Das Gehör spielt eine zentrale Rolle beim Spracherwerb und der zwischenmenschlichen Kommunikation. Eine frühzeitige Erkennung und Behandlung von Hörstörungen ist daher entscheidend für die Entwicklung von Kindern. Die Hirnstamm-Audiometrie (BERA) ist eine wichtige Methode zur objektiven Beurteilung der Hörfähigkeit, insbesondere bei Neugeborenen und Kindern. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen für auffällige BERA-Befunde und ihre Bedeutung für die weitere diagnostische und therapeutische Vorgehensweise.
Bedeutung des Gehörs für die kindliche Entwicklung
Das Gehör ist essenziell für den Spracherwerb und die soziale Interaktion. Kinder, die nicht auf akustische Reize reagieren, können in ihrer Entwicklung stark beeinträchtigt sein. Früher wurden Kinder mit Hörstörungen oft stigmatisiert und erst spät mit Hörhilfen versorgt. Heute hat sich diese Einstellung grundlegend geändert. Eine frühzeitige Erkennung von Hörstörungen und eine zeitnahe Behandlung sind von großer Bedeutung. Seit 2009 haben Neugeborene in Deutschland Anspruch auf ein Hörscreening.
Neugeborenen-Hörscreening: Früherkennung von Hörstörungen
Das Neugeborenen-Hörscreening ist eine Früherkennungsuntersuchung, die in Deutschland seit 2009 für alle Neugeborenen angeboten wird. Ziel ist es, beidseitige Hörstörungen ab einem Hörverlust von 35 dB frühzeitig zu erkennen. Für den Test stehen zwei Verfahren zur Verfügung: die Messung von otoakustischen Emissionen (OAE) und die Hirnstamm-Audiometrie (BERA). Beide Verfahren sind schmerzfrei und können im Schlaf durchgeführt werden.
Verfahren des Hörscreenings
Messung otoakustischer Emissionen (OAE): Bei dieser Methode wird eine kleine Sonde in den Gehörgang eingeführt, die einen leisen Klickton abgibt. Bei normalem Hörvermögen antworten die Sinneszellen des Innenohres auf diesen Ton. Die Antwort wird von der Sonde registriert.
Automatisierte Hirnstamm-Audiometrie (AABR): Hier wird dem Ohr über eine Sonde ein Klickreiz angeboten. Über Elektroden, die am Kopf angebracht werden, kann eine Antwort aus dem Bereich des Hirnstamms abgeleitet werden.
Lesen Sie auch: Detaillierte Informationen zur Hirnstammblutung
Ein unauffälliges Ergebnis (Pass) schließt eine Hörstörung weitestgehend aus. Ein auffälliges Ergebnis (Fail/Refer) bedeutet jedoch nicht automatisch, dass eine Hörstörung vorliegt. Es sollte eine Kontrolluntersuchung erfolgen.
Die Hirnstamm-Audiometrie (BERA)
Die Hirnstammaudiometrie (BERA), auch bekannt als Brainstem Electric Response Audiometry, ist ein objektives diagnostisches Verfahren zur Beurteilung der Hörfähigkeit. Sie misst die elektrischen Signale, die bei der Verarbeitung von Hörreizen im Gehirn entstehen. Im Gegensatz zu subjektiven Hörtests ist keine aktive Mitarbeit des Patienten erforderlich. Die BERA kann daher auch bei Säuglingen, Kleinkindern und unkooperativen Patienten durchgeführt werden.
Durchführung der BERA
Bei der BERA werden Elektroden am Kopf des Patienten befestigt, um die Nervenreaktionen auf akustische Reize zu messen. Der Patient liegt entspannt und hört über einen Kopfhörer kurze, laute Klickgeräusche. Ein Computer zeichnet die elektrischen Signale auf und wertet sie aus. Die Untersuchung dauert in der Regel bis zu 60 Minuten.
Anwendungsbereiche der BERA
- Neugeborenen-Screening: Die BERA kann zur Erkennung von Hörstörungen bei Neugeborenen eingesetzt werden. Sie hat eine höhere Spezifität als die Messung otoakustischer Emissionen und ist daher als Screeningverfahren überlegen.
- Hörschwellenbestimmung: Die BERA ermöglicht eine objektive Hörschwellenbestimmung, insbesondere bei Kindern und unkooperativen Patienten.
- Diagnostik von Akustikusneurinomen: Die BERA kann zur Entdeckung von Akustikusneurinomen (Tumoren des Hörnervs) eingesetzt werden. Allerdings werden zunehmend bildgebende Verfahren wie die MRT bevorzugt.
- Abklärung retrocochleärer Erkrankungen: Die ABR (Auditory Brainstem Response), ein Teil der BERA, spielt eine wesentliche Rolle bei der Erkennung von retrocochleären Erkrankungen und Hördefiziten.
