In den letzten Jahren ihrer Amtszeit als Bundeskanzlerin erregten Angela Merkels Zitteranfälle wiederholt Besorgnis in der Öffentlichkeit. Diese Vorfälle gaben Anlass zu Spekulationen über ihren Gesundheitszustand und die möglichen Ursachen für das Zittern. Der Artikel beleuchtet die Ereignisse, die verschiedenen Erklärungsansätze und Merkels eigene Aussagen zu ihrem Wohlbefinden.
Häufigkeit und Begleitumstände der Zitteranfälle
Die Zitteranfälle der Kanzlerin häuften sich im Sommer 2019. Ein erster Vorfall ereignete sich beim Empfang des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskij, gefolgt von einem weiteren Anfall bei der Ernennung der neuen Justizministerin Christine Lambrecht. Ein dritter Vorfall ereignete sich kurz darauf, was zu vermehrten Fragen nach ihrem Gesundheitszustand führte. In der Folge nahm Merkel bei einigen Terminen sitzend teil, wie bei der Ernennung von Annegret Kramp-Karrenbauer zur Verteidigungsministerin und bei einem Treffen mit der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen. Dies wurde als Schutzmaßnahme interpretiert, um weitere Zitteranfälle zu vermeiden.
Merkels Reaktion und Beschwichtigungen
Trotz der Besorgnis vieler Beobachter versuchte Merkel, die Situation zu beschwichtigen. Sie betonte wiederholt, dass es ihr gut gehe und sie ihr Amt weiterhin uneingeschränkt ausüben könne. Nach dem Zitteranfall bei den militärischen Ehren für den finnischen Ministerpräsidenten Antti Rinne erklärte sie, sie befinde sich in einer "Verarbeitungsphase" des vorangegangenen Ereignisses mit Präsident Selenskij. Sie versicherte, dass es ihr "sehr gut" gehe und man sich keine Sorgen machen müsse.
Merkel vermied es jedoch, detaillierte Informationen über ihren Gesundheitszustand preiszugeben oder Ergebnisse ärztlicher Untersuchungen zu veröffentlichen. Auf Nachfrage entgegnete sie irritiert, dass ihre Äußerungen dazu getan seien und ihre Aussage, dass es ihr gut gehe, Akzeptanz finden könne.
Spekulationen und mögliche Ursachen
Die Ursachen für Merkels Zitteranfälle waren Gegenstand zahlreicher Spekulationen. Einige Beobachter vermuteten Dehydration als Auslöser, insbesondere beim ersten Vorfall in der Hitze. Andere führten die Zitteranfälle auf Stress, Erschöpfung oder psychische Belastung zurück.
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- Dehydration: Der erste Zitteranfall fiel mit hohen Temperaturen zusammen, was die Vermutung nahelegte, dass Flüssigkeitsmangel eine Rolle gespielt haben könnte.
- Stress und Erschöpfung: Sahra Wagenknecht äußerte sich zu den Zitteranfällen und wies auf den extremen Stress, Schlafmangel und Termindruck hin, dem Politiker in Spitzenpositionen ausgesetzt sind.
- Psychische Faktoren: Medienberichte zitierten Regierungskreise, wonach Merkels Zittern psychologisch bedingt sei und auf einem "psychologisch-verarbeitenden Prozess" beruhe. Die Erinnerung an den ersten Vorfall habe demnach den zweiten Anfall ausgelöst.
Medizinische Experten wiesen darauf hin, dass Zittern (Tremor) verschiedene Ursachen haben kann. Dazu gehören neurologische Erkrankungen wie Parkinson oder Multiple Sklerose, Schilddrüsenfehlfunktionen, Medikamente oder psychosomatische Leiden. Einige Ärzte äußerten in Medienberichten die Vermutung, dass es sich um einen harmlosen Tremor handeln könnte, wie er bei Angst oder Nervosität auftritt. Es wurde jedoch betont, dass eine umfassende ärztliche Untersuchung notwendig sei, um die genaue Ursache zu ermitteln.
Medizinische Aspekte von Tremor
Tremor, das unwillkürliche Zittern, kann verschiedene Ursachen haben und unterschiedliche Formen annehmen. Mediziner unterscheiden verschiedene Tremorarten anhand ihrer Charakteristika:
- Aktivierungsbedingung: Tritt das Zittern in Ruhe oder bei Aktivität auf?
- Frequenz: Wie schnell sind die Muskelbewegungen (niederfrequent, mittelfrequent, hochfrequent)?
- Amplitude: Wie stark ist die Zitterbewegung (feinschlägig, mittelschlägig, grobschlägig)?
Zu den häufigsten Tremorformen gehören:
- Verstärkter physiologischer Tremor: Ein hochfrequentes Zittern, das durch Stress, Erschöpfung, Schilddrüsenfehlfunktionen oder Medikamente ausgelöst werden kann.
- Essentieller Tremor: Eine häufige Form, die sich durch Zittern bei alltäglichen Bewegungen äußert und durch psychische Anspannung verstärkt werden kann.
- Tremor bei Parkinson-Syndromen: Ein Zittern, das typischerweise in Ruhe auftritt und ein wichtiges Diagnosekriterium für Morbus Parkinson ist.
In Bezug auf Angela Merkels Zitteranfälle wurde in Medienberichten auch der orthostatische Tremor erwähnt, eine seltene Form, die sich durch Zittern im Stehen auszeichnet.
Wagenknecht und die Belastungen der Politik
Sahra Wagenknecht, selbst ehemalige Fraktionsvorsitzende der Partei Die Linke im Bundestag, äußerte sich zu den möglichen Ursachen für Merkels Zitteranfälle. Sie betonte, dass Politik in Spitzenfunktionen heutzutage extremen Stress, Termindruck und Schlafmangel bedeute. Wagenknecht, die selbst ein Burn-out erlitten hatte, sagte, dass irgendwann jeder Mensch Momente habe, in denen der Körper streike. Sie wies darauf hin, dass Merkel selbst wissen werde, wie ernst sie die Situation nehmen müsse.
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Merkels eigene Erklärung und Rückblick
Im Juni 2022, fast ein halbes Jahr nach dem Ende ihrer Amtszeit, äußerte sich Angela Merkel in einem TV-Interview ausführlicher zu ihren Zitteranfällen. Sie gab an, dass sie nach dem Tod ihrer Mutter im April 2019 sehr erschöpft gewesen sei. Zudem habe sie zu wenig getrunken. Schließlich habe sich eine Art Angst entwickelt, wenn eine solche Situation auftrat. Das Wissen, dass ein Stuhl hinter ihr stand, habe ihr dann wieder mehr Sicherheit gegeben. Merkel räumte ein, dass es offensichtlich doch eine Belastung gewesen sei, die in ihr gesteckt habe.
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