Gottinger Neurologie Bahr: Ein umfassender Überblick

Die Neurologie in Göttingen, insbesondere im Kontext der Universitätsmedizin Göttingen und der Forschung von Prof. Dr. Bahr, umfasst ein breites Spektrum an Themen. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Aspekte, von der Grundlagenforschung zu neurodegenerativen Erkrankungen bis hin zu ethischen Fragen der Organtransplantation.

Forschungsschwerpunkte in der Göttinger Neurologie

Die Forschungsgruppe um Prof. Dr. Bahr konzentriert sich auf die zellulären und molekularen Mechanismen neuronaler Dysfunktion und des neuronalen Zelltods bei neurodegenerativen Erkrankungen, insbesondere der Parkinson-Krankheit (PD). Im Exzellenzcluster MBExC wird mit anderen Gruppen des Göttinger Campus zusammengearbeitet, um die Rolle der α-Synuclein-Aggregation für dopaminerge Dysfunktion und Zelltod zu bestimmen. Zu diesem Zweck wurden auch neue Differenzierungsprotokolle für iPS-Zellen von Patienten mit idiopathischer und genetischer PD etabliert. In allen Modellsystemen wird der AAV-vermittelte virale Gentransfer verwendet, um verschiedene krankheits- oder de-/regeneration assoziierte Gene als Forschungswerkzeuge und auch als potenzielle therapeutische Faktoren zu exprimieren, um die jeweiligen molekularen Ereignisse in vitro und in vivo zu manipulieren.

Aktuelle Forschungsprojekte und Publikationen

Die Forschungsgruppe hat in den letzten Jahren eine Reihe von Publikationen veröffentlicht, die wichtige Einblicke in die Pathophysiologie der Parkinson-Krankheit geben:

  • Dopamin und β-Synuclein: Raina et al. (2020) zeigten, dass Dopamin das neurodegenerative Potenzial von β-Synuclein fördert.
  • α-Synuclein im Tränenfilm: Maass et al. (2020) fanden erhöhte α-Synuclein-Spiegel im Tränenfilm von Parkinson-Patienten.
  • Funktionelle Konnektivität: Miloserdov et al. (2019) untersuchten die abweichende funktionelle Konnektivität von Ruhestandsnetzwerken im Zusammenhang mit Fehlwahrnehmungen und intraindividueller Variabilität bei Parkinson.
  • Elementarer Fingerabdruck: Maass et al. (2019) bewerteten den elementaren Fingerabdruck als Biomarker im Liquor für Parkinson neu.
  • AAV-vermittelte ULK1-Expression: Balke et al. (2019) zeigten, dass die AAV-vermittelte Expression von dominant-negativem ULK1 das neuronale Überleben erhöht und die motorische Leistung im MPTP-Mausmodell der Parkinson-Krankheit verbessert.
  • Dopaminerge Neuronen aus hiPSC-Linien: Mahajani et al. (2019) beschrieben die homogene Erzeugung dopaminerger Neuronen aus mehreren hiPSC-Linien durch transiente Expression von Transkriptionsfaktoren.
  • Liquor-Biomarker: Maass et al. (2018) gaben einen Überblick über Liquor-Biomarker für Parkinson.
  • α-Synuclein-Überexpression: Tolö et al. (2018) untersuchten die pathophysiologischen Folgen der neuronalen α-Synuclein-Überexpression und deren Auswirkungen auf Ionenhomöostase, Stresssignalwege, mitochondriale Integrität und elektrische Aktivität.
  • Reich- und Greifdefizite: Wilke et al. (2017) zeigten Reich- und Greifdefizite nach Schädigung des dorsalen Pulvinars.

Diese Arbeiten tragen dazu bei, die komplexen Mechanismen der Parkinson-Krankheit besser zu verstehen und neue Therapieansätze zu entwickeln.

Bildgebung in der Epileptologie

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt in der Göttinger Neurologie ist die strukturelle und funktionelle Bildgebung im Bereich der Epileptologie. Ziel ist es, das Verständnis der Erkrankungsentstehung zu verbessern und in klinisch nutzbare Anwendungen zu überführen.

