Glioblastom: Leben mit der Diagnose – Lebenserwartung und Therapieoptionen

Das Glioblastom ist ein aggressiver Hirntumor, der das Leben von Betroffenen und ihren Angehörigen schlagartig verändern kann. Diese bösartige Form des Hirntumors, auch Astrozytom Grad IV oder Glioblastoma multiforme genannt, betrifft vor allem Menschen im mittleren und höheren Lebensalter. Obwohl ein Glioblastom derzeit nicht heilbar ist, gibt es verschiedene Therapieansätze, die dazu beitragen können, das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen, die Lebensqualität zu verbessern und die Lebenserwartung zu verlängern. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über das Glioblastom, seine Symptome, Diagnose, Behandlungsmöglichkeiten und die damit verbundene Lebenserwartung.

Was ist ein Glioblastom?

Ein Glioblastom ist eine bösartige Wucherung im Hirngewebe, die sich aus den Stützzellen des Gehirns, den sogenannten Gliazellen, entwickelt. Es ist der häufigste bösartige Hirntumor bei Erwachsenen und wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Grad IV eingestuft, was den höchsten Malignitätsgrad darstellt. Glioblastome können in allen Hirnregionen auftreten und zeichnen sich durch ein schnelles und aggressives Wachstum aus.

Synonyme und Definition

  • Glioblastoma multiforme: Dieser Begriff beschreibt das vielfältige Erscheinungsbild des Tumors mit Einblutungen und Nekrosen (Gewebsuntergang).
  • Astrozytom Grad IV: Glioblastome gehören zur Gruppe der Astrozytome, die sich von sternförmigen Gliazellen, den Astrozyten, ableiten.

Primäre und sekundäre Glioblastome

Mediziner unterscheiden zwischen primären und sekundären Glioblastomen:

  • Primäre Glioblastome: Sie entstehen meist ohne Vorläufererkrankung und betreffen vorwiegend ältere Menschen zwischen dem 50. und 75. Lebensjahr. Diese Form wird als Glioblastom, IDH-Wildtyp bezeichnet, da sie keine Mutation im Gen für die Isocitrat-Dehydrogenase (IDH) aufweist.
  • Sekundäre Glioblastome: Sie entwickeln sich aus bereits bestehenden, niedriggradigen Gliomen (Astrozytom Grad 2 oder 3). Diese Form betrifft eher jüngere Menschen und wird als Astrozytom, IDH-mutiert, Grad 4 bezeichnet.

Häufigkeit

In Deutschland erkranken jährlich etwa 4.800 Menschen an einem Glioblastom. Die Inzidenz liegt bei 5 bis 7 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner. Männer sind etwa 1,6-mal häufiger betroffen als Frauen. Glioblastome machen etwa 80 Prozent aller bösartigen Gehirntumoren aus und etwa 10 Prozent aller Hirntumoren (gutartige und bösartige).

Symptome eines Glioblastoms

Oft wächst ein Glioblastom über lange Zeit unbemerkt, bis es plötzlich Symptome verursacht, die sich innerhalb kurzer Zeit verschlimmern. Bei der Diagnosestellung hat der Tumor häufig schon einen Durchmesser von 2 cm und mehr. Die konkreten Beschwerden können vielfältig sein und hängen von der Gehirnregion ab, die der Tumor erfasst hat.

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Warnzeichen

Die folgenden Beschwerden können Warnzeichen für einen bösartigen Hirntumor sein und sollten schnellstmöglich abgeklärt werden:

  • Häufige und starke Kopfschmerzen, die vor allem nachts und morgens auftreten
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Gleichgewichtsstörungen, Schwindelgefühle
  • Benommenheit, Ohnmacht
  • Vergesslichkeit, Konzentrationsschwäche, mangelnde Aufmerksamkeit und Denkstörungen
  • Epileptische Anfälle
  • Koordinationsstörungen
  • Lähmungserscheinungen
  • Empfindungsstörungen bei Berührung, Kälte oder Hitze
  • Störungen beim Sehen, Hören, Sprechen, Schlucken
  • Veränderungen der Persönlichkeit, Aggressivität, Antriebslosigkeit, Ängstlichkeit, Desorientierung
  • Müdigkeit und allgemeine Abgeschlagenheit: Fatigue-Syndrom

