Häufiger Stuhlgang und Demenz: Ursachen, Zusammenhänge und Lösungsansätze

Demenz ist eine fortschreitende Erkrankung, die mit einem Abbau der geistigen Fähigkeiten einhergeht und die Betroffenen in ihrem täglichen Leben beeinträchtigt. Die Alzheimer-Demenz stellt dabei die häufigste Form dar. Im Laufe der Erkrankung verlieren Menschen mit Demenz nach und nach die Fähigkeit, für sich selbst zu sorgen, was oft mit einer tiefen Kränkung ihres Selbstwertgefühls verbunden ist. Neben Gedächtnislücken, Wortfindungsstörungen und Orientierungsproblemen können auch Veränderungen im Stuhlgang auftreten. Studien deuten auf einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit des Stuhlgangs und dem kognitiven Verfall hin. Dieser Artikel beleuchtet die möglichen Ursachen für veränderten Stuhlgang bei Demenz, die Zusammenhänge mit der Erkrankung und mögliche Lösungsansätze.

Demenz: Ein Überblick

Alzheimer-Demenz bezeichnet eine immer weiter fortschreitende Erkrankung des Gehirns, bei welcher dieses Organ im wahrsten Sinn des Wortes „abbaut“. Die Nervenzellen des Gehirns reduzieren sich und damit ebenso die geistigen Fähigkeiten. Anfangs macht sich dies nur durch eine leichte Vergesslichkeit bemerkbar, kann aber nach jahrelangem Fortschreiten auch dazu führen, dass der Patient die örtliche und zeitliche Orientierung verliert und sogar ihm nahestehende Verwandte nicht mehr erkennt.

Charakteristisch für die Alzheimer-Krankheit sind ihr Auftreten bei Personen über 65 Jahre - wobei die Anzahl der Betroffenen mit zunehmendem Alter rapide ansteigt - und spezifische Veränderungen im Gehirn: Durch die Ablagerung von Eiweiß entstehen sogenannte Plaques, die sich an der Außenseite von Nervenzellen und auch an Blutgefäßen im Gehirn ansammeln.

Ursachen für veränderten Stuhlgang bei Demenz

Das Unvermögen, Urin oder Stuhl willentlich zurückzuhalten („Inkontinenz“), ist eine häufige Begleiterscheinung der Demenz. Dabei verliert das Gehirn seine Kontrollfunktion über die Muskeln, die Stuhlgang und Blasenentleerung regulieren. Andere Ursachen von Inkontinenz sind behandelbare Krankheiten wie Blasenentzündung oder Prostataleiden. Deshalb ist es wichtig, eine Ärztin oder einen Arzt aufzusuchen, wenn die Betroffenen einnässen oder einkoten.

Insbesondere in den frühen Stadien der Demenz liegt bei Schwierigkeiten, Harn oder Stuhl zu halten, häufig gar keine Inkontinenz vor. Die betroffene Person ist vielleicht lediglich nicht mehr in der Lage, die Toilette rechtzeitig zu finden oder Stuhl- und Harndrang richtig zu deuten.

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Neben Inkontinenz kann es auch zu Verstopfung kommen. Medizinisch spricht man von einer Verstopfung (Obstipation), wenn es seltener als alle drei Tage zur Stuhlentleerung (Defäkation) kommt. Rund 16 Prozent der Weltbevölkerung sind davon betroffen.

Mögliche Ursachen für Verstopfung bei Demenz:

  • Veränderungen im Gehirn: Die Demenz selbst kann die Darmfunktion beeinträchtigen.
  • Mangelnde Bewegung: Menschen mit Demenz bewegen sich oft weniger, was die Darmtätigkeit verlangsamen kann.
  • Flüssigkeitsmangel: Es ist sehr wichtig, dass ausreichend Flüssigkeit (mindestens ein Liter = acht Tassen pro Tag, bei Hitze mehr) zu sich genommen wird, um Austrocknung, Verwirrtheitszustände und Verstopfung zu vermeiden.
  • Falsche Ernährung: Es sollte aber darauf geachtet werden, dass ausreichend Ballaststoffe, Obst und Gemüse angeboten werden, um Verstopfungen vorzubeugen.
  • Medikamente: Einige Medikamente, die bei Demenz eingesetzt werden, können Verstopfung als Nebenwirkung haben.
  • Abführmittel: Gerade ältere Menschen bekommen oft Abführmittel gegen chronische Verstopfung. Doch das kann das Demenzrisiko erhöhen.

Zusammenhänge zwischen Stuhlgang, Darmflora und Demenz

Die Darm-Hirn-Verbindung besagt, dass Darm und Gehirn permanent kommunizieren und sich wechselseitig beeinflussen. Auch bezüglich ihrer Gesundheit sind sie voneinander abhängig - dafür liefert die Forschung fortlaufend neue, spannende Hinweise.

Forscher aus Cleveland fanden einen besorgniserregenden Zusammenhang zwischen der Häufigkeit des Stuhlgangs und der Gesundheit des Gehirns. Seltenerer Stuhlgang war mit schlechterer kognitiver Funktion assoziiert. So hatten auch Personen ein erhöhtes Risiko für kognitiven Verfall, die häufiger Stuhlgang - mehr als zweimal täglich - hatten. So zeigte sich auch ein Zusammenhang zwischen spezifischen Darmbakterien und der Darmentleerung.

