Impfung, neurologische Schäden und Risiken: Eine umfassende Betrachtung

Die Impfung gegen SARS-CoV-2 hat sich als ein entscheidender Pfeiler im Kampf gegen die COVID-19-Pandemie erwiesen. Doch wie bei allen medizinischen Interventionen sind auch mit Impfungen potenzielle Risiken verbunden, insbesondere in Bezug auf neurologische Schäden. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Erkenntnisse zu diesem Thema, stützt sich dabei auf wissenschaftliche Studien und Expertenmeinungen, um ein umfassendes Bild zu vermitteln.

Zerebrovaskuläre Ereignisse nach Impfung: Eine Studie aus Deutschland

Eine in Deutschland durchgeführte Studie unter der Leitung der Klinik für Neurologie an der Uniklinik RWTH Aachen hat das Auftreten von zerebrovaskulären Ereignissen, insbesondere Sinus- und Hirnvenenthrombosen (CVT), nach der Impfung gegen SARS-CoV-2 untersucht. Die Ergebnisse, die als Preprint veröffentlicht wurden, zeigten, dass nicht nur jüngere Frauen ein höheres Risiko für CVT nach der Impfung mit dem Vakzin ChAdOx1 (AstraZeneca) hatten, sondern auch ältere Frauen.

Die DGN-Studie „Cerebral venous thrombosis associated with vaccination against COVID-19“ zeigte, dass es nach der Impfung mit dem SARS-CoV-2-AstraZeneca-Impfstoff zu signifikant mehr zerebralen Sinus- und Hirnvenenthrombosen (CVT) kam als nach der Impfung mit den mRNA-Impfstoffen. Die Rate der aufgetretenen CVT-Ereignisse war nach einer Erstimpfung mit ChAdOx1 um mehr als neunmal höher als nach der Impfung mit den mRNA-Impfstoffen.

Für die Studie wurden alle neurologischen Kliniken in Deutschland von der DGN unter der Projektleitung von Univ.-Prof. Dr. med. Jörg B. Schulz, Direktor der Klinik für Neurologie an der Uniklinik RWTH Aachen, angeschrieben. Sie wurden gebeten, alle Fälle von zerebralen Sinus- und Hirnvenenthrombosen sowie ischämischen und hämorrhagischen Schlaganfällen, die innerhalb eines Monats nach einer SARS-CoV-2-Impfung aufgetreten waren, zu melden.

Insgesamt gingen im Rahmen der Abfrage 87 Meldungen ein, von denen 62 durch das Expertenteam bestätigt wurden. In 95,2 Prozent der Fälle waren die unerwünschten Ereignisse nach der ersten Gabe des Impfstoffs aufgetreten: Bei 45 Fällen handelte es sich um zerebrale Venenthrombosen, bei neun um ischämische Schlaganfälle, bei vier um Hirnblutungen und bei weiteren vier um andere thrombotische Ereignisse. 53 der insgesamt 62 bestätigten Fälle (85,5 Prozent) waren nach der Impfung mit dem AstraZeneca-Impfstoff ChAdOx1 aufgetreten, neun Fälle (14,5 Prozent) nach der Impfung mit dem BioNTech-Vakzin BNT162b2. Es wurden keine Ereignisse nach der Gabe des Impfstoffs mRNA-1273 von Moderna beobachtet. Letzteres lässt sich durch die verhältnismäßig geringere Verimpfungsrate des Vakzins in Deutschland erklären.

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37 von 45 Fällen einer Hirnvenenthrombose waren nach der Impfung mit ChAdOx1 gemeldet worden, acht Fälle nach BNT62b2. Von den neun nach der Impfung gemeldeten ischämischen Schlaganfällen waren acht nach der Vakzinierung mit AstraZeneca und ein Fall nach der Gabe des BioNTech-Impfstoffs aufgetreten. Gut Dreiviertel aller thrombotischer zerebralen Ereignisse (75,8 Prozent) waren bei Frauen aufgetreten. Von den 45 Menschen, die nach der Impfung eine Hirnvenenthrombose hatten, waren 35 (77,8 Prozent) weiblich.

