Die Auswirkungen von Hitze auf das vegetative Nervensystem: Wetterfühligkeit verstehen und bewältigen

Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass das Wetter unser körperliches Wohlbefinden beeinflusst. Wir fühlen uns bei Sonnenschein oft wacher und besser gelaunt, während wir bei Kälte frieren. Viele Menschen klagen jedoch, insbesondere bei Wetterwechseln, über körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme, Müdigkeit, Reizbarkeit oder Gelenkschmerzen. Dieses Phänomen wird als Wetterfühligkeit bezeichnet und umfasst die Gesamtheit der körperlichen und seelischen Reaktionen des menschlichen Körpers auf Wetterveränderungen.

Was ist Wetterfühligkeit?

Wetterfühligkeit ist keine Einbildung. Studien zeigen immer wieder, dass Wetterwechsel Krankheitssymptome auslösen oder verstärken können. Die Reizschwelle wetterfühliger Menschen ist so niedrig, dass sich Wetteränderungen über Störungen des vegetativen (unbewussten) Nervensystems in körperlichen Symptomen äußern.

Das vegetative Nervensystem und seine Rolle

Das vegetative Nervensystem (VNS) spielt eine zentrale Rolle bei der Anpassung des Körpers an Umweltveränderungen, einschließlich Wetterschwankungen. Es steuert unwillkürliche Körperfunktionen wie Herzschlag, Atmung, Verdauung und Körpertemperatur. Bei Klimaschwankungen reagiert das VNS und reguliert automatisch die Körpertemperatur, um eine Kerntemperatur von etwa 37 Grad Celsius aufrechtzuerhalten.

Wie das Wetter das vegetative Nervensystem beeinflusst

  • Kälteeinbruch: Bei Kälteeinbruch verengen sich Adern und Venen, wodurch der Blutdruck ansteigt. Dies kann das Risiko für Herzinfarkte, Thrombosen und Schlaganfälle erhöhen.
  • Steigende Temperaturen: Steigende Temperaturen führen hingegen zu einer Gefäßerweiterung und einem Absinken des Blutdrucks. Bei Menschen mit ohnehin niedrigem Blutdruck kann dies zu Kopfschmerzen und Schwindel führen. Viele fühlen sich schlapp und müde. Zudem können sich bei warmem oder schwülem Wetter Ödeme bilden.
  • Luftdruckschwankungen: Es wird vermutet, dass Luftdruckschwankungen die empfindlichen Rezeptoren an den Blutgefäßen (Barorezeptoren/Druckrezeptoren) reizen und so den Kreislauf durcheinanderbringen.

Symptome der Wetterfühligkeit

Die Symptome der Wetterfühligkeit sind vielfältig und können von Person zu Person unterschiedlich sein. Häufige Beschwerden sind:

  • Kopfschmerzen oder Migräne
  • Müdigkeit und Antriebslosigkeit
  • Schwindel und Benommenheit
  • Atembeschwerden
  • Gelenkschmerzen
  • Schlafstörungen
  • Konzentrations- und Gedächtnisprobleme
  • Blutdruckschwankungen
  • Reizbarkeit und Verstimmungen

Manchmal kündigen Kopfschmerzen, Blutdruckschwankungen und rheumatische Beschwerden eine Wetterveränderung an.

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Ursachen und Risikofaktoren

Die genauen Ursachen der Wetterfühligkeit sind noch nicht vollständig erforscht. Es wird jedoch angenommen, dass eine Kombination aus verschiedenen Faktoren eine Rolle spielt, darunter:

  • Individuelle Krankheitszustände: Bestehende Erkrankungen wie Asthma, Rheuma, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Verletzungen können durch Wetterveränderungen verstärkt werden.
  • Hormonelle Bedingungen: Frauen in den Wechseljahren sind häufiger von Wetterfühligkeit betroffen, da sich ihr Kreislauf schwerer an veränderte Umweltbedingungen anpassen kann.
  • Stress: Stress kann die Reizschwelle des vegetativen Nervensystems senken und die Anfälligkeit für Wetterfühligkeit erhöhen.
  • Ernährung: Eine unausgewogene Ernährung kann den Körper schwächen und die Anpassungsfähigkeit an Wetterveränderungen beeinträchtigen.
  • Umweltfaktoren: Luftverschmutzung, Lärm und andere Umweltbelastungen können die Symptome der Wetterfühligkeit verstärken.
  • Alter: Ältere Menschen sind häufiger von Wetterfühligkeit betroffen, da ihre Blutgefäße steifer werden und ihr Körper weniger gut in der Lage ist, sich an Klimaveränderungen anzupassen.
  • Moderne Lebensverhältnisse: Da wir uns häufig in klimatisierten Räumen aufhalten, muss unser Körper oft gegenregulieren. Dabei kommt es zu einer Überbeanspruchung des vegetativen Nervensystems.

