Ketogene Diät und Glioblastom: Eine kritische Analyse der Studienlage

Die Ernährung spielt eine zentrale Rolle für unsere Gesundheit, und im Kontext von Krebserkrankungen rückt sie oft in den Fokus. Viele Krebspatienten suchen nach Möglichkeiten, ihren Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen, und stoßen dabei auf verschiedene Diätformen, darunter die ketogene Diät. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Studienlage zur ketogenen Diät bei Glioblastomen, einer besonders aggressiven Form von Hirntumoren. Dabei werden sowohl die potenziellen Vorteile als auch die Risiken und Einschränkungen dieser Ernährungsform betrachtet.

Was ist eine ketogene Diät?

Bei einer ketogenen Diät wird die Zufuhr von Kohlenhydraten drastisch reduziert, während gleichzeitig der Anteil von Fetten und Proteinen erhöht wird. Dies führt dazu, dass der Körper in einen Zustand der Ketose eintritt, in dem er anstelle von Glukose (aus Kohlenhydraten) Ketonkörper (aus Fetten) zur Energiegewinnung nutzt. Konkret bedeutet dies einen Verzicht auf Zucker, Getreideprodukte und stärkereiches Gemüse wie Kartoffeln und Erbsen.

Gut zu wissen: Eine Low-Carb-Diät reduziert ebenfalls Kohlenhydrate, jedoch nicht so stark wie eine ketogene Diät.

Die Warburg-Hypothese als Grundlage

Die Idee, eine ketogene Diät bei Krebs einzusetzen, basiert auf der Warburg-Hypothese. Der Biochemiker Otto Warburg stellte vor etwa 100 Jahren die These auf, dass Krebszellen ihre Energie vorrangig durch den Abbau von Glukose gewinnen, selbst wenn ausreichend Sauerstoff vorhanden ist (anaerobe Glykolyse). Durch den Entzug von Zucker und Stärke soll den Krebszellen die Nahrungsgrundlage entzogen werden. Die Warburg-Hypothese ist bis heute nicht vollständig bewiesen oder widerlegt, aber sie dient als theoretische Grundlage für viele diätetische Ansätze in der Krebsbehandlung.

Studien zur ketogenen Diät bei Glioblastomen

Es gibt eine wachsende Anzahl von Studien, die den Einsatz der ketogenen Diät bei Krebserkrankungen, einschließlich Glioblastomen, untersuchen. Die Ergebnisse sind jedoch heterogen und oft schwer zu interpretieren.

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Erfolge und vielversprechende Ansätze

Eine Studie von Thomas N. (Quelle: Successful application of dietary ketogenic metabolic therapy in patients with glioblastoma: a clinical study) untersuchte den Einfluss einer ketogenen Ernährung auf die Überlebenswahrscheinlichkeit von Glioblastompatienten. Dabei wurden 18 Patienten rekrutiert, die zusätzlich zu ihrer Standardbehandlung (einschließlich Chemotherapie) entweder eine ketogene Diät einhielten (6 Patienten) oder ihre gewohnte Ernährung beibehielten (12 Patienten). Das Ziel der Forscher war es, die Lebenszeit der Patienten um drei Jahre zu verlängern, was angesichts der schlechten Prognose dieser Tumorart eine erhebliche Verbesserung darstellen würde.

Die Ergebnisse zeigten, dass in der Kontrollgruppe, die keine Ernährungsumstellung vornahm, nur ein Patient nach 36 Monaten noch am Leben war. In der Gruppe, die sich ketogen ernährte, war die Überlebenswahrscheinlichkeit statistisch signifikant höher. Diese Studie deutet darauf hin, dass die ketogene Diät einen positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben könnte.

Zudem gibt es Hinweise darauf, dass eine ketogene Ernährung vor einer Chemotherapie die Verträglichkeit der Behandlung verbessern kann.

