Gewichtswesten sind ein vielseitiges Hilfsmittel, das bei verschiedenen neurologischen und entwicklungsbedingten Herausforderungen eingesetzt wird. Dieser Artikel beleuchtet die Anwendung von Gewichtswesten bei Ataxie, geht auf die Wirkungsweise, die verschiedenen Einsatzbereiche und die wichtigsten Aspekte bei der Anwendung ein.
Einführung in die Ataxie
Ataxie, oft als Überbegriff für Schädigungen des Kleinhirns und/oder der Kleinhirnbahnen verwendet, ist eine Koordinationsstörung, die sich in ungeschickten und unkontrollierten Bewegungen äußert. Ataktische Bewegungsstörungen treten bei einem hohen Prozentsatz von MS-Patienten auf und erfordern somit ein krankheitsspezifisches Vorgehen. Die Auswirkungen der Ataxie können vielfältig sein und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen.
Die Funktionsweise von Gewichtswesten
Gewichtswesten üben einen tiefen, gleichmäßigen Druck auf den Körper aus. Dieser Druck stimuliert die Sensoren der Haut und vermittelt neue Reize an das Nervensystem. Alle Nerven informieren das Gehirn über diese neue Situation. Das Gehirn baut daraufhin Muskeltonus im Rumpf auf, der Oberkörper wird aufgerichtet. Das menschliche Gehirn ist ständig damit beschäftigt, uns Menschen im Gleichgewicht zu halten.
Dieser konstante, sanfte Druck, ähnlich einer warmen Umarmung, regt den Körper an, beruhigende Hormone freizusetzen, was zu einem Gefühl von Ruhe, Sicherheit und tiefer Entspannung führt. Das Tragen einer Gewichtsweste reduziert äußere Reize, sodass der Träger seinen eigenen Körper besser spüren kann. Dies kann zu einer verbesserten Konzentration führen, was in therapeutischen Sitzungen, im Alltag oder beim Schlafen von entscheidender Bedeutung sein kann.
Anwendungsbereiche von Gewichtswesten
Die Gewichtstherapie kann für Personen mit verschiedenen Erkrankungen von Vorteil sein, darunter:
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- Autismus-Spektrum-Störung (ASS): Gewichtswesten können helfen, sensorische Reize zu reduzieren und ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Reizverarbeitung ist ohnehin ein schwieriges Thema. Rückmeldungen aus dem Körper werden dringlichste benötigt.
- Asperger-Syndrom: Ähnlich wie bei Autismus können Gewichtswesten die sensorische Integration unterstützen.
- Sensorische Integrationsstörungen (SIS): Gewichtswesten können helfen, die Körperwahrnehmung zu verbessern und die sensorische Verarbeitung zu regulieren. Untersuchungen zeigen, dass sich Kinder mit sensorischen Integrationsstörungen mit einer schwereren Weste wohler fühlen als normalerweise empfohlen wird.
- Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS): Gewichtswesten können die Konzentration fördern undHyperaktivität reduzieren.
- Zerebralparese: Gewichtswesten können die Körperhaltung verbessern und unwillkürliche Bewegungen reduzieren.
- Schlechte Motorik und Koordination: Gewichtswesten können die Körperwahrnehmung verbessern und die Koordination unterstützen.
- Hyperaktivität: Gewichtswesten können helfen, dieUnruhe zu reduzieren und die Selbstregulation zu fördern.
- Einschlafprobleme: Der beruhigende Druck einer Gewichtsweste kann helfen,Angstzustände zu reduzieren und das Einschlafen zu erleichtern.
- Multiple Sklerose (MS): Ataxie wird häufig als Überbegriff für Schädigungen des Kleinhirns und/oder der Kleinhirnbahnen verwendet. Ataktische Bewegungsstörungen treten bei über 80 % der MS-Patienten auf und sind damit ein weit verbreitetes Phänomen. Sie erfordern ein gezieltes Vorgehen.
Gewichtswesten bei Ataxie: Spezifische Aspekte
Bei Ataxie zielt der Einsatz von Gewichtswesten darauf ab, die Körperwahrnehmung (Propriozeption) zu verbessern und die unkontrollierten Bewegungen zu stabilisieren. Durch den zusätzlichen Druck auf den Körper erhalten die Betroffenen ein besseres Gefühl für ihre Körperposition im Raum, was zu einer verbesserten Balance und Koordination führen kann.
