Anatomie und Funktion des Innenohrs: Ein umfassender Überblick

Das Innenohr, der innerste Teil des Ohres, spielt eine entscheidende Rolle für unser Gehör und unseren Gleichgewichtssinn. Es wandelt Schallwellen in elektrische Impulse um, die vom Gehirn interpretiert werden, und ermöglicht es uns, uns räumlich zu orientieren. Dieser Artikel beleuchtet die komplexe Anatomie des Innenohrs, seine Funktionsweise und mögliche Störungen.

Einführung in das Innenohr

Das Innenohr, auch Auris interna genannt, befindet sich im menschlichen Gehör und ist der innerste Teil des Ohres. Es liegt eingebettet im Felsenbein, einem Teil des Schläfenbeins. Es grenzt an die Wand der Paukenhöhle an, mit der es über das ovale und runde Fenster verbunden ist. Es besteht aus einem komplexen Hohlraumsystem, dem knöchernen Labyrinth, das das eigentliche Hörorgan (Cochlea) und das Gleichgewichtsorgan (Vestibularapparat) enthält.

Anatomie des Innenohrs

Das Innenohr besteht aus mehreren Schlüsselkomponenten:

1. Knöchernes Labyrinth

Das knöcherne Labyrinth ist ein komplexes Hohlraumsystem im Felsenbein. Es enthält eine Flüssigkeit, die Perilymphe genannt wird und in ihrer Zusammensetzung der Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit (Liquor) ähnelt.

2. Häutiges Labyrinth

Innerhalb des knöchernen Labyrinths befindet sich das häutige Labyrinth, das aus zarten Schläuchen und einer hauchdünnen Membran besteht. Es ist mit Endolymphe gefüllt, einer Flüssigkeit, die reich an Eiweiß und Kalium ist und in ihrer Zusammensetzung der Zellflüssigkeit ähnelt.

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3. Hörschnecke (Cochlea)

Die Hörschnecke, auch Cochlea genannt, ist das eigentliche Hörorgan. Sie liegt direkt hinter dem Mittelohr und ist durch das ovale und runde Fenster mit der Paukenhöhle im Mittelohr verbunden. Die Cochlea ist ein Gang, der sich zweieinhalb Mal um seine knöcherne Achse (Modiolus) windet.

  • Aufbau der Cochlea: Die Cochlea ist in drei Schläuche unterteilt: den Schneckengang (Ductus cochlearis) in der Mitte, die Paukentreppe (Scala tympani) darunter und die Vorhoftreppe (Scala vestibuli) darüber. Der Schneckengang ist mit Endolymphe gefüllt, während Paukentreppe und Vorhoftreppe Perilymphe enthalten.
  • Basilarmembran und Corti-Organ: Schneckengang und Paukentreppe sind durch die Basilarmembran voneinander getrennt. Auf der Basilarmembran befindet sich das Corti-Organ, das aus circa 25.000 Haarzellen besteht. Diese Haarzellen sind die eigentlichen Sinneszellen des Gehörs. Sie greifen mit ihren Spitzen (Stereovilli) in die Tectorialmembran.

4. Gleichgewichtsorgan (Vestibularapparat)

Der Gleichgewichtssinn wird durch den Vestibularapparat vermittelt. Dieser besteht aus zwei gefüllten Bläschen, Sacculus und Utriculus, die hinter dem ovalen Fenster liegen, sowie aus drei Bogengängen.

  • Sacculus und Utriculus: Die zwei Bläschen, Sacculus und Utriculus, messen die Beschleunigung des Körpers. An den Vorhofsäckchen befinden sich Sinneshärchen.
  • Bogengänge: Die drei Bogengänge liegen oder stehen senkrecht aufeinander im Raum. Sie werden in vorderen, hinteren und horizontalen Bogengang gegliedert. Sie bestehen aus einem ringförmigen Schlauch und einer Erweiterung, die Sinneszellen trägt. Ihre Spitzen ragen in eine gallertige Kuppel, die Cupula. Durch die Erregung in den unterschiedlichen Bogengängen kann das Gehirn die Lage des Körpers im Raum errechnen. Je nachdem, in welche Richtung sich der Kopf dreht, entsteht der Reiz in einem anderen Bogen.

5. Hörnerv (Nervus cochlearis)

Der Hörnerv, auch Nervus cochlearis genannt, ist der achte Hirnnerv (Nervus vestibulocochlearis). Er leitet die Informationen aus dem Hör- und Gleichgewichtsorgan des Innenohres in Richtung der Hörbahn und zu den Vestibulariskernen.

