Fazialisparese und COVID-19-Impfung: Eine Risikoanalyse

Die Frage, ob COVID-19-Impfungen das Risiko einer Fazialisparese (Gesichtslähmung) erhöhen, ist Gegenstand aktueller Forschung und Diskussion. Eine Fazialisparese ist eine neurologische Komplikation, die oft mit Virusinfektionen in Verbindung gebracht wird. Dieser Artikel beleuchtet das potenzielle Risiko einer Fazialisparese im Zusammenhang mit COVID-19-Impfungen und vergleicht es mit dem Risiko nach einer SARS-CoV-2-Infektion.

Hintergrundinformationen zur Fazialisparese

Eine periphere Lähmung des Nervus facialis (VII. Hirnnerv) ist häufig idiopathisch, was bedeutet, dass die Ursache unklar ist. Zu den bekannten Ursachen gehören Infektionen, Entzündungsprozesse, autoimmune Reaktionen oder Traumata. Selten kann eine Gesichtslähmung auch als Folge von Impfungen auftreten. Fazialisparesen sind häufig mit Viruserkrankungen wie Gürtelrose, Herpes simplex oder Grippeviren assoziiert.

Studien zur Inzidenz von Fazialisparesen nach COVID-19-Impfung

Mehrere Studien haben die Inzidenz von Fazialisparesen nach COVID-19-Impfungen untersucht. Eine US-amerikanisch-iranische Metaanalyse, veröffentlicht im "JAMA Otolaryngology - Head and Neck Surgery", analysierte 50 Studien, darunter Fallberichte, Kohortenstudien und randomisierte, kontrollierte Studien (RCTs). Studien, die Fazialisparesen mit bekannten Ursachen beinhalteten, wurden ausgeschlossen.

Ergebnisse der Metaanalyse

Die Analyse von vier randomisierten klinischen Phase-III-Studien ergab eine um 200 % erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine Fazialisparese bei den Impfstoffempfängern im Vergleich zu den Placebogruppen. Die Unterschiede waren statistisch signifikant. Bei der Bewertung von mRNA-Impfstoffen (Pfizer/BioNTech und Moderna) zeigte sich ein signifikant höheres Risiko für eine Fazialislähmung als bei Placebo. Für Vektorimpfstoffe (Janssen und Oxford/AstraZeneca) wurde keine statistische Signifikanz nachgewiesen. Eine Subanalyse der mRNA-Impfstoffe ergab jedoch keinen signifikanten Anstieg von Fazialisparesen im Vergleich zu ungeimpften Menschen.

Vergleich mit SARS-CoV-2-Infektion

Die Metaanalyse bewertete auch die Rate an Fazialisparesen bei SARS-CoV-2-Geimpften und -Infizierten. Das relative Risiko, nach einer Coronavirusinfektion an einer Fazialisparese zu erkranken, war 3,23-fach höher als nach Erhalt der Impfung. Die Studienautoren schlussfolgerten, dass eine Impfung gegen SARS-CoV-2 die Wahrscheinlichkeit einer Fazialisparese im Vergleich zu einer SARS-CoV-2-Infektion deutlich verringern kann.

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Inzidenz in der Allgemeinbevölkerung

Die Inzidenz einer Fazialislähmung bei Geimpften ist mit etwa 18 pro 100.000 Personen pro Jahr ähnlich hoch wie in der Allgemeinbevölkerung, wo die Inzidenz bei etwa 15-30 pro 100.000 Personen pro Jahr liegt. Es wird jedoch angenommen, dass die Fazialisparese in den RCTs eine Folge der SARS-CoV-2-Impfstoff-Exposition sein könnte.

Weitere Studienergebnisse und Fallberichte

  • BioNTech/Pfizer-Impfstoff: In einer Phase-III-Studie mit dem BioNTech/Pfizer-Impfstoff wurden vier Fälle einer Fazialisparese in der Gruppe der Geimpften beobachtet (kein Fall in der Placebogruppe).
  • Moderna-Impfstoff: In einer Zwischenauswertung einer Studie zum Moderna-Impfstoff wurden drei Fälle in der Impfgruppe und einer in der Placebogruppe dokumentiert.
  • Israelische Fallserie: Eine aktuelle Fallserie aus Israel beschrieb neun Betroffene, bei denen die Fazialisparese nach der Impfung mit dem BioNTech/Pfizer-Vakzin auftrat. Nur drei von ihnen hatten keine Vorerkrankungen, vier litten an Bluthochdruck.
  • Hongkonger Studie: Eine Pharmakovigilanzstudie aus Hongkong konnte eine Häufung von Fazialisparesen für den mRNA-Impfstoff BNT162b2 von BioNTech/Pfizer nicht bestätigen. Für den chinesischen Impfstoff CoronaVac, der aus inaktivierten Viren besteht, wurde dagegen ein Sicherheitssignal gefunden.

Mögliche Ursachen und Risikofaktoren

Idiopathische Fazialisparesen sind häufig mit Viruserkrankungen assoziiert. Grippale Infekte, die in vielen Fällen durch Rhinoviren ausgelöst werden, treten verstärkt im Frühling und Herbst auf. Weitere Ursachen können jedoch auch andere Viren, Bluthochdruck oder Diabetes mellitus sein. Menschen, die zuvor schon einmal eine Gesichtslähmung erlitten haben, sind grundsätzlich gefährdeter.

Expertenmeinungen

Professor Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), erklärt, dass die allgemeine Häufigkeit von idiopathischen Fazialisparesen mit 7 bis 40 Fällen pro Jahr auf 100.000 Einwohner angegeben wird. Die insgesamt acht Fälle, die in den beiden Studien mit 68.000 Teilnehmern beobachtet wurden, seien kein alarmierendes Signal, zumal Fazialisparesen ohnehin gerade Saison haben. Er betont, dass auch die Infektion mit SARS-CoV-2 Fazialisparesen auslösen kann, und zwar wahrscheinlich deutlich häufiger als die Impfung gegen das Virus.

Fazit

Nach einer COVID-19-Impfung ist das Risiko, an einer idiopathischen Fazialisparese zu erkranken, signifikant höher als nach einer Impfung mit Placebo. Die Erkrankungsrate liegt aber immer noch unter der von Personen, die an einer SARS-CoV-2-Infektion erkrankt waren.

Einschränkungen der Studien

Es ist wichtig zu beachten, dass viele Studien, die in diese Analyse einflossen, bereits veröffentlichte Studien waren, bei denen patientenindividuelle Daten nicht verfügbar waren. Diese Einschränkung erschwerte die Durchführung von Subgruppenanalysen auf der Grundlage von Parametern wie Alter, Geschlecht, Impfstoffdosis oder Zeitspanne zwischen Impfung und Ereignis.

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Implikationen für die Impfskepsis

Im Hinblick auf Fazialisparesen rechtfertigt die Datenlage keine Impfskepsis. Ein direkter kausaler Zusammenhang zwischen der Impfung und dem Auftreten von Gesichtslähmungen erscheint derzeit eher unwahrscheinlich. Bei der Nutzen-Risiko-Abwägung sollte berücksichtigt werden, dass auch die Infektion mit SARS-CoV-2 Fazialisparesen auslösen kann, und zwar wahrscheinlich deutlich häufiger als die Impfung gegen das Virus.

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