Vitamin C, auch bekannt als L-Ascorbinsäure, ist ein wasserlösliches Vitamin, das für den menschlichen Körper essentiell ist. Da der Körper es nicht selbst produzieren kann, muss es über die Nahrung aufgenommen werden. In der Onkologie wird Vitamin C seit Langem als komplementäre Therapie eingesetzt. Neue Studien untersuchen die Wirkung von hochdosiertem intravenösem Vitamin C (HDIVC) bei der Behandlung verschiedener Krebsarten, darunter Glioblastom und metastasiertes Pankreaskarzinom.
Grundlagen von Vitamin C
Bezeichnung, Herkunft und Charakterisierung
Vitamin C ist in physiologischen Konzentrationen (<100µM) vor allem als Elektronendonator wichtig und wirkt antioxidativ. Es spielt eine Rolle im Eisenstoffwechsel und ist ein wichtiger Cofaktor für Enzyme in biologischen Prozessen wie Kollagen- und Carnitin-Biosynthese sowie die Demethylierung von Proteinen, DNA und RNA. Die wissenschaftliche Bezeichnung L-Ascorbinsäure leitet sich von der Skorbut-Erkrankung ab, die durch einen Vitamin-C-Mangel entsteht. Für die kommerzielle Nutzung wird Vitamin C in erster Linie synthetisch hergestellt, die Wirkung unterscheidet sich jedoch nicht von der natürlichen Form.
Inhaltsstoffe und Qualitätsanforderungen
Vitamin-C-Produkte basieren hauptsächlich auf der Reinsubstanz L-Ascorbinsäure. Die Qualität des Rohstoffs zeichnet sich durch eine geringe Belastung mit Verunreinigungen wie (Schwer-)Metallen, Oxalsäure und anorganischen Bestandteilen aus, so dass der Gehalt zwischen 99 und 100,5 % liegt. Alternativ wird in einigen Arzneimitteln auch das Salz Natriumascorbat verwendet, das sich nach pharmazeutischen Qualitätsanforderungen idealerweise aus 99-101 % des reinen Stoffs zusammensetzt.
Art der Anwendung und Dosierung
Bei Patienten mit Krebserkrankungen wird in klinischen Studien HDIVC als Bolusinfusion 1-3 mal pro Woche in einer Dosis von 0,5-1,5 g Vitamin C pro kg Körpergewicht appliziert, oft parallel zur medikamentösen Tumortherapie. Um die Löslichkeit und Osmolarität zu gewährleisten, werden pro 1 g Vitamin C ca. 20 ml einer Trägerlösung (in der Regel Natriumchlorid 0,9 %) verwendet, so dass bei Gaben zwischen 15-140 g Vitamin C 300-1800 ml der Trägerlösung verwendet werden. Die Infusionsgeschwindigkeit beträgt zwischen 0,5-1 g/Minute, bei einer Infusion von 100 g also ca. 100-200 Minuten. Die Stabilität von Ascorbinsäurelösungen für Infusionszwecke ist zeitlich begrenzt, so dass die Gabe spätestens bis 2-4 Stunden nach Herstellung appliziert werden sollte. Präparate zur parenteralen Applikation sind in Apotheken rezeptfrei erhältlich.
Pharmakologische Wirkungen
Die Bolus-Gabe von HDIVC führt zu normalen Plasma- und Gewebsspiegeln, die erst über eine Halbwertszeit von 8-20 Tagen abgebaut werden. Da Patienten mit Krebserkrankungen häufiger als gesunde Probanden einen erniedrigten Vitamin-C-Plasmaspiegel aufweisen und die Ausprägung des Mangels sowohl mit der Schwere der Krebserkrankung korreliert als auch invers mit der Überlebensprognose, sind auch Wirkungen über die Auffüllung der Vitamin-C-Speicher denkbar. HDIVC ist ein Elektronendonator unter anderem für Sauerstoff sowie extra- und intrazelluläre katalytische Metalle wie Eisen oder Kupfer, die in ihrer reduzierten Form die Bildung von freien Sauerstoffradikalen (ROS) begünstigen. Bei der Reaktion mit Sauerstoff entsteht H2O2. Da maligne Zellen häufig sowohl einen erhöhten labilen Eisenpool haben als auch eine größere Menge Eisen speichern und es ihnen häufig an antioxidativen Enzymen wie Catalase und Gluthathion-Peroxidase mangelt, wird angenommen, dass Krebszellen selektiv geschädigt werden und die gesunden Zellen protektive Mechanismen besitzen.
