Die Suche nach dem passenden Partner und einer erfüllenden Beziehung ist ein zentrales Thema im Leben vieler Menschen. Während die traditionelle Monogamie lange Zeit als einzig wahre Beziehungsform galt, gewinnen alternative Modelle wie offene Beziehungen und Polyamorie zunehmend an Bedeutung. Dieser Artikel beleuchtet die psychologischen Aspekte offener Beziehungen, untersucht ihre Vor- und Nachteile und gibt Anregungen für ein glückliches und erfülltes Leben jenseits konventioneller Vorstellungen.
Die Vielfalt der Beziehungsmodelle
"Jeder Topf findet seinen Deckel" - so lautet ein bekanntes Sprichwort. Doch die Realität sieht oft anders aus. Fremdgehen, Scheidungen und Kuckuckskinder sind keine Seltenheit. Dies wirft die Frage auf, ob die klassische Monogamie für alle Menschen die ideale Beziehungsform ist. Die Wissenschaft hat darauf noch keine eindeutige Antwort gefunden.
Monogamie: Das traditionelle Modell
Monogamie ist in unserer Kultur das traditionelle und am besten akzeptierte Beziehungsmodell. Es basiert auf der Vorstellung, dass zwei Menschen eine exklusive Partnerschaft eingehen, in der sie sich gegenseitig Liebe, Treue und Unterstützung versprechen.
Einvernehmliche Nichtmonogamie: Alternative Lebensweisen
Alle Beziehungsformen, die von der klassischen Monogamie abweichen, werden in der Forschung als "einvernehmliche Nichtmonogamie" zusammengefasst. Dazu gehören unter anderem:
- Offene Beziehung/Ehe: Eine Partnerschaft, in der beide Partner sich gegenseitig erlauben, außerhalb der Beziehung körperliche Intimität zu genießen und Sex zu haben.
- Polyamorie: Eine Beziehungsform, in der Menschen mehrere Liebesbeziehungen gleichzeitig führen, wobei alle Beteiligten von den anderen Beziehungen wissen und damit einverstanden sind.
- Polygamie: Eine Vielehe, in der eine Person mit mehreren Partnern verheiratet ist (in Deutschland nicht erlaubt).
Polyamorie: Mehr als nur Sex
Polyamorie unterscheidet sich vor allem dadurch, dass sie nicht auf sexuellem, sondern auf emotionalem Verlangen basiert. Menschen, die polyamor leben, möchten ihre Liebe und Zuneigung nicht auf eine einzige Person beschränken, sondern mehrere Beziehungen gleichzeitig führen.
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Offene Beziehungen: Mehr Freiraum, mehr Glück?
Wir leben in einer Zeit, in der neue Beziehungsmodelle in Partnerschaften nicht mehr ungewöhnlich sind. Das ist gut so, weil es Menschen Raum gibt, sie selbst zu sein. Eine offene Beziehung bedeutet, auch außerhalb einer festen Partnerschaft Intimität zu erleben und Freiräume zu genießen. Anders als bei Polyamorie steht hier wirklich das Thema Sexualität im Vordergrund.
Motive für eine offene Beziehung
Menschen haben ganz unterschiedliche Motive, eine offene Beziehung einzugehen. Oft stehen am Anfang Unzufriedenheit oder Probleme in einer monogamen Beziehung. Man sehnt sich nach mehr Freiraum und möchte etwas Neues ausprobieren.
Einige Paare führen von Beginn an eine offene Ehe, weil sie nicht an Monogamie glauben. Andere öffnen ihre Beziehung, weil sie das Gefühl haben, nur noch zu funktionieren und unglücklich sind. Manchmal kann es auch nur ein Partner sein, der sich nach mehr Sex sehnt bzw. nicht mehr monogam leben möchte.
Vorteile offener Beziehungen
Offene Beziehungen bieten demgegenüber einige Vorteile. Die Last der Erwartungen liegt nicht mehr auf den Schultern einer einzigen Person. Wir können neue Erfahrungen sammeln und uns im Austausch mit verschiedenen Partnern ausprobieren. Ein weiterer Vorteil einer offenen Beziehung ist der Freiraum für eigene Hobbys und Interessen, der sich ergibt, wenn die Partner getrennt voneinander etwas unternehmen. Viele Menschen haben das Gefühl, sich in langjährigen Beziehungen ein Stück weit selbst zu verlieren. Eigene Wege zu gehen, kann deshalb guttun.
