Ich höre mein Gehirn: Ursachen und Behandlung von Ohrgeräuschen und akustischen Halluzinationen

Ohrgeräusche und akustische Halluzinationen können beunruhigende Erfahrungen sein. Während ein gelegentliches Klingeln im Ohr nach einem lauten Konzert normal sein kann, deutet ein anhaltendes Rauschen, Pfeifen oder Pochen auf ein tieferliegendes Problem hin. Dieser Artikel untersucht die verschiedenen Ursachen für diese Phänomene, von relativ harmlosen bis hin zu potenziell ernsten Erkrankungen, und beleuchtet die Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten.

Was sind Ohrgeräusche (Tinnitus)?

Der Begriff "Tinnitus" stammt aus dem Lateinischen und bedeutet "Klingeln". Menschen mit Tinnitus nehmen jedoch oft eine Vielzahl von Geräuschen wahr, darunter Summen, Pfeifen, Rauschen, Brummen, Klopfen oder Klicken. Diese Geräusche können in einem oder beiden Ohren auftreten und als aus dem Kopf kommend oder von außerhalb des Körpers wahrgenommen werden. Tinnitus kann vorübergehend oder chronisch sein und in seiner Intensität variieren.

Man unterscheidet zwischen subjektivem und objektivem Tinnitus:

  • Subjektiver Tinnitus: Nur von der betroffenen Person wahrnehmbar. Mögliche Ursachen sind Störungen des Hörapparats oder der zugehörigen Nerven. Mehr als 99% der Betroffenen leiden an dieser Form.
  • Objektiver Tinnitus: Sehr selten; kann von einem Arzt mit einem Stethoskop gehört werden. Ursachen können z.B. Pulsgeräusche aus einem verengten Blutgefäß sein.

Auch wird unterschieden zwischen:

  • Primärer (idiopathischer) Tinnitus: Keine genaue Ursache feststellbar.
  • Sekundärer Tinnitus: Eindeutige Ursache, etwa ein geplatztes Trommelfell oder eine Gefäßerkrankung.
  • Akuter Tinnitus: Dauert weniger als 3 Monate an.
  • Chronischer Tinnitus: Dauert länger als 3 Monate an.

Ursachen von Ohrgeräuschen (Tinnitus)

Die Ursachen für Tinnitus sind vielfältig. Hier sind einige der häufigsten:

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  • Lärmbelastung: Häufige Exposition gegenüber lauten Geräuschen, wie z.B. bei Konzerten oder durch Maschinenlärm, kann die Sinneszellen im Innenohr schädigen und zu Tinnitus führen. Ein Knalltrauma kann ebenfalls Tinnitus auslösen.
  • Hörsturz: Ein plötzlicher, meist einseitiger Hörverlust, oft begleitet von Ohrgeräuschen, kann zu chronischem Tinnitus führen.
  • Medikamente: Einige Medikamente, insbesondere in hoher Dosierung (z.B. Acetylsalicylsäure), können Ohrgeräusche verursachen.
  • Erkrankungen des Innenohrs: Morbus Menière, ein Drehschwindel, der in Anfällen auftritt, kann ebenfalls Tinnitus verursachen.
  • Tumore: Ein Akustikusneurinom, ein gutartiger Tumor am Hörnerv, kann neben Tinnitus auch Schwindel und vermindertes Hören verursachen.
  • Probleme im Kieferbereich: Craniomandibuläre Dysfunktionen (CMD), also Schmerzen und Fehlfunktionen der Kaumuskulatur, der Kiefergelenke und der Zähne, können ebenfalls mit Tinnitus einhergehen.
  • Psychische Störungen: Depressionen, Angststörungen oder posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) können das Risiko für die Entwicklung eines Tinnitus erhöhen oder ihn verstärken.
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Bluthochdruck, Blutgefäßfehlbildungen oder -tumore, Herzklappenfehler können einen pulssynchronen Tinnitus verursachen.
  • Weitere Ursachen: Stoffwechselerkrankungen, hormonelle Störungen, Erkrankungen des zentralen Nervensystems, veränderte Druckverhältnisse im Ohr, Schilddrüsenerkrankungen, Nierenerkrankungen.

Was sind akustische Halluzinationen?

