Anzeichen von Alzheimer bei Angela Merkel: Eine Analyse der Faktenlage und der Demenzforschung

Im Kampf gegen Demenzerkrankungen sind schon viele Hoffnungen enttäuscht worden. Dabei ersehnen Millionen Menschen weltweit Erfolge im Kampf gegen das Vergessen. Die Diagnose Demenz stellt das bisherige Leben auf den Kopf. Die Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen sehen sich plötzlich mit vielen Fragen und Herausforderungen konfrontiert. Informationen einzuholen, mit der eigenen Familie, mit Freunden und ggf. Nachbarn darüber ins Gespräch zu kommen, Vorsorge zu treffen und sich beraten zu lassen, sind wichtige Schritte zur Akzeptanz der Krankheit. Vor besonderen Herausforderungen stehen Menschen mit einer beginnenden Demenz, die allein sind, oder Menschen, die eine seltene Demenzerkrankung haben.

Seit 2009 ist Bonn die erste Adresse für die Demenz- und Parkinsonforschung in Deutschland. An diesem Mittwoch wird Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Neubau des DZNE eröffnen und damit noch einmal unterstreichen, welchen Stellenwert die Bundesregierung diesem Forschungszweig beimisst. Der Neubau hat insgesamt 126,8 Millionen Euro gekostet; die inzwischen fast 500 Beschäftigten am Standort Bonn können künftig über die Disziplinen hinweg in einem Gebäude gemeinsam forschen. Bundesweit sind rund 1.000 Mitarbeiter in dem Projekt beschäftigt.

Demenz: Eine Einführung

Bei einer Demenz werden Gedächtnis und andere geistige Fähigkeiten allmählich schlechter. Eine Demenz kann viele Ursachen haben und eine Heilung ist nur in seltenen Fällen möglich. Therapien können den Verlauf verlangsamen und die Lebensqualität der Kranken verbessern. Der Begriff „Demenz“ beschreibt die allmähliche Verschlechterung geistiger Fähigkeiten, wie zum Beispiel des Erinnerungsvermögens, der Orientierung und des Denkvermögens. Die Demenz ist keine Erkrankung an sich, sondern ein Symptom vieler verschiedener Erkrankungen.

Kognition im Fokus

Wer sich mit dem Thema Demenz beschäftigt, liest immer die Worte „Kognition“ und „kognitiv“, doch was bedeuten sie eigentlich? Unter dem Begriff „Kognition“ fasst man die vielfältigen geistigen Fähigkeiten und Vorgänge zusammen, die es Menschen ermöglichen, Informationen zu verarbeiten und Handlungen auszuführen. Zur Kognition gehören z. B. folgende Prozesse: Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Konzentration, Denken, Problemlösen, Gedächtnis, Lernen und Erinnern, Vorstellungskraft und Planung, Orientierung, Sprache und Sprachverständnis, Motivation, Handlungswille und Handlungsteuerung, Kontrolle über das eigene Verhalten, Entscheidungsfindung, Urteilsbildung. Bei einer Demenzerkrankung sind zu Beginn häufig nur bestimmte kognitive Fähigkeiten gestört, z. B. das Kurzzeitgedächtnis oder die Sprache. Bei fortschreitender Demenz sind alle kognitiven Fähigkeiten gestört und/oder gehen völlig verloren.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursachen für Alzheimer und viele andere Demenzerkrankungen sind noch nicht abschließend geklärt. Man kennt aber viele Faktoren, die das Risiko für eine Demenz erhöhen. Zu diesen Risikofaktoren gehören: Kopfverletzungen, übermäßiger Alkoholkonsum, Feinstaubbelastung, mangelnde Bildung, Übergewicht, Bluthochdruck, eingeschränkte Hörfähigkeit, Rauchen, Diabetes, Depressionen, Bewegungsmangel, Mangel an sozialen Kontakten. Je älter die Menschen werden, umso größer ist das Risiko für Demenzerkrankungen. Aktuell sind weltweit etwa 50 Millionen Menschen an Demenz erkrankt. In Europa geht man derzeit von zehn Millionen Menschen mit Demenzerkrankung aus. In Deutschland liegt die Zahl bei aktuell 1,6 Millionen.

