraussetzungen und Wünschen des einzelnen Patienten.

Prognose

Die Prognose einer Erkrankung des Nervus facialis hängt von der Ursache und dem Ausmaß der Schädigung ab. Bei der idiopathischen Fazialisparese erholen sich die Nervenfunktionen in vielen Fällen spontan wieder, oft jedoch nicht vollständig. Eine frühzeitige Behandlung mit Kortikosteroiden kann die Heilung beschleunigen und die Prognose verbessern. Bei anderen Ursachen der Fazialisparese kann die Prognose variieren.

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