Funktionsweise des Innenohrs

Das Innenohr wandelt Schallwellen in Nervenimpulse um, die vom Gehirn verarbeitet werden. Der Prozess lässt sich wie folgt zusammenfassen:

  1. Schallwellen gelangen zum Ohr: Ein Ton trifft in Form einer Schallwelle auf das Ohr und wird zum Trommelfell weitergeleitet, welches so in Schwingungen versetzt wird.
  2. Übertragung der Schwingungen: Diese Schwingungen werden dann über die Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss und Steigbügel) zum ovalen Fenster und somit zum Innenohr geleitet.
  3. Auslösung von Wanderwellen: Die Schwingungen lösen Wanderwellen in der Flüssigkeit der Hörschnecke aus, die sich über die Basilarmembran zur Spitze der Hörschnecke hinbewegen.
  4. Erregung der Haarzellen: Bei jeder Frequenz gibt es in der Cochlea einen bestimmten Punkt, an dem die Wanderwelle ihren höchsten Ausschlag hat. Dann werden die äußeren Haarzellen am stärksten abgebogen, wodurch die Wanderwelle verstärkt wird und die inneren Haarzellen erregt.
  5. Umwandlung in elektrische Signale: Die Erregung der Haarzellen führt zur Freisetzung von Neurotransmittern, die den Hörnerv aktivieren.
  6. Weiterleitung zum Gehirn: Der Hörnerv leitet die elektrischen Signale an das Gehirn weiter, wo sie als Töne interpretiert werden.

Erkrankungen und Störungen des Innenohrs

Das Innenohr ist ein empfindliches Organ, das von verschiedenen Erkrankungen und Störungen betroffen sein kann. Einige der häufigsten sind:

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  • Innenohrschwerhörigkeit (Schallempfindungsschwerhörigkeit): Bei dieser Form der Schwerhörigkeit werden die Schallsignale im Innenohr verändert wahrgenommen, weil Frequenzen verloren gehen. Ursachen können unter anderem Lärmschädigung, Altersschwerhörigkeit, Hörsturz, Infektionen oder bestimmte Medikamente sein.
  • Hörsturz: Ein Hörsturz ist eine plötzlich auftretende Innenohrschwerhörigkeit, meist verursacht durch Durchblutungsstörungen.
  • Tinnitus (Ohrensausen): Tinnitus kann nach einem Hörsturz oder bei Durchblutungsstörungen und Gefäßverengungen auftreten.
  • Morbus Menière: Morbus Menière ist eine Erkrankung des Innenohres, die mit Drehschwindel, Tinnitus und Schallempfindungsschwerhörigkeit einhergeht. Es wird vermutet, dass der Erkrankung eine Zunahme der Flüssigkeit im Innenohr zugrunde liegt.
  • Schwindel: Schwindel kann durch Erkrankungen des Gleichgewichtsorgans im Innenohr entstehen.
  • Innenohrentzündung (Labyrinthitis): Die Innenohrentzündung kann verschiedene Innenohr-Regionen betreffen. Symptome sind Ohrenschmerzen, Tinnitus, Schwerhörigkeit, aber auch Übelkeit und Schwindel.
  • Lärmschädigung: Bei übermäßiger Lärmbelastung können die Haarsinneszellen im Innenohr durch die starke Schwingung einfach abknicken. Einmal geschädigte Haarzellen können sich in der Regel nicht mehr regenerieren.
  • Angeborene Fehlbildungen: Angeborene Fehlbildungen der Gehörschnecke, wie die Mondini-Dysplasie, können ebenfalls zu Hörverlust führen.
  • Tumoren: Tumoren im Innenohr-Bereich sind möglich, aber selten.
  • Altersschwerhörigkeit (Presbyakusis): Die Altersschwerhörigkeit tritt meist ab dem fünfzigsten Lebensjahr auf und ist eine Folge des natürlichen Alterungsprozesses.
  • Ausfall des Nervus vestibulocochlearis: Kommt es zu einem Ausfall des Nervus vestibulocochlearis, so zeigt sich das in Einschränkungen des Gleichgewichts und des Hörens. Die Ursachen hierfür können unterschiedlich sein, ein Beispiel ist das Akustikusneurinom, auch Vestibularisschwannom genannt.

Diagnose und Behandlung von Innenohrerkrankungen

Die Diagnose von Innenohrerkrankungen umfasst in der Regel eine umfassende Untersuchung des Ohrs, einschließlich Hörtests (Audiometrie) und Gleichgewichtstests. Bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie (MRT) können eingesetzt werden, um strukturelle Veränderungen im Innenohr zu erkennen.

Die Behandlung von Innenohrerkrankungen hängt von der jeweiligen Ursache ab. Einige Erkrankungen können medikamentös behandelt werden, während andere eine Operation erfordern. In einigen Fällen, insbesondere bei Schwerhörigkeit, können Hörgeräte oder Cochlea-Implantate eingesetzt werden, um das Hörvermögen zu verbessern.

Schutz des Innenohrs

Um das Innenohr vor Schäden zu schützen, ist es wichtig, lauten Geräuschen aus dem Weg zu gehen oder bei unvermeidlicher Lärmbelastung einen Gehörschutz zu tragen. Eine gesunde Lebensweise mit ausreichend Bewegung und einer ausgewogenen Ernährung kann ebenfalls dazu beitragen, die Gesundheit des Innenohrs zu erhalten.

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