Das Glaukom, umgangssprachlich auch als Grüner Star bekannt, ist eine Gruppe von Augenerkrankungen, die durch eine Schädigung des Sehnervs gekennzeichnet sind. Diese Schädigung führt zu fortschreitenden Gesichtsfeldausfällen und kann unbehandelt zur Erblindung führen. Während in der Vergangenheit ein erhöhter Augeninnendruck als Hauptursache galt, mehren sich die Hinweise, dass das Glaukom eine komplexere Erkrankung ist, die auch mit neurologischen Störungen in Verbindung steht.
Glaukom: Mehr als nur hoher Augeninnendruck
Traditionell wurde das Glaukom als eine Erkrankung des Auges betrachtet, die hauptsächlich durch einen erhöhten Augeninnendruck verursacht wird. Die Senkung des Augeninnendrucks war daher lange Zeit der Eckpfeiler der Glaukomtherapie. Neuere Forschungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass das Glaukom eine systemische neurodegenerative Erkrankung sein könnte, bei der auch Prozesse im Gehirn eine Rolle spielen.
Prof. Dr. med. Carl Erb betont, dass das primäre Offenwinkelglaukom (POWG) pathophysiologisch vor allem mit einer Neuroinflammation zu tun hat, die durch oxidativen Stress getriggert wird. Dies führt zu einer systemischen Neurodegeneration mit Umbauprozessen im Gehirn. Daher ist es wichtig, bei der Therapie nicht nur den Augeninnendruck zu berücksichtigen, sondern den Patienten insgesamt zu behandeln und Triggerfaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes und Fettstoffwechselstörungen zu berücksichtigen.
Die Ursache des primären Offenwinkelglaukoms ist noch nicht bis ins letzte Detail erforscht. Da eine Senkung des Augeninnendrucks nicht bei allen Patienten das Fortschreiten stoppen kann, sucht man nach ergänzenden Therapieansätzen. Die Vorstellung, dass das POWG eine augeninnendruck-assoziierte Erkrankung ist, ist überholt.
Oxidativer Stress und Mitochondriopathie
Der oxidative Stress spielt eine Schlüsselrolle bei der Entstehung des Glaukoms. Das POWG wird heute als Mitochondriopathie betrachtet, bei der mitochondriale DNA-Störungen vorliegen. Diese Störungen führen dazu, dass die Mitochondrien, die Kraftwerke der Zelle, nicht mehr richtig funktionieren. Die Mitochondrien haben mehrere Aufgaben, darunter die mitochondriale Atemkette, die freie Radikale verstoffwechselt, und die Bildung von ATP (Adenosintriphosphat).
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Kardiovaskuläre Erkrankungen und Statine
Kardiovaskuläre Erkrankungen sind Risikofaktoren für die Progression des Glaukoms, unabhängig vom Augeninnendruck. Interessanterweise senken bestimmte Therapien die Prävalenz des Glaukoms, ebenfalls unabhängig von der Drucksenkung. Statine, die primär zur Senkung des Cholesterinspiegels eingesetzt werden, zeigen als pleiotrope Effekte eine deutliche antiinflammatorische Wirkung und senken die Glaukomprävalenz.
Genetische und epigenetische Faktoren
Das POWG ist eine genetisch determinierte Erkrankung, deren Ausbruch jedoch auch epigenetisch gesteuert wird. Epigenetische Faktoren umfassen Einflüsse wie Rauchen, Wohnverhältnisse, Lebensumfeld und Systemerkrankungen. Ein gesunder Lebensstil ohne Diabetes, Nikotin und mit regelmäßiger sportlicher Betätigung kann das Auftreten eines Glaukoms möglicherweise verhindern oder verzögern.
