Gesprächstechniken bei Demenz: Ein umfassender Leitfaden für Pflegekräfte und Angehörige

Die Kommunikation mit Menschen mit Demenz stellt eine besondere Herausforderung dar. Im Laufe der Erkrankung verschwinden nicht nur Erinnerungen, sondern auch die Fähigkeit, sich klar auszudrücken und andere zu verstehen. Dies kann zu Frustration, Missverständnissen und sozialem Rückzug führen, sowohl bei den Betroffenen als auch bei ihren Betreuern. Doch auch wenn die verbale Kommunikation schwieriger wird, gibt es verschiedene Gesprächstechniken, die helfen können, die Verbindung aufrechtzuerhalten und das Wohlbefinden der Betroffenen zu fördern.

Einführung

Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über verschiedene Gesprächstechniken bei Demenz. Er richtet sich an Pflegekräfte, Angehörige und alle, die im Umgang mit Menschen mit Demenz stehen. Ziel ist es, das Verständnis für die besonderen Bedürfnisse von Demenzerkrankten zu vertiefen und praktische Werkzeuge für eine gelingende Kommunikation an die Hand zu geben. Dabei werden sowohl verbale als auch nonverbale Aspekte berücksichtigt, um eine ganzheitliche und einfühlsame Betreuung zu gewährleisten.

Grundlagen der Kommunikation bei Demenz

Veränderungen in der Sprachfähigkeit

Demenzerkrankungen wie Alzheimer beeinträchtigen die Sprachfähigkeit auf unterschiedliche Weise. Typische Veränderungen umfassen:

  • Wortfindungsstörungen: Betroffene suchen nach Wörtern oder ersetzen sie durch andere. Sie umschreiben Begriffe, die ihnen nicht einfallen, oder "erfinden" neue Wörter.
  • "Verwaschene" Sprache: Die Aussprache wird undeutlich oder "verschwommen".
  • Verständnisprobleme: Gesagtes wird nur teilweise oder gar nicht mehr erfasst. Betroffene können selbst alltäglichen Gesprächen nicht mehr folgen.
  • Satzabbrüche: Gedanken bleiben unvollständig, Gespräche verlieren den Zusammenhang oder führen ins Leere.
  • Abnehmende Lese- und Schreibfähigkeiten: Das Erfassen von Texten oder das Schreiben von Wörtern wird schwieriger.
  • Wechsel in eine frühere Muttersprache: Manche Menschen sprechen plötzlich in einer Sprache, die sie in der Kindheit gelernt haben.
  • Verwechseln von Wörtern: Tatsächlich bringen manche sogar gegensätzliche Wörter durcheinander, wie ja und nein, heiß und kalt!

Diese Veränderungen machen es notwendig, die eigene Kommunikationsweise anzupassen und auf die individuellen Bedürfnisse des Demenzerkrankten einzugehen.

Die Bedeutung von Empathie und Akzeptanz

Im Umgang mit Menschen mit Demenz sind Empathie und Akzeptanz von zentraler Bedeutung. Es geht darum, sich in die Welt des Betroffenen hineinzuversetzen und seine Gefühle und Bedürfnisse ernst zu nehmen. Dies bedeutet auch, seine Realität anzuerkennen, auch wenn sie von der eigenen abweicht.

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Nonverbale Kommunikation

Da die verbale Kommunikation im Laufe der Erkrankung immer schwieriger wird, gewinnt die nonverbale Kommunikation an Bedeutung. Menschen mit Demenz achten verstärkt auf Körpersprache, Mimik und Gestik. Daher ist es wichtig, diese bewusst einzusetzen, um Botschaften zu vermitteln und eine positive Beziehung aufzubauen.

Spezifische Gesprächstechniken

Kontaktreflexion nach Garry Prouty

Die Kontaktreflexion nach Garry Prouty ist eine Methode zur Kontaktaufnahme mit Menschen, mit denen sonst keine oder kaum Kommunikation möglich ist. Sie wird nicht nur bei Demenz angewendet, sondern auch bei Menschen mit schwerer geistiger Behinderung, Autismus oder bei chronischen Psychiatriepatienten.

Bei der Reflexion wird alles angesprochen, was wahrgenommen wird, um mit dem Betroffenen eine gemeinsame Ebene zu finden, die eine Kontaktaufnahme ermöglicht. Der Pfleger spricht die gemeinsame Situation sowie die Mimik, Körperhaltung und verbale Äußerungen des Betroffenen direkt an, beispielsweise: „Wir gehen zusammen zum Badezimmer. Ich halte deinen Arm. Ich öffne die Tür. Ich drehe das Wasser auf. Ich wasche dein Gesicht. Das Wasser ist warm. Du lächelst. Ich freue mich“.

Validation

Die Kommunikationstechnik Validation ermöglicht ebenfalls Kontaktaufnahme zu Demenzkranken. Validation bedeutet, zu verstehen, dass Demenzkranke in einer eigenen Welt leben und diese Welt mit Gefühlen und Empfindungen als gegeben anzuerkennen. Pfleger wenden diese Technik an, damit sich der Demenzkranke verstanden und akzeptiert fühlt.

