Eine Chemotherapie ist oft ein notwendiger Bestandteil der Krebsbehandlung. Sie zielt darauf ab, Krebszellen an der Vermehrung zu hindern. Allerdings können die dabei eingesetzten Substanzen auch Nebenwirkungen verursachen. Eine davon ist die Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie (CIPN), eine Schädigung der peripheren Nerven.
Was ist eine Polyneuropathie?
Bei einer Polyneuropathie sind mehrere periphere Nerven geschädigt. Diese Nerven sind für die Weiterleitung von Informationen zwischen Gehirn, Rückenmark und dem Rest des Körpers zuständig. Wenn diese Nerven geschädigt sind, können sie ihre Aufgaben nicht mehr richtig erfüllen. Das bedeutet, dass Nerven, die nicht direkt zu Gehirn oder Rückenmark gehören, in solchem Ausmaß zu Schaden gekommen sind, dass sie ihre Aufgaben - wie die Weiterleitung von Befehlen zur Bewegung an die Muskeln oder die Weitergabe von Empfindungen ans Gehirn - nicht mehr vollständig oder sogar überhaupt nicht mehr erfüllen können.
Ursachen der Polyneuropathie nach Chemotherapie
Um eine Krebs-Erkrankung zu bekämpfen, besteht nicht nur die Möglichkeit der Strahlentherapie oder Operation - oftmals wird auch mittels chemischer Substanzen therapiert. Diese sogenannte Chemo zielt darauf ab, die Krebszellen an der Vermehrung hindern. Allerdings ist sie für den Betroffenen oftmals auch mit starken Nebenwirkungen verbunden. Weil die Chemo-Therapie in ihrer Wirkung nicht nur auf die Krebszellen beschränkt ist, sondern alle Zellen im Körper beeinträchtigt, die schnell wachsen oder sich mit hoher Geschwindigkeit regenerieren, nimmt sie auch Einfluss auf das Nervensystem. Besonders häufig leiden Betroffene nach der Chemo an einer Polyneuropathie der Nerven in Händen und Füßen. Im Körper übernehmen die Nerven zahllose, essentielle Funktionen. Sie leiten Informationen aller Art von Gehirn und Rückenmark in jeden Bereich des Körpers und geben umgekehrt alle Reize aus der Körperperipherie ans zentrale Nervensystem weiter. Bestehen in diesem Bereich Schäden, wie es bei einer Polyneuropathie nach der Chemo der Fall sein kann, hat das weitreichende Auswirkungen.
Die chemotherapeutischen Substanzen haben verschiedene Wirkungsweisen. Dementsprechend sind auch die Schädigungs-Mechanismen der Nerven durch diese Substanzen an unterschiedliche Mechanismen gebunden. Einige Chemotherapiemedikamente können die Nerven schädigen. Dann können die Nerven Reize nicht mehr richtig übertragen: Ihre Funktion ist gestört. Der Fachausdruck dafür ist „Polyneuropathie“ bzw. „Neuropathie“. Besonders platinhaltige Chemotherapeutika können zu Nervenschäden führen. Zytostatika haben nicht nur einen schädlichen Einfluss auf Krebszellen, sondern wirken sich auch auf gesunde Körperzellen aus. Einige von Ihnen sind neurotoxisch. In diesem Fall spricht man von einer Chemotherapie-induzierten Polyneuropathie (CIPN), die ca.
Das Ausmaß der Nervenschädigung durch die Chemotherapie wird zum einen durch das Präparat bedingt, zum anderen auch durch die Menge des Präparates, die verabreicht wird. Diese kann durch eine kumulative Gesamtdosis durchaus definiert werden.
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Es gibt Risikofaktoren, die abgesehen von der Therapie auch die Möglichkeit oder die Gefahr einer Polyneuropathie erhöhen. Neben der onkologischen Erkrankung können das auch Begleiterkrankungen wie Diabetis mellitus oder Niereninsuffizienz sein. Sehr wahrscheinlich ist ebenfalls, das Patient*innen mit einem hohen Alkoholkonsum ein größeres Erkrankungsrisiko haben. Auch genetische Faktoren beeinflussen den Schweregrad der Chemotherapie-induzierten Neuropathie.