Das Mikrobiom und seine Auswirkungen
Die Zusammensetzung des Mikrobioms des Darms spielt eine bedeutende Rolle für den gesamten Stoffwechsel im Körper. Kurzkettige Fettsäuren, die über den Darm freigesetzt werden, ernähren das Gehirn. Störungen des Mikrobioms können die Hirnernährung beeinträchtigen. Bestimmte Neurotransmitter werden über den Darm produziert und ins Blutsystem abgegeben, und die Permeabilität der Darmwand spielt eine wichtige Rolle. Eine ungünstige Zusammensetzung des Mikrobioms kann zu Durchlässigkeiten der Darmwand, entzündlichen Reaktionen und Autoimmunmechanismen führen, die mit Auge und Gehirn kreuzreagieren und negative Effekte haben können. Bakterien wie Helicobacter pylori kommen beim POWG überproportional häufig vor und können zu einer T-Zellen-Reaktion führen, die im Glaukom-Auge negative Auswirkungen hat. Bei chronischen, progredienten Glaukomen sollte daher das Mikrobiom untersucht werden.
Ernährung und Glaukom
Ungünstige Einflüsse durch die Ernährung können sich negativ auf das Glaukom auswirken. Dazu gehören zu fettes Essen, Fast Food, stark konservierungsmittelhaltige Nahrungsmittel sowie unreifes oder zu lange gelagertes Obst und Gemüse. Die Zubereitung spielt ebenfalls eine Rolle: Zu langes Grillen oder nicht richtiges Garen zerstört die Vitamine. Es ist sinnvoll, möglichst regelmäßig zur gleichen Zeit zu essen, um die Chronobiologie aufrechtzuerhalten. Probiotika wie Kefir und Olivenöl bzw. eine mediterrane Kost sind zu empfehlen. Eine gesunde Ernährung kann sich positiv auf das Glaukom auswirken, da es sich um einen systemisch erhöhten oxidativen Stress handelt. Glaukom-Patienten sollte das Thema "Gesunde Ernährung" stärker ins Bewusstsein gebracht werden. Eine Ernährungsberatung kann bei übergewichtigen Patienten oder Diabetes-Patienten mit einem zu hohen HbA1c-Wert hilfreich sein.
Migräne und Glaukom
Menschen mit Migräne haben ein erhöhtes Risiko, ein primäres Offenwinkelglaukom zu entwickeln. Migräne ist eine schwere neurologische Erkrankung, die sich durch wiederkehrende Kopfschmerzattacken auszeichnet. Die Forschenden haben das erhöhte Glaukomrisiko berechnet, indem sie die Daten von gut 41000 Migränekranken mit denjenigen von 205000 gesunden Kontrollen verglichen. Bei ihrer Analyse stellte sich zudem heraus, dass es für das erhöhte Glaukomrisiko bei Migräne keinen Unterschied machte, ob diese mit oder ohne Aura auftrat. Personen mit Migräne sollten sich regelmäßig bei der Augenärzt*in vorstellen und ihren Augeninnendruck messen lassen.
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Komorbiditäten als Glaukom Ursache
Komorbiditäten, also eine Überlagerung mit anderen Krankheiten, gelten als eine wesentliche Glaukom Ursache. Beispiele für Komorbiditäten sind:
- Diabetes
- Bluthochdruck (Hypertonie)
- Migräne
- Fehlfunktionen der Schilddrüse
- Autoimmunerkrankungen
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Schlafapnoe
- Bestimmte neurologische Erkrankungen
- Entzündliche Augenerkrankungen wie Uveitis
Die Identifizierung und Berücksichtigung dieser Komorbiditäten ist entscheidend für eine umfassende und effektive Glaukombehandlung. Eine engmaschige medizinische Betreuung durch Augenärzte und andere Fachärzte, die auf die jeweiligen Komorbiditäten spezialisiert sind, ist wichtig, um die besten Ergebnisse für den Patienten zu erzielen. Die Medikamente, die für die Behandlung der Komorbiditäten eingesetzt werden, können sich auf den Augeninnendruck oder die Sehnerv-Gesundheit auswirken. Daher ist es entscheidend, dass der behandelnde Arzt über alle medizinischen Bedingungen des Patienten informiert ist, um eine geeignete Behandlungsstrategie zu entwickeln, die sowohl die Komorbiditäten als auch das Glaukom berücksichtigt.
Neurologische Erkrankungen und Glaukom
Es gibt Hinweise darauf, dass bestimmte neurologische Erkrankungen das Risiko für die Entwicklung eines Glaukoms erhöhen können. Aber auch umgekehrt: Menschen mit einem Glaukom können ein erhöhtes Risiko für neurologische Probleme haben.