Diagnostik und Therapieansätze bei Ataxie
Grundlegend sollten die üblichen Ataxie-Tests durchgeführt werden.
- Knie-Hacke-Test (oder verlängerter Knie-Hacke-Test inkl.
- Hat ein Patient nur sehr geringe Gleichgewichtsprobleme kann im Einbeinstand getestet werden. Gerade MS-Patienten zeigen oft Probleme der afferenten Informationen durch die spinale oder sensible Ataxie, die sich ohne visuelle Kontrolle verschlechtert und durch spinale Plaques in den afferenten Kleinhirnbahnen verursacht wird. Für Therapeuten ist daher die Unterscheidung wichtig, ob die Schwierigkeiten bei offenen oder geschlossenen Augen auftreten. Hintergrund dieser Unterscheidung ist, dass bei vermehrten Schwierigkeiten ohne visuelle Kontrolle die afferenten Bahnen zum Kleinhirn (= Hinterstrangbahnen bzw. spinozerebelläre Bahnen) betroffen sind. Nur diese können über den Visus kompensiert werden.
Kann ein Patient beispielsweise beim Romberg-Test mit offenen Augen gut stehen, kommt aber bei geschlossenen Augen stark ins Schwanken, muss das Gleichgewicht bei diesem Patienten auch ohne visuelle und taktile Kontrolle geübt werden. Das übliche Gleichgewichtstraining sollte daher entweder mit geschlossenen Augen oder mindestens mit wechselndem Blick durchgeführt werden. Verbessern lassen sich afferente Informationen auch durch vermehrten sensiblen und sensorischen Input. Therapeutische Ansätze der Ataxie sind durch die Pathophysiologie der Ataxie geprägt. Sind die afferenten Bahnen betroffen, bedeutet dies für den Patienten Schwierigkeiten mit der Tiefensensibilität oder Propriozeption.
Insgesamt gelten bei Gleichgewichtstraining mit Ataxie-Patienten die gleichen Prinzipien wie beim üblichen Gleichgewichtstraining: von leicht zu schwer, von großer zu kleiner Unterstützungsfläche, von hart zu weich. Gleichgewicht muss immer im Stehen oder Gehen und immer an der Leistungsgrenze geübt werden. Der Patient muss aus dem Gleichgewicht gebracht werden bzw. um das Gleichgewicht ringen. Wenn möglich sollten Dual-Task-Übungen mit eingebaut werden. Damit ist gemeint, dass der Patient sich nicht auf sein Gleichgewicht konzentrieren, sondern möglichst zwei oder mehrere Dinge gleichzeitig durchführen soll. Beispielsweise könnte er auf einem Bein stehen und dabei reden, rechnen oder etwas suchen. Meist ist ein Gleichgewichtstraining bei MS-Patienten ohne Visus oder mit wechselndem Blick sinnvoll, wobei sich der Patient nicht festhalten sollte. Dies kann gezielt im Balance-Trainer THERA-Trainer balo trainiert werden. Hier ist der Patient in einer sicheren Umgebung.
Das Problem der Dysdiadochokinese zeigt die Koordinationsschwierigkeiten bei ataktischen Bewegungsstörungen. Gerade reziproke Bewegungen müssen gezielt trainiert werden. Koordinativ sind schnelle Bewegungen leichter als langsame. Deshalb sollten Ataxie-Patienten von schnellen hin zu langsameren, bevorzugt reziproken Bewegungen trainiert werden. Dies ist für Ataxie-Patienten einfacher, wenn sie eine geführte Bewegung machen können.
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Kleinhirnschädigungen sind immer mit einer allgemeinen Minderung von Kraft und Tonus vergesellschaftet. Deshalb ist ein dynamisches Kraft- und Ausdauertraining sinnvoll. Dabei erleichtern Widerstände den Patienten, die Bewegungen auszuführen. Deshalb fällt es ihnen leichter mit etwas mehr Gewicht bzw. Widerstand zu trainieren. Als Trainingssteigerung werden Gewicht und Widerstand abgebaut. Auch können Gewichte als Hilfsmittel eingesetzt werden.
