Gluten, ein Proteinkomplex, der in verschiedenen Getreidesorten vorkommt, ist seit langem Gegenstand von Diskussionen über seine gesundheitlichen Auswirkungen. Während die Schulmedizin bestimmte Auswirkungen von Gluten, wie Zöliakie, anerkennt, werden andere potenzielle Auswirkungen, insbesondere auf das Gehirn, oft übersehen. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Wirkungen von Gluten auf das Gehirn, von "Brain Fog" bis hin zu neurologischen Störungen, und bietet einen umfassenden Überblick über den aktuellen Stand der Forschung.
Was ist Gluten und wo kommt es vor?
Gluten ist ein Sammelbegriff für verschiedene in Getreide vorkommende Eiweiße. Im Weizen werden die Eiweiße Gliadin und Glutenin genannt. Im Roggen heißen die Substanzen Secalin und Secalinin, im Hafer Avenin und Avenalin in der Gerste Hordein und Hordenin. Es ist ein Proteinkomplex, der in Getreidearten wie Weizen, Roggen, Dinkel und Gerste vorkommt. Gluten ist für die Elastizität des Teigs verantwortlich und sorgt dafür, dass Brot und Backwaren ihre Form behalten. Glutenhaltige Lebensmittel sind daher in erster Linie Backwaren und Teigwaren wie Mehl, Brot, Kuchen und Kekse. Allerdings findet man es auch in vielen Fertigprodukten wie Suppen, Soßen und Süßigkeiten, wo es als Bindemittel eingesetzt wird.
Gluten und "Brain Fog": Ein unterschätztes Problem
Ein oft übersehener Effekt von Gluten ist der sogenannte "Brain Fog" oder "Gehirnnebel". Arzt und Ernährungsmediziner Dr. med. Lawrence Wilson betont, dass die Schulmedizin dieses Phänomen weitgehend ignoriert, obwohl immer mehr Menschen betroffen zu sein scheinen. Brain Fog äußert sich in geistigen Einbrüchen, Konzentrationsschwierigkeiten und einem allgemeinen Gefühl der Benommenheit. Nach dem Verzehr von glutenhaltigen Lebensmitteln kann dieser "Nebel" aufsteigen und die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.
Brain Fog kann das Ergebnis einer Glutenunverträglichkeit sein. Da das Getreideprotein schwer verdaulich ist und oft nicht vollständig in einzelne Aminosäuren zerlegt wird, entstehen Protein-Bruchstücke, sogenannte Peptide. Diese Peptide, auch opioide Peptide genannt, können Reaktionen im Gehirn auslösen und das sensible Gleichgewicht von Hormonen und Botenstoffen stören.
Gluten-Peptide und allergische Reaktionen im Gehirn
Gluten-Peptide können nicht nur Brain Fog verursachen, sondern auch allergische Reaktionen auslösen, die sich in Schwellungen und Entzündungen äußern können. Besonders problematisch sind allergische Entzündungen im Gehirn, da das Gehirngewebe nicht die Möglichkeit hat, sich über Juckreiz, Schmerzen oder Schwellungen bemerkbar zu machen. Diese Entzündungen können subtile Auswirkungen auf die Gehirnfunktion haben und zu verschiedenen neurologischen Problemen führen.
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Die Verbindung zwischen Gluten und neurologischen Störungen
Die Auswirkungen von Gluten auf das Gehirn können über Brain Fog und allergische Reaktionen hinausgehen. Es gibt Hinweise darauf, dass Gluten bei manchen Menschen neurologische Störungen verschlimmern oder auslösen kann. So könnte eine Ernährung ohne das Getreideprotein u. U. die Symptome von Parkinson bessern, nämlich dann, wenn gleichzeitig eine Zöliakie vorliegt, also eine schwere Unverträglichkeit, bei der durch den Verzehr des Getreideproteins die Darmschleimhaut geschädigt wird.
Ein besonders drastisches Beispiel zeigt der Fall eines 38-jährigen Mannes, der nach einer Odyssee von Fehldiagnosen und Behandlungen schließlich als Ursache seiner psychischen und neurologischen Probleme eine Glutenunverträglichkeit diagnostiziert bekam. Nach einer streng glutenfreien Diät verschwanden seine neurologischen Symptome weitgehend, und auch seine Antriebslosigkeit besserte sich.
