Hirntumor nicht vollständig entfernt: Behandlungsoptionen und Perspektiven

Die Diagnose eines Hirntumors, insbesondere wenn er nicht vollständig entfernt werden konnte, ist für Betroffene und deren Angehörige eine immense Belastung. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Behandlung, wenn ein Hirntumor nicht vollständig reseziert werden kann, und bietet einen umfassenden Überblick über aktuelle Therapieansätze und unterstützende Maßnahmen.

Einführung in Hirntumoren

Jährlich erkranken in Deutschland etwa 8.000 Menschen neu an einem Hirntumor. Hirntumoren machen etwa zwei Prozent aller Krebserkrankungen aus. Es ist wichtig zu verstehen, dass "Hirntumor" nicht gleich "Hirntumor" ist. Es gibt viele verschiedene Tumorerkrankungen mit unterschiedlichen Ausprägungen im Inneren des Schädels. Während bösartige Tumore sich leider nicht so einfach behandeln lassen, sind gutartige Hirntumore oft gut behandelbar und zum Teil sogar heilbar.

Arten von Hirntumoren

Hirntumoren werden grundsätzlich in primäre und sekundäre Tumoren unterteilt. Primäre Tumore entwickeln sich aus Zellen der Gehirnsubstanz selbst oder aus den Hirnhäuten, während sekundäre Tumore Metastasen anderer Tumorerkrankungen im Körper darstellen. Die häufigsten primären Hirntumoren sind Gliome, die aus den Gliazellen, dem Stützgewebe des Gehirns, entstehen.

Weitere Arten von Hirntumoren sind:

  • Meningeome: Entwickeln sich aus den Hirnhäuten und sind meist gutartig.
  • Neurinome: Bilden sich aus den Schwann-Zellen der Hirn- und Rückenmarknerven, meist gutartig.
  • Hypophysenadenome: Entstehen im Bereich der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) und können sich gegen den Sehnerv sowie Anteile der Gehirnbasis ausdehnen.
  • Medulloblastome: Treten hauptsächlich bei Kindern auf und sind bösartige Tumoren des Kleinhirns.
  • Oligodendrogliome: Seltene Hirntumoren. Sie machen 1,3 Prozent der hirneigenen Tumore aus. Zu ihnen zählen gut- und bösartige Formen.

Das Glioblastom: Eine besondere Herausforderung

Das Glioblastom (früher „Glioblastoma multiforme“) ist ein bösartiger Hirntumor und gehört zur Gruppe der sogenannten Gliome. Glioblastome gehören zur höchsten WHO-Klassifikation, sie werden als Grad 4 Gliome eingestuft. Das Glioblastom ist der häufigste und bösartigste Tumor im Gehirn. Es macht 15,1 Prozent der hirneigenen Tumore aus. Trotz Operation, Strahlen- und Chemotherapie sowie nachfolgender Erhaltungschemotherapie, um möglichst alle Tumorzellen abzutöten, entstehen Glioblastome fast immer erneut. Die Behandlung des Glioblastoms erfordert einen multidisziplinären Ansatz.

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Diagnostik von Hirntumoren

Die Diagnose eines Hirntumors beginnt mit einer ausführlichen Anamnese und neurologischen Untersuchung. Bildgebende Verfahren spielen eine entscheidende Rolle, um den Tumor sichtbar zu machen und seine Eigenschaften zu beurteilen.

Bildgebende Verfahren

  • Magnetresonanztomographie (MRT): Standardverfahren zur Diagnose von Hirntumoren.
  • Computertomographie (CT): Kann den Tumor gut nachweisen, insbesondere nach Kontrastmittelgabe.
  • Positronenemissionstomographie (PET): Macht die Stoffwechselaktivität der Zellen sichtbar und kann helfen, Tumorgewebe von gesundem Gewebe zu unterscheiden.

Neuropathologie: Der Goldstandard der Diagnostik

Die pathologische Diagnosesicherung anhand von histologischen Gewebeschnitten und molekularer Diagnostik ist der Goldstandard in der Diagnostik der Hirntumoren. Die aktuelle neuropathologische Diagnostik der Hirntumoren integriert auch die molekularen Befunde der Gewebeprobe. Eine wichtige Entscheidungshilfe für den Einsatz belastender Therapien ist ein aus dem Tumorgewebe zu bestimmender molekulargenetischer Marker: Der Methylierungsstatus des MGMT-Promotors.

Therapieansätze bei nicht vollständig entferntem Hirntumor

Wenn ein Hirntumor nicht vollständig operativ entfernt werden kann, kommen verschiedene weitere Therapieansätze in Betracht, die einzeln oder in Kombination eingesetzt werden können.

Operation: Ziel ist die maximale Resektion

Der erste Schritt bei der Behandlung eines Glioblastoms ist in der Regel die operative Entfernung, die sogenannte Tumorresektion. Diese zielt auf eine möglichst vollständige Entfernung des sichtbaren Tumoranteils unter Erhalt der verschiedenen neurologischen und kognitiven Funktionen des Gehirns ab. Wenn realisierbar, wird möglichst radikal operiert, weil dies für die Prognose günstig ist. Das heißt, es wird so viel Tumorgewebe entfernt, wie möglich. Inwieweit sich eine Radikalität erreichen lässt, ist abhängig von der Art des Tumors und seiner Lage im Gehirn.