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Formen der Demenz

Die häufigste Form der Demenz ist die Alzheimer-Demenz. Am zweithäufigsten kommt die gefäßbedingte (vaskuläre) Demenz vor und an dritter Stelle steht die Kombination aus Alzheimer und vaskulärer Demenz. Eine weitere wichtige Demenz ist die frontotemporale Demenz.

Alzheimer-Demenz

Die Erkrankung an Alzheimer führt zu einer fortschreitenden und unumkehrbaren (irreversiblen) Zerstörung von Gehirnzellen. Die geistige Leistungsfähigkeit der Patient*innen nimmt stetig ab, dabei verändert sich auch die Persönlichkeit der Alzheimer-Kranken. Warum die Gehirnzellen bei der Alzheimer-Demenz absterben, ist bislang nicht vollständig geklärt. Man weiß aber, dass mehrere Veränderungen im Gehirn mit dem Absterben der Zellen zusammenhängen. Dazu gehören Ablagerung bestimmter Eiweiße und eine Verringerung des Botenstoffes Acetylcholin, der für das Funktionieren des Gedächtnisses verantwortlich ist. In etwa zwei Prozent der Fälle ist die Alzheimer-Demenz genetisch bedingt. Bei den restlichen 98 Prozent spielt die erbliche Veranlagung eher eine untergeordnete Rolle. Selbst eine Demenzerkrankung bei Verwandten ersten Grades - Eltern, Kindern oder Geschwistern - erhöht das individuelle Risiko kaum. Schwere Kopfverletzungen oder Schlaganfälle können das Demenzrisiko jedoch erhöhen.

Vaskuläre Demenz

Die vaskuläre oder gefäßbedingte Demenz ist eine Folge von Erkrankungen der Blutgefäße im Gehirn. Die Erkrankung der Hirngefäße führt zu Durchblutungsstörungen und damit zu einem Sauerstoffmangel im Hirngewebe. Wenn die Durchblutungsstörungen andauern, sterben die schlecht durchbluteten Gehirnregionen ab. Es kommt zu kognitiven Störungen, die einer Alzheimer-Demenz ähneln. Zusätzlich leiden Patient*innen mit vaskulärer Demenz häufig an körperlichen Beschwerden. Die häufigsten Ursachen für die vaskuläre Demenz sind hoher Blutdruck, Herzkrankheiten, Diabetes mellitus und Rauchen.

Frontotemporale Demenz

Die frontotemporale Demenz ist eine Erkrankung, bei der in erster Linie Nervenzellen im Stirnhirn (Frontallappen) und im Schläfenlappen (Temporallappen) untergehen. Menschen mit einer frontotemporalen Demenz haben vor allem ein verändertes Sozialverhalten. Sie können ihr Verhalten schlechter kontrollieren als Gesunde. Die frontotemporale Demenz beeinträchtigt darüber hinaus das Sprachverständnis der Patientinnen. (Mehr unter Symptomen) Im Vergleich zu anderen Demenzformen bricht die frontotemporale Demenz häufig sehr früh im Leben der Patientinnen aus. Die ersten Symptome der frontotemporalen Demenz treten meist im Alter zwischen 40 und 65 Jahren auf. Es gibt aber auch Patient*innen, die bereits im Alter von 20 Jahren oder erst ab einem Alter von 85 Jahren Symptome zeigen. Die Ursachen der frontotemporalen Demenz sind nicht bekannt. Bei einem Teil der Betroffenen gibt es Hinweise auf eine erbliche Veranlagung.

Symptome der Demenz

Am besten untersucht sind die Symptome der Alzheimer-Demenz, die der vaskulären Demenz sehr ähnlich sind. Nach ihren Symptomen unterscheidet man drei Stadien der Alzheimer-Demenz:

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Leichte Alzheimer-Demenz

Die ersten Symptome der Alzheimer-Erkrankung sind unauffällig: Vergesslichkeit, Gedächtnislücken und Stimmungsschwankungen. Die Betroffenen reagieren langsamer und haben Schwierigkeiten Neues zu lernen. Sie hören mitten im Satz auf zu sprechen und führen einen Gedanken nicht zu Ende. Die Betroffenen sind sich ihrer zunehmenden Probleme bewusst und leiden darunter. Sie können mit Wut, Angst, Beschämung oder depressiven Verstimmungen reagieren.