Gluten und psychische Gesundheit: Depressionen, Angstzustände und ADHS
Die Forschung deutet darauf hin, dass Gluten auch Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben kann. Psychiaterinnen wie Dr. Deanna Kelly, Dr. Jessica Hellings und Sharon Pugh sind überzeugt, dass sowohl Zöliakie als auch Glutenunverträglichkeit Angstzustände, ADHS und Depressionen zur Folge haben können. Der Grund dafür liegt darin, dass Gluten über die Blut-Hirn-Schranke gelangen und dort Entzündungen verursachen kann, die sich auf die Hirnfunktion auswirken. Unter anderem wird so die Produktion des „Glückshormons“ Serotonin gehemmt.
Studien haben gezeigt, dass eine glutenfreie Ernährung bei manchen Menschen mit psychischen Problemen zu einer deutlichen Verbesserung der Symptome führen kann. So konnte eine 22-jährige Frau, die viele Jahre an Panikattacken litt und nicht auf Antidepressiva ansprach, nach 3 Monaten glutenfreier Ernährung alle Medikamente absetzen. Auch bei Kindern mit ADHS wurden durch eine glutenfreie Ernährung Verbesserungen erzielt.
Die Rolle des Darms bei der Glutenverträglichkeit
Der Darm spielt eine entscheidende Rolle bei der Verarbeitung von Gluten und seiner Auswirkungen auf den Körper. Eine mangelhafte Proteinverdauung, die auf einen Magensäuremangel hinweisen kann, kann dazu führen, dass unvollständig verdaute Gluten-Partikel den Darm erreichen. Eine gestörte Darmflora oder eine geschädigte Darmschleimhaut können die Situation zusätzlich verschärfen und dazu führen, dass Gluten-Partikel in die Blutbahn gelangen und Immunreaktionen auslösen.
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Glutenhaltige Getreide können auch selbst zur Schädigung der Darmschleimhaut beitragen und eine chronische Übersäuerung fördern. Das Weizeneiweiß Gliadin erhöht die Freisetzung von Zonulin, was die Durchlässigkeit der Darmwand erhöht und Autoimmunreaktionen auslösen kann.
Glutenfreie Ernährung: Eine Herausforderung, aber oft lohnenswert
Eine glutenfreie Ernährung kann eine Herausforderung sein, da Gluten in vielen Lebensmitteln enthalten ist. Es erfordert eine sorgfältige Auswahl von Lebensmitteln und den Verzicht auf viele traditionelle Getreideprodukte. Statt Mehl aus Weizen sollte man auf Mehl aus Buchweizen, Mais oder Hirse zurückgreifen. Statt Hartweizenpasta können Buchweizennudeln, Maisnudeln oder Sojanudeln auf den Tisch kommen. Beim Einkauf sollte man auf das Symbol für Glutenfreiheit achten, eine durchgestrichene Getreideähre.
Trotz der Herausforderungen kann eine glutenfreie Ernährung für viele Menschen mit Glutenunverträglichkeit oder neurologischen Problemen eine lohnende Option sein. Schon bald werden Sie klare Gedanken fassen können, Ihre Konzentrationsfähigkeit wird sich genauso verbessern wie Ihr Auffassungs- und Lernvermögen. Selbst die Stimmung kann sich deutlich heben und die Nebelschwaden werden sich endlich verziehen. Das Experiment sollte mindestens vier Wochen lang konsequent durchgeführt werden und eignet sich auch hervorragend für Kinder.
Wann ist eine glutenfreie Ernährung sinnvoll?
Eine glutenfreie Ernährung ist unerlässlich für Menschen mit Zöliakie, einer Autoimmunerkrankung, bei der Gluten die Dünndarmschleimhaut schädigt. Auch bei einer diagnostizierten Glutenunverträglichkeit oder Weizenallergie sollte Gluten gemieden werden. Wenn der Verdacht auf eine dieser Erkrankungen besteht, sollte man dies mit einem Arzt besprechen.
Aber auch Menschen ohne diagnostizierte Zöliakie können von einer glutenfreien Ernährung profitieren, insbesondere wenn sie unter Brain Fog, neurologischen Problemen oder psychischen Beschwerden leiden, die mit Gluten in Verbindung gebracht werden könnten. Eine Auslassdiät, bei der Gluten für einen bestimmten Zeitraum gemieden wird, kann helfen, festzustellen, ob Gluten eine Rolle bei den Symptomen spielt.
