Hochzeitskorsos sind ein seit vielen Jahren bestehendes Problem, das in Baden-Württemberg immer wieder zu ausufernden Situationen führt. Nicht erst nach den jüngsten Ereignissen auf der A81 rund um den Engelbergtunnel im Oktober dieses Jahres stellt sich die Frage, was erlaubt ist und was nicht.
Die Realität: Gefährliche Eingriffe in den Straßenverkehr
Die Polizeipräsidien im Land berichteten in diesem Jahr von mindestens drei Vorfällen, bei denen auf Autobahnen oder Bundesstraßen der Verkehr durch Hochzeitsgesellschaften ausgebremst und dadurch gefährdet wurde. Eine landesweite Statistik über die Zahl der Autokorsos wird jedoch nicht geführt, wie das Innenministerium auf Anfrage mitteilte.
Der baden-württembergische Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Ralf Kusterer, bezeichnete einen Autokorso auf Autobahnen als "No-Go". Seiner Einschätzung nach handle es sich dabei um Straftaten, die konsequent geahndet werden müssten. Besonders im Fokus steht das Ausufern einer eigentlich gängigen Sitte, gemeinsam hinter dem Hochzeitsauto herzufahren. Oftmals bleibt es bei Feierlichkeiten ausländischer Mitbürger nicht beim Hupen. Kusterer fordert, entschieden auf Rituale aus anderen Ländern einzuwirken, wie den Gebrauch von Schusswaffen, das Überfahren roter Ampeln oder das Ausbremsen des Straßenverkehrs. Seine Gewerkschaft fordert seit Jahren eine klare Verbotsregelung und die Aufnahme eines gesonderten Tatbestands im Bußgeldkatalog. Die strafrechtlichen Regelungen erachtet man dagegen als ausreichend.
Ein Fall aus dem Jahr 2019 zeigt, dass ein Autokorso für einen Autofahrer im Gefängnis enden kann. Ein Mann in Nordrhein-Westfalen bremste als Teil eines türkischen Hochzeitskorsos auf der A45 bei Hagen den Verkehr massiv aus und wurde zu neun Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt. Laut baden-württembergischem Innenministerium reicht das Strafmaß bei der Behinderung des Straßenverkehrs an der Weiterfahrt von einer Geldstrafe bis hin zu drei Jahren Freiheitsstrafe.
Was ist erlaubt, was ist verboten?
Autokorsos und Hupkonzerte sind eigentlich verboten, da sie zu "unnötigem Lärm und unnützem Hin- und Herfahren" zählen, was laut Straßenverkehrsordnung nicht erlaubt ist. Dennoch drückt die Polizei zu Zeiten großer Turniere, wie der Fußball-Europameisterschaft, gerne mal ein Auge zu, solange es nicht gefährlich wird.
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Die Polizei betont jedoch, dass sie kein Verhalten toleriert, durch das andere Personen übermäßig belästigt oder gefährdet werden. Eine Checkliste für Teilnehmer eines solchen Konvois zeigt, bei welchen Verhaltensweisen gehandelt wird. Smartphones am Steuer sind genauso verboten wie Alkohol, an einer roten Ampel muss man stehen bleiben und auch das Abschnallen während der Fahrt ist verboten.
Die Schwierigkeit der Ermittlungen
Die Polizei tut sich schwer, die Täter zu schnappen. Auch mehr als eine Woche nach den Ereignissen auf der A81, bei denen es zu Schüssen im Engelbergtunnel gekommen sein soll, konnten bisher keine der Fahrzeugführer des Konvois ermittelt werden. Die Ermittlungen würden noch andauern, so das Polizeipräsidium Ludwigsburg auf Anfrage. Im Falle eines türkischen Hochzeitskonvois, der im Juni die B30 bei Ravensburg komplett blockierte, dauern die Ermittlungen ebenfalls noch an. 50 Fahrzeuge hatten die Bundesstraße für etwa 45 Minuten dicht gemacht, die Reifen ihrer Fahrzeuge durchdrehen lassen und Kreise auf der Fahrbahn markiert. Anschließend hatten die Teilnehmer des Konvois ein Wohngebiet in Weingarten zugeparkt, als die Braut zu den Feierlichkeiten am Abend abgeholt werden sollte. Lediglich ein Tatverdächtiger, ein 32-Jähriger, der sogenannte "Donuts" gedreht haben soll, habe ermittelt werden können, so die Ravensburger Polizei auf Anfrage.