Herausforderungen und Regeln
Wenn Paare sich für eine offene Beziehung entscheiden, ist es wichtig, dass sie sich mit den damit verbundenen Herausforderungen auseinandersetzen. Eine offene Beziehung erfordert klare Kommunikation von den Partnern, damit beide ihre Erwartungen und Bedürfnisse ausdrücken können. Mitgefühl, ein vertrauensvolles Miteinander und klare Regeln spielen eine entscheidende Rolle für eine offene Beziehung. Es ist außerdem essentiell, anzuerkennen, dass Menschen in einer offenen Beziehung eifersüchtig werden können und möglicherweise nicht so “funktionieren” wie geplant.
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Was in einer offenen Beziehung erlaubt ist, entscheidet jedes Paar selbst. Häufig verläuft die Grenze an der Stelle, wo Gefühle ins Spiel kommen. Zudem sollten Paare z. B. über Safer Sex sprechen. Darüber hinaus muss verhandelt werden, wie viele Einblicke sich beide Parteien in ihre Affären geben möchten. Ist es uns wichtig, einander alles zu erzählen, was außerhalb des eigenen Bettes passiert? Sprechen wir radikal offen über das, was wir erleben? Oder lassen wir unserem Partner einfach den Freiraum und fragen nicht weiter nach, um uns vor Verletzungen und negativen Gedankenspiralen zu schützen? Wenn ein Paar sich hier auf gemeinsame Regeln einigen kann, ist bereits eine gute Basis geschaffen, um das neue Beziehungsmodell auszuprobieren.
Eifersucht: Ein menschliches Gefühl
Ein gewisses Maß an Eifersucht ist menschlich. Es hängt nicht nur mit unserem Partner oder der Beständigkeit unserer Beziehung zusammen, sondern wirft uns auf uns selbst zurück - auf unsere ureigenen Ängste und Zweifel. Vielleicht gibt es da etwas, das der neue Mensch im Leben unseres Partners bei uns triggert. Eine Eigenschaft, die wir auch gerne hätten, ein Talent, das uns persönlich fehlt. Oder unsere eigene Lebenssituation ist gerade nicht zufriedenstellend. Im Job geht es nicht vorwärts, privat wissen wir nicht, was wir eigentlich wollen. Und vielleicht haben wir auch noch ein paar Kilo zugenommen und fühlen uns weniger attraktiv.
Statt dann einen Streit vom Zaun zu brechen und Ihrem Gegenüber Vorwürfe zu machen, ist Selbstreflexion das Gebot der Stunde. Spüren Sie in sich hinein. Überprüfen Sie kritisch, worin die Ursache Ihrer Gefühle gerade liegt. Können Sie vielleicht für sich selbst etwas tun, um sich schnell wieder besser zu fühlen? Wie müsste sich Ihr Partner verhalten, damit es Ihnen besser geht? Gibt es bestimmte Regeln und Grenzen, die Ihnen helfen würden, sich weniger eifersüchtig zu fühlen?
Kann eine offene Ehe funktionieren?
Eine offene Ehe kann funktionieren, sie muss es aber nicht. Leider gibt es keine Beziehungsform mit Garantie auf Erfolg. Am besten belesen Sie sich zunächst zu dem Thema. Sprechen Sie mit Freunden, die bereits eine offene Beziehung führen und eventuell auch mit dem Paartherapeuten Ihres Vertrauens. Vor allem aber sollten Sie mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin reden. Wenn beide einverstanden sind und sich auf klare Regeln festgelegt haben, können Sie beginnen, andere Personen zu treffen. Melden Sie sich z. B. bei einer Singlebörse an.
Einseitig offene Beziehungen
Bei einer einseitig offenen Beziehung hat nur eine Person sexuelle Kontakte außerhalb der Partnerschaft. In vielen Kulturen wurde das traditionell dem Mann zugestanden. Grundsätzlich sollten wir heutzutage keine Beziehungsform verurteilen, wenn beide Partner damit einverstanden sind.
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Glücklich sein: Mehr als nur die Beziehung
Ein möglichst hohes Maß an individuellem Freiraum gilt in unserer Gesellschaft als besonders erstrebenswert. Deshalb sollten wir unsere Erfahrungen immer wieder kritisch reflektieren und uns fragen: Wie viel individuellen Freiraum brauche ich überhaupt? Ist es noch Freiheit oder schon Bindungsangst? Was macht mich wirklich glücklich?
Ja, offene Beziehungen ermöglichen mehr individuellen Freiraum als eine monogame Partnerschaft. Und: Wir Menschen brauchen innige, tiefe Verbindungen zu anderen Personen, um glücklich, erfüllt und auch gesund zu leben! Das wissen wir aus Bindungsforschung und Bindungstheorie.
