Jonathan Swifts "Gullivers Reisen", veröffentlicht im Jahr 1726, ist weit mehr als eine bloße Abenteuergeschichte für Kinder. Der Roman des irischen Schriftstellers ist eine tiefgründige politische Satire, die die gesellschaftlichen und politischen Missstände seiner Zeit anprangert. Swifts Werk, das oft als Kinderbuch missverstanden wird, hält den Engländern einen Spiegel vor und entlarvt menschliche Schwächen und Torheiten.
Jonathan Swift: Leben und Werk eines Satirikers
Jonathan Swift, geboren am 30. November 1667 in Dublin, war ein englisch-irischer Schriftsteller, Geistlicher und Satiriker. Sein Leben war von Konflikten zwischen dem katholischen Irland und dem protestantischen England geprägt. Nach einem Theologiestudium in Dublin und einer Anstellung als Sekretär beim englischen Lord Sir William Temple wandte sich Swift der Literatur zu. Seine frühen Werke, darunter "A Tale of a Tub" und "The Battle of the Books", erschienen 1704.
Swift engagierte sich auch politisch und unterstützte zunächst die Whigs, später die Tories. Seine scharfzüngigen Satiren, vor allem gegen die Kirche, verhinderten jedoch eine höhere geistliche Würde. Stattdessen wurde er Dekan der St. Patrick’s Cathedral in Dublin. In den 1720er Jahren kritisierte Swift die englische Geldpolitik in Irland in seinen "The Drapier’s Letters". Dieser Erfolg bestärkte ihn in seinem literarischen Schaffen, und er begann mit der Arbeit an "Gullivers Reisen".
Die Reisen Lemuel Gullivers: Eine satirische Weltreise
"Gullivers Reisen" erzählt die Geschichte des Schiffsarztes Lemuel Gulliver, der auf seinen Reisen in verschiedene fantastische Länder gerät. Jedes dieser Länder dient Swift als Spiegel, um die politischen und sozialen Verhältnisse im England des 18. Jahrhunderts zu kritisieren.
Lilliput: Zwerge und Intrigen im Kleinen
Auf seiner ersten Reise verschlägt es Gulliver nach Lilliput, dem Land der Zwerge. Hier findet er ein Abbild des englischen Staates mit Fürsten, Ministern, einem Parlament und politischen Parteien, die debattieren und intrigieren, wie Gulliver es aus England kennt. Am Hof von Lilliput gibt es Intrigen und Kämpfe wie am englischen Hof, eben nur im verkleinerten Maßstab. Swift kritisiert in Lilliput die kleinlichen Machtkämpfe und die Bedeutungslosigkeit politischer Streitigkeiten. Sogar Glaubenskriege werden um die Frage ausgefochten, von welchem Ende man ein Frühstücksei aufschlägt. Hinter dem Kaiser von Lilliput, der mit absoluter Machtfülle herrscht, vermutet man ein entlarvendes Porträt von Georg I.
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Brobdingnag: Riesen und die Relativität der Perspektive
Gullivers zweite Reise führt ihn nach Brobdingnag, dem Land der Riesen. Hier ist Gulliver der Zwerg und wird von den Riesen wie ein Kuriosum behandelt. Die Riesen blicken so verächtlich auf ihn herab wie Gulliver zuvor auf die Liliputaner. Swift thematisiert in Brobdingnag die Relativität der Perspektive und die Fragilität menschlicher Größe. Die Bewohner fallen in ihrer groben Körperlichkeit und in ihrem unmoralischen Treiben auf. Eine sechszehnjährige Prinzessin lässt Gulliver auf einer ihrer Brustwarzen zu ihrem Vergnügen reiten. Und Gulliver wird in einer Reiseschachtel unter dem Gelächter der Bewohner von Dorf zu Dorf getragen.
