Glutarazidurie Typ 1: Auswirkungen auf das Gehirn und der Weg zu einem erfüllten Leben

Die Glutarazidurie Typ 1 (GA-1) ist eine seltene, angeborene Stoffwechselerkrankung, die den Abbau bestimmter Aminosäuren beeinträchtigt. Unbehandelt kann GA-1 zu schweren neurologischen Schäden führen, insbesondere im Gehirn. Dieser Artikel beleuchtet die Auswirkungen von GA-1 auf das Gehirn, die Bedeutung einer frühzeitigen Diagnose und Behandlung sowie die Möglichkeiten, trotz der Erkrankung ein erfülltes Leben zu führen.

Was ist Glutarazidurie Typ 1?

Die Glutarazidurie Typ 1 (GA1) ist eine angeborene Stoffwechselkrankheit, die den Abbau der Aminosäuren Lysin, Hydroxylysin und Tryptophan betrifft. Durch einen Defekt des Enzyms Glutaryl-CoA-Dehydrogenase werden diese Aminosäuren nicht vollständig abgebaut. Infolge dieses Enzymdefekts können Lysin und Tryptophan nicht richtig abgebaut werden und stauen sich daher an. Über verschiedene Zwischenschritte wandelt der Körper Lysin in die Stoffwechselprodukte Glutarsäure (GA) und 3-Hydroxyglutarsäure (3OH-GA) um. Diese Stoffwechselprodukte reichern sich in Geweben und Körperflüssigkeiten an und werden beispielsweise auch im Urin ausgeschieden (daher der Name der Erkrankung Glutar-Acid-Urie = Glutarsäure im Urin).

Auswirkungen auf das Gehirn

Besonders während sogenannter kataboler Krisen, also Zuständen mit einer Mangelversorgung an Energie, kommt es zum Ausbruch von Symptomen. Diese Krisen treten vor allem bei fieberhaften Infekten, Infektionen oder Durchfallerkrankungen auf. Durch den Energiemangel schaltet der Körper auf Katabolismus um, das heißt den Abbau körpereigener Eiweiße, und dabei fällt beim Abbau körpereigener Eiweißmasse auch Lysin an. Dieses kann bei GA1-Patienten nicht richtig abgebaut werden, und der Anstau von GA und 3OH-GA verstärkt sich.

Diese Stoffwechselprodukte reichern sich besonders im Gehirn an. Eine Gehirnregion, die hierauf besonders empfindlich reagiert, ist das Corpus Striatum, das zu den Basalganglien gehört. Diese Region ist verantwortlich für die Koordination von Bewegungsabläufen im Rahmen der Willkürmotorik. Die Folge einer katabolen "encephalopathischen" Krise ist eine unterschiedlich ausgeprägte Bewegungsstörung, die von leichten motorischen Defiziten bis hin zu schwerster motorischer Behinderung reichen kann. Da die Nervenzellen der Hirnrinde nicht betroffen sind, bleibt den Patienten in der Regel eine normale Intelligenz erhalten, in Einzelfällen sind Lern- oder Teilleistungsschwächen (sogenannten minor cognitive deficits) beschrieben. Des Weiteren gibt es Einzelfallbeschreibungen über erwachsene Patienten, die in der Kindheit keine Symptome hatten, bei denen sich im hohen Erwachsenenalter aber Auffälligkeiten in der weißen Hirnsubstanz gezeigt hatten, ohne dass diese Auffälligkeiten augenscheinliche Probleme bereitet hätten.

Diagnose

Im Prinzip ist die Diagnosestellung einfach; GA-1 lässt sich über den Urin oder auch das Blut diagnostizieren. Aber man braucht den richtigen Verdacht. Essentiell hierfür ist das in Deutschland seit 2003 flächendeckend durchgeführte erweiterte Neugeborenenscreening ("erweitert" bedeutet mit Messung des Acylcarnitinprofiles).

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Behandlung und Management

Die Therapie besteht vor allem in der Vermeidung dieser katabolen Krisen. Die Häufigkeit solcher Krisen nimmt mit zunehmendem Alter ab, jenseits des 4.-5. Lebensjahres treten solche Krisen in der Regel nicht mehr auf. Gelingt es also, durch die Therapie den Ausbruch einer Krise bis zum 5. Für die Therapie besonders wichtig ist eine Erkennung der Krankheit vor dem Auftreten einer Krise, das heißt vor dem Auftreten von Symptomen.