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Aktuelle Studien und Ergebnisse
Glioblastom
Anfang dieses Jahres wurden Ergebnisse einer klinischen Phase-II-Studie von Forschern der University of Iowa veröffentlicht, in der es um Patienten mit Glioblastom ging. Auch in dieser Arbeit konnte eine signifikante Zunahme des Überlebens gezeigt werden, wenn der Standardversorgung mit Chemotherapie und Bestrahlung die Gabe von hochdosiertem intravenösem Vitamin C hinzugefügt wurde.
Metastasiertes Pankreaskarzinom
In einer Untersuchung erhielten 34 Patienten mit einem metastasierten Pankreaskarzinom des Stadiums 4 nach Randomisierung entweder eine Standard-Chemotherapie (Gemcitabin und nab-Paclitaxel) oder eine Chemotherapie ergänzt um Infusionen mit hochdosiertem Vitamin C. Die Ergebnisse zeigten, dass das durchschnittliche Gesamtüberleben in der Gruppe mit Chemotherapie plus Vitamin C 16 Monate betrug, verglichen mit nur acht Monaten bei den Patienten, die ausschließlich die Chemotherapie erhalten hatten. Die Patienten profitierten nicht nur von einer Verlängerung des Gesamtüberlebens, sondern fühlten sich unter der Therapie (Chemotherapie plus Vitamin C) auch besser. Sie hatten weniger Nebenwirkungen und schienen eine intensivere Therapie tolerieren zu können.
Weitere Studien
Derzeit läuft noch eine dritte Phase-II-Studie zum Nichtkleinzelligen Lungenkarzinom, deren Ergebnisse innerhalb eines Jahres erwartet werden. Alle drei Studien werden vom US-amerikanischen National Cancer Institute (NCI) unterstützt.
Antitumoröse Therapie
Die Ergebnisse aus zwei RCTs und einer Pilotstudie geben (z.T. in Subgruppenanalysen) Hinweise darauf, dass HDIVC zusätzlich zur Chemotherapie bei Patienten mit fortgeschrittenem Ovarialkarzinom, mit akuter myeloischer Leukämie höheren Alters (>60 J.), mit metastasiertem kolorektalen Karzinom höheren Alters (>55 J.) und, unabhängig vom Alter, mit RAS-Mutation eine antineoplastische Wirksamkeit haben könnte (moderate-hohe Ergebnissicherheit).
Kolorektales Karzinom
In der randomisierten, multizentrischen Phase-III-Studie (n=442) untersuchten Wang und Kollegen die Wirksamkeit von HDIVC zusätzlich zu einer Chemotherapie mit FOLFOX+/-Bevacizumab auf das PFS, gemessen am radiologischen Ansprechen (RECIST), bei Patienten mit metastasiertem Kolorektalkarzinom (mCRC). Die experimentelle Gruppe erhielt an den Tagen 1-3 der Chemotherapie zusätzlich intravenös 1,5 g/kg Körpergewicht Vitamin C. Der Zyklus wurde alle 2 Wochen wiederholt und nach maximal 12 Zyklen beendet. Im Vergleich zur Kontrollgruppe ergaben sich keine signifikanten Unterschiede bezüglich des progressionsfreien Überlebens (PFS), objektive Ansprechrate (ORR) und Gesamtüberleben (OS) lediglich ein Trend beim PFS (8,6 vs 8,3 Monate; P = 0,1). In der Subgruppe mit RAS-Mutation sowie bei älteren Patienten >55 Jahre war die PFS-Verlängerung im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant (9,2 vs. 7,8 Monate; P=0,01 bzw. 9,2 vs. 8,1; P nicht gezeigt). In der Subgruppe mit RAS-Mutation gab es zudem einen Trend zu einem verbesserten Gesamtüberleben (20,2 vs. 16,8 Monate; p = 0,2), jedoch auch hier keinen signifikanten Unterschied in der ORR (43 vs 42%, p= 0,8). Bei der Anzahl und Schwere von ärztlich eingeschätzten unerwünschten Ereignissen nach CTCAE 4.0, wie z.B. Blutbildveränderungen, Elektrolytverschiebungen, gastrointestinale Nebenwirkungen, Erhöhung von Leber- oder Nierenfunktionsparameter, gab es in der Studie keine signifikanten Unterschiede.