Das Team von Univ.-Prof. Dr. Dr. Tobias Kurth, Direktor des Instituts für Public Health an der Charité - Universitätsmedizin Berlin, hat die statistische Auswertung der Daten vorgenommen. Die aufgetretenen Fälle in den verschiedenen Gruppen wurden zur Gesamtzahl der in der jeweiligen Alters-, Geschlechts- und Vakzingruppe verabreichten Gaben des jeweiligen Impfstoffs in Beziehung gesetzt. Bei Frauen unter 60 Jahren, die eine Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin erhalten hatten, betrug die Ereignisrate für CVT innerhalb eines Monats nach der Erstimpfung 24,2/100.000 Personenjahre, bei gleichaltrigen Männern 8,9/100.000, lag damit also deutlich niedriger. Bei unter 60-Jährigen, die den BioNTech-Impfstoff erhalten hatten, betrug die Ereignisrate 3,6/100.000 Personenjahre bei Frauen und 3,5/100.000 bei Männern.

Die Inzidenzrate der Hirnvenenthrombosen bei Frauen unter 60 nach der Gabe des AstraZeneca-Impfstoffs betrug 24,2/100.000 Personenjahre, die von Frauen über 60 nach der Gabe des gleichen Impfstoffs 20,5/100.000 Personenjahre. Die Daten zeigen also: Auch ältere Frauen haben ein erhöhtes Risiko, Hirnvenenthrombosen nach der Gabe des AstraZeneca-Vakzins zu erleiden.

Vakzine-induzierte immunogene thrombotische Thrombozytopenie (VITT)

Nach der Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin ChAdOx1 kann es in sehr seltenen Fällen zu einer Vakzine-induzierten immunogenen thrombotischen Thrombozytopenie (VITT) kommen. Der Pathomechanismus dieser seltenen Impf-Nebenwirkung ähnelt der Heparin-induzierten Thrombozytopenie (HIT) Typ II, bei der es zur Antikörperbildung gegen den Komplex aus Plättchenfaktor 4 (PF4) und Heparin kommt. Erstmals beschrieben wurde die VITT in einer Arbeit des Instituts für Immunologie und Transfusionsmedizin der Universität Greifswald.

Auf die Frage, warum die VITT nicht nach der Impfung mit mRNA-Impfstoffen auftritt, antwortet Prof. Dr. med. Peter Berlit, Generalsekretär der DGN: „Wir vermuten, dass die Antikörper gegen PF4 nicht mit dem Spike-Protein von SARS-CoV-2 kreuzreagieren, sondern die Impfkomplikation mit dem adenoviralen Vektor in Zusammenhang steht. Das muss weiter untersucht werden.“ In der vorliegenden Studie konnten 57,8 Prozent der gemeldeten Fälle von Hirnvenenthrombosen mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit durch die Kliniker auf eine solche VITT zurückgeführt werden.

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Nutzen-Risiko-Abwägung und Empfehlungen

Es wird betont, dass der AstraZeneca-Impfstoff mit einem sehr geringen Risiko für zerebrale Sinus- und Venenthrombosen bei Männern einhergeht. Bei Frauen aller Altersklassen traten zwar mehr Fälle thrombotischer Ereignisse auf, die Rate war aber in Anbetracht der vielen Millionen verimpften Dosen insgesamt immer noch sehr gering. Bei der Abwägung muss auch berücksichtigt werden, dass das Risiko einer Sinusvenenthrombose bei einer COVID-19-Infektion um den Faktor 10 erhöht ist, die Erkrankung führt verhältnismäßig häufig zu thrombotischen Ereignissen mit Todesfolge, die Impfung nur extrem selten.

Höchste Priorität, gerade auch vor dem Hintergrund neu aufkommender Mutationen, ist, die Bevölkerung so schnell wie möglich durchzuimpfen. Global gesehen überwiegt der Nutzen der in Deutschland zugelassenen Impfstoffe die sehr geringen Risiken um ein Vielfaches. Doch das Sicherheitssignal, dass nicht nur jüngere, sondern auch ältere Frauen ein erhöhtes Risiko für thrombotische Ereignisse nach der Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin haben, ist neu und muss transparent kommuniziert werden. Es wird betont, dass damit nicht die Impfung in Frage gestellt wird, auch nicht das AstraZeneca-Vakzin, aber dass alle Personen, vor allem Frauen vor der Impfung über dieses Risiko aufgeklärt werden müssen, gerade auch im Hinblick darauf, auf welche Symptome sie im Nachgang zu achten haben. Das sehr geringe Risiko für Hirnvenenthrombosen ließe sich weiter minimieren, wenn Frauen grundsätzlich bevorzugt mit den mRNA-Vakzinen geimpft würden.

