Neuromuskuläre Erkrankungen, einschließlich der erblichen Muskelneuropathien, stellen eine vielfältige Gruppe von Erkrankungen dar, die die Muskeln und/oder die Nerven, die sie steuern, betreffen. Diese Erkrankungen können zu Muskelschwäche, Muskelatrophie und anderen neurologischen Defiziten führen. In Deutschland sind schätzungsweise 150.000 bis 200.000 Menschen von neuromuskulären Erkrankungen betroffen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der erblichen Muskelneuropathie, einschließlich ihrer Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten.
Was sind neuromuskuläre Erkrankungen?
Neuromuskuläre Erkrankungen führen zu einer Schwäche oder vorzeitigen Ermüdbarkeit der Muskulatur. Die Ursachen sind vielfältig: Es kann eine Störung der Kraftentwicklung im Muskel selbst, eine Störung des Zusammenspiels zwischen Nerv und Muskel, eine Schädigung der versorgenden peripheren Nerven oder eine Schädigung der motorischen Neurone in Rückenmark und/oder Gehirn zu Grunde liegen. Entsprechend gehören hierzu ganz unterschiedliche Erkrankungen: erworbene oder erblich bedingte Myopathien, die myasthenen Syndrome (z.B. die Myasthenia gravis), die hereditären oder entzündlichen Neuropathien (z.B. HMSN oder CIDP/GBS) und die Motoneuron-Erkrankungen (z.B. ALS).
Genetische Vielfalt und Symptome
Die genetische Vielfalt neuromuskulärer Erkrankungen ist ausgesprochen groß, wobei pathogene Varianten zu klinisch überlappenden oder auch ganz unterschiedlichen Krankheitsbildern führen können. Typische Symptome sind unter anderem eine Muskelschwäche, rasche Ermüdbarkeit der Muskulatur, Muskelschwund, Muskelschmerzen sowie Muskelkrämpfe.
Neurogene Muskelatrophien
Neurogene Muskelatrophien (Denervationsatrophie) entstehen durch eine primäre Schädigung des Nervensystems. Ist die motorische Nervenzelle betroffen, so führt die Denervierung zu einer Atrophie der Muskelfasern. Neurogene Muskelatrophien werden klinisch weiter unterteilt, je nachdem, wo die Störung lokalisiert ist. Zum einen können Defekte der Nervenzellen des Rückenmarks vorliegen, die die Muskelbewegungen auslösen. Es können aber auch Erkrankungen der peripheren Nervenfasern vorliegen. Neurogene Muskelatrophien führen zu einer Schwäche und Atrophie der Muskulatur. Erkrankungen der peripheren Nervenfasern können aber zusätzlich Empfindungsstörungen oder -verlust verursachen.
Eine der häufigsten neurogenen Muskelatrophien ist die Charcot-Marie-Tooth-Krankheit Typ 1 (CMT1) mit einer Prävalenz von 1-5 / 10 000. Eine weitere, relativ häufige „seltene Erkrankung“ ist die Spinale Muskelatrophie 5q (SMA), bei der ungefähr eines von 7.000 Neugeborenen betroffen ist.
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Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung (CMT)
Die Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung (CMT), auch bekannt als hereditäre motorisch-sensorische Neuropathie (HMSN), ist eine Gruppe von erblichen neurologischen Erkrankungen, die die peripheren Nerven betreffen. Die peripheren Nerven übertragen Signale vom Gehirn und Rückenmark zu den Muskeln und sensorischen Organen des Körpers. Bei CMT sind diese Nerven geschädigt, was zu Muskelschwäche, Atrophie und sensorischen Verlusten führt.
Ursachen:
CMT wird durch Mutationen in Genen verursacht, die für die Funktion der peripheren Nerven wichtig sind. Es gibt viele verschiedene Gene, die CMT verursachen können, und die spezifische Mutation bestimmt den Typ und die Schwere der Erkrankung. In den meisten Fällen folgt die HMSN einem autosomal dominanten Erbgang. Dies gilt sowohl für die HMSN I (demyelinisierender Typ) als auch für die HMSN II (axonaler Typ). Die X-chromosomale Vererbung ist bei der HMSN ebenfalls nicht selten. Insgesamt liegt molekulargenetisch am Häufigsten eine Duplikation des PMP22-Gens zugrunde. Die entsprechende Deletion des PMP22-Gens führt zu einer Neuropathie mit Neigung zu Druckläsionen.