Hitze als besonderer Risikofaktor

Hitze stellt eine besondere Belastung für den Körper dar und kann die Symptome der Wetterfühligkeit verstärken. Bei Hitze versucht der Körper, sich abzukühlen, indem die Blutgefäße erweitert (Vasodilatation) und durch Schwitzen Wärme abgibt. Die Folge kann jedoch Flüssigkeitsverlust (Dehydration) sein und zu einem Ungleichgewicht der Salze (Elektrolyte) und einer erhöhten Herzfrequenz (Tachykardie) führen. Diese Belastungen erhöhen das Risiko für Herzprobleme, wie Durchblutungsstörungen (Ischämie) oder das Aufreißen von Ablagerungen in den Arterien (Plaqueruptur). Außerdem begünstigt Hitze eine erhöhte Blutgerinnung, da das Blut durch Schwitzen dicker wird. Gleichzeitig können Entzündungsreaktionen verstärkt werden, was die Blutgefäße zusätzlich schädigen kann.

Hitze und Medikamente

Hitze kann die Wirkung von Medikamenten beeinflussen, indem sie deren Aufnahme, Verteilung oder Ausscheidung im Körper verändert. Dadurch steigt das Risiko für Nebenwirkungen wie die Überdosierung bei eingeschränkter Nierenfunktion, schnellerer Wirkungseintritt bei subkutanen Medikamenten wie Insulin oder verstärkte Blutdrucksenkung bei blutdrucksenkenden Medikamenten wie Betablockern.

Hitzeaktionspläne

Um die Gesundheit der Bevölkerung bei Hitzewellen zu schützen, sind Hitzeaktionspläne wichtig. Diese müssen auf Landesebene, aber auch in Kommunen und Gesundheitseinrichtungen entwickelt und umgesetzt werden. Im Sommer 2023 hat der Bundesgesundheitsminister einen nationalen Hitzeschutzplan ins Leben gerufen, der ständig weiterentwickelt und verbessert wird.

Was tun gegen Wetterfühligkeit?

Es gibt verschiedene Maßnahmen, die Sie ergreifen können, um die Symptome der Wetterfühligkeit zu lindern und Ihren Körper besser an Wetterveränderungen anzupassen:

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  • Viel Bewegung an der frischen Luft: Tägliches Spazierengehen bei jedem Wetter hilft dabei, den Organismus wieder besser auf die natürlichen Temperaturwechsel einzustellen.
  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr: Trinken Sie pro Tag mindestens 1,5 Liter Wasser. An heißen Tagen und bei körperlich anstrengenden Aktivitäten erhöhen Sie Ihre Flüssigkeitszufuhr entsprechend. Greifen Sie dafür auf Wasser, Tees oder Schorlen zurück. Lauwarmer Tee kühlt bei Hitze besser als eiskalte Getränke.
  • Regelmäßig Sport treiben: Herz-kreislauffördernde Sportarten wie Walken, Radfahren und Schwimmen stärken den Körper und unterstützen dabei, den Wetterwechsel besser zu verkraften.
  • Passende Kleidung: Kleiden Sie sich so, dass Sie sich leicht kühl fühlen, aber nicht frieren. Das trainiert die Thermoregulation des Körpers. So kann übermäßiges Schwitzen reguliert werden.
  • Tagesroutinen entwickeln: Versuchen Sie immer den gleichen Tagesablauf, bestehend aus Weckzeit, Mahlzeiten und Schlafenszeit in Ihren Alltag zu integrieren. In der Regel sind sieben Stunden Schlaf für einen gesunden Erwachsenen ausreichend und bringen genügend Erholung.
  • Angemessenes Raumklima: Wer ununterbrochen die Klimaanlage oder die Heizung in Betrieb hat, reagiert empfindlicher auf natürliche Klimareize. Das richtige Raumklima hängt vor allem von der Lufttemperatur sowie der Luftfeuchtigkeit ab.
  • Entspannungsverfahren: Entspannungsverfahren wie autogenes Training, Yoga oder Qigong können die durch den Wetterwechsel hervorgerufene Reizbarkeit, Verstimmungen, Konzentrations- und Schlafstörungen positiv beeinflussen.
  • Naturheilkundliche Behandlungen: Warme Fuß- oder Armbäder können wetterbedingte Beschwerden reduzieren. Die Beigabe von ätherischen Ölen verstärkt die Wirkung.
  • Kreislauftraining: Kreislauftraining verschiedenster Art ist zu empfehlen. Dazu gehört die regelmäßige Bewegung an der frischen Luft ebenso wie die Anwendung thermischer Reize wie etwa Wechselduschen oder auch - sofern keine Gegenanzeigen vorliegen - Saunagänge.
  • Vermeiden von Genussmitteln: Nikotin, Alkohol und Kaffee können die Symptome der Wetterfühligkeit verstärken.
  • Behandlung der Grunderkrankung: Da sich Wetterfühligkeit oft auf der Grundlage von Vorerkrankungen entwickelt oder verstärkt, ist eine gute ärztliche Betreuung dieser Grunderkrankung von Vorteil. So kann bei Bluthochdruckpatienten ein gut eingestellter Blutdruck die Wetterempfindlichkeit deutlich senken.

Die Rolle der Forschung

Die Forschung spielt eine wichtige Rolle beim besseren Verständnis der Wetterfühligkeit und ihrer Auswirkungen auf die Gesundheit. Dr. Dr. Alexandra Schneider erforscht beispielsweise die Auswirkungen von Wetter und Klimawandel auf die Gesundheit und das Zusammenspiel mit Luftverschmutzung. Ihre Erkenntnisse sind wichtig für die Entwicklung von Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung vor den negativen Auswirkungen des Klimawandels.

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