Symptome der Polyneuropathie
Die Symptome einer Polyneuropathie können vielfältig sein und hängen davon ab, welche Nerven betroffen sind. Häufige Symptome sind:
- Kribbeln, Taubheit und Brennen in Händen und Füßen
- Schmerzen, die sich wie Nadelstiche oder Stromschläge anfühlen können
- Erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Berührungen
- Muskelschwäche
- Gleichgewichtsstörungen
- Schwierigkeiten beim Greifen von Gegenständen
- Hör- oder Sehprobleme
Bei einer Polyneuropathie kommt es zu Missempfindungen wie Kribbeln und Stechen, Taubheitsgefühlen in Füßen, Zehen, Armen und Händen. Viele von Krebs betroffene Menschen kennen das unangenehme Gefühl: Hände und Füße kribbeln oder sind taub und oft durchzucken Schmerzen wie kleine Stromstöße die Gliedmaßen. Dies ist ein Anzeichen für eine Polyneuropathie, die als Folge einer Chemo- oder Strahlentherapie auftreten kann. Die Symptome der Polyneuropathie (PNP) zeigen sich hauptsächlich in Händen und Füßen. Sie äußern sich auf unterschiedliche Weise und können in der Ausprägung von Person zu Person schwanken. Viele Betroffene beklagen zunächst Schmerzen und Gefühlsstörungen in den Fußsohlen oder Fingerspitzen, die sich strumpf- und handschuhartig ausdehnen können. Auch kann es zu Taubheitsgefühlen -oder genau gegenteilig- zu Kribbeln in den Gliedmaßen kommen. Schmerzen: Die betroffenen Körperregionen können ein brennendes Schmerzgefühl auslösen. Sensibilitätsverlust: Es kann zu einem Verlust der Berührungsempfindung kommen. Schwäche und Muskelschwund: Die Polyneuropathie kann zu Schwäche, Kraftlosigkeit und Muskelschwund, sowie Bewegungseinschränkungen führen. Gang- und Gleichgewichtsstörungen: Aufgrund der beeinträchtigten Sensorik und Motorik kann es zu Problemen mit Gleichgewicht, Koordination und unsicherem Gang kommen. Bei zunehmender Schädigung der Nerven nehmen Betroffene an Händen und Füßen oft keine Schmerzen, Wärme oder Kälte mehr wahr. Diese Taubheit führt zu Schwierigkeiten bei feinmotorischen, alltäglichen Aktivitäten, wie Schreiben oder Haus- und Gartenarbeit. Sind die Füße betroffen kann es zu Gleichgewichtsstörungen und Stürzen kommen. Sind eher Nerven, die Muskeln aktivieren, sogenannte motorische Nervenbahnen, betroffen, kann es zu unwillkürlichem Muskelzucken oder zu Muskelkrämpfen kommen. Einige Krebspatient*innen klagen auch über Kraftlosigkeit in Armen und Beinen, sodass sie Probleme beim Greifen und Gehen haben. Hör- und Sehstörungen können bei Schädigungen von Hirnnerven auftreten.
Die Schwere der Symptome ist dabei vor allem abhängig von der Dosierung der Chemo-Medikamente. Schreiten die Nervenschäden weiter voran, ist das für den Betroffenen nicht nur eine große Belastung, sondern auch zunehmend gefährlich - gerade wenn die Polyneuropathie im Bereich der Hände oder Füße auftritt. Gerade wenn die Polyneuropathie nach der Chemo die Füße betrifft, ist im Alltag besondere Vorsicht geboten: Die Gangsicherheit ist herabgesetzt und auch die Auslotung des Gleichgewichts fällt zunehmend schwerer.
Diagnose der Polyneuropathie
Bemerken Sie als Krebspatient eine oder mehrere Beschwerden bei sich, die auf eine Polyneuropathie nach der Chemo hindeuten könnten, sollten Sie das unbedingt mit Ihrem Arzt besprechen. Meist kann dieser die angesprochenen Symptome recht schnell den Nebenwirkungen der Chemo-Medikamente zuordnen. Um aber ganz sicher zu gehen, überprüft er den Zustand Ihrer Nerven mittels einiger spezieller Untersuchungsverfahren.