Offenheit als Schlüssel zum Glück
Für andere Sichtweisen oder auch neue Erfahrungen offen zu sein, ist nicht immer leicht. In unserer Komfortzone fühlen wir uns schließlich am wohlsten. Wir selbst, unser Umfeld und letztlich auch die Gesellschaft als Ganzes profitieren davon, wenn wir offen sind. Wenn es uns gelingt, Meinungen zu akzeptieren, die wir nicht teilen. Wenn wir verstehen, dass es uns nichts angeht, wie eine Person leben möchte, mit wem sie zusammen sein möchte und ob sie sich Kinder wünscht. Oder wenn wir offen dafür sind, etwas Neues zu lernen und unseren Horizont zu erweitern.
Diese Toleranz gegenüber anderen Lebens- und Sichtweisen, oder schlicht: gegenüber anderen Menschen, ist wichtig für eine funktionierende, demokratische Gesellschaft. Aber auch unsere Beziehungen profitieren davon, wenn wir es schaffen, andere so sein zu lassen, wie sie sind. Und wenn es uns gelingt, hin und wieder unsere eigentlich bequeme Komfortzone zu verlassen.
Wie können wir Offenheit trainieren?
Offenheit können wir trainieren wie einen Muskel. Tolerante Menschen teilen etwa häufig diese Verhaltensweisen.
- Selbstreflexion: Wer sich in Offenheit übt, hinterfragt sich dagegen oft selbst. Stimmt das wirklich so? Ist dieser Glaubenssatz veraltet? Die Antwort muss nicht immer lauten, dass wir alles über Bord werfen müssen. Aber alleine das Innehalten und das Infragestellen können dabei helfen, sich nicht zu sehr auf die eigenen Ansichten und Werte zu versteifen.
- Vorurteile hinterfragen: Offene Menschen gehen deshalb in der Regel ihren Vorurteilen auf den Grund. Sie fragen sich, was wirklich dahintersteckt und vor allem, was dran ist. Meistens nämlich nicht so viel.
- Vielfalt suchen: Das beste Mittel gegen Engstirnigkeit ist, sich mit Menschen aus ganz unterschiedlichen sozialen Hintergründen, Altersklassen und mit verschiedenen Hautfarben und Interessen zu umgeben.
- Empathie entwickeln: Eine wichtige Fähigkeit für Toleranz ist Empathie. Denn wenn wir uns nicht vorstellen können, wie ein Mensch sich fühlt, wenn wir uns nicht in ihn hineinversetzen können, fällt es uns vermutlich auch schwer, offen für die Meinung, Ansicht oder Entscheidung dieser Person zu sein.
- Lernbereitschaft bewahren: Wer dagegen unvoreingenommen auf Menschen und auch Situationen zugeht, ist sich darüber im Klaren, dass es jeden Tag etwas Neues zu entdecken gibt - und dass wir häufig sogar am meisten von den Menschen lernen können, von denen wir es am wenigsten erwarten.
Polyamorie: Mehrere Lieben gleichzeitig?
Polyamorie heißt, dass ich mehrere Liebesbeziehungen gleichzeitig mit verschiedenen Partnern oder Partnerinnen führe. Ich liebe also mehrere Personen. Das Pendant ist Monoamorie oder Monogamie, das Konzept kennen die meisten: Ich führe eine monogame Beziehung mit einer Person.
Warum entscheiden sich Menschen, polyamor zu leben?
Ich glaube, dass wir alle ein Stück weit polyamor sind, weil wir zum Beispiel unsere Freundinnen und Freunde lieben und Liebe einfach nur schwer zuteilbar ist. In der Polyamorie wollen Menschen ihre Liebe oder ihre Sexualität oft nicht auf eine Person beschränken, sondern diese ausleben. Das ist natürlich nicht einfach, weil man Personen finden muss, die dieses Konzept teilen.
Vorteile von Polyamorie
Eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst, seinen Wünschen, Bedürfnissen und seinen Mustern. Aus psychologischer Sicht macht man neue Bindungserfahrungen, die in der Regel von dem Vorbild der Eltern abweichen. Das fördert das emotionale Wachstum. Insbesondere in einer polyamoren Beziehung muss man ständig reflektieren: sich selbst, aber auch die Bedürfnisse seiner Partner oder Partnerinnen und mit ihnen im Austausch stehen. Daran wachsen natürlich auch die kommunikativen Fähigkeiten. Gleichzeitig kann Polyamorie die psychische Gesundheit entlasten.
Wie kann Polyamorie die psychische Gesundheit unterstützen?
