Huther Demenz: Ein neuer Blick auf die gefürchtete Krankheit

Die Demenzforschung befindet sich möglicherweise auf einem Holzweg. Der renommierte Hirnforscher Gerald Hüther stellt die gängige Lehrmeinung in Frage, wonach Altersdemenz primär durch zerstörerische Ablagerungen im Gehirn verursacht wird. Stattdessen betont er die Bedeutung der mangelnden Erneuerung im Gehirn als entscheidenden Faktor. Hüthers Ansatz bietet einen neuen Blickwinkel auf die Prävention und möglicherweise sogar die Behandlung von Demenz.

Die Thesen von Gerald Hüther

Hüther argumentiert, dass degenerative Veränderungen im Gehirn nicht zwangsläufig zu Demenz führen müssen. Er betont die bemerkenswerte Fähigkeit des Gehirns, sich bis ins hohe Alter zu erneuern. Die Aktivierung dieser Selbstheilungskräfte erfordert jedoch eine "gute" Umgebung, die es dem Gehirn ermöglicht, sich zu regenerieren und Abbauprozesse zu kompensieren.

These 1: Selbst degenerative Veränderungen müssen nicht zur Demenz führen

Als Beweis für diese These führt Hüther die Ergebnisse einer Demenz-Langzeitstudie mit alten US-amerikanischen Nonnen an. Nach dem Tod der Nonnen zeigten die Untersuchungen bei einem Drittel der Frauen ein stark geschädigtes Gehirn mit Ablagerungen und verstopften Gefäßen. Überraschenderweise hatte jedoch kaum eine der Nonnen zu Lebzeiten Anzeichen von Demenz gezeigt. Dies deutet darauf hin, dass ihre Gehirne in der Lage waren, den Abbau zu kompensieren und sich "umzubauen".

These 2: Das Gehirn hat bis ins hohe Alter die Fähigkeit sich zu erneuern

Diese These stützt sich auf die neueren Erkenntnisse der Hirnforschung, die die Umbaubarkeit des menschlichen Gehirns bis ins hohe Alter belegen. Die sogenannte Neuroplastizität ermöglicht die Entstehung neuer Nervenzellen und die Bildung neuer Verbindungen zwischen den Hirnzellen. Diese neuen Vernetzungen können die verloren gegangenen im gealterten oder geschädigten Gehirn ersetzen.

These 3: Die Selbstheilung des Gehirns benötigt eine „gute“ Umgebung

Hüther ist davon überzeugt, dass die Regeneration des Gehirns nur dann gelingt, wenn der Mensch in einer Umgebung lebt, in der er sich wohlfühlt, versteht, was vor sich geht, geschätzt wird und mitgestalten kann. Er kritisiert, dass die heutige Gesellschaft, insbesondere älteren Menschen, oft signalisiert, dass sie nicht mehr gebraucht werden und keine Anstrengungen mehr von ihnen erwartet werden. Dies sind denkbar schlechte Voraussetzungen für die Aktivierung der Selbstheilungskräfte und des regenerativen Potenzials im Gehirn.

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Die Nonnen-Studie: Ein Paradigmenwechsel?

Die Nonnen-Studie von David Snowdon, die seit 1986 läuft, lieferte erstaunliche Ergebnisse. Bei der Untersuchung der Gehirne verstorbener Nonnen stellte sich heraus, dass der Zusammenhang zwischen dem zerstörten Gehirn und den Symptomen der Alzheimer-Erkrankung nur in einem geringen Prozentsatz der Fälle (10 %) bestand. In 40 % der Fälle gab es überhaupt keinen Zusammenhang, und im Rest nur lose oder gar keine Korrelationen.

Die Nonnen wurden aufgrund ihrer Homogenität als Gruppe ausgewählt, da sie in einem ähnlichen Umfeld lebten und arbeiteten. Sie verfügten über eine hohe Bildung, regelmäßige intellektuelle Tätigkeit und körperliche Betätigung. Bereits vor ihrem Eintritt ins Kloster hatten sie geistige Regsamkeit und Lebenstüchtigkeit bewiesen.

Hüther kritisiert die Starrheit der medizinischen Forschung, die sich auf den pathologischen Prozess in der Zelle konzentriert und den Gesamtzusammenhang ausblendet. Er bezieht die Ergebnisse der neurologischen Grundlagenforschung ein, die zeigen, dass sich das Gehirn stetig umbaut und nicht nach dem 20. Lebensjahr ausgereift ist. Nicht nur die synaptische Struktur ist änderungsfähig, sondern es entstehen sogar neue Nervenzellen, die Funktionen übernehmen und auch auf der phänomenologischen Ebene (Gedächtnis, Lernfähigkeit, Übernahme von Funktionen) neues entsteht bzw. altes an neuem Orte im Gehirn reproduziert werden kann, z.B. nach Schädel-Hirn-Traumen.