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Zur Diagnose einer Polyneuropathie stehen verschiedene Untersuchungsmethoden zur Verfügung:
- Neurologische Untersuchung: Der Arzt untersucht die Reflexe, die Sensibilität und die Muskelkraft des Patienten.
- Testung des Vibrationsempfindens: Ob man Vibrationen spürt, testet der Arzt mit einer Stimmgabel. Die Messung der sogenannten Tiefensensibilität und des Vibrationsempfindens gehen schnell und tun nicht weh. Der Arzt verwendet dafür eine Stimmgabel, die er zum Schwingen bringt und auf die Haut setzt. Meist testet er die Empfindungen an der Hand, am Daumengrundgelenk, am Innenknöchel des Fußes und am Großzehengrundgelenk. Als Patient hält man während der Untersuchung die Augen geschlossen und berichtet dem Arzt, ob man die Schwingungen der Stimmgabel wahrnimmt. Ein vermindertes Vibrationsempfinden ist während und kurz nach einer Krebsbehandlung oft ein erster Hinweis auf eine Neuropathie, noch bevor man die Empfindungsstörungen im Alltag wahrnimmt.
- Prüfung von Reflexen: Der Arzt kann verschiedene Muskeleigenreflexe prüfen, wie etwa den Achillessehnenreflex. Dafür klopft er mittels eines Reflexhammers leicht auf die angespannte Achillessehne. Dies ist möglicherweise etwas unangenehm. Ist der Reflex vorhanden, streckt man unwillkürlich den Fuß. Ist der Achillessehnenreflex abgeschwächt oder ganz erloschen, fehlt diese Bewegung. Dies kann auf eine Schädigung peripherer Nerven hinweisen.
- Messen der oberflächlichen Reizwahrnehmung: Ob man an der Körperoberfläche Reize normal wahrnehmen kann, testet der Arzt, indem er das Schmerz-, Temperatur-, Berührungs- und Druckempfinden untersucht. Das Kalt-Warm-Empfinden überprüft er mit kalten Metallgegenständen und normalweise "wärmerem" Plastik. Kann man mit geschlossenen Augen nicht unterscheiden, was der Arzt einem gerade auf die Haut auflegt oder in die Hand drückt, deutet dies ebenfalls auf eine Neuropathie mit eingeschränktem Berührungsempfinden hin. Ob man Schmerzen noch wahrnimmt oder im Gegenteil eine schmerzhafte Überempfindlichkeit entwickelt hat, testet der Arzt an Händen und Füßen mit einem Wattebausch oder einer Nadel. Wenn das noch kitzelt oder piekt, ist das zunächst ein gutes Zeichen. Wenn man selbst leichteste Berührungen aber als unangenehm erlebt, oder wenn man gar nichts spürt, kann dies ebenfalls ein Neuropathie-Zeichen sein.
- Motorik und funktionale Beeinträchtigungen testen: Der Arzt schaut sich an, ob eine Muskelschwäche beim Fuß- und Zehenheber oder Fingerspreizer erkennbar ist. Möglicherweise muss man auch einen Gehtest machen. Der Arzt kann dabei sehen, ob man Schwierigkeiten mit dem Gehen, der Koordination oder dem Gleichgewicht hat.
- Elektroneurografie (ENG): Hierbei wird die Nervenleitgeschwindigkeit gemessen, um festzustellen, ob die Nerven geschädigt sind und wie stark die Schädigung ist. Bei Patienten mit ausgeprägten Neuropathien wird gemessen, wie schnell und wie gut Nerven Reize weiterleiten. Bei Bedarf können Neurologen als ergänzende Untersuchung außerdem die Nervenleitgeschwindigkeit in Armen und Beinen messen. Fachleute bezeichnen diese Untersuchung als Elektroneurografie (ENG). Der behandelnde Arzt erhält dadurch Informationen zum Ausmaß der Schädigung sowie Informationen, welche Strukturen genau geschädigt sind. Bei der Untersuchung legt der Arzt dazu Elektroden an das betroffene Areal an. Nach einer Chemotherapie sind dies bei den meisten Patienten Hände und/oder Füße. Er reizt dann den Nerv, der wichtige Muskeln zum Beispiel in den Fingern steuert. Wenn der leichte Stromstoß erfolgt, ist das möglicherweise kurz unangenehm. Das angeschlossene Messgerät prüft die Zeit, die der Muskel zur Reaktion auf die Stimulation benötigt. Neurologen erkennen daran, ob die Reizweiterleitung an sich beeinträchtigt ist, und konkreter ob Nerven oder ihre Hüllen geschädigt sind.
