Gott, Gehirn, Glaube und Forschung: Eine Annäherung an die Neurotheologie

Die Frage nach der Beziehung zwischen Glauben und Wissen beschäftigt die Menschheit seit Jahrhunderten. Insbesondere die Suche nach wissenschaftlichen Beweisen für die Existenz Gottes steht immer wieder im Fokus. Wohnt Gott in unserem Gehirn? Diese Frage, die lange Zeit als unvereinbar galt, wird heute von der Neurotheologie neu beleuchtet.

Historische Perspektive: Glaube und Wissenschaft im Widerstreit

Jahrhundertelang galten Glaube und Wissenschaft als Gegensätze. Wissenschaftler, die Naturgesetze entdeckten, die nicht mit dem kirchlichen Weltbild übereinstimmten, mussten widerrufen oder sogar sterben. Die Wissenschaft schien sich gegen die göttliche Schöpfung zu wenden. Doch diese Zeiten des unversöhnlichen Konflikts sind vorbei.

Die Suche nach dem Göttlichen im Gehirn

Auch moderne Hirnforscher wie Gerald Wolf, ein emeritierter Professor für medizinische Neurobiologie, beschäftigen sich mit diesen Fragen. Seine wissenschaftliche Auseinandersetzung hat den Atheisten zu einem Skeptiker werden lassen, der zugibt: »Ich bin nicht glücklich mit meinem Atheismus.«

Die Vorteile der Religiosität

Wolf betont, dass Religiosität wissenschaftlich messbare Vorteile hat. Trotzdem ist die Glaubensbereitschaft nicht bei allen Menschen gleich ausgeprägt. Die Hirnforschung ist noch weit davon entfernt, das Gehirn vollständig zu verstehen. Phänomene wie Phantomschmerzen bei Amputierten oder das Lächeln blinder Neugeborener werfen weiterhin Fragen auf. Was geschieht mit dem Geist, den unser Gehirn unablässig »produziert«, wenn wir sterben?

Das "Gottes-Gen": Eine umstrittene These

Im Jahr 2004 beschrieb der US-amerikanische Biochemiker Dean Hamer ein sogenanntes »Gottes-Gen«. Seinen Forschungen zufolge handelt es sich dabei um ein Molekül in den Nervenzellen, das den Transport von Glückshormonen wie Dopamin erleichtert. Diese These ist jedoch umstritten und die Debatte darum ist weitgehend verstummt.

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Das "Gott-Modul" und die "Unio Mystica"

Auch die Idee eines »Gott-Moduls«, das der Neurologe Vilayanur S. Ramachandran verortete, fand wenig Anklang. Der Hirnforscher Andrew Newberg entdeckte bei Versuchen mit betenden Nonnen und meditierenden Mönchen, dass bei der »unio mystica«, dem »Verschmelzen mit Gott«, eine Hirnregion hinter den Ohren auffällig inaktiv wird.

Eine offene Frage: Hat Gott unser Gehirn so geschaffen?

Hat Gott unser Gehirn so geschaffen, dass es Gott erfahren kann? Gerald Wolf gibt keine eindeutige Antwort, sondern lässt seine Zuhörer mit Verunsicherung und Fragen zurück. Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass Spiritualität in der ältesten Hirnregion verankert ist. Ob es Gott gibt, bleibt jedoch eine Glaubensfrage.

Die Neurowissenschaftliche Perspektive: Religiosität und Spiritualität im Gehirn

Neurowissenschaftler beschäftigen sich seit langem mit der Frage, warum manche Menschen religiös sind und andere nicht, und ob Gott vielleicht nur ein Hirngespinst ist. Michael Blume, ein Religionswissenschaftler, betont, dass die Entdeckung einer sehr alten Gehirnregion, die mit Spiritualität verbunden ist, ein weiterer Baustein im Verständnis von Religiosität und Spiritualität ist.

Die Rolle verschiedener Gehirnregionen

Blume erklärt, dass sowohl Religiosität, also der Glaube an höhere Wesen, als auch Spiritualität, also die Erfahrung in der Meditation, in verschiedenen Gehirnregionen bearbeitet werden. Die älteste Region des Gehirns, aus der heraus es erst erwachsen ist, ist direkt mit Spiritualität verbunden. Beschädigungen in dieser Region können die Spiritualität eines Menschen merklich verändern.