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Methodische Ansätze

Es werden multimodale Bildgebungstechniken eingesetzt, darunter:

  • MRT (Magnetresonanztomographie): Voxel-basierte Morphometrie, Maschinenlernen und Netzwerkanalysen.
  • MEG (Magnetoenzephalographie): Analyse funktioneller Netzwerke.
  • (HD-)EEG (Hochdichtes Elektroenzephalographie): Erfassung epileptischer Aktivität.
  • PET (Positronenemissionstomographie): Analyse funktioneller Netzwerke.

Diese Techniken ermöglichen die Analyse struktureller und funktioneller Veränderungen, die für die Entstehung von Anfällen verantwortlich sind (die sogenannte „epileptogene Zone“). Eine wichtige Methode ist die Nachverarbeitung von strukturellen MRT-Daten mit statistischen Techniken („Post-Processing“), um sehr kleine Läsionen zu entdecken. Es werden Feldstärken von 3 bis 9.4 Tesla verwendet (in Kooperation mit der Universität Tübingen). Weiterhin wird Diffusion-Bildgebung genutzt, um den Zusammenhang von Epilepsie und Anfällen auf die strukturellen Netzwerke zu untersuchen.

Göttinger Langzeit-Studie Epilepsie

In einer großen Langzeit-Studie (Göttinger Langzeit-Studie Epilepsie) wird untersucht, wie sich die Epilepsie und deren Behandlung auf die Netzwerke und Strukturen des Gehirns auswirkt. Dazu werden teilnehmende Patient*innen in regelmäßigen Abständen mittels hoch-aufgelöstem EEG und 3T-MRT untersucht.

Prächirurgische Bildgebung

Im Bereich der prächirurgischen Bildgebung werden neue MRT-Kontraste und Nachverarbeitungsmethoden untersucht, mit denen auch subtile Störungen der Hirnstruktur detektiert werden können.

Verknüpfung von Genetik und Bildgebung

Es wird an der Verknüpfung von genetischen Epilepsie-Ursachen und Bildgebung gearbeitet.

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Neuroimmunologische Erkrankungen und Mycophenolatmofetil (MMF)

Ein weiteres wichtiges Gebiet der Göttinger Neurologie ist die Therapie neuroimmunologischer Erkrankungen. Hierbei kann Mycophenolatmofetil (MMF) eingesetzt werden. MMF ist ein Immunsuppressivum, das in der Therapie verschiedener Autoimmunerkrankungen Verwendung findet.

Einsatzgebiete von MMF in der Neurologie

MMF kann bei verschiedenen neurologischen Erkrankungen eingesetzt werden, darunter:

  • Myasthenia gravis: MMF kann als Steroid-sparende Substanz bei Myasthenia gravis eingesetzt werden (Meriggioli et al., 2003; Ciafaloni et al., 2004).
  • Guillain-Barré-Syndrom (GBS): In schweren Fällen von GBS kann MMF in Betracht gezogen werden (Ahrens et al., 2003).
  • Multiple Sklerose (MS): MMF wird als mögliche Therapieoption bei MS untersucht (Frohman et al., 2000; Vermersch et al., 1999).
  • Zerebrale Vaskulitis: MMF kann bei zerebraler Vaskulitis eingesetzt werden (Nowack et al., 1999).
  • Neuromyelitis optica (NMO): MMF kann bei NMO in Kombination mit anderen Immunsuppressiva eingesetzt werden (Göricke et al., 2012).

Wirkmechanismus von MMF

MMF wirkt, indem es die De-novo-Synthese von Guanosinmonophosphat (GMP) hemmt, einem Baustein der DNA. Dies geschieht durch Hemmung des Enzyms Inosinmonophosphat-Dehydrogenase (IMPDH) (Natsumeda et al., 1994; Eugui et al., 1991). Da Lymphozyten stark auf die De-novo-Synthese von Purinen angewiesen sind, werden deren Proliferation und Funktion durch MMF gehemmt.

