Impfung und Demenzrisiko: Aktuelle Studien geben Aufschluss

Die Frage, ob Impfungen das Demenzrisiko beeinflussen können, ist Gegenstand aktueller Forschung. Mehrere Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Impfungen, insbesondere gegen Gürtelrose (Herpes Zoster) und Grippe, mit einem verringerten Demenzrisiko in Verbindung stehen könnten. Neue Forschungsergebnisse liefern Einblicke in mögliche Mechanismen und die Bedeutung verschiedener Impfstoffe.

COVID-19-Impfungen: Nebenwirkungen und Antikörperspiegel

Eine Studie des Universitätsklinikums Tübingen, die "TüSeRe"-Studie, untersuchte die Nebenwirkungen von COVID-19-Impfungen sowie die Veränderungen des Antikörperspiegels. An der Studie nahmen 1.046 Mitarbeitende des Tübinger Uniklinikums, des Zentrums für Klinische Transfusionsmedizin und des NMI Reutlingen teil. Die Teilnehmer berichteten über lokale (Schwellungen, Rötungen, Schmerzen an der Injektionsstelle, Hautempfindlichkeit) und systemische Nebenwirkungen (Müdigkeit, Durchfall, Übelkeit, Muskelschmerzen, Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen, Schüttelfrost, Fieber) nach der ersten, zweiten und dritten Impfung.

Die Ergebnisse zeigten, dass nach der ersten Impfung vor allem lokale Nebenwirkungen bei den mRNA-Impfstoffen von BioNTech/Pfizer und Moderna auftraten, während systemische Nebenwirkungen bei dem Vektorimpfstoff von AstraZeneca häufiger und schwerer waren. Nach der zweiten Dosis nahm die Häufigkeit systemischer Nebenwirkungen bei AstraZeneca jedoch ab. Weitere Analysen zeigten eine Tendenz zu lokalen und systemischen Nebenwirkungen bei Studienteilnehmern unter 45 Jahren. Weibliche Teilnehmerinnen meldeten vermehrt Nebenwirkungen, und Personen mit Hauterkrankungen entwickelten häufiger lokale Nebenwirkungen. Das Vorliegen einer kardiovaskulären Erkrankung wurde mit einer höheren Frequenz an systemischen Nebenwirkungen in Verbindung gebracht.

Maskenpflicht und soziale Interaktion: Eine weitere Studie aus Tübingen

Eine weitere Studie am Universitätsklinikum Tübingen befasste sich mit den Auswirkungen des Maskentragens auf die Erkennung von Emotionen und die nonverbale Kommunikation. Die Covid-19-Pandemie hat das Tragen von Gesichtsmasken alltäglich gemacht, was zwar zu einem besseren Infektionsschutz beiträgt, aber auch die Wahrnehmung und Zuordnung von Gesichtern und Gesichtsausdrücken erschwert. Dies stellt insbesondere für Menschen mit neurologischen und psychischen Störungen eine große Herausforderung in der Kommunikation dar.

Die Studie ergab, dass Maskentragen das Erkennen von Emotionen beeinflusst, wenngleich zuverlässige Rückschlüsse auf grundlegende emotionale Ausdrücke möglich bleiben. Gesichtsmasken erschweren die Erkennung von Emotionen und die soziale Interaktion, aber Menschen können selbst mit Maske leicht zwischen echtem und vorgetäuschtem Lächeln unterscheiden. Trotzdem führen Masken zu einer Verengung der Bandbreite wahrnehmbarer emotionaler Ausdrücke und erschweren so die zutreffende Bewertung des Gegenübers. Untersuchungen mithilfe funktionaler Magnetresonanztomographie (fMRT) verdeutlichen, dass für ein effizientes Lesen verdeckter Gesichter nicht nur das soziale Gehirn an sich erforderlich ist, sondern auch weitere, groß angelegte neuronale Schaltkreise, die unter anderem die Aufmerksamkeit, die Entscheidungsfindung und das soziale Verhalten unterstützen.

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Medin und Alzheimer: Neue Erkenntnisse zu Eiweißablagerungen im Gehirn

Forschende am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) haben entdeckt, dass sich in den Blutgefäßen des Gehirns von Alzheimer-Patienten zusammen mit dem Protein Amyloid-β auch das Protein Medin ablagert. Diese Co-Aggregation könnte eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Alzheimer spielen.

Medin gehört zur Gruppe der Amyloide, zu der auch das besser bekannte Amyloid-β zählt. Während sich viele Studien mit Amyloid-β beschäftigten, stand Medin bisher nicht im Mittelpunkt des Interesses. Die Forschenden konnten zeigen, dass sich Medin und Amyloid-β gemeinsam in Blutgefäßen des Gehirns ablagern und gemischte Anhäufungen bilden. Dies eröffnet neue Perspektiven für die Entwicklung einer möglichen Behandlung. Medin könnte ein therapeutisches Ziel sein, um vaskuläre Schäden und kognitive Verschlechterungen zu verhindern, die aus Amyloid-Ansammlungen in den Blutgefäßen des Gehirns resultieren.

