Grüner Tee, seit Jahrtausenden in Asien als Heilmittel geschätzt, erfreut sich auch in westlichen Ländern wachsender Beliebtheit. Ihm werden zahlreiche positive Eigenschaften zugeschrieben, von der Stärkung des Immunsystems bis hin zur Unterstützung bei der Gewichtsreduktion. Doch wie sieht es mit der Wirkung von grünem Tee bei Epilepsie aus? Kann er Anfälle beeinflussen oder gar die Wirkung von Medikamenten beeinträchtigen? Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Forschungslage, räumt mit Mythen auf und gibt Hinweise zur sicheren Verwendung von grünem Tee und Grüntee-Extrakten.
Kaffee und Epilepsie: Eine Entwarnung
Bevor wir uns dem grünen Tee widmen, ein kurzer Exkurs zum Kaffee. Viele Epilepsiepatienten fragen sich, ob Kaffeekonsum sicher ist oder Anfälle provozieren kann. Kaffee enthält Koffein, das die Wachheit steigert, indem es dem körpereigenen Wirkstoff Adenosin entgegenwirkt. Adenosin wiederum gilt als körpereigene Schutzsubstanz, die bei epileptischen Anfällen vermehrt freigesetzt wird. Studien deuten darauf hin, dass moderater bis hoher Kaffeekonsum sogar mit einem geringeren Sauerstoffmangel bei fokalen Anfällen verbunden sein könnte. Daher gibt es in der Summe keinen Grund, Epilepsiepatienten generell vom Kaffeetrinken abzuraten.
Grüntee-Extrakte: Was steckt hinter den Versprechungen?
Um Grüntee-Extrakte und ihre potenziellen Auswirkungen auf Epilepsiepatienten zu verstehen, ist es wichtig, sich mit den Inhaltsstoffen und den damit verbundenen Werbeversprechen auseinanderzusetzen.
Grüner Tee wird aus derselben Teepflanze (Camellia sinensis) gewonnen wie schwarzer Tee, jedoch weder fermentiert noch oxidiert. Dadurch behält er einen milderen Geschmack und einen höheren Anteil an bestimmten Inhaltsstoffen. Es gibt zwei Hauptsorten: den großblättrigen indischen Assam-Tee (Camellia sinensis var. Assamica) und den kleinblättrigen Camellia sinensis var. Sinensis aus China und Japan. Assam-Tee hat einen höheren Polyphenol-Gehalt. Polyphenole sind sekundäre Pflanzenstoffe, zu denen auch Gerbstoffe und Katechine gehören. Letztere gelten als die eigentlichen "Wirkstoffe" in Grüntee-Extrakten. Katechine gehören zur Gruppe der Flavonoide, genauer zur Flavanolgruppe, die bis zu 30 Prozent des Trockengewichts der Teeblätter ausmachen können. Im Vergleich zu schwarzem Tee enthält grüner Tee wegen seiner anderen Verarbeitung mehr Katechine. Der Katechin-Gehalt variiert jedoch je nach Wachstumsbedingungen, Erntezeitpunkt und Brühtemperatur.
Grüntee-Extrakten werden zahlreiche gesundheitsfördernde Wirkungen nachgesagt. Sie sollen vor Krebs schützen, das Immunsystem stärken, Cholesterin- und Blutzuckerspiegel senken und die Gewichtsreduktion unterstützen. Einige Internetblogs verherrlichen sogar die heilende Wirkung bei Arthritis, Rheuma, Endometriose, Herzerkrankungen, Allergien und Alzheimer. Begründet wird dies mit der starken antioxidativen Wirkung der Inhaltsstoffe, vor allem der Polyphenole und des EGCG (Epigallocatechingallat oder Epigallocatechin-3-gallat).
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Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die meisten dieser Behauptungen nicht ausreichend durch Humanstudien belegt sind. Viele Daten stammen aus Zellkultur- oder Tierversuchen. Humanstudien sind oft Beobachtungsstudien oder verwenden unterschiedliche Substanzen, was die Ergebnisse schwer vergleichbar und reproduzierbar macht. Zudem dürfen Nahrungsergänzungsmittel keine pharmakologische Wirkung haben und nicht lindernd, heilend oder therapeutisch eingesetzt werden.
Sicherheitshinweise für Grüntee-Produkte
Grüntee-Produkte wie Tee-Aufgüsse oder Matcha-Pulver gelten in üblichen Mengen als sicher. Bei konzentrierten Grüntee-Extrakten wurden jedoch Leberschäden bis hin zu Leberversagen, erhöhter Blutdruck und erhöhter Augeninnendruck gemeldet. Ursache sollen die Katechine, vor allem Epigallocatechingallat-3-gallat (EGCG), sein.
Daher hat die EU bestimmte Kennzeichnungspflichten eingeführt:
- Der Gehalt an (-)-Epigallocatechin-3-gallat je Portion muss angegeben werden.
- Produkte müssen den Hinweis tragen, dass maximal 300 Milligramm Extrakt pro Tag verzehrt werden dürfen.
Weitere Empfehlungen für den Konsum von Grüntee-Extrakten:
- Kaufen Sie nur Produkte, die genaue Angaben zum EGCG-Gehalt machen.