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Glutenfreie Produkte: Nicht immer die gesündere Wahl
Es ist wichtig zu beachten, dass glutenfreie Produkte nicht immer die gesündere Wahl sind. Da die lebensmitteltechnologischen Vorteile des Glutens bei der Herstellung glutenfreier Produkte wegfallen, behilft sich die Industrie meist durch eine höhere Zugabe von Fett und Zucker, um die Konsistenz und den Geschmack des Produkts für Verbraucher attraktiv zu machen. Glutenfreie Produkte liefern überwiegend mehr Kalorien, was beim Abnehmen hinderlich sein kann. Zusatzstoffe sollen zum Beispiel die Backeigenschaften optimieren und die sensorische Qualität des Produkts anheben, also das "Mundgefühl" und die Konsistenz verbessern. Studien aus den USA haben zudem gezeigt, dass "Glutenfrei"-Produkte öfter krankmachende Schwermetalle wie Arsen enthalten. Häufig fehlen glutenfreien Produkten auch Vitamine und Ballaststoffe.
Es ist daher ratsam, bei einer glutenfreien Ernährung auf natürliche, unverarbeitete Lebensmittel zu setzen und glutenfreie Spezialprodukte nur in Maßen zu konsumieren. Glutenfreie Mehle aus Hülsenfrüchten, Buchweizen und Co. öfter in den Speiseplan einzubauen, lohnt sich für alle, denn Abwechslung tut dem Körper gut.
Die Kontroverse um Gluten: Was ist dran an den Behauptungen?
Gluten steht seit einigen Jahren pauschal als krankmachend in Verruf. Einige Menschen leiden unter einer nachgewiesenen Glutenunverträglichkeit, der sogenannten Zöliakie. Das ist eine nicht heilbare Erkrankung, bei der körpereigene Immunzellen bestimmte Glutenarten als Feind ansehen, Entzündungen im Darm verursachen und die Darmzotten angreifen. Betroffen sind etwa 0,5 Prozent der deutschen Bevölkerung. Doch auch Menschen ohne nachgewiesene Glutenunverträglichkeit setzen immer häufiger auf "glutenfrei“. Denn Weizen und Gluten stehen im Verdacht, Entzündungen und bestimmte Autoimmunerkrankungen (etwa Hashimoto) zu fördern. Die Zusammenhänge sind bisher weder komplett verstanden noch bewiesen. Aber glutenfreie Ernährung ist bereits ein Trend.
Die Argumentation, dass der besonders anspruchslose Weizen, der heute weltweit am meisten angebaut wird, besonders hohe Glutengehalte aufweist, ist umstritten. Nicht aber das Gluten selbst, sondern nur bestimmte Komponenten wie das Gliadin und andere im Weizen vorkommende Eiweiße können für den Menschen problematisch werden. Es ist wichtig, sich nicht von pauschalen Verurteilungen von Gluten verunsichern zu lassen, sondern die individuellen Reaktionen des eigenen Körpers zu beobachten und gegebenenfalls ärztlichen Rat einzuholen.
Traditionelle Zubereitungsmethoden können die Verträglichkeit verbessern
Wer nicht an einer manifesten Zöliakie leidet, muss nicht lebenslang auf Gluten verzichten, auch wenn Brot scheinbar nicht gut vertragen wird. Oftmals sorgen die schnell und mit Triebmittel gebackenen Vollkornbrote für Beschwerden, ohne dass dies auf das enthaltene Gluten zurückzuführen wäre. Zum einen sorgt die verkürzte Backzeit dafür, dass reizende Stoffe nicht ausreichend deaktiviert werden. Zum anderen enthält das volle Korn im Gegensatz zum geschälten Korn noch alle Substanzen, die als Fraßschutz von der Getreidepflanze gebildet werden.
Abhilfe schaffen hier nur traditionelle Zubereitungsmethoden von Getreiden und Getreideprodukten, die die Verträglichkeit deutlich verbessern können. So trägt beim Roggen die Sauerteigführung dazu bei, dass die für den Darm problematischen Substanzen inaktiviert werden. Ein guter Sauerteig braucht aber mindestens 48 Stunden - Zeit, die heute nicht mehr zur Verfügung steht.