Oft hat sich schon alles aufgelöst, bis die Polizei eintrifft. Selten muss man wirklich eingreifen. Aber wenn es zu Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten komme, dann könne eine Feier auch unschön enden.
Kulturelle Hintergründe und Traditionen
Dass ausufernde Feierlichkeiten im Rahmen von Hochzeiten vermehrt auf den türkischen Kulturkreis zurückzuführen sind, hatte bereits 2022 eine Antwort des baden-württembergischen Innenministeriums auf eine Anfrage ergeben. Im Zeitraum zwischen Mai und Oktober 2022 hätten demnach 46 Hochzeitskorsos, die meisten innerorts oder auf Land- sowie Kreisstraßen, einen Polizeieinsatz zur Folge gehabt. Bei mehr als der Hälfte der Fälle stellten die Beamten eine türkische Nationalität der Teilnehmer fest, bei der anderen Hälfte blieb die Nationalität unbekannt.
Allerdings gehört der Autokorso traditionell nicht zwingend zu einer türkischen Hochzeit dazu. Wenn festlich und mit teuren Autos zum Fest gefahren werde, dann diene das oft vor allem der Inszenierung für soziale Medien. Schießen und durchdrehende Reifen hätten keinen kulturellen Hintergrund.
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Experten betonen, dass Autokorsos bei Hochzeiten Teil der türkischen Identitätskultur und ein Ritual seien. In muslimischen Kreisen würden Trauer, Glück und Freude anders als in Deutschland in größerer Runde geteilt. Ausgelebt werde dies aber nicht bei allen in gleichem Maß. Bei Menschen, die eher liberal orientiert sind, die älter sind und ein wenig gediegener, kommt das eher seltener vor.
Es handelt sich wohl um Ausdrucksformen nationalen Stolzes. Da geht es wohl um männliches Machoverhalten, um Statussymbole wie schnelle und große Autos, um die Stärke einer Community - und manchmal gibt man eben auch Schüsse ab. Die Botschaft lautet wohl trotzig: Ihr schätzt unser anderes Verhalten nicht, jetzt machen wir das erst recht. Das Phänomen einer reaktiven Überidentifikation mit der eigenen Herkunft und Kultur kennen wir insbesondere in der jüngeren Generation. Es ist ein Mittel der Kommunikation gegenüber anderen. Die junge Generation klagt auf diese Weise gewissermaßen ein Recht auf Anderssein ein. Sie zeigt: Wir sind nicht wie ihr, aber ihr solltet uns gleichwohl oder gerade in unserem Anderssein ernst nehmen.
Integrationsforscher betonen jedoch, dass ein ausartender Korso, der andere gefährde, nichts mit kulturellen Traditionen zu tun habe. Das seien Straftatbestände. Da gehe es um Menschen, die übers Ziel hinausschießen, die wahrscheinlich ihre Freude nicht kontrollieren können und entsprechend aus einer Freude heraus die Sicherheit riskieren. Allerdings geht die Zahl der Korsos nach seinem Empfinden zurück, da die Hochzeiten kleiner werden und mit dem sozialen Aufstieg und der zunehmenden Anpassung die Zahl der Hochzeitsgäste abnimmt.
Was tun? Prävention und Strafverfolgung
Die Polizei setzt auf Präventionsarbeit und Gespräche mit örtlichen Moscheevereinen im Vorfeld. Im Einsatz könnten die Beamten gerade auf Autobahnen mit Dashcams arbeiten, die bei der Dokumentation der Geschehnisse unterstützen würden.
Integrationsforscher meinen, dass man zweigleisig fahren muss, um die Blockierer zu entmutigen. Einerseits müssen die Ordnungsbehörden ganz klar strafrechtlich vorgehen. Andererseits sollte innerhalb der Community die Information gestreut werden, dass so etwas auf keinen Fall geht. Also Strafen durchdrücken und Öffentlichkeit schaffen, um das einzudämmen.
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Die Rolle der sozialen Medien
Soziale Medien spielen eine nicht unerhebliche Rolle bei der Eskalation von Hochzeitskorsos. Die Leute brauchen immer mehr Aufmerksamkeit, befeuert durch die sozialen Medien, wo die vermeintlichen Mutproben und Heldentaten genüsslich verbreitet werden. Dabei ist die Hochzeit doch schon Aufmerksamkeit genug.