Epilepsien sind neurologische Erkrankungen, die durch spontan auftretende epileptische Anfälle gekennzeichnet sind. Weltweit sind etwa 1 % der Bevölkerung betroffen. Diese Anfälle entstehen durch eine vorübergehende Übererregung der Großhirnrinde, die zu Beeinträchtigungen des Bewusstseins, der Bewegungen, der Empfindungen oder anderer Körperfunktionen führen kann. Es gibt verschiedene Formen von Epilepsien, die sich in ihren Ursachen, Anfallsformen und Behandlungsmöglichkeiten unterscheiden.
Man unterscheidet symptomatische und idiopathische Epilepsien. Symptomatische Epilepsien werden überwiegend durch Hirnläsionen wie Tumoren, Schlaganfälle oder Hirnfehlbildungen verursacht. Idiopathische Epilepsien hingegen sind durch das Fehlen solcher struktureller Hirnläsionen gekennzeichnet. Bei idiopathischen Epilepsien wird eine genetische Ursache vermutet, d.h., dass Veränderungen des Erbmaterials für die Entstehung der Epilepsie verantwortlich sind. Allerdings ist dies bisher nur bei wenigen idiopathischen Epilepsien klar gezeigt worden, bei denen viele Angehörige einer Familie an Epilepsie leiden.
Merkmale idiopathischer Epilepsien
Idiopathische Epilepsien, die etwa ein Drittel aller bekannten Epilepsien ausmachen, weisen charakteristische Merkmale auf:
- Normale Bildgebung des Kopfes: Die Kernspintomographie (MRT) des Kopfes zeigt keine strukturellen Veränderungen.
- Charakteristische Anfallsformen: Die Patienten leiden häufig an spezifischen Anfallsformen wie Absencen oder myoklonischen Anfällen.
- Altersgebundener Beginn und/oder Ende: Viele Formen beginnen oder enden in bestimmten Altersgruppen, insbesondere im Kindes- und Jugendalter.
- Typische Muster im EEG: Das Elektroenzephalogramm (EEG) zeigt oft charakteristische Muster.
- Gute Behandelbarkeit: Die meisten idiopathischen Epilepsien sind gut behandelbar, allerdings sind nicht alle Medikamente gegen Epilepsie (Antikonvulsiva) geeignet.
Genetische Aspekte der idiopathischen Epilepsien
Die Vererbung spielt bei idiopathischen Epilepsien eine wichtige Rolle, wobei verschiedene Mechanismen beteiligt sein können.
Monogene Vererbung
Nur etwa 1-2 % der idiopathischen Epilepsien werden direkt weitervererbt. In diesen Fällen ist eine einzige genetische Veränderung für die Epilepsie verantwortlich (monogener Effekt). Die Nachkommen haben dann eine Wahrscheinlichkeit von 50 %, die genetische Veränderung zu erben (autosomal dominanter Vererbungsgang). Allerdings muss eine Person, die die Veranlagung zu einer solchen Epilepsie auf dem Erbgut trägt, nicht unbedingt erkranken. Dies wird als verminderte Penetranz bezeichnet, die bei idiopathischen Epilepsien häufig vorkommt. Beispielsweise bedeutet eine Penetranz von 50 %, dass nur die Hälfte der Personen, die das veränderte Erbgut tragen, auch an einer Epilepsie erkranken.
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Ein Beispiel für eine monogenetische Epilepsie ist die autosomal dominante nächtliche Frontallappenepilepsie.
Polygenetische Vererbung
Bei der Mehrzahl der idiopathischen Epilepsien müssen mehrere "Vererbungsfaktoren" zusammenkommen, damit eine Epilepsie ausbricht. Da diese in der Regel nicht alle gemeinsam weitervererbt werden, liegt das Risiko, einem Kind die eigene idiopathische Epilepsie zu übertragen, in diesen Fällen nur bei ca. 4-6 % (im Vergleich zu dem Risiko von 1 % in der Normalbevölkerung, eine Epilepsie zu entwickeln). Aus diesem Grund sollten Menschen mit idiopathischen Epilepsien sich nicht aus Angst, ihren Kindern die Epilepsie übertragen zu können, gegen Kinder entscheiden. Zudem verlaufen idiopathische Epilepsien in der Regel gutartig und sind gut zu behandeln.
Identifizierte genetische Defekte
In den vergangenen Jahren sind einige genetische Defekte bei idiopathischen Epilepsien identifiziert worden. Sie betreffen ganz überwiegend Gene, die die Informationen für Ionenkanäle enthalten. Ionenkanäle sind im Gehirn für die elektrische Erregbarkeit von Nervenzellen zuständig, weil sie in bestimmter Weise geladene Teilchen durch die Zellwand hindurchlassen. Bei Epilepsie ist das elektrische Netzwerk gestört, was zu einer elektrischen Übererregbarkeit der Nervenzellen und dadurch zu epileptischen Anfällen führt.
Beispiele für Gene, die bei idiopathischen Epilepsien eine Rolle spielen, sind:
- GABAA-Rezeptor: Defekte in diesem Rezeptor, der für die Hemmung elektrischer Aktivität im Gehirn zuständig ist, können zu Epilepsie führen.
- SCN1A-Gen: Mutationen in diesem Gen, das für den Natriumkanal Typ 1 kodiert, sind mit verschiedenen Epilepsie-Syndromen assoziiert, von einfachen Fieberkrämpfen bis hin zur schweren myoklonischen Epilepsie des Kindesalters (Dravet-Syndrom).