Mittelschwere Alzheimer-Demenz

Spätestens in diesem Stadium müssen die Patient*innen ihren Beruf und das Autofahren aufgeben. Sie sind nun zunehmend auf Unterstützung bei der Körperhygiene, dem Gang zur Toilette sowie Essen und Trinken angewiesen. Sie verlieren zunehmend die Orientierung und das Zeitgefühl. Sie haben häufig die Namen naher Verwandter vergessen. Sie sprechen undeutlich. Ihre Aussagen sind inhaltsleer. Es kann zu Stimmungsschwankungen, Aggressionen und Depressionen kommen.

Schwere Alzheimer-Demenz

Patientinnen im Spätstadium der Alzheimer Demenz müssen Vollzeit gepflegt und betreut werden. Sie erkennen die eigenen Familienmitglieder nicht mehr, können sich nicht mehr verbal verständigen. Es treten vermehrt körperliche Symptome wie Schwäche, Schluckstörungen oder der Verlust der Kontrolle über Blase und Darm auf. In Einzelfällen kommt es zu epileptischen Anfällen. Die Patientinnen werden bettlägerig und anfällig für Infektionen.

Symptome der frontotemporalen Demenz

Die Symptome der frontotemporalen Demenz können stark variieren - je nachdem welche Bereiche des Gehirns geschädigt werden.

Verhaltensbetonte Variante

Wenn die Schäden vor allem im Frontallappen auftreten, verändert sich zuerst die Persönlichkeit und das Verhalten der Betroffenen. Die Patient*innen wirken unkonzentriert, desinteressiert und achtlos. Die frontotemporale Demenz kann auch zu einem Verlust des Takt- und Mitgefühls führen. Die Betroffenen können mitunter ihre Gefühle nicht mehr kontrollieren und reagieren enthemmt. Auch die Körperhygiene und das Essverhalten können sich verändern. Wenn die Demenz weiter fortschreitet, kommt es zunehmend zu Sprachstörungen.

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Sprachbetonte Variante

Hier kommt es zu Sprachstörungen. Die Patientinnen haben Wortfindungsstörungen, machen auffällige Grammatikfehler oder haben Probleme beim Sprachverständnis. Wenn die frontotemporale Demenz weiter fortschreitet, treten die oben beschriebenen Verhaltens- und Persönlichkeitsveränderungen auf. In späteren Stadien der frontotemporalen Demenz kommen Gedächtnisstörungen und weitere geistige Einschränkungen hinzu, die schließlich dazu führen, dass die Patientinnen pflegebedürftig und bettlägerig werden.

Folgen der Demenz

Die meisten Demenzerkrankungen sind unheilbar und schreiten fort. Im Verlauf der Demenz nehmen die kognitiven Funktionen der Patientinnen immer weiter ab. Sie finden sich zunächst in fremder später auch in der bekannten Umgebung nicht mehr zurecht und sind immer häufiger auf Unterstützung selbst bei alltäglichen Verrichtungen angewiesen. Die zunehmende Vergesslichkeit und Orientierungslosigkeit sowie der allmähliche Verlust der Selbstständigkeit kann bei den Betroffenen Scham, Angst und Depressionen auslösen. Der Verlust der Kommunikationsfähigkeit führt dazu, dass Patientinnen mit Demenz nicht sagen können, dass sie Schmerzen oder andere Symptome haben. Sie müssen daher genau beobachtet werden, um solche Beschwerden zu erkennen. Demente Patientinnen sind auch vermehrt sturz- und verletzungsgefährdet. Die Demenz kann zu Veränderungen der Persönlichkeit führen, die Angehörige und Freunde zutiefst verunsichern. Patientinnen mit Demenz können aggressiv werden und sich herausfordernd verhalten, was den Umgang mit ihnen erschwert. Für die Angehörigen ist es häufig schmerzhaft, dass die Demenzkranken sie nicht mehr erkennen und sich nicht mehr an das gemeinsame Leben erinnern. In späten Stadien der Demenz können Demenzkranke ihre Körperfunktionen wie das Schlucken oder die Blasen- und Darmfunktion nicht mehr kontrollieren.

