Heileurythmie-Übungen zur Behandlung von Migräne: Ein ganzheitlicher Ansatz

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch starke Kopfschmerzen gekennzeichnet ist, oft begleitet von Übelkeit, Erbrechen und extremer Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Die Lebensqualität der Betroffenen kann erheblich beeinträchtigt sein. Während die Schulmedizin medikamentöse Behandlungen zur Linderung der Symptome anbietet, zielt die Anthroposophische Medizin auf einen ganzheitlichen Ansatz, der die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert. Ein wichtiger Bestandteil dieses Ansatzes ist die Heileurythmie, eine Bewegungstherapie, die darauf abzielt, Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen.

Anthroposophische Medizin: Eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen

Die Anthroposophische Medizin betrachtet den Menschen als Einheit von Körper, Seele und Geist. Sie erweitert die naturwissenschaftliche Medizin um diese wesentlichen Aspekte. Während die Schulmedizin vor allem den physischen Körper behandelt, bezieht die Anthroposophische Medizin auch die seelisch-geistige Verfassung und das soziale Umfeld des Patienten mit ein. Bereits bei der Diagnostik werden nicht nur die körperlichen Symptome berücksichtigt, sondern auch die seelische und geistige Verfassung sowie die Biografie des Patienten.

Die Therapie ergibt sich aus der Diagnose. Dabei ist es ein wichtiges Ziel, die Selbstheilungskräfte anzuregen und zu zeigen, wie der Patient den Heilungsprozess mitgestalten kann. Deshalb werden Diagnose und Therapie von Anfang an mit dem Patienten besprochen. Neben den Methoden der modernen naturwissenschaftlichen Medizin und den in den Leitlinien empfohlenen Medikamenten werden auch phytotherapeutische (pflanzenheilkundliche), homöopathische und Anthroposophische Medikamente verordnet. Abhängig vom Krankheitsbild können auch rhythmische Massagen, Bäder, Wickel, eine spezielle Ernährung, Heileurythmie oder eine künstlerische Therapie wie Mal- oder Musiktherapie in Frage kommen.

In der Filderklinik erfolgt die Diagnostik auf der Grundlage von vier Ebenen:

  1. Physische Symptome: Hier werden Laboruntersuchungen, Röntgenbilder oder Endoskopie eingesetzt.
  2. Funktionelle Veränderungen: Es wird nach funktionellen Veränderungen wie Krämpfen oder Stauungen gefragt, wie sie beispielsweise im Darm oder bei Migräne auftreten. Diagnostisches Instrument ist beispielsweise die Kunsttherapie.
  3. Erleben der Krankheit: Diese Ebene widmet sich der Frage danach, wie der Patient seine Krankheit erlebt. Gibt es seelische oder soziale Probleme? Wie wird beispielsweise eine Depression erlebt?
  4. Biografische Ebene: Diese Ebene berücksichtigt den Stellenwert der Erkrankung in der Biografie des Patienten.

Zusammen ergeben alle vier Ebenen ein ganzheitliches Bild der Krankheit - und damit auch einer umfassenden Therapie.

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Was ist Heileurythmie?

Heileurythmie bedeutet übersetzt "gute oder harmonische Bewegung". Sie ist eine künstlerische Bewegungstherapie, die zu den Behandlungsmethoden der Anthroposophischen Medizin gehört. Bei der Heileurythmie werden Bewegungen mit Sprache und Musik - ihren Klangfarben, ihren Dynamiken und ihren Rhythmen - verbunden. „Jeder Vokal, jeder Konsonant oder Ton hat eine eigene Laut-, Sprach- oder Tongebärde, die in Bewegung umgesetzt wird“, erläutert Eva Bader vom Berufsverband Heileurythmie.

Die Heileurythmie wurde in den Jahren 1912-1924 von Rudolf Steiner als eine neue Bewegungskunst entwickelt. Sie entstand als eine Kunstform und als ein neuartiger Tanz, der innerlich erlebte Bewegungen und Kräfte äußerlich durch Gebärden sichtbar macht. Eine solche Bewegung ist z.B. das Ein- und Ausatmen. Die Bewegung von Lunge und Brustkorb, die sich rhythmisch erweitern und erschlaffen, lässt sich durch die Gebärdemöglichkeiten der Arme oder mit dem ganzen Körper nachahmen. Ab Anfang der 1920iger Jahre, nach Initiierung der Anthroposophischen Medizin in Zusammenarbeit mit Ärzten, wurde die Eurythmie therapeutisch eingesetzt.