Einschränkungen und Risiken

Trotz der vielversprechenden Ergebnisse gibt es auch erhebliche Einschränkungen und Risiken, die bei der Anwendung einer ketogenen Diät bei Glioblastomen berücksichtigt werden müssen.

Die Leitlinie zur Komplementärmedizin bei Krebs rät von einer ketogenen Diät für normal- und untergewichtige Patienten ab. Studien haben gezeigt, dass Krebserkrankte durch eine ketogene Diät deutlich an Gewicht verlieren können, was zu Mangelernährung und einer Unterversorgung mit wichtigen Nährstoffen führen kann.

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Darüber hinaus weisen einige Studien auf mögliche Nebenwirkungen wie Übelkeit, Appetitmangel, Gewichtsverlust, Obstipation, Arteriosklerose, fehlendes Durstgefühl, Nierensteine, Pankreatitis, Dehydratation und Sedierung hin.

Die ERGO-Studie, eine Pilotstudie mit 20 Patienten mit rezidiviertem Glioblastom, die eine ketogene Diät erhielten, zeigte keine schwerwiegenden Nebenwirkungen, aber drei Patienten brachen die Diät aufgrund schlechter Verträglichkeit ab. Nur ein Patient zeigte ein geringes Ansprechen auf die Diät, und das mediane progressionsfreie Überleben lag bei lediglich fünf Wochen. Die Autoren schlussfolgerten, dass die ketogene Diät zwar durchführbar und sicher ist, aber wahrscheinlich keine signifikante klinische Aktivität in dieser Krankheitssituation aufweist.

Die ERGO2-Studie: Ketogene Diät mit Kurzzeitfasten

Die prospektive, randomisierte ERGO2-Studie untersuchte die Wirkung einer kalorienreduzierten ketogenen Diät mit intermittierendem Fasten (KD-IF) in Kombination mit einer erneuten Bestrahlung bei Patienten mit einem Glioblastomrezidiv. Die Studie erreichte ihren primären Endpunkt, die Verbesserung des progressionsfreien Überlebens im Vergleich zur Standarddiät (SD), nicht.

Die Patienten wurden entweder mit einer Re-Bestrahlung in Kombination mit SD oder mit KD-IF behandelt. Das KD-IF-Programm umfasste eine dreitägige ketogene Diät, gefolgt von drei Tagen Fasten und erneut drei Tagen ketogener Diät. Während der Tage mit ketogener Ernährung war die tägliche Kalorienzufuhr auf 21-23 kcal/kg, die tägliche Kohlenhydratzufuhr auf 50 g begrenzt.

Die Ergebnisse zeigten keinen signifikanten Unterschied beim progressionsfreien Überleben (PFS6) und beim Gesamtüberleben (OS) in der Intention-to-treat-Kohorte. Allerdings ergaben ungeplante Subgruppenanalysen, dass Patienten mit niedrigeren Glukosespiegeln in der KD-IF-Gruppe ein längeres mittleres PFS aufwiesen.

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Die Autoren schlussfolgerten, dass die festgelegten Ziele für die Kalorien- und Kohlenhydratbeschränkung sowie die Fastenzeit von den Patienten mit Glioblastomrezidiven ohne negative Auswirkungen auf die Lebensqualität eingehalten werden konnten. Der kurze Diätplan führte bereits zu signifikanten metabolischen Veränderungen, was darauf hindeutet, dass kurzfristige diätetische Interventionen therapeutisch nützlich sein könnten, möglicherweise in Kombination mit anderen Modalitäten.

Zell- und Tierexperimente: Heterogene Ergebnisse

Zu kohlenhydratarmen bzw. ketogenen Diäten liegen eine Reihe von Zell- und Tierexperimenten vor. Die Ergebnisse sind heterogen. In einigen Experimenten konnte das Tumorwachstum verlangsamt werden. In anderen entwickelten sich jedoch stammzellartige Veränderungen und ein beschleunigtes Wachstum der Tumorzellen.