Symptome:
Typische Symptome der HMSN sind Muskelschwäche beziehungsweise Lähmungen (Paresen) in den Extremitäten und Muskelschwund (Atrophie), meist beginnend in Fuß und Unterschenkel. Die Unterschenkel verlieren aufgrund des Muskelabbaus an Masse und es kommt zu sogenannten Storchenbeinen. Auch die oberen Extremitäten können betroffen sein, insbesondere die kleinen Handmuskeln. Aufgrund zahlreicher beteiligter Nerven können Empfindungs- sowie Durchblutungsstörungen (sensorische, autonome, vegetative Störungen) auftreten.
- Muskelschwäche und Atrophie: Dies betrifft typischerweise zuerst die Füße und Unterschenkel, was zu Schwierigkeiten beim Gehen und Laufen führt. Die Schwäche kann sich auf die Hände und Arme ausbreiten.
- Sensorische Verluste: Taubheit, Kribbeln oder Schmerzen in den Füßen und Händen sind häufig.
- Fußdeformitäten: Hohlfüße (Pes cavus) und Krallenzehen sind häufige Merkmale.
- Gleichgewichtsprobleme: Aufgrund von Muskelschwäche und sensorischen Verlusten kann es zu Gleichgewichtsproblemen kommen.
Formen der CMT:
- Typ 1 (HMSN1/CMT1): Die demyelinisierende und häufigste Form entwickelt sich bis zum 35. Lebensjahr und ist durch einen meist langsamen und gutartigen Verlauf gekennzeichnet, der zu teilweise deutlichen Einschränkungen führt, die jedoch nur selten einen Rollstuhl erforderlich machen.
- Typ 2 (HMSN2/CMT2): Die axonale Form ähnelt Typ 1, wobei das Erkrankungsalter höher liegt und sie durch einen noch langsameren Verlauf sowie mögliche Zusatzsymptome gekennzeichnet ist.
- Typ 3 (Déjérine-Sottas-Krankheit): Die demyelinisierende und seltene Form entwickelt sich bereits in den ersten zehn Lebensjahren und schreitet rasch voran. Sie ist oft mit einer verzögerten motorischen Entwicklung verbunden. Lähmungen der Extremitäten und ein allgemeiner Reflexverlust sowie ausgeprägte Empfindungsstörungen sind typisch, ebenso Pupillenstörungen und Skelettveränderungen. Häufig treten schmerzhafte Missempfindungen auf. Möglich sind wiederkehrende (rezidivierende) Verläufe.
- Hereditäre Neuropathie mit Neigung zu Druckläsionen (HNPP): Die seltene Form kann klinisch der HMSN1 nahezu gleichen und beginnt im frühen Erwachsenenalter, meist nach dem 20. Lebensjahr. Sie ist durch eine erhöhte wiederkehrende (rezidivierende) Empfindlichkeit der peripheren Nerven gegenüber minimalem Druck, beispielsweise durch längere knieende Haltung, gekennzeichnet.
Diagnose:
- Klinische Untersuchung: Eine gründliche neurologische Untersuchung ist der erste Schritt zur Diagnose von CMT.
- Elektrophysiologische Studien: Elektroneurographie (ENG) und Elektromyographie (EMG) werden verwendet, um die Funktion der Nerven und Muskeln zu beurteilen. Bei diesem Verfahren wird überprüft, ob die Nerven richtig funktionieren, indem ihnen elektrische Reize zugeführt werden. So können neuromuskuläre Erkrankungen erkannt oder ausgeschlossen werden. Bei der Elektromyografie werden Muskelströme zwischen Nerv und Muskel gemessen und bewertet, ob dabei eine Signalübertragung stattfindet.
- Genetische Tests: Genetische Tests können verwendet werden, um die spezifische Mutation zu identifizieren, die CMT verursacht.
Behandlung:
Es gibt keine Heilung für CMT, aber es gibt Behandlungen, die helfen können, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.
- Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Muskelkraft und Flexibilität zu verbessern. Neurophysiologische Physiotherapiekonzepte (u. a. supramaximale Belastungen bzw. Das Training sollte in Absprache mit Arzt und Therapeut erfolgen, um schädliche Belastungsspitzen zu vermeiden. neurophysiologische Therapiekonzepte zum Einsatz, um Potenziale von Muskeln zu wecken und Bewegungen anzubahnen. Übungen sollen die ausgleichende Muskulatur sowie Rumpf und rumpfnahe Muskeln trainieren. Sturzprophylaxe helfen den Betroffenen, ihren Alltag leichter und sicherer zu bewältigen. Maximalkraft des Muskels hinausgeht, sollten Patienten mit CMT vermeiden.
- Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, die täglichen Aktivitäten zu erleichtern.
- Orthopädische Hilfsmittel: Orthesen und andere orthopädische Hilfsmittel können helfen, die Stabilität und Funktion der Füße und Knöchel zu verbessern. Informieren Sie sich diesbezüglich über die MyoPro® Orthese, die bei neuromuskulären Erkrankungen eine Hilfe im Alltag für den eingeschränkten Arm sein kann. Interessieren Sie sich für die myoelektrische Orthese und haben eine neurologische Muskelerkrankung, nutzen Sie unseren MyoPro®-Test, um herauszufinden, ob die Orthese in Ihrem Fall für Sie geeignet ist.
- Chirurgie: In einigen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um Fußdeformitäten zu korrigieren oder Sehnen zu verlagern. Für jede Therapieentscheidung erheben wir eine große Zahl an Parametern. Einschätzung des Verlaufes erreichen und damit ein sehr individuelles Behandlungsschema ermöglichen.
- Schmerzmanagement: Schmerzmittel können helfen, Schmerzen zu lindern.
- Regelmäßige Bewegung: Dieser krankheitsbedingten Inaktivität lässt sich durch aerobes Ausdauertraining (z. B. Walken und Fahrradfahren) und moderates Krafttraining begegnen.
Umfassende Behandlung von Myopathie:
Die Kliniken bieten eine umfassende und spezialisierte Diagnostik und Behandlung der Symptome von Myopathien. Im Fachbereich Neurologie arbeiten spezialisierte Ärztinnen und Ärzte sowie Therapeutinnen und Therapeuten eng zusammen, um die für Betroffene passende Behandlung zu ermöglichen. Unsere versierten Physiotherapeutinnen und -therapeuten helfen Patientinnen und Patienten, im Falle einer nicht heilbaren Myopathie, ihre Mobilität möglichst lang beizubehalten. Je nach Form der Myopathie erhalten Betroffene im Rahmen der Logopädie nicht nur Sprechtraining, sondern lernen auch, mit Schluckbeschwerden umzugehen. Kliniken der St.
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Myopathien
Bei den Myopathien handelt es sich um eine Reihe von sehr heterogenen Krankheitsbildern, bei denen die Muskelfasern selbst geschädigt werden. Die Ursachen können durch äußere Einflüsse verursacht werden oder genetisch bedingt sein. Bei den kongenitalen Muskeldystrophien sind vor allem Proteine betroffen, die in der Muskelzellwand/Basalmembran angesiedelt sind und mit einem fortschreitenden Verlust an funktionsfähiger Muskelsubstanz einhergehen. Die phänotypische Ausprägung kann sehr unterschiedlich sein und ist auch innerhalb einer Familie sehr variabel. Die häufigsten Muskeldystrophien betreffen die Muskeldystrophie Duchenne oder Becker mit einer Prävalenz von DMD 1 : 3500 / BMD 1 : 20000 im männlichen Geschlecht, die Myotonen Dystrophien mit einer Prävalenz von ca. Demgegenüber sind bei den kongenitalen Myopathien Proteine betroffen, die in den Muskelzellen für die Entwicklung reifer Muskulatur von Bedeutung oder an der Kontraktion beteiligt sind. Die kongenitalen Myopathien liegen in der Regel von Geburt an vor und verlaufen meist langsam oder nicht progredient. Auch schwere, fatale Formen, aber auch spätmanifestierende Formen des Erwachsenenalters sind bekannt. Im Vordergrund stehen Muskelschwäche und -schwund, symmetrische, proximale Paresen ohne Sensibilitätsstörung. Zu den häufigeren, länger bekannten und damit „klassischen“ kongenitalen Myopathien gehören die Central Core Disease (CCD), die Zentronukleäre Myopathie (CNM) und die Nemaline Myopathie (NM). Es handelt sich um eine sehr seltene Krankheitsgruppe mit einer geschätzten Prävalenz von ca. 1:25000.