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Akute Myeloische Leukämie
In einer RCT untersuchten Zhao et al. bei 73 über 60-jährigen Patienten mit AML die Wirksamkeit von intravenösem Vitamin C auf die Remissionsraten und auf das Gesamtüberleben. Die Patienten erhielten in der Kontrollgruppe DCAG (Decitabin 15mg/m² Tag 1-5 und G-CSF 300µg Tag 0-9, 10mg/m² Cytarabin q12h Tag 3-9 und 8mg/m² Aclarubicin) und in der experimentellen Gruppe zusätzlich Vitamin C 50-80mg/kg Tag 0-9. Ein primärer Endpunkt war nicht formuliert. Die Autoren berichteten von einer signifikant höheren Rate an kompletten Remissionen in der experimentellen Gruppe nach der ersten Induktion sowie einen Trend höherer kompletter Remissionsraten nach der zweiten Induktion.
Supportive und palliative Therapie
Die Ergebnisse aus zwei randomisierten Interventionsstudien sind divergent. Die neueste und größte RCT gibt einen Hinweis, dass es bei Patienten mit metastasierten kolorektalen Karzinomen die Krebs-bedingten oder Therapie-assoziierten Nebenwirkungen wie z.B. Blutbildveränderungen, Elektrolytverschiebungen, gastrointestinale Nebenwirkungen, Erhöhung von Leber- oder Nierenfunktionsparameter, nicht mindern kann (hohe Ergebnissicherheit), während eine kleine Pilot-RCT einen Anhaltspunkt gibt, dass HDIVC zusätzlich zur Chemotherapie die leichtgradigen (CTCAE 1-2) oben genannten Nebenwirkungen bei Patientinnen mit Ovarialkarzinom mindern kann und keinen Einfluss auf höhergradige Nebenwirkungen (CTCAE 3+) hat (niedrige Ergebnissicherheit).
Orthomolekulare Unterstützung des Immunsystems in der Onkologie
Orthomolekulare Medizin zielt darauf ab, die Gesundheit durch optimal dosierte Nährstoffe zu erhalten und Krankheiten zu behandeln. Insbesondere in der Onkologie gewinnt dieser Ansatz als Teil der Komplementärmedizin an Bedeutung. Viele Krebspatienten wünschen sich unterstützende Maßnahmen, um ihren Körper in der belastenden Therapiezeit zu stärken. Orthomolekulare Therapie versteht sich nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zur Schulmedizin - sie soll helfen, die konventionelle Krebsbehandlung verträglicher zu machen und das Immunsystem zu unterstützen.
Zentrale Mikronährstoffe für das Immunsystem in der Krebstherapie
- Selen: Lindert Nebenwirkungen der Krebstherapie und wirkt schützend auf gesunde Zellen.
- Vitamin D: Trägt zur normalen Funktion von Immunzellen bei und reguliert entzündungshemmende sowie entzündungsfördernde Prozesse.
- Vitamin C: Unterstützt zahlreiche Immunfunktionen und schützt Gewebe vor oxidativem Stress.
- Zink: Verbessert die Wundheilung, unterstützt die Schleimhäute und steigert die Infektabwehr.
- B-Vitamine: Unverzichtbar für die Energieproduktion in den Zellen, die Nervenfunktion und die Blutbildung.
Kritische Betrachtung und Vorsichtsmaßnahmen
Obwohl die Ergebnisse einiger Studien ermutigend sind, ist es wichtig zu beachten, dass die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit von HDIVC in der Krebsbehandlung noch begrenzt ist. Es gibt derzeit keine hochwertigen klinischen Studien zu Vitamin-C-Infusionen bei Krebsbetroffenen, die ausreichend Beweiskraft haben. Die Autoren der S3-Leitlinie Komplementärmedizin sprechen daher weder eine Empfehlung für noch gegen die Anwendung von hochdosiertem Vitamin C bei Krebspatienten aus.
Für gesunde Menschen ist hochdosiertes Vitamin C intravenös in der Regel unproblematisch. Als Nebenwirkungen treten während der Infusion vor allem Durst und erhöhter Harnfluss auf. In Einzelfällen kann es zu Übelkeit/Erbrechen, Schüttelfrost und/oder Kopfschmerzen kommen. Nach der Infusion berichten manche Menschen über Benommenheit oder über Beinödeme, die einige Tage andauern können.
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Vorsicht ist geboten bei Patienten mit:
- Neigung zu Nierensteinen
- Niereninsuffizienz
- Erythrozytärem Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel
- Eisenspeichererkrankungen
Außerdem können Wechselwirkungen mit Krebstherapien und anderen Arzneimitteln nicht ausgeschlossen werden.
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