- Elektromyografie (EMG): Diese Untersuchung misst die elektrische Aktivität der Muskeln und kann helfen, die Ursache der Neuropathie zu identifizieren. Noch genauer gelingt die Ursachensuche mit dieser Untersuchung: Insbesondere bei Patienten mit Muskelschwächen kann eine Elektromyografie (EMG) zum Einsatz kommen. Damit messen Neurologen die elektrische Aktivität eines Muskels und stellen fest, ob der Muskel selbst erkrankt ist, oder ob der Nerv geschädigt ist, der diesen Muskel mit Informationen versorgt. Die Elektromyografie kann mit oberflächlichen Elektroden auf der Haut, häufiger aber als Nadel-Elektromyografie durchgeführt werden. Der Arzt sticht zur Messung eine dünne nadelförmige Messelektrode in den betroffenen Muskel. Dies ist schmerzhaft, geht aber schnell. Über die Elektrode wird die Muskelaktivität abgeleitet. Bei der Untersuchung wird dies über einen Verstärker als Rauschen und Knattern hörbar. Die Ergebnisse lassen sich zudem im Computer auswerten. Diese Untersuchung ist nicht bei jedem Betroffenen möglich: Nehmen Patienten blutgerinnungshemmende Medikamente ein, oder ist ihre Blutgerinnung durch andere Ursachen beeinträchtigt, kommt eine Nadel-Elektromyographie normalerweise nicht infrage.
- Hörtest: Bei Hörproblemen kann ein Hörtest durchgeführt werden, um festzustellen, ob die Nerven, die für das Hören verantwortlich sind, geschädigt sind. Was tun, wenn man klingende Ohrgeräusche hat oder schlechter hört? Dann sollte ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt einen Hörtest durchführen. Mittels der sogenannten Tonschwellen-Audiometrie kann er die Hörschwelle eines Patienten bei jedem Ohr genau bestimmen. Hörverluste im Hochtonbereich, wie sie etwa bei Cisplatin-Gabe vorkommen, lassen sich dadurch frühzeitig erkennen.
- Blutuntersuchung: Eine Blutuntersuchung gibt Aufschluss über Mängel, die zu einer Schädigung der Nerven führen können, denn insbesondere die Vitamine B1, B6 und B12 spielen eine wichtige Rolle bei der Versorgung Ihrer Nervenzellen. Auch Vitamin C, E und Vitamin D sollten überprüft werden, sowie ein möglicher Mangel an Spurenelementen und Mineralstoffen.
Behandlung der Polyneuropathie
Hat sich der Verdacht auf eine Polyneuropathie bestätigt, rückt die Behandlung der Beschwerden in den Vordergrund. Die eigentliche Ursache der Nervenschäden lässt sich aktuell kaum therapieren - ist die aggressive Wirkung der chemischen Substanzen bei der Chemo-Therapie doch so wichtig für die Bekämpfung der Krebszellen. Daher richtet sich die Therapie der Polyneuropathie nach einer Chemo in der Regel nur gegen die Symptome, die sie hervorruft. Aktuell ist kein Medikament verfügbar, um die Nerven während der Therapie zu schützen. Momentan ist die Wissenschaft noch nicht so weit, dass Medikamente zum Schutz der Nerven entwickelt werden konnten. Es ist weitere Forschung nötig, um von den Erfahrungen aus dem Bereich der Nervenschädigungen bei Diabetes Mellitus profitieren und diese auf die Chemotherapie-bedingten Nervenschäden anwenden zu können.