Kann hierdurch die Krankheit festgestellt werden, müssen die Patienten dauerhaft in einem Zentrum für Kinder-Stoffwechselmedizin behandelt werden (beispielsweise in den Universitäts-Kinderkliniken Heidelberg, Hamburg, Düsseldorf oder München; im Bedarfsfall nachfragen, ob die nächstgelegene Universitäts-Kinderklinik eine Stoffwechsel-Sprechstunde anbietet). Die Behandlung besteht in der Einschränkung der Lysin-Zufuhr durch eine Lysin-arme Spezialdiät, sowie in der Gabe eines Medikamentes namens Carnitin. Carnitin hat die Funktion, dass sich GA und 3OH-GA an Carnitin koppeln können und so erleichtert über den Urin ausgeschieden werden. Des Weiteren ist in der Therapie ein besonderes Notfallmanagement von besonderer Wichtigkeit. Katabole Zustände wie fieberhafte Infektionen, Durchfall oder ähnliches müssen, wenn sie nicht vermieden werden können, mit einer erhöhten Energiezufuhr behandelt werden.

Neben den genannten Therapieansätzen sind in der Literatur auch fettarme Diäten sowie die Gabe von Riboflavin und D3-Hydroxybutyrat beschrieben worden, wobei es sich hierbei jedoch um experimentelle Therapieansätze handelt.

Der Fall Marlene: Eine Familiengeschichte

Als Marlene auf die Welt kommt, ahnt niemand, welch schweres Gepäck das Mädchen trägt. Eine Mittelohrentzündung bringt es sechs Monate später ans Licht: Marlene ist von der Stoffwechselkrankheit Glutarazidurie Typ I (GA-1) betroffen. Infekte, die für andere harmlos sind, lösen bei GA-1 Krisen aus, die zu motorischen Schäden bis hin zu schwersten Behinderungen führen können. Die Prognose ist finster.

Als Marlene mit einem halben Jahr krank wurde, verschlechterte sich ihr Zustand rapide. Sie krampfte, wurde aber zunächst wieder nach Hause geschickt und sollte beobachten. Als Marlene das zweite Mal krampfte, ging es direkt vom Kinderarzt mit der Ambulanz ins Krankenhaus. Marlene bekam einen Zugang gelegt, um sie per Infusion zu ernähren; sie wurde noch in der Notaufnahme untersucht und dann sofort auf die Intensivstation gebracht. Eine Neurologin sagte damals zu ihr, sie habe eine Vermutung. Diese Vermutung bestätigte sich.

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Uns wurde gesagt, unsere Tochter würde motorisch nichts mehr können - weder sitzen noch den Kopf heben oder gehen. Sie würde immer auf Hilfe angewiesen sein. Eine solche Nachricht zieht einem den Boden unter den Füßen weg.

Ich lernte, Marlene zu Hause zu versorgen, Sonden zu legen, Spezialnahrung zusammenzustellen, und lernte auch, was sie an normaler Nahrung essen darf und was nicht. Für diese Krankheit gibt es, obwohl sie so selten ist, ein Zentrum in Deutschland, in Heidelberg, und die Ärzte, die sich mit GA-1 auskennen, sind untereinander gut vernetzt, bis in die USA. Die Ärzte hier, Professor Baumgartner und sein Team, wussten, was zu tun ist. Ich bekam eine Broschüre mit Informationen in die Hand gedrückt, nahm Kontakt mit einer Selbsthilfegruppe in Deutschland auf. Die meisten Kinder im Alter unserer Tochter sind allerdings längst nicht so stark betroffen wie Marlene, weil sie die Diagnose bereits vor einer Krise bekommen hatten.