Symptome im Detail

  • Kopfschmerzen: Typisch sind neu auftretende, ungewohnt starke Kopfschmerzen, die oft morgens nach dem Aufwachen oder verstärkt bei Husten, Pressen oder Lagewechsel auftreten.
  • Epileptische Anfälle: Sie können neu auftreten, wenn gesundes Hirngewebe in den Randbereichen des Hirntumors erregt wird.
  • Neurologische Ausfälle: Je nachdem, wo sich der Tumor befindet, kann es zu Lähmungen, Empfindungsstörungen, Sprachstörungen, Sehstörungen oder Koordinationsstörungen kommen.
  • Psychische Veränderungen: Veränderungen der Persönlichkeit, Reizbarkeit, Teilnahmslosigkeit, Depressionen oder Wesensveränderungen können auftreten.
  • Übelkeit und Erbrechen: Diese Symptome treten oft zusammen mit Kopfschmerzen auf, insbesondere morgens.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursachen für die Entstehung von Glioblastomen sind weitestgehend unbekannt. Es gibt jedoch einige Risikofaktoren, die das Risiko erhöhen können:

  • Alter: Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, an einem Hirntumor zu erkranken.
  • Vorherige Bestrahlung des Kopfes: Eine frühere Bestrahlung des Kopfes mit ionisierender Strahlung, z. B. durch Röntgen oder im Rahmen einer medizinischen Strahlentherapie, ist ein gesicherter Risikofaktor.
  • Genetische Veranlagung: In seltenen Fällen können bestimmte genetische Syndrome wie das Li-Fraumeni-Syndrom oder das Turcot-Syndrom die Neigung zu Hirntumoren erhöhen.
  • Radiofrequenzstrahlung: Ein möglicher Einfluss von Radiofrequenzstrahlung durch mobile Telefone und Mobilfunknetze wird immer wieder einmal diskutiert, ist aber bislang nicht eindeutig belegt.

Diagnose eines Glioblastoms

Die Diagnose eines Glioblastoms erfordert eine umfassende neurologische Untersuchung und den Einsatz bildgebender Verfahren.

Untersuchungsmethoden

  • Neurologische Untersuchung: Der Arzt überprüft Sehvermögen, Gehör, Gleichgewicht, Koordination und Reflexe des Patienten.
  • Bildgebende Verfahren:
    • Magnetresonanztomografie (MRT): Die MRT ist das wichtigste diagnostische Verfahren, um den Hirntumor nachzuweisen und seine Lage, Größe und Ausdehnung zu bestimmen. Die Magnetresonanzspektroskopie (MRS) kann zusätzlich Informationen über den Stoffwechsel im erkrankten Hirngewebe liefern.
    • Computertomografie (CT): Die CT kann als Alternative zur MRT eingesetzt werden, insbesondere wenn eine MRT nicht möglich ist.
    • Positronen-Emissions-Tomografie (PET): Die PET kann Bereiche des Gehirns mit erhöhter Stoffwechselaktivität sichtbar machen, was bei der Therapieplanung und der Identifizierung geeigneter Biopsieorte helfen kann.
  • Biopsie: Die Entnahme einer Gewebeprobe (Biopsie) ist erforderlich, um die Diagnose eines Glioblastoms endgültig zu sichern. Die Gewebeprobe wird im Labor mikroskopisch und molekularpathologisch untersucht, um die Art der Zellen, den WHO-Grad sowie wichtige genetische Marker (z. B. IDH-Status, MGMT-Promotor-Methylierung) zu bestimmen.

Bedeutung der MGMT-Promotor-Methylierung

Die MGMT-Promotor-Methylierung ist ein wichtiger prädiktiver Marker, der Hinweise auf die Wirksamkeit einer Chemotherapie mit Temozolomid geben kann. MGMT (O-6-Methylguanin-DNA-Methyltransferase) ist ein DNA-Reparaturenzym, das Schäden am Erbgut repariert. Wenn der MGMT-Promotor methyliert ist, ist die Produktion dieses Enzyms reduziert, was die Tumorzellen anfälliger für die Chemotherapie macht.

Behandlungsmöglichkeiten

Die Behandlung von Glioblastomen erfordert einen multidisziplinären Ansatz und umfasst in der Regel eine Kombination aus Operation, Strahlen- und Chemotherapie.

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Standardtherapie

Die derzeitige Standardtherapie umfasst:

  1. Operation: Das Ziel der Operation ist es, den Tumor möglichst vollständig zu entfernen, ohne das umgebende gesunde Hirngewebe zu schädigen. Eine vollständige Entfernung ist jedoch aufgrund der infiltrativen Wachstumsweise des Glioblastoms oft nicht möglich.
  2. Strahlentherapie: Nach der Operation folgt in der Regel eine Strahlentherapie, um verbliebene Tumorzellen abzutöten. Die Strahlentherapie wird in der Regel über einen Zeitraum von sechs Wochen durchgeführt, wobei die Patienten fünfmal pro Woche bestrahlt werden.
  3. Chemotherapie: Während der Strahlentherapie und anschließend als Erhaltungstherapie wird in der Regel Temozolomid eingesetzt, ein Chemotherapeutikum, das das Wachstum der Krebszellen hemmen soll. Die Radiochemotherapie nach dem Stupp-Schema umfasst Bestrahlungen über sechs Wochen, fünf Tage pro Woche, kombiniert mit täglicher Einnahme von Temozolomid. Nach einer vierwöchigen Pause folgt die Erhaltungschemotherapie über bis zu sechs Behandlungszyklen.