Vorteile der Validation

  • Stärkt das Vertrauen des Demenzkranken in die Pflegeperson.
  • Der Demenzkranke entspannt sich, wenn er sich sicher und geborgen fühlt.
  • Der Pflegende fühlt sich in die Realität des Demenzkranken ein und kann so seine Verhaltensweisen besser verstehen und nachvollziehen.

Wichtige Aspekte bei der Anwendung von Validation

  • Begeben Sie sich auf die Erlebnis- und Zeitebene des Betroffenen.
  • Korrigieren Sie seine Sichtweisen und Gefühle nicht anhand Ihrer Realität, sondern sehen Sie die Realität des Betroffenen als wahr an.
  • Versuchen Sie, die Gefühle des Betroffenen nachzuempfinden und formulieren Sie diese.
  • Verwenden Sie eine für den Betroffenen vertraute Sprache.

Beispiele für Validation

  • Situation: Ihr dementiell erkrankter Angehöriger räumt persönliche Gegenstände ständig hin und her und will nicht damit aufhören.
    • Verbale Validation: „Ordnung ist das halbe Leben“ oder „Du bist immer sehr ordentlich“.
  • Situation: Ihr Angehöriger möchte die längst verstorbene Mutter am Bahnhof abholen und wird aus Angst, den Termin zu verpassen, unruhig.
    • Validation: „Du bist gerne pünktlich. Auf dich ist Verlass“ oder auch „Pünktlichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“.

Personzentrierte Pflege nach Tom Kitwood

Die personzentrierte Pflege nach Tom Kitwood stellt den Mensch in den Mittelpunkt und nicht die Krankheit. Erhalt und Förderung des Personseins ist der Kern bei dieser Art der Kommunikation.

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Die "Blume des Personseins"

Kitwood illustriert die Bedürfnisse des Menschen in einer Blumenform. Kern der Blüte ist das Bedürfnis nach Liebe, an welches sich die „Blütenblätter“ Trost, Bindung, Einbeziehung, Beschäftigung und Identität anknüpfen.

  • Liebe: Demenzerkrankte brauchen viel Zuneigung. Zeigen Sie Ihren Angehörigen also Ihre Liebe und lassen Sie Nähe zu.
  • Einbeziehung: Beziehen Sie Ihren Angehörigen in alltägliche Aktivitäten mit ein. So kann sich dieser wahrgenommen und als Teil des Ganzen fühlen.
  • Beschäftigung: Langeweile kann im schlechten Fall auch in Apathie münden. Dies können Angehörige verhindern, indem sie ihn mit einer Aktivität beschäftigen.
  • Identität: Fördern und erhalten Sie das Identitätsempfinden Ihres Angehörigen, indem Sie Erinnerungen pflegen und Biographiearbeit betreiben.
  • Trost: Hören Sie Ihrem Angehörigen aktiv zu, lassen Sie seine Gefühle zu und zeigen Sie Mitgefühl.
  • Bindung: Da Demenzerkrankte im Laufe ihrer Erkrankung mehrere Bindungen zu Menschen verloren haben, wird die Bindung zu den verbleibenden Menschen immer wichtiger.

Basale Stimulation

Eine basale Stimulation bei Demenz - oder auch multisensorische Stimulation - hat das Ziel, die Fähigkeiten von dementiell erkrankten Menschen in den Bereichen Kommunikation, Wahrnehmung und Bewegung zu fördern und sie zu aktivieren. Im Gegensatz zur Validation und der personzentrierten Pflege setzt sie hauptsächlich auf die nonverbale Kommunikation.

Über die Stimulation von visuellen (Sehen), akustischen (Hören), gustatorischen (Riechen und Schmecken) und taktilen (Fühlen) Reizen kann die Aufmerksamkeit angeregt und eine Verbindung aufgebaut werden. Sinnvoll ist die basale Stimulation besonders für Menschen mit mittelschwerer und schwerer Demenz, die nicht mehr oder nur schwer in der Lage sind, verbal zu kommunizieren und sich zu verständigen.

Klientenzentrierte Gesprächsführung nach Carl R. Rogers

Die klientenzentrierte Gesprächsführung basiert auf drei Säulen: Empathie, Authentizität und Akzeptanz. Die Gerontologin Naomi Feil und Nicole Richard erweiterten das Konzept um die Validation, die dazu auffordert Verhaltensweisen und Äußerungen von verwirrten und dementen Menschen wertzuschätzen und einfühlsam zu akzeptieren. Mit knappen, klaren und personenbezogenen Formulierungen vermittelt man dabei Kontinuität und Sicherheit.