Impfung für neurologische Patienten

Neurologische Patienten sollten sich impfen lassen, da einige neurologische Krankheiten mit einem erhöhten Risiko einhergehen können, im Fall einer Corona-Erkrankung einen schwereren, lebensbedrohlichen Verlauf zu erleiden. Dabei spielt nicht die neurologische Krankheit selbst die entscheidende Rolle, sondern die damit verbundenen allgemeinen Risiken wie beispielsweise Immobilität, Ausmaß von Lähmungen, Einschränkungen der Atmung usw. Besonders gefährdet sind Menschen mit Demenz.

Grundsätzlich ist die Impfung für neurologische Patienten unbedenklich, da bei den derzeit zugelassenen Impfstoffen keine aktiven Krankheitserreger verabreicht werden. Bei bestimmten Medikamenten gegen Multiple Sklerose kann es allerdings sein, dass sich die Impfwirkung nicht oder nicht voll entfaltet.

Ungeimpfte Patienten vermeiden mitunter, zum Neurologen zu gehen - aus Angst vor Ansteckung. Sie sollten zunächst telefonisch Kontakt zu ihrem behandelnden Neurologen aufnehmen und die Symptome oder Probleme schildern. Ist der Arztbesuch trotzdem unumgänglich, muss man sich keine Sorgen wegen einer Ansteckung machen. In den Kliniken und Praxen werden die Hygieneregeln sehr ernst genommen. Daher gilt: Gerade bei Problemen oder neuen Symptomen sollten neurologische Patienten immer zum Arzt gehen, auch in Corona-Zeiten.

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Bei Symptomen eines Schlaganfalls ist immer sofortige ärztliche Hilfe erforderlich. Direkt nach der Impfung gibt es lokale Reaktionen an der Impfstelle wie bei jeder anderen Impfung. Selten kann es in der ersten Woche zu grippeähnlichen Beschwerden kommen. Bei jüngeren Patienten und bei der zweiten Impfung sind die etwas ausgeprägter. Späte Reaktionen mit einer Fehlreaktion des Immunsystems sind zwar sehr unwahrscheinlich, aber dazu lässt sich im Moment noch nichts sagen. Das ist aber alles weit weniger gefährlich, als sich anzustecken.

Die zugelassenen Impfstoffe sind nach jetzigem Kenntnisstand sicher. Bei etwa zehn von einer Million Geimpften kann es schwere allergische Reaktionen geben. Das ist also extrem selten.

Die derzeit zugelassenen Impfstoffe basieren auf der sogenannten mRNA-Technologie. Die mRNA ist nur eine Art Bauanleitung für ein Protein, das die Immunreaktion gegen Corona auslöst. Sie kann nicht in unser Erbgut eingebaut werden.

Man selber ist dann zwar weitgehend vor einer Corona-Erkrankung geschützt. Aber man kann sich trotzdem anstecken und auch ansteckend für andere sein. Die in Deutschland zugelassenen Impfstoffe verhindern bei vielen Menschen eine Corona-Infektion. Das betrifft sowohl Infektionen mit Symptomen als auch solche ohne Symptome. Wenn trotz Impfung eine Infektion auftritt, verkürzen die Impfstoffe die Zeit, in der man ansteckend ist.

Epilepsie und Impfung

Eine Epilepsie ist keine grundsätzliche Kontraindikation für Impfungen. Insbesondere für Kinder mit Epilepsie sind Impfungen wichtig. Häufig werden Impfungen aus Angst vor einer Anfallsauslösung durch die Impfung selbst oder dabei auftretendes Fieber vermieden. Immer wieder kursieren Gerüchte über Epilepsien als Folge von Impfschäden. Impfschäden waren zum Glück früher schon selten und sind durch eine zunehmende Verbesserung der Impfstoffe noch viel seltener geworden. Die meisten dieser vermeintlichen Impfschäden sind keine. Dennoch ist jede Impfung eine individuelle Nutzen- und Risikoabwägung für jeden Patienten und sollte mit einem Facharzt besprochen werden.