Gürtelrose-Impfung und Demenzrisiko: Ein "natürliches Experiment" in Wales

Eine Studie aus Wales untersuchte, ob die Impfung gegen Gürtelrose das Demenzrisiko beeinflusst. In Wales begann am 1. September 2013 ein Impfprogramm, bei dem jeder, der zu diesem Zeitpunkt 79 Jahre alt war, ein Jahr lang Anspruch auf den Impfstoff gegen Gürtelrose hatte. Personen, die 78 Jahre alt waren, hatten im nächsten Jahr Anspruch darauf usw. Diese Regel ermöglichte es, die Wirkung des Impfstoffs isoliert zu betrachten, da sich die Kohorten kurz vor und kurz nach der Anspruchsgrenze lediglich um eine Woche im Alter unterschieden und daher in allen Gesundheits- und Verhaltenscharakteristiken vergleichbar waren.

Die Analyse der Gesundheitsdaten von mehr als 280.000 älteren Erwachsenen aus Wales ergab, dass der Impfstoff das Auftreten der Gürtelrose bei den Geimpften über einen Zeitraum von sieben Jahren um etwa 37 % senken konnte. Im selben Zeitraum wurde bei mehr als einem von sechs älteren Erwachsenen, die nicht geimpft wurden, eine Demenz diagnostiziert, während nur etwa einer von acht älteren Erwachsenen, die aufgrund ihrer Berechtigung die Gürtelroseimpfung erhielten, die Krankheit entwickelte. Ein wichtiges Ergebnis der Studie war, dass der Schutz vor Demenz durch die Impfung bei Frauen viel stärker zu sein scheint als bei Männern.

Weitere Studien bestätigen den Zusammenhang

Die Ergebnisse aus Wales wurden durch weitere Studien aus Australien und den USA bestätigt. Eine australische Studie mit ähnlichem Design zeigte, dass die Gürtelrose-Impfung auch dort das Demenzrisiko senkte. In den USA wurde das Demenzrisiko nach Lebend- vs. Totimpfung über sechs Jahre untersucht. Der rekombinante Totimpfstoff senkte das Demenz-Risiko gegenüber der Lebendimpfung signifikant um 17 %, was durchschnittlich 164 zusätzlichen Tagen ohne Demenz entsprach. Auch hier war der protektive Effekt bei Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern.

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Mögliche Mechanismen und offene Fragen

Obwohl die Studien einen Zusammenhang zwischen der Gürtelrose-Impfung und einem verringerten Demenzrisiko nahelegen, sind die zugrunde liegenden Mechanismen noch nicht vollständig geklärt. Es könnte sein, dass die Impfung das Immunsystem insgesamt ankurbelt, dass sie speziell verhindert, dass das schlummernde Varizella Zoster Virus reaktiviert wird, oder dass sie über einen ganz anderen Mechanismus funktioniert. Unbekannt ist auch, ob eine neuere Version des Impfstoffs, die nur bestimmte Proteine des Virus enthält und wirksamer vor Gürtelrose schützt, einen ähnlichen oder möglicherweise sogar größeren Schutz vor Demenz bietet.

RSV-Impfung und Demenzrisiko: Das Adjuvans AS01 im Fokus

Eine große Kohortenstudie der Universität Oxford untersuchte das Demenz-senkende Potenzial von Shingrix (Gürtelrose-Impfstoff) und Arexvy (RSV-Impfstoff). Beide Impfstoffe enthalten das Adjuvans AS01. Die Forschenden verglichen die Impfstoffe sowohl gegeneinander als auch gegen einen Grippeimpfstoff und analysierten das Risiko einer Demenz-Diagnose innerhalb von 18 Monaten nach Impfung.

Die Ergebnisse zeigten, dass Menschen, die gegen RSV oder Gürtelrose geimpft wurden, ein signifikant geringeres Demenzrisiko hatten als lediglich gegen Grippe Geimpfte. Interessanterweise gab es keinen statistisch signifikanten Unterschied im Demenzrisiko zwischen denjenigen, die einen der beiden AS01-Impfstoffe erhalten hatten, und denjenigen, die beide Vakzinen erhalten hatten. Dies deutet darauf hin, dass das Adjuvans AS01 eine wichtige Rolle bei der Demenz-protektiven Wirkung spielen könnte.

Grippeimpfung und Demenzrisiko: Ergebnisse für Hochrisikogruppen

Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse von Kohortenstudien untersuchte den Zusammenhang zwischen Grippeimpfung und Demenzrisiko. Die Ergebnisse zeigten, dass eine Grippeimpfung bei Hochrisikogruppen, etwa Menschen mit chronischer Nierenerkrankung, chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) oder Gefäßerkrankungen, mit einem reduzierten Risiko für Demenz verbunden war. In der Gesamtbevölkerung wurde dieser Zusammenhang nicht bestätigt. Für Hochrisikogruppen konnte ein dosisabhängiger Effekt detektiert werden.

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