Myotone Dystrophien
Die erblich bedingten Myotonien sind eine Gruppe von Muskelerkrankungen, die durch verzögerte Muskelerschlaffung charakterisiert sind. Klinisch werden sie in der Regel in zwei Gruppen eingeteilt: die myotonen Dystrophien und die nicht-dystrophen Myotonien. Die nicht-dystrophen Myotonien werden durch pathogene Varianten in Genen verursacht, welche für die die muskulären Kanalproteine kodieren („Kanalopathien“).
Periodische Paralysen
Bei den periodischen Paralysen handelt es sich um autosomal dominant erbliche Erkrankungen, die auf genetischen Veränderungen muskulärer Natrium-, Kalium- oder Kalziumkanäle beruhen.
Diagnose von Myopathien
Bei der Diagnostik von Myopathien können Ärztinnen und Ärzte mit verschiedenen Verfahren arbeiten:
- Bildgebende Diagnostik: Ultraschall und Magnetresonanztomografie (MRT) macht eine Analyse der Gewebestruktur möglich.
- Laboruntersuchungen: Antikörper-, Enzym-, oder andere Blutwerte können Aufschluss über eine Myopathie geben. Auch auffällige Werte im Urin können zur Diagnostik hinzugezogen werden.
- Muskelbiopsie: Durch die Entnahme einer Gewebeprobe des Muskels kann eine gezielte Untersuchung der Gewebestruktur sowie der Stoffwechselvorgänge vorgenommen werden.
- Molekulargenetische Diagnostik: Kongenitale bzw. genetisch bedingte Myopathien können anhand von Untersuchungen der Gene nachgewiesen werden.
- Elektromyografie: Bei der Elektromyografie werden Muskelströme zwischen Nerv und Muskel gemessen und bewertet, ob dabei eine Signalübertragung stattfindet.
- Elektroneurografie: Bei diesem Verfahren wird überprüft, ob die Nerven richtig funktionieren, indem ihnen elektrische Reize zugeführt werden. So können neuromuskuläre Erkrankungen erkannt oder ausgeschlossen werden.
- Muskelbelastungstest: Mittels eines Unterarmbelastungstests oder eines Fahrradbelastungstests werden Laktat- und Ammoniakwerte gemessen, um eine metabolische Myopathie feststellen zu können.
Behandlung von Myopathien
Neben einer medikamentösen Therapie der Myopathie ist auch die therapeutische Behandlung durch Physiotherapie, Logopädie und Ergotherapie eine Möglichkeit. Diese können sowohl einzeln in Anspruch genommen werden als auch durch eine medikamentöse Therapie begleitet werden. Die zur Gruppe der primären Myopathien gehörenden genetisch bedingten Muskelerkrankungen sind bisher nicht heilbar. Dennoch lassen sich die Symptome der vererbbaren Myopathien lindern. Bei erworbenen Myopathien ist die jeweilige Grunderkrankung von Bedeutung. Denn nach dieser richtet sich die Behandlung. Eine endokrine Myopathie lässt sich beispielsweise medikamentös therapieren.
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Bedeutung der genetischen Diagnostik
Genetisch bedingte neuromuskuläre Erkrankungen sind aufgrund ihrer überlappenden Symptomatik und großen Variabilität hinsichtlich Ausprägung und Manifestationsalter eine differentialdiagnostische Herausforderung. Um zeitliche Verzögerungen in der Diagnosestellung, Mehrfachuntersuchungen oder nicht erforderliche Tests zu vermeiden, empfehlen Leitlinien die Einbindung der Genetik, denn die genetische Diagnostik kann dazu beitragen, erbliche Muskelerkrankungen präzise und effektiv zu identifizieren. Mit Kenntnis der zugrunde liegenden genetischen Veränderung und des Vererbungsmusters können Anlageträger:innen innerhalb einer Familie frühzeitig identifiziert werden. Ein wichtiger Nutzen der Gendiagnostik ist zudem die Möglichkeit, Zugang zu neuartigen Therapien zu erhalten.
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