Studienlage zu MMF

Es gibt einige Studien, die die Wirksamkeit und Verträglichkeit von MMF bei verschiedenen neurologischen Erkrankungen belegen. Allerdings ist die Studienlage nicht immer eindeutig, und weitere Forschung ist erforderlich, um den optimalen Einsatz von MMF in der Neurologie zu bestimmen.

Risiken und Nebenwirkungen von MMF

Wie alle Immunsuppressiva kann MMF Nebenwirkungen verursachen. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören:

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  • Gastrointestinale Beschwerden: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall.
  • Infektionen: Erhöhtes Risiko für bakterielle, virale und Pilzinfektionen.
  • Blutbildveränderungen: Leukopenie, Anämie, Thrombozytopenie.
  • Hautveränderungen: Hautausschläge, Juckreiz.

Die Entscheidung für oder gegen eine Therapie mit MMF muss im Einzelfall sorgfältig abgewogen werden, unter Berücksichtigung der potenziellen Vorteile und Risiken.

Ethische Aspekte der Organtransplantation in Göttingen

Die Göttinger Neurologie geriet in den letzten Jahren auch aufgrund von Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit Lebertransplantationen in die Schlagzeilen. Im Sommer 2011 wurden Vorwürfe laut, dass an der Universitätsklinik Göttingen Akten gefälscht wurden, um eigene Patienten bei der Vergabe von Spenderlebern zu bevorzugen.

Vorwürfe der Aktenmanipulation

Konkret wurde behauptet, dass Laborwerte manipuliert wurden, um Patienten einen höheren MELD-Score (Model for End-Stage Liver Disease) zuzuordnen. Der MELD-Score ist ein Parameter für die Dringlichkeit einer Lebertransplantation und ein wichtiges Allokationskriterium für Spenderlebern. Durch die Manipulation rückten Patienten auf der Warteliste nach vorne.

Ermittlungen und Konsequenzen

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig nahm Ermittlungen auf, die sich auch auf den Leiter der Abteilung Gastroenterologie erstreckten. Gegen den Lebertransplantationschirurgen wurde wegen Bestechlichkeit ermittelt, und gegen beide Ärzte wegen Körperverletzung mit und ohne Todesfolge, sofern sich ein gesundheitlicher Schaden bei Patienten feststellen lasse, die durch die falschen Angaben zum MELD-Score auf der Warteliste nach hinten rückten.

Diskussion um Kontrollmechanismen

Die Vorfälle in Göttingen führten zu einer breiten Diskussion über die Kontrollmechanismen im Bereich der Organtransplantation. Es wurde die Frage aufgeworfen, ob die vorhandenen Strukturen ausreichen, um Regelverstöße aufzudecken, zu sanktionieren und ihnen vorzubeugen.

Maßnahmen zur Verbesserung der Transparenz

Als Konsequenz aus den Vorfällen wurden verschiedene Maßnahmen ergriffen, um die Transparenz und Kontrolle im Bereich der Organtransplantation zu verbessern. Dazu gehören:

  • Vier-Augen-Prinzip: Ein in die Behandlung des Patienten nicht involvierter Labormediziner sollte Laborwerte von Patienten noch einmal prüfen.
  • Verdachtsunabhängige Visitationen: Möglichkeit von verdachtsunabhängigen Visitationen an Transplantationszentren.
  • Ausführlichere Darstellung der Kommissionsarbeit: Ausführlichere Darstellung der Arbeit der Prüfungs- und Überwachungskommission im jährlichen Tätigkeitsbericht der Bundesärztekammer.

Stellungnahme des Bundesgesundheitsministers

Der damalige Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) äußerte sich zu den Vorwürfen und betonte, dass die hohen ethischen Regeln der Transplantationsmedizin nicht missachtet werden dürften. Er forderte eine schnelle Aufklärung der Vorwürfe und harte Konsequenzen für die Verantwortlichen.

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