Auch Bewegungsübergänge von niedrigen zu höheren Positionen sollten geübt werden. Krabbeln kann für viele Ataxie-Patienten ein gezieltes Eigentraining darstellen, da sie keine Angst vor einem Sturz haben und gleichzeitig die Muskulatur des gesamten Körpers reziprok trainieren. Dies ist auch mit einem Bewegungstrainer wie dem THERA-Trainer tigo durch rhythmisches Treten mit agonistischem/antagonistischem Wechseln der Bein- bzw. Armaktivität möglich. Auch bei starker Ataxie kann hier gut trainiert werden. Wie bereits erwähnt, trainieren Ataxie-Patienten auch hier leichter mit hoher Geschwindigkeit und gegen Widerstand. Als Steigerung können Widerstand und Geschwindigkeit gezielt reduziert werden. Diese beiden Parameter können beim THERA-Trainer tigo gut dosiert werden, während normale Ergometer durch das Watt-gesteuerte Training anders eingestellt werden. Auch kann es bei Ataxie-Patienten sinnvoll sein, die Umdrehungszahl fest vorzugeben, sodass der Patient nicht über die voreingestellte Drehzahl trainieren kann. Selbst stark betroffene Ataxie-Patienten können sich in einem Balance-Trainer wie dem THERA-Trainer balo bewegen.
Auswahl der richtigen Gewichtsweste
Bei der Auswahl einer Gewichtsweste für Personen mit Ataxie sind folgende Aspekte zu berücksichtigen:
- Gewicht: Das Gewicht der Weste sollte individuell angepasst werden und in der Regel nicht mehr als 5-10 % des Körpergewichts betragen. Es ist wichtig, mit einem geringeren Gewicht zu beginnen und dieses langsam zu steigern, um den Körper nicht zu überlasten. Im Gegensatz zu Standardwesten, bei denen normalerweise eine maximale Belastung von nur 5 % des Körpergewichts des Benutzers empfohlen wird, kann diese Weste mehr Gewicht aufnehmen.
- Passform: Die Weste sollte eng am Körper anliegen, ohne die Bewegungsfreiheit einzuschränken. Clipverschlüsse an der Vorderseite sorgen dafür, dass die Weste sicher an ihrem Platz bleibt und ermöglichen gleichzeitig schnelle Änderungen, was sie ideal für Gruppensituationen in Klassenzimmern oder Therapiesitzungen macht.
- Material: Das Material sollte atmungsaktiv und hautfreundlich sein, um Hautirritationen zu vermeiden. Wir sind stolz darauf, ein natürliches Aussehen und Gefühl für unsere Produkte zu gewährleisten, weshalb sowohl die Außen- als auch die Innenseite der Weste aus 100 % Baumwolle bestehen.
- Einstellbarkeit: Die Weste sollte über verstellbare Gurte verfügen, um die Passform individuell anpassen zu können. Die verstellbaren Schnallen sorgen dafür, dass der Druck auf den Körper genau an die Vorlieben des Trägers angepasst werden kann, um eine optimale Wirksamkeit zu gewährleisten.
- Waschbarkeit: Die Weste sollte leicht zu reinigen sein. Leichte Verschmutzungen können Sie mit einem feuchten Schwamm und etwas Spülmittel abwischen bzw. Produkte bis 5 Kg können in einer handelsüblichen Waschmaschine (bitte Zuladegewicht beachten!) bei 40 Grad gewaschen werden. Einlagen vor dem Waschen herausnehmen. Hängen Sie die Westen an einem warmen und luftigen Ort für ca.
Tragezeit und Anwendungshinweise
Die empfohlene Tragezeit für Gewichtswesten variiert je nach individuellem Bedarf und Verträglichkeit. Es ist ratsam, mit kurzen Tragezeiten zu beginnen und diese langsam zu steigern. Die Weste kann in Intervallen und für eine Dauer getragen werden, die den Bedürfnissen des Benutzers entspricht; Beobachtung ist der Schlüssel zur Beurteilung des Komfortniveaus.
Es ist wichtig, den Benutzer während des Tragens der Weste genau zu beobachten und auf Anzeichen von Unbehagen oder Überlastung zu achten. Benutzer können ihren Komfort sowohl verbal als auch nonverbal ausdrücken und so ihre Bereitschaft signalisieren, die Weste über längere Zeiträume zu tragen.