Akustische Halluzinationen sind Höreindrücke, die ohne äußere Schallquelle entstehen. Betroffene nehmen Geräusche oder Stimmen wahr, die real erscheinen, aber nur eine Einbildung sind. Sie sind die häufigste Form von Halluzinationen und können verschiedene Formen annehmen:

  • Stimmenhören: Betroffene hören Stimmen, die mit ihnen sprechen, Anweisungen geben oder Kommentare abgeben.
  • Geräuschehören: Betroffene nehmen verschiedene Klänge und Geräusche wahr, wie z.B. Musik, Töne, Rauschen oder Zischen.

Akustische Halluzinationen sind nicht auf Menschen mit psychischen Erkrankungen beschränkt. Studien zeigen, dass auch 10 bis 15 Prozent der gesunden Bevölkerung gelegentlich Halluzinationen erleben.

Ursachen für akustische Halluzinationen

Die Ursachen für akustische Halluzinationen sind vielfältig und reichen von psychischen Erkrankungen bis hin zu Substanzmissbrauch und neurologischen Störungen.

  • Psychische Erkrankungen: Schizophrenie, bipolare Störungen, schwere Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen und Borderline-Syndrom sind häufige Ursachen für akustische Halluzinationen.
  • Demenz und Alzheimer: In fortgeschrittenen Stadien dieser Erkrankungen können akustische und optische Halluzinationen auftreten.
  • Parkinson-Krankheit: Psychosen, einschließlich akustischer Halluzinationen, können die Lebensqualität von Parkinson-Patienten erheblich beeinträchtigen.
  • Alkoholmissbrauch: Chronischer Alkoholmissbrauch kann zu Alkoholhalluzinose führen, bei der überwiegend akustische Halluzinationen auftreten.
  • Drogenmissbrauch: Halluzinogene Drogen wie LSD oder Ecstasy können falsche Sinneswahrnehmungen, einschließlich akustischer Halluzinationen, hervorrufen.
  • Schlafstörungen: Schlafbezogene Halluzinationen (hypnagoge und hypnopompe Halluzinationen) können beim Ein- oder Aufwachen auftreten und auch das Gehör betreffen. Schlafmangel kann ebenfalls Halluzinationen verursachen.
  • Medikamente: Bestimmte Medikamente, insbesondere Antipsychotika, Antiepileptika und Antidepressiva, können als Nebenwirkung Halluzinationen verursachen.
  • Migräne: Migränepatienten klagen häufig über visuelle oder akustische Halluzinationen.
  • Schilddrüsenerkrankungen: Ein Myxödem, eine seltene Erkrankung mit gefährlich niedrigem Schilddrüsenhormonspiegel, kann akustische Halluzinationen verursachen.
  • Tinnitus: Obwohl Tinnitus selbst keine Halluzination ist, kann er das Risiko für akustische Halluzinationen erhöhen, insbesondere in Verbindung mit Depressionen.
  • Musikalische Halluzinationen: Das Hören von Musik, die nicht gespielt wird, kann durch Hörverlust, soziale Isolation oder bestimmte neurologische Erkrankungen verursacht werden.
  • Hörverlust: Schwerhörigkeit kann zu akustischen Halluzinationen führen, wobei die Symptome mit zunehmendem Hörverlust schlimmer werden.
  • Epilepsie: Wenn epileptische Anfälle den Teil des Gehirns beeinträchtigen, der das Gehör verarbeitet, können Geräusche oder Stimmen gehört werden.
  • Infektionen und Fieber: Bestimmte Infektionen wie Meningitis oder sehr hohes Fieber können Halluzinationen hervorrufen.

Diagnose von Ohrgeräuschen und akustischen Halluzinationen

Die Diagnose von Ohrgeräuschen und akustischen Halluzinationen umfasst in der Regel eine umfassende Anamnese, eine körperliche Untersuchung und verschiedene diagnostische Tests.

  • Anamnese: Der Arzt wird detailliert nach den Symptomen fragen, einschließlich der Art der Geräusche, des Zeitpunkts des Auftretens, der Begleitsymptome und der eingenommenen Medikamente.
  • Körperliche Untersuchung: Der Arzt wird die Ohren untersuchen und neurologische Tests durchführen, um andere mögliche Ursachen auszuschließen.
  • Hörtest: Ein Hörtest (Audiometrie) wird durchgeführt, um das Hörvermögen zu beurteilen und einen Hörverlust festzustellen.
  • Bildgebende Verfahren: In einigen Fällen können bildgebende Verfahren wie CT oder MRT erforderlich sein, um organische Ursachen wie Tumore oder Gefäßerkrankungen auszuschließen.
  • Weitere Tests: Abhängig von den vermuteten Ursachen können weitere Tests wie Blutuntersuchungen, Doppleruntersuchungen der Hirn- und Gesichtsarterien oder eine EEG-Untersuchung durchgeführt werden.