Fallberichte: Guillain-Barré-Syndrom (GBS) nach Impfung

Der AkdÄ wurde der Fall einer 66-jährigen Patientin berichtet, bei der neun Tage nach einer ersten Impfung mit Shingrix® zuerst Kribbelparästhesien in beiden Füßen und Unterschenkeln bis zu den Knien auftraten. Am nächsten Tag entwickelten sich auch Missempfindungen in den Fingerspitzen und zunehmende Schwäche der Beine, sodass sie sich notfallmäßig im Krankenhaus vorstellte. Zusammenfassend wurde die Diagnose eines Guillain-Barré-Syndroms (GBS) gestellt.

In einem weiteren Fall kam es bei einem 15-jährigen Mädchen etwa einen Monat nach einer Injektion von Encepur® als Auffrischimpfung zu distalen Gefühlstörungen mit Parästhesien und langsam zunehmenden distal betonten Lähmungen. Bei Verdacht auf GBS erfolgte eine Lumbalpunktion, die eine zytoalbuminäre Dissoziation zeigte. Unter der Gabe von Immunglobulinen besserten sich der Zustand der Patientin und ihre Mobilität.

Das GBS ist eine idiopathische Polyneuritis der spinalen Nervenwurzeln und peripheren Nerven, mit einer Inzidenz von etwa 1-2 pro 100.000 Einwohner. Als auslösende Faktoren gelten Infektionen mit bestimmten Erregern und Impfungen.

Bewertung der Kausalität

Der Verlauf der Erkrankung ist in beiden berichteten Fällen gut mit einem GBS vereinbar. Immunologische Stimuli wie Infekte, aber auch Impfungen sind bekannte Trigger eines GBS.

In der EudraVigilance-Datenbank gemeldeter Verdachtsfälle von Arzneimittelnebenwirkungen finden sich zum 12.10.2023 206 Meldungen zu GBS nach Impfung mit Shingrix® sowie 117 Meldungen zu GBS nach Impfung gegen FSME. Es ist zu berücksichtigen, dass Meldungen von Verdachtsfällen nicht identisch mit Nebenwirkungen sind. Die Anzahl von Verdachtsfallmeldungen erlaubt keinen Rückschluss auf die tatsächliche Häufigkeit der gemeldeten Reaktion in der geimpften Population, da die Anzahl der geimpften Personen nicht bekannt ist. Ein Rückschluss auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen einem gemeldeten Verdachtsfall einer Nebenwirkung und einer Impfung kann allein aufgrund dieser Daten nicht getroffen werden.

Goud et al.: Zusammenhang zwischen Janssen-Impfstoff und GBS

Eine im „JAMA Network Open“ publizierte Auswertung der Fälle, die an die US-Nebenwirkungsdatenbank VAERS gemeldet wurden, ergab, dass die Covid-19-Vakzine Jcovden (COVID-19-Impfstoff Ad26.COV2-S [rekombinant]) von Johnson & Johnson möglicherweise mit einem erhöhten Risiko für das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) assoziiert ist. Die GBS-Melderaten innerhalb von 21 und 42 Tagen nach der Janssen-Impfung waren neun- bis zwölfmal höher als nach einer mRNA-Impfung mit den Covid-19-Vakzinen von BioNTech/Pfizer (Comirnaty) und Moderna (Spikevax). Für die beiden mRNA-Impfstoffe konnte kein entsprechender Zusammenhang ermittelt werden.

Die retrospektive Kohortenstudie wertete die von Dezember 2020 bis Januar 2022 beim Vaccine Adverse Event Reporting System (VAERS) eingegangenen Meldungen über Erkrankungen am Guillain-Barré-Syndrom nach einer Covid-19-Impfung aus. In Summe umfasste die Analyse 487.651.785 Covid-19-Impfdosen.

Die 21-Tage-Raten an Meldungen pro 1.000.000 Impfdosen betrugen 3,29 für Ad26.COV2.S (Johnson & Johnson), 0,29 für BNT162b2 (BioNTech/Pfizer) und 0,35 für mRNA-1273 (Moderna). Die entsprechenden Raten in den 42 Tagen nach der Impfung lagen bei 4,07 (Johnson & Johnson), 0,34 (BioNTech/Pfizer) und 0,44 (Moderna).