In vitro und in vivo kommt es unter einem Kohlenhydrat-/Glukoseentzug zunächst zu einer Wachstumsverlangsamung und Bildung von Nekrosen. Einige Tumorzellen scheinen diesem Selektionsdruck jedoch standzuhalten. Eine Reihe von bekannten Mutationen im Rahmen der Karzinogenese ermöglichen den malignen Zellen einen Shift des Stoffwechsels und damit einer Nutzung von Lactat- und Ketonkörpern. Entsprechend konnte in einigen Experimenten gezeigt werden, dass es zu einer Adaptation der Tumorzellen und in der Konsequenz sogar einem beschleunigten Wachstum kommt.

Die Press-Pulse-Strategie: Ein umfassenderer Ansatz

Ein vielversprechender Ansatz, der über die reine ketogene Diät hinausgeht, ist die sogenannte Press-Pulse-Strategie. Diese Strategie kombiniert die ketogene Diät mit oxidativen Therapien wie der hyperbaren Sauerstofftherapie (HBOT), um Tumorzellen gezielt zu schwächen.

Die wissenschaftlichen Grundlagen

Die Press-Pulse-Strategie basiert auf der Erkenntnis, dass Tumorzellen durch ihre Stoffwechselbesonderheiten angreifbar sind. Die ketogene Diät reduziert den Blutzuckerspiegel und erhöht Ketonkörper, die von Tumorzellen nicht effizient verwertet werden können. Dies schafft eine Energiekrise in den Krebszellen und macht sie anfälliger für oxidative Belastungen. HBOT steigert die Sauerstoffsättigung im Tumorgewebe und erhöht die Produktion reaktiver Sauerstoffspezies (ROS), was den oxidativen Stress in Krebszellen verstärkt und deren Zelltod fördern kann.

Vitamin C als wichtiger Bestandteil

Ein oft unterschätztes Element der Press-Pulse-Strategie ist hochdosiertes Vitamin C. In hohen Konzentrationen wirkt Vitamin C als Prooxidans und fördert die ROS-Produktion in Tumorzellen. In Kombination mit HBOT zeigt Vitamin C eine synergistische Wirkung.

Glutamin-Targeting

Neben Glukose ist Glutamin eine weitere essentielle Energiequelle für Tumorzellen. In Kombination mit einer ketogenen Diät kann die Hemmung von Glutamin eine effektive Strategie sein. Studien haben gezeigt, dass die Reduktion von Glutamin die Tumorvergrößerung blockiert, indem sie die ATP-Synthese und die Neubildung von Zellkomponenten hemmt.

Allgemeine Ernährungsempfehlungen für Krebspatienten

Unabhängig von spezifischen Diätformen gibt es einige allgemeine Ernährungsempfehlungen, die für Krebspatienten von Bedeutung sind:

  • Ausgewogene Ernährung: Eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung ist entscheidend, um den Körper mit allen notwendigen Nährstoffen zu versorgen.
  • Energie- und proteinreiche Kost: Krebspatienten haben oft einen erhöhten Energie- und Proteinbedarf, um den Abbau von Muskelmasse zu verhindern und die Immunfunktion aufrechtzuerhalten.
  • Kohlenhydratarme Ernährung: Eine Reduktion von Kohlenhydraten kann sinnvoll sein, um den Blutzuckerspiegel stabil zu halten und die Glukoseversorgung der Tumorzellen zu reduzieren.
  • Omega-3-Fettsäuren: Omega-3-Fettsäuren, die in Leinöl, Rapsöl, Walnussöl und fettem Fisch enthalten sind, können das Tumorwachstum hemmen und den Ernährungszustand verbessern.
  • Vermeidung von Mangelernährung: Es ist wichtig, einer Mangelernährung vorzubeugen, da diese die Prognose verschlechtern und zum Abbruch notwendiger Therapien führen kann.

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