Behandlung von Ohrgeräuschen und akustischen Halluzinationen

Die Behandlung von Ohrgeräuschen und akustischen Halluzinationen richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache.

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Behandlung von Tinnitus

  • Behandlung der Grunderkrankung: Wenn der Tinnitus durch eine bestimmte Erkrankung verursacht wird, wird diese behandelt.
  • Hörgeräte: Bei Tinnitus in Verbindung mit Hörverlust können Hörgeräte helfen, die Hörfähigkeit zu verbessern und den Tinnitus zu maskieren.
  • Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): KVT kann Betroffenen helfen, besser mit dem Tinnitus umzugehen und die Lebensqualität zu verbessern.
  • Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT): TRT zielt darauf ab, die Wahrnehmung und Reaktion auf den Tinnitus zu verändern.
  • Medikamente: Es gibt keine Medikamente, die Tinnitus heilen können, aber einige Medikamente können helfen, die Symptome zu lindern.
  • Entspannungstechniken: Stress kann Tinnitus verschlimmern. Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder progressive Muskelentspannung können helfen, Stress abzubauen.

Behandlung von akustischen Halluzinationen

  • Behandlung der Grunderkrankung: Die Behandlung von akustischen Halluzinationen konzentriert sich auf die Behandlung der zugrunde liegenden Ursache, wie z.B. Schizophrenie, bipolare Störung, Alkoholmissbrauch oder neurologische Erkrankungen.
  • Antipsychotika: Bei psychischen Erkrankungen können Antipsychotika helfen, die Halluzinationen zu reduzieren oder zu beseitigen.
  • Therapie: Psychotherapie, insbesondere kognitive Verhaltenstherapie, kann Betroffenen helfen, mit den Halluzinationen umzugehen und Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
  • Anpassung der Medikation: Wenn Medikamente die Halluzinationen verursachen, kann der Arzt die Dosierung anpassen oder ein anderes Medikament verschreiben.

Pulssynchroner Tinnitus

Eine spezielle Form des Tinnitus ist der pulssynchrone Tinnitus, bei dem die Betroffenen ein Pochen oder Klopfen im Ohr wahrnehmen, das dem Herzschlag folgt. Dieses Geräusch entsteht durch Strömungsgeräusche des Blutes in der Nähe des Innenohrs.

Ursachen für pulssynchronen Tinnitus

  • Gefäßbedingte Ursachen: Veränderungen an den Blutgefäßen in der Nähe des Ohrs, wie z.B. Arteriosklerose, Gefäßverengungen oder -fehlbildungen.
  • Tumoröse Ursachen: Glomustumore, Schädelbasistumore oder Metastasen im Kopfbereich.
  • Nicht-vaskuläre und nicht-tumoröse Ursachen: Angeborene Anomalien, Schädel-Hirn-Trauma.

Diagnose und Behandlung von pulssynchronem Tinnitus

Die Diagnose umfasst in der Regel bildgebende Verfahren wie CT oder MRT, um die Ursache zu identifizieren. Die Behandlung richtet sich nach der Ursache und kann medikamentöse Therapien, endovaskuläre Behandlungen oder Operationen umfassen.

Prävention

Einige Maßnahmen können helfen, das Risiko für Ohrgeräusche und akustische Halluzinationen zu verringern:

  • Lärmschutz: Vermeiden Sie laute Umgebungen oder tragen Sie Gehörschutz.
  • Gesunder Lebensstil: Achten Sie auf eine gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf und regelmäßige Bewegung.
  • Stressmanagement: Lernen Sie, Stress abzubauen und zu bewältigen.
  • Vermeiden Sie Alkohol und Drogen: Übermäßiger Alkoholkonsum und Drogenmissbrauch können das Risiko für Halluzinationen erhöhen.
  • Regelmäßige ärztliche Untersuchungen: Gehen Sie regelmäßig zum Arzt, um Grunderkrankungen frühzeitig zu erkennen und behandeln zu lassen.

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