Strahlentherapie: Gezielte Zerstörung von Tumorzellen

Im Anschluss an die Resektion oder Biopsie erfolgt im Rahmen der Standardbehandlung eine simultane (gleichzeitige) Bestrahlungs- und Chemotherapie. Bei der Bestrahlung wird die Zellteilung durch hochenergetische ionisierende Strahlen, sogenannte Photonenstrahlung, behindert. Dies hemmt das weitere Wachstum der Tumorzellen und führt im besten Fall auch zum Absterben der Tumorzellen.

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Ein modernes Verfahren zur Behandlung dieser gefährlichen Gliome ist die Protonenbestrahlung, die sich im Gegensatz zur herkömmlichen Strahlentherapie mit Photonen millimetergenau auf das Tumorgewebe ausrichten lässt. Mittels sogenanntem Pencil-Beam-Scanning (PBC) ist es sogar möglich, den Tumor dreidimensional mit einem sehr dünnen Protonenstrahl wie mit einem spitzen Bleistift Punkt für Punkt und Schicht für Schicht „auszumalen“.

Chemotherapie: Systemische Behandlung

Neben der Bestrahlung gehört zur Standardbehandlung des Glioblastoms eine Chemotherapie mit dem Medikament Temozolomid. Die Chemotherapie hindert die Tumorzellen daran, sich zu vermehren. Temozolomid gehört unter den Chemotherapeutika (Zytostatika) zu den sogenannten Alkylanzien. Alkylanzien können die Erbinformation des Glioblastoms (DNA) nachhaltig schädigen und die DNA-Vervielfältigung (Replikation) behindern.

Tumor Treating Fields (TTFields): Innovative Therapie

Neben Operation sowie Strahlen- und Chemotherapie gehört die TTFields-Therapie zu den Standardbehandlungen beim Glioblastom und Astrozytom Grad 4 bei Erwachsenen. Es handelt sich bei der TTFields-Therapie um eine lokale, nicht-invasive Behandlung, die zu Hause durchgeführt wird. Die Therapie wird über vier spezielle Arrays verabreicht. TTF sind elektrische Felder, die die Zellteilung der Tumorzellen stören. Über Klebepads auf der Kopfhaut wird ein elektrisches Feld erzeugt. TTF werden meist mit Chemotherapie kombiniert und können nach der Strahlentherapie angewendet werden.

Immuntherapie: Das Immunsystem im Kampf gegen den Tumor

Immuntherapien (Antikörper etc.): Diese Behandlungsformen können im Rahmen kontrollierter Studien in neuroonkologischen Zentren eingesetzt werden, mit dem Ziel, die Prognose und damit das Überleben zu verbessern. Da dieser Hirntumor die Fähigkeit hat, sein Umgebungsmilieu sehr stark zu verändern, um sich vor dem Immunsystem zu verstecken und ihm auszuweichen, muss man ihn gewissermaßen „austricksen“ oder „demaskieren“.

Weitere Therapieansätze

  • Klinische Studien: In vielen neuroonkologischen Zentren werden klinische Studien angeboten, die Patienten frühzeitig Zugang zu innovativen Behandlungsverfahren ermöglichen.
  • Rezidivbehandlung: Bei einem erneuten Tumorwachstum (Rezidiv) gibt es kein komplett standardisiertes Vorgehen. Die Optionen hängen von der Tumorlokalisation, Größe und Ausdehnung, dem Zustand des Patienten, der Verträglichkeit bisheriger Therapien und dem grundsätzlichen Patientenwunsch ab.

Bedeutung der Nachsorge und Rehabilitation

Eine Rehabilitation kann stationär oder ambulant sinnvoll sein, insbesondere wenn es darum geht, Symptome und Funktionen wie die muskuläre Beweglichkeit oder die Sprache zu verbessern. Erfahrungsgemäß ist es jedoch bei Hirntumorpatienten besonders wichtig, die familiäre und psychische Situation zu bedenken und diejenigen, die gern in ihrer häuslichen und familiären Umgebung sein möchten, nicht um jeden Preis in eine stationäre Rehabilitation ohne ihr Umfeld zu schicken.

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Leben mit einem Glioblastom

Patienten, die an einem bösartigen Hirntumor leiden, erleben die Diagnose in der Regel als einen massiven Einschnitt in ihr Leben und als eine sehr starke Belastung. Häufig sind Verunsicherung, Angst und Ärger oder auch eine beeinträchtigte Stimmungslage die Folge. Hinzu kommen mehr oder minder stark ausgeprägte Einbußen der geistigen Funktionen, wie Konzentration und Gedächtnis. All diese Folgen führen oft zu einer Beeinträchtigung der Lebensqualität. Aber es sind nicht nur die Patienten selbst betroffen, häufig sind auch die Familienangehörigen belastet.

Psychoonkologie: Unterstützung für Patienten und Angehörige

Die Psychoonkologie bietet Unterstützung für Patienten und Angehörige, um die psychischen Belastungen der Erkrankung zu bewältigen und die Lebensqualität zu verbessern.

Palliativmedizin: Lebensqualität im Fokus

Gerade bei bösartigen Hirntumoren geht es nicht nur darum, die Überlebenszeit zu verlängern, sondern auch die Lebensqualität zu erhalten. Die Palliativmedizin konzentriert sich auf die Linderung von Symptomen und die Verbesserung der Lebensqualität von Patienten mit fortgeschrittenen Erkrankungen.

Forschung und Innovation

Die Forschung im Bereich der Hirntumoren schreitet stetig voran. Neue Therapieansätze, wie die Immuntherapie und die Protonenbestrahlung, bieten Hoffnung für die Betroffenen. Ein Meilenstein wäre sicher das gezielte Durchbrechen der Blut-Hirnschranke. Diese verhindert nämlich bisher, dass Medikamente in höherer Dosierung das Gehirn erreichen.

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