Die Behandlung der Polyneuropathie zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität des Patienten zu verbessern. Die Behandlungsmöglichkeiten umfassen:
- Medikamente:
- Schmerzmittel: Bei neuropathischen Schmerzen können spezielle Schmerzmittel eingesetzt werden, wie Antidepressiva (z.B. Duloxetin, Venlafaxin, Amitriptylin), Antikonvulsiva (z.B. Gabapentin, Pregabalin) und Opioide. Übliche Schmerzmittel wie etwa Acetysalicylsäure (ASS) helfen bei neuropathischen Schmerzen nicht. Dazu zählen beispielsweise die Wirkstoffe Duloxetin, Venlafaxin und Amitryptilin. Hochwertige Studien zeigen: Diese Mittel können teilweise Schmerzen durch Nervenschäden lindern. Duloxetin ist laut einer aktuellen Leitlinie am wirksamsten. Mögliche Nebenwirkungen des Wirkstoffs sind beispielsweise Mundtrockenheit oder Magen-Darm-Beschwerden, wie Durchfall oder Erbrechen. Duloxetin ist in Deutschland gegen Schmerzen bei Nervenschädigungen durch die Zuckerkrankheit und Depressionen zugelassen. Ärzte können den Wirkstoff auch bei Krebs verordnen, die Kostenübernahme sollte aber mit der Krankenversicherung im Vorfeld abgeklärt werden. Venlafaxin kann man laut der Leitlinie ebenfalls erhalten. In Studien wurden bei diesem Medikament stärkere Nebenwirkungen beschrieben. Dazu zählen beispielsweise Übelkeit, Erbrechen und Schwäche. Venlafaxin ist in Deutschland gegen Depression zugelassen. Ärzte können den Wirkstoff auch Krebspatienten mit Nervenschmerzen verordnen, die Kostenübernahme sollte aber mit der Krankenversicherung im Vorfeld abgeklärt werden. Amitriptylin kann laut Leitlinie in Betracht gezogen werden, um Nervenschäden durch Krebsmedikamente zu behandeln. Nebenwirkungen können unter anderem Kopfschmerzen, Mundtrockenheit, Augenprobleme oder Verstopfung sein. AntikonvulsivaBei Nervenschäden durch eine Chemotherapie kann man auch Mittel erhalten, die eigentlich gegen Krampfanfälle entwickelt wurden. Sie heißen Antikonvulsiva. Dazu zählen beispielsweise Gabapentin und Pregabalin. Ihr Nutzen bei Chemotherapie-bedingten neuropathischen Schmerzen konnte in Studien nicht eindeutig belegt werden. Da es wenige Behandlungsmöglichkeiten gibt, sprechen die Experten der Leitlinie eine schwache Empfehlung für diese Mittel aus. Bei Nervenschmerzen, die eine andere Ursache als eine Chemotherapie haben, haben sich die Medikamente als wirksam erwiesen. Die Mittel können Nebenwirkungen haben, wie Benommenheit, Müdigkeit, Gelenk- und Muskelschmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden. Lamotrigin sollte bei Nervenschäden durch eine Chemotherapie nicht eingenommen werden. OpioideSchwache und starke Opioide sind bei der Behandlung neuropathischer Schmerzen wirksam und können bei Chemotherapie-bedingten Nervenschmerzen eingesetzt werden. In Studien zur Überprüfung der Wirksamkeit waren jedoch kaum Teilnehmer, die Nervenschmerzen aufgrund einer Chemotherapie hatten. Nachteile einer Therapie mit Opioiden sind die starken Nebenwirkungen.
- Pflaster und Cremes: Ergänzend stehen Substanzen in Pflastern oder Salben zur Verfügung, die örtlich wirken, zum Teil direkt an den betroffenen Schmerzfasern. Ihr schmerzlindernder Effekt ist jedoch begrenzt. In einer Leitlinie empfehlen Fachleute Betroffenen, bei denen andere Mittel nicht geholfen haben, Pflaster mit Capsaicin 8 Prozent und Lidocain 5 Prozent. Die Pflaster darf man jedoch nur bei trockener und unverletzter Haut anwenden. Bei der Anwendung von Pflastern mit Capsaicin sollte man Unterstützung von medizinischem Fachpersonal bekommen. Eine erste kleine Studie deutet außerdem auf den Nutzen einer Menthol-Creme hin.