Salutogenese: Was erhält Menschen gesund?

Hüther betont die Bedeutung der Salutogenese, einer Theorie, die sich mit der Entstehung und Erhaltung von Gesundheit befasst. Im Mittelpunkt steht dabei das Kohärenzgefühl, das sich aus drei Komponenten zusammensetzt:

  • Verstehbarkeit: Die Fähigkeit, die Anforderungen aus der inneren und äußeren Erfahrungswelt als strukturiert, vorhersagbar und erklärbar zu erleben.
  • Handhabbarkeit: Das Vertrauen, dass die notwendigen Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen gerecht zu werden.
  • Sinnhaftigkeit: Die Überzeugung, dass die Anforderungen Herausforderungen sind, die Investition und Engagement verdienen.

Hüther argumentiert, dass ein starkes Kohärenzgefühl die Selbstheilungskräfte des Gehirns stärkt und vor Demenz schützen kann.

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Praktische Implikationen: Was können wir tun?

Hüther gibt konkrete Ratschläge, wie wir im Alter die Selbstheilungskräfte unseres Gehirns stärken können:

  • Gesünder leben: Bewusster und achtsamer mit sich selbst und anderen umgehen, mehr im Einklang mit der Natur leben, neugieriger auf die Umwelt sein und zuversichtlicher in die Zukunft blicken.
  • Den Körper nicht vernachlässigen: Körperliche Beschwerden und Störungen können das neuroplastische Potenzial des Gehirns unterdrücken. Es gilt, das Gefühl für den eigenen Körper wieder zu entdecken, in Bewegung zu kommen - und zwar aus eigenem Antrieb und mit Freude.
  • Sich selbst mögen: Wer sich selbst nicht mag, kann sich weder für Lebensfreude noch die Entfaltung des eigenen Potenzials begeistern. Wertschätzung von außen kann hier helfen, das Selbstwertgefühl zu stärken und die Selbstheilung im Gehirn wieder in Gang zu bringen.
  • Sich verbunden fühlen: Einsamkeit ist ein großes Problem im Alter. Es ist wichtig, private Zugehörigkeit und Verbundenheit mit anderen zu pflegen, um Unterstützung bei Problemen zu erhalten und die geistige Regeneration zu fördern.
  • Die Lust am Lernen nicht verlieren: Die lebenslange Lernfähigkeit des Menschen ist entscheidend für die Gesundheit des Gehirns. Es gilt, die Freude an neuen Erkenntnissen wieder zu entfachen.

Kritik und Einordnung

Hüthers Ansatz ist nicht unumstritten. Kritiker bemängeln, dass er die Ergebnisse der Nonnen-Studie überinterpretiert und die Bedeutung anderer Faktoren, wie genetische Veranlagung und Umweltfaktoren, vernachlässigt. Es ist wichtig zu betonen, dass eine bestehende Demenz nicht durch bloße Anwendung des salutogenetischen Prinzips umkehrbar ist.

Dennoch bietet Hüthers Ansatz wertvolle Impulse für die Demenzprävention und ein würdevolles Altern. Er betont die Bedeutung eines aktiven und sinnhaften Lebensstils, sozialer Kontakte und der lebenslangen Lernfähigkeit für die Gesundheit des Gehirns.

Demenz ist kein Schicksal

Hüthers Botschaft ist ermutigend: Demenz ist kein unabwendbares Schicksal. Durch einen bewussten und aktiven Lebensstil können wir die Selbstheilungskräfte unseres Gehirns stärken und unser Risiko, an Demenz zu erkranken, reduzieren.

Die Rolle der Gesellschaft

Hüther kritisiert die Tendenz der Gesellschaft, ältere Menschen auszugrenzen und ihnen das Gefühl zu geben, nutzlos zu sein. Er fordert ein Umdenken und plädiert für eine Gesellschaft, die ältere Menschen wertschätzt, ihnen Teilhabe ermöglicht und sie in ihren Fähigkeiten und Interessen fördert.

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Innovative Pflegeansätze

Hüther lobt innovative Pflegeansätze, die den Fokus auf die Aktivierung und Teilhabe der Patienten legen. Anstatt sie wie in einem Fabrikbetrieb zu behandeln, sollten sie in alltägliche Aufgaben einbezogen werden und die Möglichkeit haben, ihre Fähigkeiten zu nutzen und neue zu erlernen. Die Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen in die Betreuung älterer Menschen kann ebenfalls positive Effekte haben.

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