Das Periaquäduktale Grau: Ursprung von Liebe und Altruismus

Diese älteste Hirnregion wird als Periaquäduktales Grau oder zentrales Höhlengrau bezeichnet. Hier geht es um basale Funktionen wie Liebe und Altruismus, also die Wahrnehmung des Selbst in Verbindung mit anderen. Diese Funktionen sind vermutlich lange vor der Sprache entstanden.

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Religiosität und Spiritualität: Ein Potenzial für Heilige und Extremisten

Religiosität und Spiritualität können das Beste aus dem Menschen herausholen. Sie können dazu anregen, sich für andere einzusetzen, zu forschen, zu lieben und zu unterstützen. Allerdings betont Blume, dass die Vernunft notwendig ist, um dieses Potenzial richtig einzusetzen. Denn mit diesen Fähigkeiten kann man aus Menschen Heilige, aber eben auch Extremisten machen.

Religiöse Musikalität: Eine Frage der Empfänglichkeit

Analog zur Musikalität geht man davon aus, dass manche Menschen empfänglich für religiöse Gefühle und Spiritualität sind und andere nicht. Diesen Begriff der religiösen Musikalität prägte Max Weber. Blume betont, dass es wichtig ist, Religiosität und Spiritualität früh einzuüben, aber nicht mit Zwang.

Individualität im religiösen und spirituellen Bereich

Jeder Mensch ist anders und hat ein anderes Gehirn. So wie manche Menschen Jazz lieben und andere Heavy Metal, so empfinden Menschen unterschiedliche Gebetsformen oder Meditationspraktiken als ansprechend. Es ist wichtig, die Individualität im religiösen und spirituellen Bereich ernst zu nehmen.

Veranlagung und Erziehung: Natur und Kultur

Wir Menschen haben alle eine Veranlagung zu Sprachfähigkeit, Musikalität und Kreativität. Aber Veranlagung allein reicht nicht aus. Wir müssen eine Sprache, ein Musikinstrument oder eine Kunst erst lernen. Genau so ist es mit Religiosität und Spiritualität auch. Es ist ein Teil unserer biologischen Ausstattung, was auch bedeutet, dass es nichts bringt, jemanden zu etwas zwingen zu wollen, was die Person vielleicht gar nicht anspricht.

Neurotheologie: Die Erforschung des Göttlichen im Gehirn

Blume, der selbst aus einer nicht-religiösen Familie stammt und den interreligiösen Dialog von früh auf erlebt hat, promovierte über Neurotheologie. Er war überrascht, wie viel wir über Neurowissenschaften herausfinden können. Die Neurotheologie versucht zu verstehen, woher Spiritualität und Religiosität in unseren Gehirnen stammen.

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Evolutionärer Atheismus, Agnostizismus und Evolutionärer Theismus

Die Neurotheologie kann uns helfen zu verstehen, wie Gott im Gehirn erfahren wird. Allerdings gibt es unterschiedliche Interpretationen dieser Erfahrungen. Der evolutionäre Atheismus sieht darin eine nützliche Illusion, der Agnostizismus betont, dass wir es nicht wissen können, was dahintersteckt, und der evolutionäre Theismus sieht darin einen Beweis dafür, dass die ganze Evolution auf Gott zugeht.

Die Herausforderung der Hirnforschung für die Theologie

Die moderne Hirnforschung stellt die Theologie und den christlichen Glauben vor Herausforderungen. Die Erkenntnis, dass psychische Vermögen und Phänomene ausschließlich in Verbindung mit Hirnprozessen beobachtet werden, lässt den Glauben an immaterielle geistige Wesen obsolet erscheinen.

Der Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaft

Der Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaft findet im Alltag statt, beispielsweise wenn wir in einer Notsituation der Technik vertrauen und mit unserem Handy den Notarzt rufen, anstelle eines Stoßgebetes. Die Technik ermöglicht Bequemlichkeit und verleiht dem naturwissenschaftlich-technischen Denken eine ungeheure Überzeugungskraft.

Die Grenzen der Naturwissenschaft

Allerdings liefern naturwissenschaftliche Fakten und Technologie keine Antwort auf die bedrängenden Fragen unserer Existenz. Der Ort für diese Fragen ist heute die Kunst und besonders die Literatur.