- Bewegungstherapie: Bewegungsübungen können helfen, Beschwerden zu lindern und die Geschicklichkeit der Hände oder das Gleichgewicht beim Gehen zu fördern bzw. erhalten. Wer unter neuropathischen Beschwerden leidet, dem empfiehlt eine Leitlinie Bewegungsübungen. In der Leitlinie raten Fachleute zu sogenanntem sensomotorischem Training oder Vibrationstraining. Darunter fallen Gleichgewichts- und Koordinationsübungen: zum Beispiel der Vorfußstand oder Einbeinstand auf einem instabilem Untergrund, etwa einem Luftkissen, einem Kippelbrett oder einer Vibrationsplattform. Ziel ist es, beweglich zu bleiben und die Nervenbeschwerden zu lindern. Auch die Feinmotorik von Händen und Füßen zu trainieren, kann helfen. Das Training sollte zunächst unter Anleitung stattfinden. Man kann sich dann aber auch Übungen zeigen lassen, die man selbst machen kann. Langes und häufiges Stehen vermeiden, z.B.
- Physiotherapie: Physiotherapeutische Maßnahmen können Betroffenen dabei helfen, wieder etwas sicherer beim Gehen zu werden, ihr Gleichgewicht wiederzuerlangen und ihr Sturzrisiko zu senken. Mit seinen Physiotherapeuten kann man besprechen, welche Bewegungsübungen gut geeignet sind.
- Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, die manuelle Geschicklichkeit und die Beweglichkeit zu fördern und zu erhalten, um Aufgaben im Alltag besser bewältigen zu können. Manche Betroffenen profitieren auch von Ergotherapie. Bei der Ergotherapie kommen Hilfsmittel wie etwa Fußrollen, Bürsten oder Igelbälle zum Einsatz, oder Patienten gehen etwa durch eine mit Bohnen, Erbsen und Körnern gefüllt Wanne. Auch Schreibtraining gehört dazu. Im Rahmen der Rehabilitation erhalten Patienten zudem Hilfsmittel zum Greifen von Gegenständen. Insgesamt sollen Patienten möglichst ihre manuelle Geschicklichkeit und ihre Beweglichkeit fördern und erhalten, um Aufgaben im Alltag besser bewältigen zu können.
- Elektrotherapie: Bei einer Elektrotherapie werden die Nerven elektrisch stimuliert. Dies kann etwa in Form von Teilbädern mit Gleichstrom von Armen und Unterschenkeln erreicht werden, aber auch durch eine elektrische Stimulation der Haut.
- Akupunktur: Als experimentelles Behandlungsverfahren für neuropathische Schmerzen gilt etwa die Akupunktur. Ob Akupunktur gegen neuropathische Schmerzen wirksam ist, ist bislang nicht sicher belegt. Dazu ist weitere Forschung notwendig.
- Kryotherapie: Einige Studien belegen die Wirksamkeit von sogenannter Kryotherapie während der Chemotherapie. Das bedeutet, während der Therapie tragen die Betroffenen Kältehandschuhe und -strümpfe. Eine weitere Möglichkeit ist die mechanische Kompression mit Operationshandschuhen, die den gleichen Zweck verfolgt.
Was können Sie selbst tun?
Neben den medizinischen Behandlungen gibt es auch einige Dinge, die Sie selbst tun können, um die Symptome der Polyneuropathie zu lindern:
- Schützen Sie sich vor Verletzungen: Da die Sensibilität in Händen und Füßen beeinträchtigt sein kann, ist es wichtig, Verletzungen vorzubeugen. Tragen Sie festes Schuhwerk und Handschuhe, wenn Sie Hausarbeiten oder Gartenarbeiten erledigen. Achten Sie bei Schmerzunempfindlichkeit darauf, dass Sie kleine Wunden an Händen oder Füßen nicht bemerken. Diese können sich entzünden.