Eine Studie zeigte erstmals, dass der regelmäßige Gebrauch von Abführmitteln mit einem signifikant höheren Demenzrisiko assoziiert ist. Laxanzien können die Epithelbarrieren des Darms stören und den Übergang von aus dem Darmmikrobiom stammenden neurotoxischen Stoffwechselprodukten in das zentrale Nervensystem erleichtern und inflammatorische Prozesse begünstigen.

Die Rolle der Darmflora (Mikrobiom)

Längst weiss man, dass der menschliche Körper zahlreichen Mikroorganismen als Wohnstätte dient. Je weiter die Forschung in Sachen Darmflora voranschreitet, umso mehr Positives erfährt man über die Bakteriengemeinschaft in unserem Verdauungssystem.

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Es zeigten sich auffällige Unterschiede zwischen der Darmflora von Demenzpatienten und der Darmflora gesunder Menschen. Der Spiegel der sog. nützlichen Bakterien (Bacteroides) war bei Demenzpatienten eher niedrig. Gleichzeitig war ihre Darmflora von grösseren Mengen sog. Ruminococcus-Bakterien besiedelt. Bei den Demenzkranken fand man im Stuhl ausserdem eine hohe Belastung mit Ammonium, Indol, Skatol und Phenol - den Stoffwechselprodukten von sog. Fäulnisbakterien (z. B. Klebsiella, Clostridium u. a.).

Ausgehend von einer veränderten Darmflora und einer gestörten Darmpermeabilität (Anm.: einer veränderten Durchlässigkeit der Darmwand; „Leaky Gut“), kann es im Darm zu stillen Entzündungen kommen, die sich zu einer systemischen Inflammation entwickeln und auch im Gehirn an der Entstehung von entzündlichen Prozessen beteiligt sein könnten.

Abführmittel und Demenzrisiko

Wenn Menschen regelmäßig Abführmittel nehmen, dann könnte dies ihr Risiko für eine Demenz um bis zu 50 Prozent erhöhen, wie eine Kohortenstudie nahelegt. Vor allem die Wirkstoffe, die osmotisch wirken und den Stuhl weicher machen sollen, erhöhten das Demenzrisiko, möglicherweise weil sie die Darmflora verändern und die Darmbarriere durchlässiger machen, wie die Forschenden in „Neurology“ berichten.

Ein möglicher Faktor ist die Darmflora: Frühere Studien haben bereits gezeigt, dass osmotisch wirksame Laxanzien das Mikrobiom des Darms verändern. Das wiederum kann die Produktion von Botenstoffen im Darm verändern, die dann über die Darm-Hirn-Achse auch das Gehirn beeinflussen. Zudem können Abführmittel auch die Darmbarriere schwächen und so den Übergang von Giftstoffen und entzündungsfördernden Botenstoffen aus dem Darm in das Nervensystem erleichtern.

Umgang mit Inkontinenz und Toilettenproblemen bei Demenz

Bei Menschen mit Demenz sei die Wahrscheinlichkeit von Inkontinenz oder anderen “Toilettenproblemen” deutlich höher als bei gesunden Gleichaltrigen. So sei die Wahrscheinlichkeit einer Harninkontinenz-Diagnose drei Mal so hoch, die einer Stuhlganginkontinenz-Diagnose sogar vier Mal so hoch.

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Die Ursachen für die beschriebenen Probleme bei der Toilettenbenutzung und Inkontinenz waren vielschichtig. Einige hingen direkt mit der Demenz zusammen: Zum Beispiel wussten Betroffene mitunter nicht mehr, wie man die Toilette benutzt, konnten die entsprechenden Körperfunktionen nicht mehr ausreichend wahrnehmen oder auch Inkontinenz-Produkte wie Einlagen nicht erkennen. Eine große Rolle spielten psychologische und soziale Faktoren. So berichteten Teilnehmende von der “Angst vor dem Verlust der Würde und der sozialen Peinlichkeit”. Nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Angehörigen hätten Schwierigkeiten, über die Probleme zu sprechen.

Die Probleme rund um den Toilettengang wirkten sich den Angaben zufolge stark auf das Leben der Betroffenen aus. Zum einen wurden körperliche Folgen wie geschädigte Haut genannt, zum anderen psychische wie Scham, Verzweiflung oder sogar Selbstekel. Die Angehörigen litten ebenfalls unter gesundheitlichen Problemen, vor allem durch die Erschöpfung und die ständige Anspannung.