Weitere Therapieoptionen

  • Tumor Treating Fields (TTF): TTF sind elektrische Felder, die die Zellteilung der Tumorzellen stören sollen. Sie werden über Klebepads auf der Kopfhaut erzeugt und meist in Kombination mit Chemotherapie eingesetzt.
  • Therapie des Rezidivs: Beim Wiederauftreten des Glioblastoms können weitere Chemotherapien, eine erneute Operation oder die Teilnahme an klinischen Studien infrage kommen.
  • Palliative Therapie: Die palliative Therapie konzentriert sich auf die Linderung von Symptomen und die Verbesserung der Lebensqualität. Sie kann Schmerztherapie, die Behandlung neurologischer Ausfälle und die Unterstützung bei psychischen Problemen umfassen.

Innovative Therapieansätze und Studien

Die Forschung im Bereich der Glioblastom-Behandlung ist aktiv und es werden ständig neue Therapieansätze untersucht. Dazu gehören:

  • Zielgerichtete Therapien: Diese Therapien zielen auf spezifische molekulare Eigenschaften der Tumorzellen ab.
  • Immuntherapien: Diese Therapien sollen das Immunsystem des Körpers aktivieren, um die Tumorzellen zu bekämpfen.
  • Tumorimpfstoffe: Diese Impfstoffe sollen das Immunsystem trainieren, um Tumorzellen zu erkennen und zu zerstören.
  • Klinische Studien: Die Teilnahme an klinischen Studien kann Patienten Zugang zu neuen und vielversprechenden Therapieoptionen ermöglichen.

Lebenserwartung bei einem Glioblastom

Die Lebenserwartung bei einem Glioblastom ist stark von verschiedenen Faktoren abhängig, darunter das Alter des Patienten, der allgemeine Gesundheitszustand, die Vollständigkeit der Tumorentfernung, das Ansprechen auf die Therapie und die molekularen Eigenschaften des Tumors.

Prognose

  • Ohne Therapie beträgt die mittlere Lebenserwartung bei einem Glioblastom etwa drei Monate.
  • Mit bestmöglicher Therapie lässt sich diese Spanne im Durchschnitt aller Fälle auf bis zu zwei Jahre ausdehnen.
  • Bis zu 10 Prozent der Menschen mit Glioblastom überleben fünf Jahre und länger.

Faktoren, die die Prognose beeinflussen

  • Alter: Jüngere Patienten haben in der Regel eine bessere Prognose als ältere Patienten.
  • Allgemeinzustand: Ein guter Allgemeinzustand wirkt sich positiv auf die Lebenserwartung aus.
  • Vollständigkeit der Tumorentfernung: Je vollständiger der Tumor entfernt werden kann, desto besser ist die Prognose.
  • MGMT-Promotor-Methylierung: Patienten mit einem MGMT-Promotor-methylierten Glioblastom sprechen in der Regel besser auf die Chemotherapie mit Temozolomid an und haben eine bessere Prognose.
  • Molekulare Eigenschaften des Tumors: Bestimmte genetische Veränderungen im Tumor können die Prognose beeinflussen.

Bedeutung der Lebensqualität

Neben der Verlängerung der Lebenszeit ist auch die Lebensqualität ein wichtiger Aspekt der Behandlung. Die Therapie sollte darauf abzielen, die Symptome zu lindern, die neurologischen Funktionen zu erhalten und die psychische Gesundheit zu unterstützen.

Leben mit einem Glioblastom

Ein Glioblastom betrifft nicht nur den Körper, sondern oft auch die Seele. Veränderungen von Persönlichkeit und Stimmung sind für Betroffene und ihr Umfeld besonders belastend. Es ist wichtig zu wissen, dass solche Wesensveränderungen durch die Erkrankung bedingt sind und keine "Schuld" der betroffenen Person. Psychoonkologische Betreuung und Coaching können helfen, die seelischen Herausforderungen zu bewältigen.

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Unterstützung und Ressourcen

Es gibt zahlreiche Organisationen und Ressourcen, die Patienten und ihren Familien Unterstützung bieten können:

  • Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen kann sehr hilfreich sein.
  • Psychoonkologische Beratung: Psychoonkologen können bei der Bewältigung der emotionalen Belastung durch die Erkrankung helfen.
  • Sozialdienste: Sozialarbeiter können bei der Organisation der häuslichen Pflege, der Beantragung von finanziellen Hilfen und der Vermittlung von Hospizplätzen unterstützen.
  • Hospize: Hospize bieten eine würdevolle und palliative Betreuung für Menschen in der letzten Lebensphase.

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