- Vermeiden Sie Kälte: Kälte kann die Symptome der Polyneuropathie verschlimmern. Tragen Sie warme Kleidung und vermeiden Sie es, sich längere Zeit in kalten Umgebungen aufzuhalten. Patient*innen, die mit Probleme mit Kältereizen haben, sollten sich nicht zu lange in kalten Räumen oder bei kaltem Wetter draußen aufhalten, ohne sich entsprechend zu schützen.
- Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung: Eine gesunde Ernährung kann dazu beitragen, die Nervenfunktion zu unterstützen. Achten Sie auf eine ausreichende Zufuhr von Vitaminen und Mineralstoffen, insbesondere Vitamin B12.
- Bewegen Sie sich regelmäßig: Regelmäßige Bewegung kann helfen, die Durchblutung zu verbessern und die Muskeln zu stärken. Üben Sie genau das, was möglicherweise durch die Neuropathie schlechter wird: Gleichgewicht und Koordination, aber auch Sensorik und Motorik. Bewegen Sie sich! Eine Verabredung mit einer Freundin oder Bekannten kann wahre Wunder wirken, weil Sie Verbindlichkeit schafft. Nicht lange nachdenken! Sie sind nur mäßig motiviert, wissen aber, dass Sie sich nach dem Sport viel besser fühlen und grübeln, ob Sie wirklich gehen sollten? Zählen Sie einen Countdown herunter, das stoppt die Gedanken.
- Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie Yoga, Tai Chi oder Meditation können helfen, Stress abzubauen und die Symptome der Polyneuropathie zu lindern. Viele Krebspatienten kennen Gefühle wie innere Unruhe, Nervosität und Angst nur zu gut. Abgeschlagenheit, körperliche Verspannungen sowie Anspannung während und nach einer Krebstherapie sind belastend. Entspannungstechniken können Krebspatienten helfen, Verspannungen und Verkrampfungen zu lösen, Ängste zu mildern und die eigenen Kräfte zu stärken.
- SENSI-Bäder: SENSI-Bäder dienen der Stimulierung Ihrer Nerven durch das Setzen verschiedener Reize. Sie können beispielweise in Schüsseln mit Linsen, Tannenzapfen, Watte, etc.
- Warme Hand7- Fußbäder mit Basensalz: 1 TL Basensalz (erhältlich in Apotheke oder Internet) auf 2 bis 3 Liter warmes Wasser geben, Fußbad 20 bis 30 Minuten, Handbad 15 Minuten.
- Zucker-Öl-Peeling: 1 TL Öl mit 1 TL Zucker mischen und damit ein bis zwei Mal/Woche Hände und/oder Füße für 5 bis 10 Minuten einreiben. Anschließend gut abspülen.
- Bei Schmerzen: Einreibung mit beispielsweise Aconit Schmerz-Öl®kann Linderung schaffen.
- Für einen guten Stand sorgen: Um sich sicher fortzubewegen, sollten Vorkehrungen wie festes Schuhwerk oder eine Gehhilfe getroffen werden.
- Ohrgeräusche minimieren: Wer bei lauten Geräuschen an Tinnitus leidet, sollte laute Umgebungen meiden.
Verlauf und Prognose
Die Dauer der Polyneuropathie hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie der Art der Chemotherapie, der Dosierung und dem allgemeinen Gesundheitszustand des Patienten. In vielen Fällen bildet sich die Polyneuropathie nach Abschluss der Chemotherapie allmählich von selbst wieder zurück. Innerhalb von bis zu zwei Jahren können sich die Nerven noch erholen. Das geschieht in vielen, aber bei weitem nicht allen Fällen. Die Beschwerden der Chemotherapie-induzierten Polyneuropathie (CIPN) können sich daher innerhalb von einigen Monaten bessern oder gar vollständig zurückbilden. Die Schädigung Ihrer Nerven kann zunehmen, solange das auslösende Medikament unverändert weiter verabreicht sind.
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In einigen Fällen kann die Polyneuropathie jedoch chronisch werden und dauerhafte Beschwerden verursachen. In schweren Fällen kann es sein, dass die Neuropathie noch mehrere Jahre nach der Therapie zu Problemen führt.
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