- Verzichten Sie auf Produkte, die zusätzlich Piperin/Schwarzpfefferextrakt enthalten, da diese die Bioverfügbarkeit von EGCG erhöhen können.
- Beachten Sie, dass als weitere unerwünschte Wirkungen Verstopfung, Magen-Darm-Probleme und Übelkeit beschrieben werden.
- Seien Sie sich der Wechselwirkungen mit zahlreichen Medikamenten bewusst (siehe unten).
- Nehmen Sie Nahrungsergänzungsmittel mit Grünteeextrakten nur nach Rücksprache mit Ihrer Arztpraxis oder Apotheke ein.
- Geben Sie bei allen medizinischen Untersuchungen an, wenn Sie Nahrungsergänzungsmittel mit Grüntee verwenden, da bestimmte Laborwerte (z. B. Leberenzyme) beeinflusst werden können.
Wechselwirkungen mit Medikamenten
Grüntee-Extrakte können Wechselwirkungen mit verschiedenen Medikamenten haben, darunter:
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- Gerinnungshemmer
- Betablocker
- Atropin
- Codein
- Bortezomib
- Tamoxifen
- Verapamil
- Diverse Cholesterinsenker
Diese Wechselwirkungen können die Wirkung der Medikamente entweder verstärken oder abschwächen. Es ist daher unerlässlich, vor der Einnahme von Grüntee-Extrakten Ihren Arzt oder Apotheker zu konsultieren, insbesondere wenn Sie bereits Medikamente einnehmen.
Grüntee und Epilepsie: Was sagt die Forschung?
Die spezifische Wirkung von grünem Tee oder Grüntee-Extrakten auf Epilepsie ist bisher wenig untersucht. Es gibt keine eindeutigen Beweise dafür, dass grüner Tee Anfälle verhindern oder die Wirksamkeit von Antiepileptika verbessern kann. Im Gegenteil, aufgrund der potenziellen Wechselwirkungen mit Medikamenten ist Vorsicht geboten.
Cannabis und Epilepsie: Eine differenzierte Betrachtung
In den letzten Jahren hat die Diskussion über die Verwendung von Cannabis zur Behandlung von Epilepsie an Bedeutung gewonnen. Dabei ist es wichtig, zwischen den verschiedenen Inhaltsstoffen der Cannabispflanze zu unterscheiden:
- THC (Tetrahydrocannabinol): THC ist das bekannteste Cannabinoid und für die berauschende Wirkung verantwortlich. Einige ältere Studien deuteten auf eine krampflösende Wirkung hin, während andere keine Wirkung beobachteten oder sogar eine Anfallsförderung feststellten. Vor diesem Hintergrund wird eine Verwendung von THC bei Epilepsie aktuell nicht empfohlen.
- CBD (Cannabidiol): CBD ist ein nicht-psychoaktives Cannabinoid, das in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus der Forschung gerückt ist. Einige Studien haben gezeigt, dass CBD in Kombination mit herkömmlichen Antiepileptika die Anfallshäufigkeit bei bestimmten Formen von Epilepsie, insbesondere dem Lennox-Gastaut-Syndrom und dem Dravet-Syndrom, reduzieren kann.
2019 wurde Epidyolex® von der europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) zur Behandlung des Dravet-Syndroms und des Lennox-Gastaut-Syndroms zugelassen. Hier können Ärzt:innen also Cannabis auf Rezept verschreiben, oder genauer gesagt: einen aus Cannabis gewonnenen Wirkstoff.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Forschung zu CBD und Epilepsie noch nicht abgeschlossen ist. Erwachsene Patient:innen sind in vielen Studien unterrepräsentiert. Zudem kann es bei der Anwendung von CBD in Kombination mit herkömmlichen Antiepileptika zu Wechselwirkungen kommen. So könnte etwa die Einnahme von CBD in Verbindung mit Valproat das Risiko für Leberschäden erhöhen.
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Weitere Faktoren, die die Wirkung von Medikamenten beeinflussen können
Neben Grüntee-Extrakten und Cannabis gibt es noch weitere Faktoren, die die Wirkung von Medikamenten beeinflussen können. Dazu gehören:
- Nahrungsmittel: Bestimmte Nahrungsmittel können die Aufnahme, den Abbau oder die Wirkung von Medikamenten beeinflussen. So können beispielsweise Milchprodukte die Wirkung von Antibiotika und Osteoporosemitteln verringern, während Grapefruits die Wirkung von Cholesterinsenkern, Blutdruckmitteln und Schlafmitteln verstärken können. Grünes Gemüse kann die Wirksamkeit von Gerinnungshemmern einschränken.
- Alkohol: Alkoholkonsum kann die Wirkung von Antidepressiva, Beruhigungs- und Schlafmitteln gefährlich verstärken.
- Andere Medikamente: Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Medikamenten sind häufig und können die Wirkung der einzelnen Medikamente entweder verstärken oder abschwächen.
Es ist daher wichtig, Ihren Arzt oder Apotheker über alle Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel zu informieren, die Sie einnehmen, um mögliche Wechselwirkungen zu vermeiden.