Ursachen für auffällige BERA-Befunde
Ein auffälliger BERA-Befund kann verschiedene Ursachen haben. Es ist wichtig zu beachten, dass ein auffälliger Befund nicht zwangsläufig eine Hörstörung bedeutet. Mögliche Ursachen sind:
- Schallempfindungsstörung: Eine Störung des Innenohrs, bei der die akustische Information nicht richtig verarbeitet wird.
- Schallleitungsstörung: Eine Störung im äußeren oder Mittelohr, die die Schallübertragung zum Innenohr behindert. Ursachen können beispielsweise Flüssigkeit im Mittelohr, eine Verstopfung des Gehörgangs oder eine Trommelfellperforation sein.
- Retrocochleäre Läsionen: Schädigungen des Hörnervs oder der Hörbahn im Gehirn.
- Akustikusneurinom: Ein Tumor des Hörnervs.
- Neurologische Erkrankungen: Bestimmte neurologische Erkrankungen können die Hörverarbeitung im Gehirn beeinträchtigen und zu auffälligen BERA-Befunden führen.
- Technische Faktoren: Eine fehlerhafte Durchführung der Untersuchung oder Störungen durch äußere Einflüsse können zu falschen Ergebnissen führen.
- Unreife des Hörsystems: Bei sehr jungen Säuglingen kann das Hörsystem noch nicht vollständig ausgereift sein, was zu vorübergehend auffälligen BERA-Befunden führen kann.
- Verschmutzung des Gehörganges: Käseschmiere oder andere Verunreinigungen im Gehörgang können die Schallleitung beeinträchtigen und zu einem auffälligen Ergebnis führen.
- Fruchtwasser im Mittelohr: Nach der Geburt kann sich noch Fruchtwasser im Mittelohr befinden, was die Schallleitung beeinträchtigen kann.
- Laute Hintergrundgeräusche: Starke Hintergrundgeräusche während der Untersuchung können die Messergebnisse verfälschen.
Interpretation der BERA-Ergebnisse
Die Ergebnisse der BERA werden in einem Schaubild zusammengefasst, das den Verlauf von sieben Wellen zeigt. Diese Wellen entsprechen verschiedenen Abschnitten des Hörnervs und des Gehirns. Die dargestellte Kurve zeigt die Zeit, die zwischen dem akustischen Reiz und der neurologischen Antwort verstreicht. Eine verzögerte oder fehlende neurologische Reaktion kann auf eine Erkrankung oder Funktionsstörung hinweisen. Da die Ergebnisse der BERA komplex sind, müssen sie von einem Experten interpretiert werden.
Lesen Sie auch: Ursachen und Behandlung der Hirnstamm Einklemmung
Weiterführende Diagnostik bei auffälligen BERA-Befunden
Bei einem auffälligen BERA-Befund sind weitere Untersuchungen erforderlich, um die Ursache der Hörstörung zu klären und das Ausmaß des Hörverlusts zu bestimmen. Mögliche Untersuchungen sind:
- Pädaudiologische Untersuchung: Eine umfassende Untersuchung des Hörvermögens durch einen Spezialisten für kindliche Hörstörungen.
- Tympanometrie: Eine Untersuchung der Beweglichkeit des Trommelfells, um eine Schallleitungsstörung auszuschließen.
- Otoakustische Emissionen (OAE): Eine weitere Messung der otoakustischen Emissionen, um die Funktion des Innenohrs zu überprüfen.
- Audiometrie: Eine subjektive Hörprüfung, bei der der Patient aktiv auf Töne und Sprache reagiert. Diese Untersuchung ist jedoch erst bei älteren Kindern möglich.
- Bildgebende Verfahren: In bestimmten Fällen können bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie (MRT) erforderlich sein, um beispielsweise einen Akustikusneurinom auszuschließen.
Therapie von Hörstörungen
Die Therapie von Hörstörungen richtet sich nach der Ursache und dem Ausmaß des Hörverlusts. Mögliche Behandlungen sind:
- Hörgeräteversorgung: Bei einer Schallempfindungsschwerhörigkeit kann eine Hörgeräteversorgung die Hörfähigkeit verbessern.
- Operative Therapie: Bei einer Schallleitungsstörung, beispielsweise durch Flüssigkeit im Mittelohr, kann eine Operation erforderlich sein.
- Logopädische Behandlung: Eine logopädische Behandlung kann Kindern mit Hörstörungen helfen, ihre sprachlichen Fähigkeiten zu entwickeln.
- Cochlea-Implantat: In bestimmten Fällen, insbesondere bei hochgradiger Schwerhörigkeit oder Taubheit, kann ein Cochlea-Implantat eingesetzt werden.
Frühzeitige Intervention: Wichtig für die Entwicklung
Eine frühzeitige Erkennung und Behandlung von Hörstörungen ist entscheidend für die Entwicklung von Kindern. Studien haben gezeigt, dass Kinder, bei denen eine Hörstörung frühzeitig erkannt und behandelt wird, eine bessere sprachliche Entwicklung haben als Kinder, bei denen die Hörstörung erst spät diagnostiziert wird.
Lesen Sie auch: Management von Hirnstammkavernomen
tags: #hirnstamm #audiografie #auffallig