In den 21 Tagen nach der Impfung mit der Covid-19-Vakzine Janssen gab es mehr GBS-Meldungen als nach der Impfung mit den mRNA-Impfstoffen von BioNTech/Pfizer (RRR 11,40, 95%-KI 8,11-15,99) oder Moderna (RRR 9,26, 95%-KI 6,57-13,07]). Ähnliche Ergebnisse wurden innerhalb von 42 Tagen nach der Impfung beobachtet (BNT162b2: RRR 12,06, 95%-KI 8,86-16,43; mRNA-1273: RRR 9,27, 95%-KI 6,80-12,63).

Die Rate von beobachteten zu erwarteten (OE-Ratio) Fällen an Guillain-Barré-Syndrom betrug 3,79 (95%-KI 2.88-4.88) für das 21-Tage- und 2,34 (95%-KI 1.83-2.94) für das 42-Tage-Intervall nach der Janssen-Impfung. Nach der mRNA-Impfung mit BNT162b2 und mRNA-1273 lag die OE-Ratio in beiden Zeiträumen unter 1 (nicht signifikant).

Demzufolge scheint dieser Impfstoff mit einem erhöhten Risiko für GBS verbunden zu sein. Das absolute GBS-Risiko nach der Janssen-Covid-19-Impfung liegt laut Schätzungen der Forschenden aber nur in einer Größenordnung von einigen Fällen pro Million Impfdosen.

Theoretisch ist es möglich, dass durch den Janssen-Impfstoff induzierte Antikörper mit Glykoproteinen auf der Myelinscheide der Axone peripherer Nerven kreuzreagieren und ein Guillain-Barré-Syndrom auslösen.

Ebenso gab es Berichte über ein erhöhtes GBS-Risiko nach der Impfung mit der ChAdOx1 nCov-19 Vakzine (Vaxzevria von AstraZeneca). In einer Studie war die Zahl der GBS-Fälle innerhalb von 14 Tagen nach einer Impfung mit der AstraZeneca-Vakzine 1,4- bis 10-mal höher als erwartet.

Ein erhöhtes GBS-Risiko nach diesen Impfstoffen könnte auf einen Zusammenhang mit Adenovirus-Vektor-Impfstoffklassen hindeuten, zumindest in Bezug auf Covid-19-Impfstoffe.

Seltene neurologische Impfkomplikationen: Britische Forschungsergebnisse

Neurologische Komplikationen nach einer Covid-19-Impfung sind sehr selten, aber es gibt sie. Zwei Signale konnten die britischen Forscher ausmachen: Die Impfung mit dem Vakzin von AstraZeneca konnten sie in Verbindung bringen mit einem höheren Risiko für das Guillain-Barré-Syndrom. Außerdem haben sie beim Impfstoff von Pfizer/Biontech gesehen, dass damit ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle durch Gehirnblutungen assoziiert ist.

Das britische Forschungsteam hat nun errechnet, wieviele Fälle zusätzlich dazukommen nach einer Impfung. Und sie sagen: Es sind 38 Fälle pro zehn Millionen mit AstraZeneca geimpfter Menschen. Außerdem haben sie beim Impfstoff von Pfizer/Biontech gesehen, dass damit ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle durch Gehirnblutungen assoziiert ist. Das waren 60 Fälle pro 10 Millionen Geimpfter.

Neurologische Symptome durch SARS-CoV-2-Infektion

Das Virus SARS-CoV-2 kann ebenfalls schwere neurologische Symptome auslösen. Außerdem hat die Forschungsgruppe gefunden, dass eine SARS-CoV-2-Infektion das Risiko für weitere neurologische Symptome erhöht. Beispiele dafür sind: 123 zusätzliche Fälle pro zehn Millionen für Hirnhautentzündungen und Nervengewebsschädigung sowie 163 zusätzliche Fälle pro 10 Millionen für eine sogenannte myasthenische Störung, also eine gestörte Signalübertragung zwischen Nerv und Muskel. Also: Das Risiko nach einer Infektion ist größer als nach einer Impfung.