Fiktion und Wirklichkeit: Eine entscheidende Grenze

Die großen Monotheismen sind Buchreligionen und ihre heiligen Schriften gelten als große Literatur. Doch aus Sicht der Gläubigen beanspruchen diese Texte mehr zu sein als bloße literarische Fiktion. Es gibt einen Unterschied zwischen Fiktion und Wirklichkeit, und diese Grenze muss unbedingt beachtet werden. In den vergangenen Jahrhunderten, in denen ernsthaft Naturwissenschaft betrieben wird, konnten rein geistige Wesenheiten oder deren Handeln nicht mehr beobachtet werden.

Die Leitidee der modernen Hirnforschung

Die Leitidee der modernen Hirnforschung ist, dass sämtliche psychischen Vermögen und Phänomene von Hirnfunktionen abhängen. Was Ihr Auge für das Sehen ist, ist Ihr Gehirn für die Gesamtheit Ihrer psychischen Vermögen. Es gibt keine psychischen Phänomene ohne Hirnfunktion. Und schon gar nicht gibt es dann rein geistige, immaterielle, übernatürliche Wesenheiten, die irgendetwas sehen, hören, fühlen, beabsichtigen oder physisch bewirken könnten.

Gründe für die Leitidee

  • Psychophysiologie: Funktionell-bildgebende Studien zeigen, dass religiös-meditative Bewusstseinszustände mit Veränderungen der Hirnfunktion einhergehen.
  • Schlaf: Beim Einschlafen sind wir einfach nicht mehr da, jegliches Erleben hat geendet.
  • Narkose: Unter Narkose kommen sämtliche psychischen Vermögen und Phänomene zum Erliegen.
  • Drogen: Rauschdrogen können tiefspirituelle Erlebnisse auslösen, deren Inhalt von Nahtoderlebnissen praktisch nicht unterscheidbar ist.
  • Epilepsie: Epileptische Anfälle können eine immense Palette an veränderten Wahrnehmungs- und Bewusstseinszuständen bieten.
  • Neurologie und Neuropsychiatrie: Durch Hirnerkrankungen kann praktisch jede unserer psychischen Fähigkeiten zerstört oder verstärkt werden.

Der Tod als Ende des geistig-seelischen Lebens

Wenn der Teilverlust von Hirnfunktionen zu einem Teilverlust psychischer Vermögen führt, dann liegt es auf der Hand davon auszugehen, dass der unwiderrufliche Gesamtverlust aller Hirnfunktionen im Tod zu einem Gesamtverlust sämtlicher psychischer Fähigkeiten führt. Der Tod ist der Tod der ganzen Person, das Ende auch ihres geistig-seelischen Lebens.

Nahtoderlebnisse: Keine Widerlegung der Hirnforschung

Nahtoderlebnisse widerlegen nicht die Leitidee der modernen Hirnforschung. Denn Todesnähe ist weder eine hinreichende noch eine notwendige Bedingung für diese Bewusstseinszustände.

Die Genetische Komponente der Spiritualität

Der Hang zur Spiritualität ist teilweise angeboren. William James sagte bereits 1903, dass das Fühlen die tiefere Quelle der Religion ist. Manche Menschen sind sehr spirituell, aber nicht religiös, andere dagegen strenggläubig und fest in ihrer religiösen Gemeinschaft verwurzelt, ohne jemals intensive spirituelle Erfahrungen gemacht zu haben.

Zwillingsstudien: Spiritualität ist erblich

Zwillingsstudien haben ergeben, dass Spiritualität eine starke genetische Komponente hat. Eineiige Zwillinge, die genetisch identisch sind, zeigten lebenslang eine viel größere Ähnlichkeit in ihrer Spiritualität als zweieiige.

Das "Gottes-Gen" VMAT2: Ein Gen für Spiritualität?

Dean Hammer sorgte für Aufsehen mit der Behauptung, das erste Gen für Spiritualität entdeckt zu haben: das VMAT2-Gen. Dieses Gen codiert ein Protein, das die Menge bestimmter Signalstoffe im Gehirn kontrolliert, die das Bewusstsein beeinflussen. Menschen mit einer bestimmten Variante dieses Gens waren im Durchschnitt spiritueller.

Kritik an der "Gottes-Gen"-Hypothese

Hammers These wurde zwiespältig aufgenommen und sowohl von wissenschaftlicher als auch von religiöser Seite angegriffen. Kritiker bemängeln die methodischen Schwächen der Studie und den reduktionistischen Ansatz.