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Gewichtswesten sind KEIN Beruhigungsmittel!!! Die empfohlene Tragezeit beträgt max.
Kombination mit anderen Therapieformen
Gewichtswesten sollten als Teil eines umfassenden Therapieplans eingesetzt werden, der auch andere Behandlungen wie Physiotherapie, Ergotherapie undLogopädie umfassen kann. Die Kombination verschiedener Therapieansätze kann die bestmöglichen Ergebnisse erzielen.
Wahrnehmung und Reizverarbeitung
Wahrnehmung und Reizverarbeitung betrifft JEDEN Menschen, ob klein oder groß, ob Diagnose oder nicht. Der Prozess findet täglich zu jeder Zeit bei allen Lebewesen statt. Ohne die Verarbeitung von Sinnesreizen, die das Gehirn vor allem über die Haptik erfährt, können wir nicht sein. Bereits vor der Geburt beginnt das Gehirn im Mutterleib zu lernen, wo sich der Körper im Raum befindet. Über die Sinne Riechen, Schmecken, Hören, Sehen und besonders Fühlen werden dem Gehirn permanent Reize zugeführt, die es nur mit einer funktionierenden Körper-Raumkarte richtig verorten kann. Wo ist oben, wo unten, welche Begrenzung hat der Körper. Das Gehirn ist ständig mit der Frage beschäftigt: Wo bin ich eigentlich? Durch die fehlerhafte oder unvollständige Information wird die Muskelspannung zu hoch (hyperton) oder zu niedrig (hypoton) angepasst. Dies führt wiederum zu Problemen in der Kognition und Konzentration. Reize werden schlecht bis gar nicht verarbeitet. Ein Beispiel aus dem Alltag: Wer kennt es nicht? Nach einer längeren Krankheit (z.B. Das Gehirn braucht nun im Zusammenspiel mit der Reizverarbeitung aus unseren Sinnen eine gewisse Zeit, bis es alles wieder „geordnet“ und "angepasst" hat. Bei manchen Diagnosen ist eine Wahrnehmungsstörung als Begleiterscheinung jedoch unumgänglich. Demenz zum Beispiel. Hier leidet der Mensch insbesondere unter dem Verlust der Sinnenreize und der damit verbundenen Orientierung im Raum.
Finanzierung und Unterstützung
Der Hilfsmittelkatalog der Krankenkasse basiert nicht auf dem aktuellen Stand der medizinischen Erkenntnisse und ersetzt nicht die persönliche Beurteilung durch einen Mediziner. Leider zeigt sich immer wieder, dass es einen längeren Atem braucht, um ein alternatives Hilfsmittel durchzusetzen. Versicherte Personen haben gegenüber den Krankenkassen einen Anspruch auf die Versorgung mit Hilfsmitteln, die im Einzelfall erforderlich sind, um den Erfolg einer Krankenbehandlung zu sichern oder eine Behinderung auszugleichen (§ 33 Abs. Die Spitzenverbände der Krankenkassen haben gemeinsam ein Hilfmittelverzeichnis erstellt, in dem die Produkte aufgelistet sind, die erstattet werden (§ 139 SGB V). Ein Hilfsmittel ist unwirtschaftlich, wenn ein kostengünstigeres oder zumindest geeigneteres Hilfsmittel zur Verfügung steht. Gibt es einen Anspruch auf eine bestmögliche Versorgung? Zur Begründung der zu beantragenden Leistung ist es empfehlenswert, vorab bereits medizinische Gutachten und ärztliche Berichte zu besorgen. Leistungen der Krankenkassen erfolgen nur auf Antrag.
Fazit
Gewichtswesten können ein wertvolles Hilfsmittel für Menschen mit Ataxie sein, um die Körperwahrnehmung zu verbessern, die Koordination zu stabilisieren und die Lebensqualität zu erhöhen. Es ist jedoch wichtig, die Weste individuell anzupassen, die Tragezeit zu überwachen und die Weste als Teil eines umfassenden Therapieplans einzusetzen. Durch die enge Zusammenarbeit mit Therapeuten und Ärzten können die bestmöglichen Ergebnisse erzielt werden.
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