Genetische Tests
Da die bisherigen genetischen Befunde bei den häufigen Formen idiopathischer Epilepsien selten vorkommen und ein positiver Befund aktuell keinen Einfluss auf die medikamentöse Therapie hat, sind diese Veränderungen bisher vor allem wissenschaftlich interessant, nicht als Gentest sinnvoll und deshalb auch dafür nicht verfügbar. Allerdings kann die Diagnostik bezüglich SCN1A Mutationen bei Verdacht auf ein Dravet-Syndrom (SMEI) sinnvoll sein, da sie eine Bedeutung für die Einschätzung des weiteren Verlaufs der Erkrankung hat, weitere umfangreiche Untersuchungen zur Ursachensuche der Erkrankung vermieden werden können, Konsequenzen für die genetische Beratung hat und Konsequenzen für die Behandlung hat.
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Häufige Formen idiopathischer generalisierter Epilepsien
Unter dem Begriff ‚idiopathische generalisierte Epilepsie’ werden bestimmte, überwiegend erblich bedingte Epilepsien des Kindes- und Jugendalters zusammengefasst. Die häufigsten Formen sind:
- Kindliche Absence-Epilepsie (CAE): Gekennzeichnet durch sehr häufige, kurze Abwesenheiten (Absencen), die im Schulalter beginnen und mit einem klassischen Spike-Wave-Muster im EEG einhergehen.
- Juvenile Absence-Epilepsie (JAE): Ähnlich der CAE, aber mit selteneren Anfällen, Beginn im Jugendalter und häufiger begleitenden myoklonischen und generalisierten tonisch-klonischen Anfällen.
- Juvenile myoklonische Epilepsie (JME): Gekennzeichnet durch beidseitige kurze Zuckungen (Myoklonien), die typischerweise morgens nach dem Aufstehen vorkommen und meist Schultern und Arme betreffen. Im Verlauf kommen bei etwa 75 % generalisierte tonisch-klonische Anfälle hinzu.
- Epilepsie mit generalisierten tonisch-klonischen Anfällen in der Aufwachphase (EGTCA, Aufwach-Grand mal): Große Anfälle, die typischerweise in den ersten Stunden nach dem Aufwachen auftreten. Der Beginn ist meist im frühen Erwachsenenalter. Die Anfälle werden sehr häufig durch Schlafentzug und/oder Alkoholentzug getriggert.
Bedeutung der Ursachenforschung
Nicht nur aus wissenschaftlichem Interesse lohnt es sich, die Entstehungsmechanismen von Epilepsien zu untersuchen. Das Verständnis dieser Mechanismen ist auch eine Grundvoraussetzung für die Entwicklung neuer, besser wirksamer und verträglicherer antiepileptischer Medikamente.
Behandlung von Epilepsie
Die Einnahme von Antiepileptika stellt nach wie vor die wichtigste Therapie bei Patienten mit einer Epilepsie dar. Von den ca. 20 am häufigsten verwendeten Substanzen ist die Hälfte erst in den letzten Jahren zugelassen worden. Diese neuen Antiepileptika sind zwar oft besser verträglich als die älteren, das "ideale" Antiepileptikum gibt es jedoch nicht.
Bei idiopathischen Epilepsien können aktuell nur die Wirkstoffe Valproinsäure, Topiramat und Lamotrigin als Monotherapie verwendet werden. Zudem sind Levetiracetam und Zonisamid als hinzudosiertes Medikament möglich. Ältere Medikamente (Phenobarbital, Primidon) sind auch möglich, jedoch aufgrund von häufigeren Nebenwirkungen als Reservemittel anzusehen.
Die derzeit eingesetzten Antiepileptika können die Erkrankung Epilepsie nicht heilen - sie sollen aber verhindern, dass im Rahmen der Erkrankung weitere epileptische Anfälle auftreten. Entscheidend für den Beginn einer solchen Therapie ist das Risiko, weitere Anfälle zu erleiden. Grundsätzlich ist dieses Risiko nach zwei Anfällen ohne spezifische Auslöser erhöht, daher sollte in diesem Fall eine Pharmakotherapie begonnen werden. Bei manchen Patienten kann aber auch nach nur einem Anfall eine medikamentöse Behandlung notwendig sein. Auch vor Beendigung einer antiepileptischen Therapie muss das individuelle Risiko weiterer Anfälle eingeschätzt werden.
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Auswirkungen von Epilepsie auf das Leben der Betroffenen
Neben den medizinischen Aspekten kann eine Epilepsie Auswirkungen auf viele andere Lebensbereiche haben, beispielsweise auf die Kraftfahrzeug-Fahrtüchtigkeit, das Berufsleben oder die Familienplanung. Anfälle mit Bewusstseinsstörung führen laut Gesetzgebung dazu, dass der Betroffene vorübergehend kein Kraftfahrzeug steuern darf. Prinzipiell gehen alle Antiepileptika mit einem erhöhten Fehlbildungsrisiko einher. Für Frauen mit Epilepsie ist daher die Planung der Schwangerschaft besonders wichtig, um die Therapie bereits im Vorfeld im Hinblick auf die Anfallskontrolle und das Fehlbildungsrisiko zu optimieren.
Was tun bei einem epileptischen Anfall?
Wenn man bei einem epileptischen Anfall anwesend ist, sollte man den Betroffenen in eine stabile Seitenlage bringen und alles wegräumen, wodurch man sich verletzen könnte. Früher wurde in der Krankenpflegeausbildung gelehrt, bei einem großen Anfall einen Keil zwischen die Zähne zu geben - das wird heute nicht mehr gemacht, da dadurch der Biss in die Zunge nicht verhindert wird und man sich als Helfer selbst verletzen kann.