Ich denke, dass die polyamore Beziehungsform zu einer größeren emotionalen Autonomie führt. Man macht die Erfahrung: Ich kann leichter für mich selbst sorgen und bin nicht ausschließlich von der Zuwendung einer Person abhängig. Gleichzeitig haben Sie in einer polyamoren Beziehung mehr emotionale, aber auch logistische Ressourcen. Egal worum es geht, Krankheit, Geld, Kindererziehung, emotionale Probleme: Man hat eine Mehrfachunterstützung, kann Aufgaben oder Bedürfnisse auf verschiedene Personen verteilen und wird dadurch entlastet. Gleichzeitig lasten meine Bedürfnisse nicht nur auf einer Person. Auch das können alle Beteiligten als Erleichterung empfinden.
Wann raten Sie davon ab, polyamor zu leben oder die Beziehung zu öffnen?
Wenn ich es nicht schaffe, mich mit meinen Mustern, persönlichen Grenzen, Bindungsstilen sowie Triggerpunkten auseinanderzusetzen, wird eine polyamore Beziehung vermutlich scheitern. Es hilft nicht, diese Defizite in weiteren Liebesbeziehungen zu vervielfältigen.
Mythen über nicht-monogame Beziehungen
Romantische oder gar sexuelle Beziehungen mit mehr als einem anderen Menschen genießen nicht den besten Ruf. Dabei hat oder hatte ein Fünftel der nordamerikanischen Bevölkerung schon solch ein unkonventionelles Verhältnis. Die Psychologieprofessorin Amy Moors von der kalifornischen Chapman University hat diese Abneigung in mehreren Studien untersucht und konnte fünf Mythen widerlegen:
- „Ein andersartiger Typ Mensch“: Nichtmonogame unterscheiden sich von anderen nicht in Lebensalter, politischer Überzeugung, Religion, Ethnie, Bildung, Einkommen und der Gegend, in der sie leben. Einzige Ausnahme: Schwule, lesbische und bisexuelle Menschen sind oder waren dreimal so häufig in einer nichtmonogamen Beziehung.
- „Wollen bloß ihre Beziehung retten“: Keine einzige Person gab an, so die Beziehung reparieren zu wollen. Allerdings wollten einige auf diesem Weg ihre Beziehung erhalten und ihre Partnerin oder ihren Partner nicht verlieren.
- „Sind sich oberflächlich verbunden“: Die Nichtmonogamen berichteten sogar von mehr Vertrauen, größerer sexueller Zufriedenheit und weniger Eifersucht. Weitere Studien bestätigten diese Befunde, sie konstatierten außerdem mehr Kommunikation und ein größeres Investment in diese Beziehungen.
- „Haben riskanten Sex“: Aber Chlamydien, Herpes und ähnliche auf sexuellem Weg übertragbare Infektionen werden bei ihnen genauso selten oder häufig diagnostiziert wie bei (vorgeblich) Monogamen.
- „Keine guten Eltern“: Die Eltern konstatierten zahlreiche Vorteile ihrer Lebensform. Es standen mehr Geld und mehr Zeit für die Kinder zur Verfügung, außerdem mehr mögliche Vorbilder. Die Kinder freuten sich über mehr Aufmerksamkeit und Rat von mehr Erwachsenen.
Warum gehen Menschen fremd?
Viele meiner KundInnen fragen sich nach dem Fremdgehen, warum sie das getan haben. Wie es sein konnte, dass sie diese Schwelle so leicht übertreten haben. Alle anderen, die noch nie in so einer Lage gesteckt sind, können nicht verstehen, wie jemand so leichtfertig seine Beziehung, seine Familie oder sein Leben auf’s Spiel setzen kann. Sie unterstellen mangelnde Loyalität in der Beziehung, sobald ein Partner fremdgeht. Wenn dich das betrifft, dann möchte ich dir sagen: Mit dir ist nichts falsch, denn meiner Meinung nach ist Untreue etwas völlig Normales!
Früher dachte ich, dass nur unglückliche Paare sich betrügen. Doch heute weiß ich, dass das Bullshit ist. Keine Beziehung dieser Welt kann perfekt genug sein, um ALLE Bedürfnisse ein Leben lang abzudecken.
Die Gründe für Affären und Seitensprünge sind vielfältig. Was treibt jemanden in ein fremdes Bett, der „eigentlich“ glücklich ist?
- Aus reiner Neugierde.
- Der Wunsch nach Autonomie.
- Ein unbändiger Drang nach Freiheit.
- Sich selbst neu entdecken zu wollen.
- Die Kirschen in Nachbars Garten schmecken süßer.
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