Wie Heileurythmie bei Migräne helfen kann

Heileurythmie kann bei Migräne helfen, einen individuell passenden Rhythmus zwischen Tag und Nacht oder Anspannung und Entspannung zu finden und Achtsamkeit sich selbst gegenüber zu entwickeln. Sie kann tief auf die inneren Organe und die Bewegungsorgane wirken sowie auf das Erleben und Verhalten des Patienten. Dabei harmonisiert sich das körperliche und seelische Befinden. Organfunktionen werden aktiviert oder beruhigt. Psychisches Ungleichgewicht wird wieder ausbalanciert.

Bei Migräne kann die Heileurythmie dazu beitragen, Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich zu lösen, die oft mit den Kopfschmerzen einhergehen. Durch gezielte Übungen werden die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert und die Schmerzempfindlichkeit reduziert. Die rhythmischen Bewegungen können auch dazu beitragen, das vegetative Nervensystem zu regulieren und Stress abzubauen, was wiederum die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken verringern kann.

Die Übungen im eurythmietherapeutischen Behandlungsprozess werden in der Regel aus einem traditionellen Katalog ausgewählt. Laut einer Befragung werden die Übungen aber auch spontan und nach Intuition ausgewählt. Die Intuition ist in der anthroposophischen Medizin ein wichtiges Element.

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Die konkrete Behandlung

Abhängig vom Krankheitsbild wird ein Therapieplan erstellt. Die Heileurythmie wird sowohl ambulant als auch stationär angewandt - unter Anleitung von ausgebildeten Therapeuten. Heileurythmie kann im Stehen, im Sitzen oder auch im Liegen erlernt und ausgeübt werden.

In der Heileurythmie werden Sprachlaute oder Musik in Bewegung ausgedrückt. Dabei helfen die Diplom-Heileurythmist/innen mit speziellen Übungen.

Was ist bei Heileurythmie grundsätzlich zu beachten?

Heileurythmie ist kein Allheilmittel, sondern eine Ergänzung zur herkömmlichen Medizin. Bei einem schweren Krankheitsbild wird die Heileurythmie niemals alternativ zu einer ärztlichen Behandlung eingesetzt. Wenn der Patient nicht aktiv mitarbeitet, kann die Behandlung nicht erfolgreich sein. Bei fieberhaften Erkrankungen und bei akuten Psychosen sollte die Heileurythmie nicht eingesetzt werden.

Studien zur Wirkung von Heileurythmie

Therapeutische Wirkungen von Heileurythmie sind bereits vielfach untersucht worden und es sind auch zahlreiche Publikationen zu diesem Thema erschienen. In einer Grundlagenstudie werden physiologische Wirkungen der Heileurythmie anhand der Herzfrequenzvariabilität untersucht. Veränderungen im Herzrhythmus während der Heileurythmie können z.B. Physiologische Wirkungen von Kunsttherapien konnten bereits für die Sprachtherapie gezeigt werden. Durch Sprachübungen wird die Atmung (Rhythmus und Amplitude) stark geformt. Durch die respiratorische Sinusarrhythmie kommt es daher während der Sprachübungen zu unmittelbaren Wirkungen in der Herzkeislaufphysiologie (u.a. Änderung des Herzrhythmus bzw. Analog wird in dieser Studie die Heileurythmie untersucht. Wesentlicher Bestandteil der Heileurythmie ist die innerlich geführte Bewegung, doch auch diese kann unmittelbare Wirkungen auf die Herzkreislaufphysiologie ausüben. Ziel der Studie ist die Untersuchung von Änderungen der Herzfrequenzvariabilität während unterschiedlicher Heileurythmie-Übungen. Die Untersuchung wird an gesunden Probanden durchgeführt.

Beispielsweise wurde bei der internationalen AMOS-Studie (Anthroposophic Medicine Outcomes Study) auch die Heileurythmie wissenschaftlich untersucht. Mehr als 400 Patienten aus 94 anthroposophischen Arztpraxen in Deutschland erhielten wegen verschiedener chronischer Erkrankungen Heileurythmie. Nach den Ergebnissen dieser Studie verbesserten sich die Krankheitsbeschwerden sowie die Lebensqualität.