Marlene hat sich sehr gut entwickelt, allen Prognosen zum Trotz, und es geht uns gut. Natürlich hat sie Einschränkungen und es gibt Hindernisse - Marlene ist jetzt zehn und stark gewachsen, für viele ihrer Hilfsmittel müssen wir neue Anträge stellen, weil sie ihr einfach nicht mehr passen. Marlene ist sehr stark, sie hat eine große Ausdauer, von Anfang an. Sie besucht eine Sonderschule - und sie geht unglaublich gerne dorthin! Sie erhält auch begleitende Therapien und Förderungen und kommt erst nachmittags nach Hause, sodass ihre Mutter mittlerweile wieder in Teilzeit in ihrem Beruf arbeiten kann. Die Familie ist inzwischen in eine ebenerdige Wohnung umgezogen. Das erleichtert es Marlene enorm, sich mit ihrem E-Rollstuhl zu bewegen. Sie hat dadurch ein Stück Unabhängigkeit gewonnen. Auch haben sie gemeinsame Momente als Familie, die wunderbar sind. Großartig ist, dass Marlene mittlerweile ein bisschen sprechen kann. Sie kann sich mitteilen. Direkt nach der Diagnose hatte ich gedacht, Laufen sei das Allerwichtigste. Aber inzwischen weiß ich: Das ist es nicht. Das Wichtigste ist Kommunikation.

Leben mit GA-1: Herausforderungen und Perspektiven

Der Alltag mit GA-1 kann herausfordernd sein, insbesondere für die Familien der Betroffenen. Die ständige Sorge vor metabolen Krisen, die Notwendigkeit einer speziellen Diät und die Organisation der notwendigen Therapien erfordern viel Kraft und Engagement.

Unterstützung und Ressourcen

  • Zentren für Kinder-Stoffwechselmedizin: Diese Zentren bieten spezialisierte medizinische Betreuung und Beratung für Patienten mit GA-1 und deren Familien.
  • Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen kann eine wertvolle Unterstützung sein.
  • Fördervereine: Diese Vereine unterstützen Familien finanziell und organisieren Veranstaltungen zum Austausch.

Fazit

Die Glutarazidurie Typ 1 ist eine ernstzunehmende Erkrankung, die unbehandelt zu schweren Schädigungen des Gehirns führen kann. Dank des Neugeborenenscreenings und verbesserter Behandlungsmethoden können viele Kinder jedoch vor dauerhaften Schäden bewahrt werden. Mit einer frühzeitigen Diagnose, einer konsequenten Therapie und der Unterstützung von Familie, Ärzten und Selbsthilfegruppen können Betroffene ein erfülltes Leben führen. Die Geschichte von Marlene zeigt, dass auch bei einer schweren Verlaufsform Fortschritte möglich sind und die Lebensqualität deutlich verbessert werden kann. Kommunikation, Akzeptanz und die Freude an den kleinen Dingen im Leben spielen dabei eine entscheidende Rolle.

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Seltene Erkrankungen: Ein Überblick

Angeborene Stoffwechselerkrankungen („inborn errors of metabolism“, IEM) gehören zu den seltenen Erkrankungen, d. h., die Prävalenz jeder einzelnen Erkrankung liegt unter 1:2000 Einwohner in Europa. Kumulativ ist allerdings mehr als 1 % der europäischen Bevölkerung von einer IEM betroffen. Die meisten IEM manifestieren sich im Kindesalter, jedoch kennt man inzwischen für viele Erkrankungen spätmanifeste Formen, die erst im Erwachsenenalter symptomatisch werden.

Stoffwechselerkrankungen des Nervensystems (oder neurometabolischen Erkrankungen) liegen genetisch bedingte Anomalien von Enzymen oder ein Mangel an Kofaktoren zugrunde, in deren Folge es zu einer Störung der Entwicklung oder Funktion des Nervensystems kommt. Die Bandbreite dieser Stoffwechselstörungen ist groß, ebenso wie das daraus resultierende Spektrum der klinischen Syndrome. Zu den klinischen Erscheinungsformen neurometabolischer Störungen gehören Ataxien, Bewegungsstörungen, Epilepsien oder periphere Neuropathie, jedoch auch eine neurologische Regression. Der klinische Verlauf im Erwachsenenalter kann sich erheblich von dem im Kindesalter unterscheiden. In den letzten 20 Jahren hat sich unser Verständnis der genetischen und metabolischen Grundlagen für viele neurologische Erkrankungen erheblich erweitert. In einigen Fällen sind heute spezifische Behandlungen möglich oder werden gerade entwickelt.

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