Laputa, Balnibarbi, Luggnagg, Glubbdubdrib und Japan: Eine Kritik an Wissenschaft und Fortschritt
Auf seiner dritten Reise besucht Gulliver die fliegende Insel Laputa, wo er die Gelegenheit hat, sich mit einigen Größen der Antike zu unterhalten. Hier leben auch völlig vergeistigte Wissenschaftler, die regelmäßig mit Schlägen an die einfachsten Dinge erinnert werden müssen. Viele sahen darin eine Kritik an dem modernen Wissenschaftsverständnis und der gerade gegründeten Royal Academy. Swift kritisiert hier die Weltfremdheit der Wissenschaftler und die Absurdität mancher wissenschaftlicher Forschungen. Auf dem Berg Balinaris versuchen Wissenschaftler, Sonnenlicht aus Gurken zu gewinnen.
Das Land der Houyhnhnms: Vernunft und die Grenzen der Menschlichkeit
Gullivers letzte Reise führt ihn in das Land der Houyhnhnms, vernunftbegabter Pferde, die über die Yahoos herrschen, menschenähnliche Wesen, die sich wie Tiere aufführen. Die Houyhnhnms leben in einer Welt der Logik und Vernunft, in der es keine Liebe und Zärtlichkeit gibt. Nachdem die Houyhnhnms bemerken, dass auch Gulliver ein ganz gewöhnlicher Yahoo ist, wird er von ihrer Insel verbannt. Zurückgekehrt nach England, sind ihm Freunde und Familie völlig fremd. Er, der selbst gern ein Houyhnhnm wäre, entdeckt an sich die verruchte Yahoo-Natur. Swift stellt hier die Frage nach der Natur des Menschen und die Grenzen der Vernunft. Die Intention des als misanthropisch einzustufenden Satirikers - der Autor war immerhin ein Priester, wenn auch ein deutlich politisch engagierter - ist, dem Leser zu zeigen, dass der Mensch als Gattung kein vernünftiges Geschöpf, sondern höchstens ein zur Vernunft fähiges Wesen ist. Gerade die Houyhnhnms der vierten Reise, die eigentlich „nur“ Pferde sind, werden als unendlich viel weiser und friedliebender als der Mensch dargestellt.
Swifts satirische Intention: Kritik an Gesellschaft und Politik
Swift nutzte "Gullivers Reisen", um die politischen und sozialen Missstände seiner Zeit anzuprangern. Er kritisierte die Korruption, die Machtkämpfe und die Ungerechtigkeit in der englischen Gesellschaft. Die fliegende Insel ist ein schwach verschleiertes England, das Irland (und Schottland) ausbluten lässt, und das Pinkeln auf das Königshaus des Deutschen (also Ausländers) Georg I. Das Werk ist pure Satire: Viel eher eine Streitschrift als ein frühes unpolitisches Werk der Fantastik, voller Seitenhiebe und Gehässigkeiten.
Swift prangerte in seinen Satiren die Missstände im von England regierten Irland an, weswegen er Repressalien fürchten musste und oft anonym oder unter einem Pseudonym publizierte.
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Rezeption und Deutung: Ein Klassiker der Weltliteratur
"Gullivers Reisen" war von Anfang an ein großer Erfolg, wurde aber auch kontrovers diskutiert. Einige Kritiker warfen Swift Menschenhass vor, während andere seine satirische Schärfe lobten. Im Laufe der Zeit wurde "Gullivers Reisen" immer wieder bearbeitet und gekürzt, um es für Kinder zugänglich zu machen. Die satirische Abrechnung fiel dieser Abmilderung, besser gesagt einer Verstümmelung zum Opfer. Nach zahllosen geglätteten „Bearbeitungen“ erschien der Originaltext, wie ihn Swift verfasst hatte, in England erst wieder 1905.
Heute gilt "Gullivers Reisen" als ein Klassiker der Weltliteratur. Der Roman regt zum Nachdenken über die menschliche Natur, die Gesellschaft und die Politik an. Swifts Werk ist auch heute noch relevant, da es zeitlose Themen wie Machtmissbrauch, Intoleranz und die Suche nach einer besseren Welt behandelt.
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