Lösungsansätze für Inkontinenz und Toilettenprobleme:

  • Frühe Information und Unterstützung: Alle Pflegenden hätten sich frühere und bessere praktische Informationen über Inkontinenz bei Demenzerkrankungen gewünscht. Zudem sollten pflegende Angehörige besser dabei unterstützt werden, Strategien zu entwickeln, um mit den emotionalen und praktisch-pflegerischen Problemen umzugehen.
  • Förderung der Unabhängigkeit: Weitere Vorschläge zielten darauf ab, die Unabhängigkeit der Betroffenen zuhause zu fördern, etwa durch eine frühzeitige Einrichtung von Routinen, Zugang zu Geräten wie Handurinalen und die Anpassung von Badezimmern.
  • Sachliche und verständnisvolle Haltung: Den Betroffenen gegenüber sollte eine sachliche und verständnisvolle Haltung eingenommen werden, trotz der eigenen Schwierigkeiten. Entwickeln die betroffenen Personen nämlich mit der Zeit Schuldgefühle und versuchen, Hinweise auf ihre Inkontinenz zu verbergen, kann dies die Situation deutlich verschärfen - etwa, wenn sie eingenässte Hosen in Schubladen und Schränken verstecken.
  • Ärztliche Abklärung: Insbesondere in den frühen Stadien der Demenz liegt bei Schwierigkeiten, Harn oder Stuhl zu halten, häufig gar keine Inkontinenz vor. Die betroffene Person ist vielleicht lediglich nicht mehr in der Lage, die Toilette rechtzeitig zu finden oder Stuhl- und Harndrang richtig zu deuten.

Ernährung und Mundhygiene bei Demenz

Essen ist für Menschen mit Demenz oftmals eine der verbliebenen Freuden. Mahlzeiten knüpfen an altbekannte Abläufe an und helfen, den Tag zu strukturieren. Aus diesen Gründen ist es wichtig, die gemeinsamen Mahlzeiten möglichst angenehm und spannungsfrei zu gestalten. Dazu gehört, die Selbstständigkeit der oder des Betroffenen beim Essen mit allen Mitteln zu unterstützen.

Es ist sehr wichtig, dass ausreichend Flüssigkeit (mindestens ein Liter = acht Tassen pro Tag, bei Hitze mehr) zu sich genommen wird, um Austrocknung, Verwirrtheitszustände und Verstopfung zu vermeiden. Es sollte aber darauf geachtet werden, dass ausreichend Ballaststoffe, Obst und Gemüse angeboten werden, um Verstopfungen vorzubeugen.

Mundhygiene

Die Mundhygiene ist sehr wichtig für Gesundheit und Wohlbefinden. Mit zunehmendem Alter steigt jedoch die Anfälligkeit für Erkrankungen des Mundraumes. Damit keine Entzündungen, Infekte, Karies und Reizungen entstehen, sollte der Mundraum auch bei Menschen mit Demenz gepflegt werden. Zusätzlich sind regelmäßige Kontrollen durch die Zahnärztin oder dem Zahnarzt anzuraten. Spätestens, wenn Auffälligkeiten zu erkennen sind, sollte umgehend eine Behandlung erfolgen.

Da Menschen mit einer fortgeschrittenen Demenz akute Probleme im Mund beziehungsweise an den Zähnen oft nicht mehr benennen können, ist es wichtig, die betroffene Person genau zu beobachten: Verweigert sie oder er bestimmte Speisen, weil diese häufig in Zähnen oder Prothesen hängen bleiben? Lehnt der Mensch mit Demenz aufgrund von Schmerzen vielleicht sogar jegliche Nahrung ab? Beginnt die oder der Betroffene, sich bei Tisch noch unruhiger als sonst zu verhalten? Auch blutendes Zahnfleisch und starker Mundgeruch sind Hinweise auf problematische Veränderungen.

Körperpflege bei Demenz

Die regelmäßige Körperpflege ist ein menschliches Grundbedürfnis. Mit Fortschreiten der Demenz wird die Körperpflege für Betroffene jedoch zunehmend schwieriger. Pflegende Angehörige und Pflegefachkräfte können sie dann bei der Ausführung möglichst in Ruhe unterstützen oder diese vollständig übernehmen. Dabei ist das Thema Inkontinenz insbesondere für Angehörige schambehaftet.

Manche Menschen mit Demenz verweigern irgendwann die Körperpflege und das regelmäßige Wechseln der Kleidung. Wenn die Betroffenen Duschen und Baden ablehnen, hilft manchmal eine Art „Rezept“ vom Arzt ausstellen zu lassen, auf dem die Körperpflege des ganzen Körpers einmal wöchentlich „verschrieben“ wird. Es kommt aber auch vor, dass die Körperpflege aus Schamgefühl abgelehnt wird, weil sie sich nicht ohne Kleidung vor anderen Personen zeigen möchten. Hier kann es helfen, wenn Sie die oder den Betroffenen mit Unterwäsche duschen oder baden lassen.

Neue Therapieansätze

Seit diesem Jahr stehen zwei Antikörper zur ursächlichen Behandlung der frühen Alzheimer-Demenz zur Verfügung. Ursächlich bedeutet: Sie bauen aktiv Amyloid-Plaques ab. Das sind Eiweißablagerungen im Hirn, die bei der Entstehung der Krankheit eine zentrale Rolle spielen. Wirken können derartige Therapien nur, wenn sie zum richtigen Zeitpunkt zum Einsatz kommen. Voraussetzung ist eine frühe Diagnose.

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