Praktische Tipps für die Gesprächsführung

Allgemeine Ratschläge

  • Schaffen Sie eine ruhige und entspannte Umgebung: Vermeiden Sie Ablenkungen und sorgen Sie für ausreichend Licht.
  • Nehmen Sie sich Zeit: Hektik und Zeitdruck können die Kommunikation erschweren.
  • Sprechen Sie langsam und deutlich: Verwenden Sie einfache Sätze und vermeiden Sie Fachbegriffe.
  • Wiederholen Sie wichtige Informationen: Nutzen Sie dabei immer dieselbe Formulierung.
  • Stellen Sie Ja/Nein-Fragen oder Auswahlmöglichkeiten: Dies erleichtert das Verständnis und die Antwortfindung.
  • Vermeiden Sie Ironie und übertragene Bedeutungen: Menschen mit Demenz nehmen Sprache oft wörtlich.
  • Korrigieren Sie nicht ständig: Akzeptieren Sie die Realität des Betroffenen und gehen Sie auf seine Gefühle ein.
  • Nutzen Sie nonverbale Kommunikation: Achten Sie auf Ihre Körpersprache, Mimik und Gestik. Berührungen können Nähe und Geborgenheit vermitteln.

Umgang mit schwierigen Situationen

  • Aggressivität: Bleiben Sie ruhig und versuchen Sie, den Auslöser für das aggressive Verhalten zu finden. Lenken Sie den Betroffenen ab oder verlassen Sie den Raum, wenn Sie sich bedroht fühlen.
  • Unruhe: Versuchen Sie herauszufinden, was die Unruhe verursacht. Gestalten Sie die Umgebung ruhig und beruhigend. Bieten Sie Körperkontakt und reagieren Sie auf die Gefühle des Betroffenen.
  • Wiederholungen: Reagieren Sie geduldig auf Wiederholungen und beantworten Sie Fragen erneut oder lenken Sie das Gespräch auf ein anderes Thema.
  • Desorientierung: Gehen Sie einfühlsam mit zeitlicher und räumlicher Desorientierung um. Beziehen Sie sich auf Personen, Dinge und Geräusche in der Umgebung.

Erinnerungsstützen

  • Kleine Zettel: Kleben Sie Zettel mit Informationen zum Alltagsablauf oder Antworten auf häufig gestellte Fragen an gut sichtbaren Stellen auf.
  • Familienposter: Erstellen Sie ein Poster mit Fotos aller Haushaltsmitglieder und kurzen Informationen dazu.
  • Erinnerungsbuch: Erstellen Sie ein Fotoalbum mit Bildern von schönen Momenten und kurzen Beschreibungen dazu.

Die Rolle der Angehörigen

Angehörige tragen den Hauptanteil an der Versorgung von Menschen mit Demenz. Sie übernehmen eine sehr schwere und verantwortungsvolle Aufgabe, die sich meist über Jahre hinzieht. Die Probleme, die im Zusammenleben mit einem Demenzerkrankten auftreten, sind von Fall zu Fall verschieden. Sie werden bestimmt von der Persönlichkeit der betroffenen Person, vom Stadium der Krankheit, von den äußeren Lebensumständen, aber auch von den besonderen Fähigkeiten und Schwächen der betreuenden Person(en). Ebenso individuell müssen die Lösungen für die Probleme sein.

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Tipps für Angehörige

  • Informieren Sie sich über die Krankheit: Wissen über die Krankheit verleiht Sicherheit im Zusammenleben und im Umgang mit den Erkrankten.
  • Nehmen Sie den Erkrankten an, wie er ist: Menschen mit Demenz kann man nicht ändern.
  • Berücksichtigen Sie die Bedürfnisse und Wünsche des Betroffenen: Eigenständigkeit ist eine Wurzel von Selbstachtung, Sicherheit und Lebenszufriedenheit.
  • Schaffen Sie einen gleichbleibenden Tagesablauf: Dies erleichtert die Orientierung.
  • Vermeiden Sie Reizüberflutung: Bestimmte Sinneseindrücke können zu Verwirrung führen.
  • Beziehen Sie den Betroffenen in Aktivitäten ein: Suchen Sie nach Spielen, Liedern und Beschäftigungen, die aus der Vergangenheit bekannt sind.
  • Nehmen Sie Hilfe in Anspruch: Scheuen Sie sich nicht, professionelle Unterstützung oder Entlastungsmöglichkeiten zu suchen.

Schulungen und Weiterbildung

Es gibt Schulungen und Workshops, die Pflegekräften und Betreuungspersonen helfen, die Prinzipien und Techniken der Validation zu erlernen und anzuwenden. Auch andere Kommunikationsmethoden können in speziellen Kursen erlernt und geübt werden.

Fazit

Die Kommunikation mit Menschen mit Demenz ist eine anspruchsvolle, aber auch lohnende Aufgabe. Durch den Einsatz geeigneter Gesprächstechniken, Empathie und Akzeptanz kann es gelingen, die Verbindung aufrechtzuerhalten, das Wohlbefinden der Betroffenen zu fördern und ihre Lebensqualität zu verbessern. Es ist wichtig, sich immer wieder in die Situation des Betroffenen hineinzuversetzen und die eigene Kommunikationsweise an seine Bedürfnisse anzupassen. Auch wenn es nicht immer einfach ist, lohnt sich die Mühe, um den Menschen mit Demenz ein Gefühl von Wertschätzung, Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln.

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