Persistierendes Spike-Protein im Gehirn

Forschende von Helmholtz Munich und der LMU haben einen Mechanismus identifiziert, der möglicherweise die neurologischen Symptome von Long COVID erklärt. Die Studie zeigt, dass das SARS-CoV-2-Spike-Protein in den schützenden Schichten des Gehirns, den Hirnhäuten, und im Knochenmark des Schädels bis zu vier Jahre nach der Infektion verbleibt. Diese dauerhafte Präsenz des Spike-Proteins könnte bei den Betroffenen chronische Entzündungen auslösen und das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen erhöhen.

Das Team um Ertürk entdeckte, dass der mRNA-COVID-19-Impfstoff von BioNTech/Pfizer die Anreicherung des Spike-Proteins im Gehirn signifikant reduziert. Mit dem mRNA-Impfstoff geimpfte Mäuse zeigten niedrigere Spike-Protein-Werte sowohl im Gehirngewebe als auch im Knochenmark des Schädels im Vergleich zu ungeimpften Mäusen. Die Reduktion betrug jedoch nur etwa 50 Prozent, sodass ein Rest des Spike-Proteins weiterhin ein toxisches Risiko für das Gehirn darstellt.

„Unsere Studie zeigt, dass mRNA-Impfstoffe das Risiko langfristiger neurologischer Folgen erheblich senken können und somit einen entscheidenden Schutz bieten. Aber auch nach Impfungen kommt es zu Infektionen, die zu persistierenden Spike-Proteinen im Körper führen können."

Koinzidenz vs. Kausalität und Reaktogenität

Für die Arzneimittelsicherheit ist das eine Herausforderung, weil eine zufällige zeitliche Koinzidenz von einer möglichen Kausalität abgegrenzt werden muss. Obwohl die Pharmafirmen bei den Zulassungsstudien sehr hohe Probandenzahlen vorgesehen haben, können solche Phase-III-Untersuchungen nur Ereignishäufigkeiten von ca. 1-3 Fällen pro 10000 Dosen sicher detektieren. Seltenere Ereignisse müssen in Phase-IV-Studien durch aktive oder passive Surveillance oder gezielte epidemiologische Untersuchungen ermittelt werden.

Die Zulassungsstudien ergaben bei allen Covid-19-Impfstoffen, die in der EU zugelassen wurden, eine vergleichsweise hohe Reaktogenität (Impfreaktionen innerhalb eines Zeitraums von ca. sieben Tagen nach Impfung, die auf die Gewebsverletzung und die unmittelbare, zytokinvermittelte lokale Reaktion zurückgehen). Von dieser Reaktogenität muss man die schweren Nebenwirkungen und den Impfschaden abgrenzen. Eine schwere Nebenwirkung ist gemäß Arzneimittelgesetz eine Nebenwirkung, „die tödlich oder lebensbedrohend ist, eine stationäre Behandlung oder deren Verlängerung erforderlich macht, zu bleibender oder schwerwiegender Behinderung oder Invalidität führt oder eine kongenitale Anomalie oder ein Geburtsfehler ist“. Solche Nebenwirkungen können im Allgemeinen nur mit Surveillancesystemen oder gezielten Anwendungsbeobachtungsstudien ermittelt werden.

Schwere Nebenwirkungen und Signale nach Beginn der Massenimpfung

Schon wenige Wochen nach Beginn der Massenimpfung in den USA wurden die ersten ernsten Nebenwirkungen, die in den Zulassungsstudien nicht auffielen, seitens der CDC (Centers for Disease Control and Prevention) der USA veröffentlicht. Es handelte sich um anaphylaktische Reaktionen auf die mRNA-Impfstoffe (Comirnaty, BioNTech/Pfizer; Spikevax, Moderna). Heute wissen wir, dass alle bisher in der EU eingesetzten Impfstoffe solche Reaktionen auslösen können. Dabei sind Frauen sehr viel häufiger betroffen als Männer und besonders Erwachsene unter 65 Jahren. Die Inzidenz liegt zwischen 1 und 16 Fällen pro 1 Million Impfungen.