Diagnose von Demenz

Ist meine Vergesslichkeit einfach eine Altersfolge oder vielleicht ein Zeichen für eine beginnende Demenz? Diese bange Frage stellen sich wohl alle Menschen in einem fortgeschrittenen Lebensalter immer mal wieder. Vielleicht fallen aber auch Angehörigen und Freunden Gedächtnisstörungen oder andere Veränderungen auf. Ängstliches Grübeln bringt in diesen Fällen nichts! Wenn die Sorge besteht, dass sich eine Demenz entwickelt, sollte man sich umgehend untersuchen lassen. Im besten Fall kann die Untersuchung den Verdacht auf eine Demenz ausräumen und man hat eine Sorge weniger. Falls jedoch tatsächlich Hinweise auf eine beginnende Demenz festgestellt werden, kann man in diesem Stadium noch einiges tun, um die Verschlechterung der geistigen Fähigkeiten abzubremsen. Vor allem haben die Betroffenen dann die Chance alles, was ihnen wichtig ist, noch selbst und nach ihrem Willen zu ordnen.

Warnsignale

Demenzerkrankungen entwickeln sich schleichend. Die ersten Anzeichen werden häufig nicht als Demenzsymptome erkannt oder verdrängt. Folgende Veränderungen können Warnzeichen für eine Demenz sein: Ereignisse, die nur kurze Zeit zurückliegen, werden vergessen, gewohnte Tätigkeiten, wie z. B. Haushaltstätigkeiten, bereiten Schwierigkeiten, es kommt häufiger zu Sprachstörungen/Wortfindungsstörungen, das Interesse an Arbeit, Hobbys und Kontakten nimmt ab, in einer fremden Umgebung fällt es schwer, sich zurechtzufinden, die Betroffenen haben keinen Überblick über ihre finanziellen Angelegenheiten, Gefahren werden nicht erkannt oder falsch eingeschätzt, Persönlichkeitsänderungen: Stimmungsschwankungen, andauernde Ängstlichkeit, Reizbarkeit und Misstrauen können auftreten, fehlende Einsicht: Betroffene streiten Fehler, Irrtümer oder Verwechslungen häufig vehement ab.

Die Demenz zu verdrängen ist keine Lösung! Die Angst vor einer Demenz-Diagnose ist groß: Sowohl für die Betroffenen als auch für die Angehörigen. Viele Betroffene versuchen anfangs die Symptome zu überspielen, zum Beispiel, indem sie Spickzettel schreiben, wenn sie Gedächtnislücken befürchten. Wenn besorgte Angehörige oder Freunde die Betroffenen auf ihre zunehmende Vergesslichkeit oder ihre Fehlleistungen ansprechen, weichen Sie aus, lenken auf ein anderes Thema oder reagieren mitunter abwehrend und aggressiv. Falls sich der oder die Betroffene nicht von einem Arztbesuch überzeugen lässt, um den Demenz-Verdacht abzuklären, hilft es, sein oder ihr verändertes Verhalten über einen längeren Zeitraum zu dokumentieren. Zur Unterstützung sollten Verwandte, Nachbarn oder Freunde der betroffenen miteinbezogen werden. Anhand der gesammelten Beobachtungen ist meist eine vorläufige Diagnose möglich. Diese kann als Grundlage dienen, um über das weitere Vorgehen nachzudenken. Das Verdrängen eines Demenz-Verdachts ist keine Lösung: Man verschiebt und verschlimmert die Folgen der Demenzerkrankung. Je früher eine Demenz diagnostiziert wird, desto eher kann den Betroffenen und ihren Angehörigen geholfen werden. Durch eine mögliche medikamentöse Therapie und kognitives Training lässt sich unter Umständen auch der Demenz-Prozess verlangsamen.