Spiritualität als Persönlichkeitsmerkmal

Robert Cloninger entwickelte den "Temperament and Character Inventory" (TCI), einen Persönlichkeitstest, der sieben Dimensionen der Persönlichkeit charakterisiert, darunter die Spiritualität. Cloninger will den individuellen Grad der Spiritualität als Persönlichkeitsmerkmal ernst genommen wissen.

Die Evolutionäre Perspektive: Der Nutzen des Glaubens

Alle Kulturen der Menschheit sind von Spiritualität und Religion geprägt. Offenbaren die Forschungsergebnisse eine übernatürliche Wahrheit? Oder zeigen sie eine clevere Strategie der Natur, die bis heute alle Kulturen prägt?

Die Neurotheologie: Eine neue Wissenschaftsdisziplin

Die Neurotheologie ist eine neue Wissenschaftsdisziplin, die die Frage untersucht, wie der Gottglaube ins Gehirn gelangt. Die Grundthese lautet: Im Gehirn des Menschen gibt es spezielle Areale, die das neuronale Korrelat für religiöse Erfahrungen darstellen.

Epilepsie und spirituelle Visionen

Insbesondere die Schläfenlappen der Hirnrinde stehen im Verdacht, das Gottes-Areal zu beherbergen. Epileptiker, bei denen die Schläfenlappen eine extrem übersteigerte Nervenaktivität zeigen, berichten von merkwürdigen spirituellen Visionen.

Magnetische Stimulation des Gehirns: Künstliche Spiritualität?

In einem Experiment reizte der kanadische Neurologe Michael Persinger die Hirnrinde von gesunden Frauen und Männern mit einem schwachen Magnetfeld. Viele Probanden fühlten sich während dieser Prozedur wie verwandelt und spürten die Gegenwart eines übernatürlichen Wesens.

Dopamin und die Bereitschaft, Muster zu erkennen

Der Zürcher Neuropsychologe Peter Brugger verabreichte Skeptikern das Medikament L-Dopa, das im Gehirn den Dopamin-Stoffwechsel anregt. Die Versuchspersonen fanden nun in abstrakten Bildern Muster, die sie zuvor nicht erkennen konnten.

Meditation und die Auflösung des Ichs

Der US-Radiologe Andrew Newberg ließ buddhistische Mönche und Franziskaner-Nonnen in einem Computertomographen meditieren. Im Zustand der religiösen Ekstase war bei sämtlichen Probanden das so genannte Orientierungsfeld im Scheitellappen auffallend wenig durchblutet.

Kritik an der Neurotheologie

Die Neurotheologie hat unter den Sachwaltern des Glaubens eine heftige Diskussion ausgelöst. Manche Geistliche halten die neuen Erkenntnisse der Hirnforschung für blasphemisch.

Die Neurotheologie im Diskurs

Die Neurowissenschaften haben eine zentrale Stellung im wissenschaftlichen Diskurs erobert. Die Neurotheologie versucht, Fragen aus dem theologischen Bereich im Licht der Neurowissenschaften zu beleuchten.

Persingers Helm: Gotteserfahrungen auf Knopfdruck?

Michael Persinger behauptet, durch seinen Helm, der den Schläfenlappen durch ein von außen an der Kopfhaut induziertes Magnetfeld reizt, auch Atheisten zu Gotteserfahrungen bringen zu können. Diese Versuche sind jedoch umstritten.

Newbergs Forschungen: Die neuronale Basis mystischer Erfahrungen

Andrew Newberg untersucht die neuronale Basis mystischer Erfahrungen und vertritt die These, dass diese Erfahrungen wesentlich durch die Aufhebung der Differenz zwischen Subjekt und Objekt des Bewusstseins gekennzeichnet sei.

Die Kritik an Newbergs Ansatz

Newberg reduziert religiöse Erfahrung auf mystische Erfahrung, was aus religionswissenschaftlicher Perspektive einseitig und fragwürdig erscheint. Zudem gibt es keine Einmütigkeit darüber, was genau unter religiöser Erfahrung zu verstehen ist.

Der theologische Ertrag der Neurotheologie

Die Neurotheologie kann die biologischen Grundlagen religiöser Erfahrung erkennen und erklären. Ob dieses Gefühl jedoch als Kriterium für real existierende Gegenstände ausreicht, ist eine andere Frage.

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