Einige neurologische Erkrankungen, wie zum Beispiel Multiple Sklerose (MS), haben eine gemeinsame immunologische Grundlage mit Glaukom. Es wird vermutet, dass eine überaktive Immunreaktion im Körper sowohl die Nerven im Gehirn und Rückenmark (wie bei MS) als auch den Sehnerv im Auge (wie bei Glaukom) schädigen kann.
Darüber hinaus können bestimmte neurologische Erkrankungen, die das zentrale Nervensystem beeinflussen, die Regulation des Augeninnendrucks beeinträchtigen. Das autonome Nervensystem spielt eine Rolle bei der Steuerung des Augeninnendrucks, und Störungen in diesem System können zu einer Dysregulation des Drucks führen, was das Risiko für ein Glaukom erhöhen könnte.
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Auf der anderen Seite können Menschen, die bereits an einem Glaukom leiden, eine erhöhte Anfälligkeit für neurologische Probleme haben, insbesondere im Zusammenhang mit dem Sehvermögen. Wenn der Sehnerv durch das Glaukom geschädigt wird, können dies auch Auswirkungen auf die visuelle Wahrnehmung und das allgemeine neurologische Wohlbefinden haben.
Zu den neurologischen Erkrankungen, die eine Ursache für die Entstehung eines Glaukoms sein können zählen:
- Multiple Sklerose (MS)
- Parkinson
- Alzheimer
- Schlaganfall
- Intrakranielle Druckerhöhung
- Migräne
Stress und Glaukom
Kontinuierlicher Stress und langfristig erhöhte Cortisolwerte können sich negativ auf das Auge und das Gehirn auswirken. Dauerhafter psychischer Stress ist nicht nur eine mögliche Ursache für den Verlust der Sehkraft, sondern wird auch durch die Erkrankung selbst verstärkt. Beim Arzt-Patient-Gespräch sollte nicht nur die eigentliche Erkrankung in den Fokus gerückt werden, sondern auch über Maßnahmen zum Stressabbau, z. B. durch psychologische Beratung, gesprochen werden. Ein ganzheitlicher Behandlungsansatz aus Entspannung, Wiederherstellung des Sehvermögens, Angstmanagement und sozialer Unterstützung wird empfohlen, um den Stress zu mindern und das vegetative System zu stabilisieren. Ein zentrales Puzzleteil ist dabei das Verhalten der behandelnden Ärzte, die eine positive Einstellung und Optimismus vermitteln und dabei auch Betreuer und Familie des Patienten einbeziehen sollten.
Akuter Winkelblock
Der akute Winkelblock ist ein ophthalmologisches Notfallereignis, das ohne rechtzeitige Therapie zur irreversiblen Erblindung führen kann. Die plötzliche Augeninnendruckerhöhung kann zu einer Minderperfusion und irreversiblen Zerstörung der retinalen Ganglienzellen und ihrer Nervenfasern führen. Zu den Risikofaktoren des akuten primären Winkelblocks zählen eine asiatische Abstammung, eine anatomisch flache Vorderkammer, eine verkürzte Bulbuslänge bei Hyperopie, eine zunehmende Linsendicke, ein höheres Alter und das weibliche Geschlecht.
Da die Beschwerden dabei jedoch vielseitig sind und nicht ausschließlich auf die Augen begrenzt sein müssen, können die Symptome initial auch als internistische oder neurologische Erkrankungen fehlgedeutet werden. So kann es zwar zu einer Sehverschlechterung durch ein druckbedingtes Hornhautödem oder Augenschmerzen kommen, jedoch treten auch Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Pupillenstarre oder Kopfschmerzen auf. Die Kenntnis der Beschwerden beim akuten Winkelblock sind daher für das differenzialdiagnostische Vorgehen durch Ärzte insgesamt essenziell, um sowohl nichtwegweisende Untersuchungen zu vermeiden als auch eine gezielte und unverzögerte Weiterleitung zum Augenarzt zu gewährleisten.
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