In den folgenden Monaten wurden weitere Signale (Erkrankungen, die nach Impfung häufiger aufgetreten sind, als aufgrund der Hintergrundmorbidität zu erwarten wäre) detektiert. Bei den Vektorimpfstoffen (Vaxzevria, AstraZeneca; Janssen, Johnson & Johnson) war das ein dem Heparin-induzierten Thrombozytopenie-Syndrom ähnliches Erkrankungsbild, das heute als VITT(„vaccine-induced immune thrombotic thrombocytopenia“)-Syndrom bezeichnet wird. Diese Nebenwirkung tritt überwiegend 5-20 Tage nach Impfung mit einer Häufigkeit von 1-4 Fällen pro 100 000 Dosen auf. Weitere möglicherweise bei den Vektorimpfstoffen sehr selten auftretende Nebenwirkungen, die auch Eingang in die Fachinformationen gefunden haben, sind neurologische Reaktionen (Guillain-Barré-Syndrom, transverse Myelitis) und das Kapillarlecksyndrom.

Bei den mRNA-Impfstoffen wurden insbesondere bei jungen Männern in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung Myokarditiden beobachtet. Die Inzidenz ist stark alters- und geschlechtsabhängig und liegt nach neuesten Daten bei 12- bis 17-jährigen Knaben mit ca. acht Fällen pro 100 000 Dosen am höchsten (das betrifft die zweite Dosis, die mit einer höheren Rate verbunden ist) und sinkt dann mit zunehmendem Alter auf einen Fall pro 200000 Dosen bei den 30- bis 39-jährigen Männern. Bei den Frauen liegt die Rate durchwegs unter einem Fall pro 100000 Dosen.

Nutzen-Risiko-Verhältnis und Impfempfehlungen

Wie bei jedem Arzneimittel muss auch bei Impfungen ständig das Nutzen-Risiko-Verhältnis geprüft werden. Bei Impfungen ergibt sich der Nutzen aus den verhüteten Erkrankungen, deren Schwere und Folgewirkungen. Das Risiko ergibt sich aus den schweren Nebenwirkungen und dem entgangenen Impferfolg. Das steht im Kontrast zu den subjektiven, oft verzerrten Risikowahrnehmungen, bei denen meist das Risiko der Erkrankung mit dem Risiko der Impfung verglichen wird. Dabei wird das Risiko der Erkrankung oft bagatellisiert und das Risiko der Impfung übertrieben.

Die konkrete Durchführung einer objektiven Nutzen-Risiko-Analyse muss sich auf vorhandene Daten stützen und sie ist daher immer wieder neu durchzuführen, wenn sich neue Befunde ergeben und wenn sich die epidemiologische Lage ändert. Die Impfung wird selbstverständlich dann sinnlos werden und das Nutzen-Risiko-Verhältnis zuungunsten der Impfung ausfallen, wenn es die Erkrankung, vor der die Impfung schützen soll, nicht mehr gibt.

Für alle derzeit eingesetzten Impfstoffe, alle Altersgruppen und beide Geschlechter besteht derzeit ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis.

Die Covid-19-Impfungen und die Impfkampagne sind eine Erfolgsgeschichte. Es wurden allein in Österreich abertausende Hospitalisierungen und Todesfälle vermieden. Dennoch gibt es Skepsis in einem nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung. Keine Impfung ist ohne Nebenwirkungen, es besteht aber für alle impfbaren Gruppen der Bevölkerung nach wie vor ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis. Es gibt keinen rationalen Grund, sich nicht impfen zu lassen. Natürlich müssen Nutzen und Risiko stets weiter beobachtet werden.

Zusammenhang zwischen Vektorimpfstoffen und GBS

„Daten aus internationalen Kohortenstudien, die Millionen von geimpften Personen umfassen, deuten auf eine mögliche Verbindung zwischen den Vektorimpfstoffen auf adenoviraler Basis und dem Guillain-Barré-Syndrom (GBS) hin“, sagt Erstautorin Alice Willison. Britische Studien mit großen Kohorten und hoher Qualität haben einheitlich diesen Zusammenhang für den adenoviralen Vektor-basierten Impfstoff und das Auftreten der neuroimmunologischen Erkrankung reproduzieren können.

Das Autorenteam spricht sich trotz der Ergebnisse ihrer Arbeit klar für die Impfung aus.

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