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Grenzen der Heileurythmie

Wenn der Patient nicht aktiv mitarbeitet, kann die Behandlung nicht erfolgreich sein. Gerade chronisch erkrankte Menschen erleben dadurch, dass sie nicht nur behandelt werden, sondern selbst aktiv werden. Aber: „Bei fieberhaften Erkrankungen und bei akuten Psychosen sollte die Heileurythmie nicht eingesetzt werden“, erklärt Bader.

Kostenübernahme durch Krankenkassen

Die Heileurythmie gehört nicht zum Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), da ihre Wirkung nicht hinreichend genug wissenschaftlich erwiesen ist. Einige Kassen zahlen freiwillig.

Multimodale Schmerztherapie als Alternative

GESUNDHEIT Dauermedikation lautet die beliebte Antwort auf chronische Schmerzen. Multimodale Schmerztherapie dagegen setzt auf Ganzheitlichkeit: Das kann auch heißen, dem Patienten erst mal zuzuhören. Mindestens fünf bis acht Millionen Menschen sollen hierzulande an behandlungsbedürftigen chronischen Schmerzen leiden, so aktuelle Schätzungen. Viele von ihnen können nur noch eingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Betroffene stehen oft unter Dauermedikation mit Schmerzmitteln, nicht selten mit Opiaten. Dabei gibt es durchaus Alternativen - etwa die „multimodale Schmerztherapie“. Diese wird durch Spezialistenteams durchgeführt - darunter auf Schmerz spezialisierte Ärzte, Psychologen, Pflegekräften, Physio- und Sporttherapeuten, aber auch Sozialarbeiter.

Das Berliner Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe bietet in seinem Schmerzzentrum seit 2006 solche Therapieplätze an.„Das Angebot richtet sich insbesondere an Menschen, bei denen bisherige Ansätze der Schmerztherapie erfolglos geblieben oder im ambulanten Rahmen die Möglichkeiten zu riskant sind“, erklärt Michael Schenk, leitender Arzt und Mitbegründer des Schmerzzentrums. „Manche unserer Patienten leiden schon zehn oder gar zwanzig Jahre an chronischen Schmerzen“, erzählt er. Sie kommen unter anderem mit Migräne und Kopfschmerzen, mit Nerven-, Rücken-, Gelenk- oder Tumorschmerzen. Sie sind verzweifelt, gefangen in ihren Schmerzen, viele depressiv. 450 solcher Patienten behandeln Michael Schenk und sein interdisziplinäres Team jährlich.

Noch vor der Einweisung führen die Ärzte mit den Schmerzpatienten ein mehrstündiges Gespräch. „Im Mittelpunkt der Anamnese stehen nicht der Schmerz und die medizinischen Befunde, vielmehr die psychosoziale Situation und die persönliche Geschichte“, sagt Schenk. „Die meisten machen zum ersten Mal die Erfahrung, dass ihnen jemand zuhört.“ Aber keiner hier verspreche, dass ihre Schmerzen ganz verschwinden. „Wir helfen den Patienten, ihre Autonomie zu stärken, eigene Ressourcen zu aktivieren, um neue Zukunftsperspektiven zu entwickeln“, so der Schmerzspezialist.„Wir setzen auf eine Synthese aus anthroposophischer und sprechender Medizin und anerkannten schulmedizinischen Verfahren“, betont Michael Schenk. Wie in anderen professionellen Schmerzzentren wende die Anthroposophische Klinik Havelhöhe Entspannungstechniken, Schmerzbewältigungstrainings, Verhaltenstherapie, psychoedukative Verfahren, Einzel- und Gruppenpsychotherapie an. Auf Medikamente wird nicht verzichtet. „Wir geben Schmerzmittel dort, wo es sinnvoll ist“, so Schenk. Aber zusätzlich zu bewährten schulmedizinischen Verfahren beinhaltet hier die Behandlung Mal- und Musiktherapie, Plastizieren, Rhythmische Massage und Heileurythmie.

„In der Heileurythmie, einer künstlerischen Bewegungstherapie, geht es darum, wieder Räume in sich zu entdecken, die schmerzfrei sind“, erklärt Eurythmietherapeut Hartmut Stickdorn. Viermal pro Woche übt er mit den Schmerzpatienten Körper-, Wahrnehmungs- und Sinnesübungen ein, Betroffene sollen sich ihrer Schonhaltungen bewusst werden und diese ändern.

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