Der Arztbesuch

Vergesslichkeit oder andere kognitiven Störungen müssen nicht zwangsläufig Symptome einer beginnenden Demenz sein. Sie werden häufig durch körperliche und/oder psychische Belastungen hervorgerufen. Der Hausarzt oder die Hausärztin ist die erste Adresse, um das abzuklären. Bei Symptomen, die den Verdacht auf Alzheimer oder eine andere Demenzerkrankung aufkommen lassen, müssen sich der Arzt oder die Ärztin zunächst ein Bild vom Leben der Patientin oder dem Patienten machen. Dabei werden folgende Punkte besprochen: schwerwiegende Erkrankungen in der Verwandtschaft (Familienanamnese), Vorerkrankungen des Patienten oder der Patientin, welche Medikamente werden eingenommen, aktuelle Lebenssituation (Familie, Berufstätigkeit, Wohnsituation usw.), Lebensführung (Ess- und Trinkverhalten, Konsum von Tabak, Alkohol…).

Angela Merkel und die Demenzforschung

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat durch die Eröffnung des Neubaus des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Bonn im Jahr 2009 die Bedeutung der Demenzforschung in Deutschland unterstrichen. Der Neubau, der 126,8 Millionen Euro kostete, ermöglicht es den fast 500 Mitarbeitern am Standort Bonn, disziplinübergreifend in einem Gebäude zu forschen. Bundesweit sind rund 1.000 Mitarbeiter in dem Projekt beschäftigt.

Die Forschungsaktivitäten des DZNE sind vielfältig und umfassen unter anderem die Früherkennung neurodegenerativer Erkrankungen, die Entwicklung von Therapien und die Verbesserung der Versorgung von Menschen mit Demenz. Das DZNE kooperiert mit verschiedenen Partnern, darunter Universitäten, Kliniken, Forschungseinrichtungen und Unternehmen.

Aktuelle Forschungsergebnisse

Ein Wundermittel ist nicht in Sicht. Bisherige Medikamententests verliefen enttäuschend. Für die 35 Millionen Menschen auf dem Globus, die allmählich ihr Gedächtnis und ihre Persönlichkeit verlieren, eine erschreckende Nachricht. Auch für die rund 1,6 Millionen Menschen, die in Deutschland an einer Demenz erkrankt sind. Therapien erwartet DZNE-Gründungsdirektor Pierluigi Nicotera erst in Jahrzehnten. Hoffnung macht, dass das Risiko, an einer Demenz zu erkranken, zumindest in den westlichen Ländern zurückgeht. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Lebenswandel eine wichtige Rolle spielt. Der am DZNE arbeitende Neurologe Michael Heneka rechnet damit, dass in den kommenden 20 Jahren ein Medikament entwickelt wird, das Demenzerkrankungen zumindest verlangsamt oder gar aufhält. Bislang seien die Forscher davon ausgegangen, dass die Erkrankung beginnt, wenn sich erste Anzeichen von Gedächtnisstörungen zeigen, erläutert Heneka. Das passiere meist zwei bis drei Jahre, bevor das Krankheitsbild richtig ausgeprägt sei.

Auch die Suche nach den Ursachen hat Neues ergeben: Jahrzehntelang hat sich die Forschung auf die vielbeschriebenen Eiweiß-Ablagerungen im Gehirn konzentriert, die die Nervenzellen schädigen. "Mittlerweile gehen wir aber von einem pathologischen Dreigestirn aus", sagt Heneka: den Ablagerungen außerhalb der Zellen, Eiweißverklumpungen innerhalb der Zellen und Fehlfunktionen des Immunsystems. Diese Faktoren reagieren offenbar über Jahrzehnte miteinander. Das macht es sehr kompliziert. Deshalb sei es jetzt wichtig, die ganz frühe Phase der Erkrankung besser zu verstehen, fügt Heneka hinzu. Erkenntnisse versprechen sich die Mediziner dabei auch von der sogenannten Rheinland-Studie. Daran sollen bis zu 30.000 Menschen im Großraum Bonn über drei Jahrzehnte teilnehmen.

Prävention und Lebensstil

Offenbar haben wir es zu einem gewissen Anteil selbst in der Hand, ob wir an Alzheimer Demenz erkranken oder nicht. Zwar spiele auch eine genetische Veranlagung innerhalb der Familie eine gewisse Rolle, es gibt aber kein einzelnes Gen, das dafür verantwortlich ist und auf das man testen könnte, sagt Prof. Frank Jessen. Er ist Leiter des Kölner Alzheimer Präventionszentrums und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Köln. Wenn man einen erstgradigen Angehörigen mit Demenz hat, z.B. Alzheimer, hat man selbst ein 1,5- bis 2-fach erhöhtes Risiko. Den nicht genetisch bedingten Risiko-Anteil, an Demenz zu erkranken, können wir durch einen gesunden Lebensstil aktiv beeinflussen. Die Erkenntnisse, dass schlechtes Hören und Sehen Risikofaktoren für Demenz sind, sind noch relativ neu, sagt Frank Jessen. Brillenträger müssen sich aber keine Sorgen machen: Entscheidend sei gerade die Korrektur der eingeschränkten Sinne. Während Brillen allgegenwärtig sind, haben manche bei einem Hörgerät größere Hemmungen. Oft denken wir beim Thema Pflege an ältere Menschen, aber auch Kinder und Jugendliche können pflegebedürftig sein. Rotes Fleisch und tierische Fette, also gesättigte Fettsäuren, seien nicht so gut, sagt Prof. Er betont allerdings, dass alles eine Frage der Menge ist: Man könne durchaus alles essen, aber es sollte nicht einseitig sein.

Neue Therapieansätze

Bislang gibt es keine Heilung von Alzheimer, aktuell aber einen großen wissenschaftlichen Durchbruch: So wurde erstmalig eine Immuntherapie (Antikörper-Therapie) entwickelt, die die für Alzheimer typischen Eiweißablagerungen im Gehirn wieder auflösen könne. Die Medikamente sind in den USA und vielen anderen Ländern bereits zugelassen, für Europa hofft Prof. Frank Jessen auf eine baldige Zulassung. Alzheimer könne heutzutage sehr früh festgestellt werden, oft noch bevor ein Demenz-Stadium erreicht ist.

Die Rolle der Gesellschaft

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft (DAlzG) setzt ihre Ziele und Aufgaben mit ganz unterschiedlichen Projekten um. Finanziert werden sie unter anderem aus Spenden sowie durch die Unterstützung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft führt regelmäßig verschiedene Projekte durch. HintergrundIn Deutschland leben derzeit etwa 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenz. Aufgrund der steigenden Lebenserwartung wird eine weitere Zunahme erwartet, denn mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit an einer Demenz zu erkranken. In den letzten Jahren haben erste Studien allerdings gezeigt, dass der Anstieg bezogen auf die einzelnen Altersgruppen rückläufig ist. Als Ursachen für eine sinkende Prävalenz werden eine gesündere Ernährung, die Zunahme von körperlichen, geistigen und sozialen Aktivitäten sowie die bessere und konsequentere Behandlung von Risikofaktoren im Vergleich zu früheren Jahrzehnten genannt. Dies verdeutlicht die Wirksamkeit von präventiven Maßnahmen, wie sie unter anderem von der WHO in ihrer Leitlinie für öffentliche Demenzprävention 2019 aufgezeigt wurden.Das Wissen über die Möglichkeiten der Demenzprävention ist nach den Erfahrungen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft und ihren Mitgliedsgesellschaften in der Bevölkerung allerdings bisher wenig verbreitet.

Seit September 2016 gibt es die bundesweite Aufklärungsinitiative Demenz Partner. Ihr Ziel ist es, die Aufmerksamkeit und Sensibilität für Menschen mit Demenz und deren Angehörige zu erhöhen. Dazu werden in ganz Deutschland kostenfreie Veranstaltungen angeboten, die über das Krankheitsbild aufklären und dazu beitragen, Vorurteile abzubauen. Im Mittelpunkt der Initiative stehen Vortrags- und Informationsangebote, die eine Mindestdauer von 90 Minuten haben. Diese Schulungen werden getragen durch das Engagement vieler Ehrenamtlicher. Sie werden von Mitgliedern der regionalen Alzheimer-Gesellschaften, von Wohlfahrtsverbänden und vielen sozialen Einrichtungen und Organisationen durchgeführt. Demenz Partnerinnen und Partner haben eine Veranstaltung zum Thema Demenz besucht. Das Angebot steht allen offen - egal ob jung oder alt, berufstätig im Ruhestand, ob Menschen mit Demenz im persönlichen Umfeld oder nicht.

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