Die Neurowissenschaft des Träumens: Wo im Gehirn findet das Träumen statt?

Träume sind ein faszinierendes Phänomen, das die Menschheit seit jeher beschäftigt. Sie sind ein Fenster in unser Unterbewusstsein, eine bizarre Welt der Imagination, in der wir reisen, lieben, lachen und leiden können, oft jenseits der Gesetze von Logik und Physik. Doch wo genau im Gehirn entstehen diese lebhaften, oft surrealen Erfahrungen? Und was passiert in unserem Gehirn, wenn wir träumen? Dieser Artikel beleuchtet die neurowissenschaftlichen Grundlagen des Träumens und geht insbesondere auf die Frage ein, wo im Gehirn das Träumen stattfindet.

Schlafphasen und ihre Bedeutung

Um zu verstehen, wo Träume entstehen, ist es wichtig, die verschiedenen Schlafphasen und ihre Funktionen zu kennen. Wir schlafen in Zyklen mit je fünf Abschnitten, die alle wichtige Funktionen für die Regeneration unseres Körpers übernehmen.

  • Einschlafphase: Ein sehr leichter Schlaf, das Stadium zwischen Wachsein und Schlaf, in dem die Hirnstromaktivität allmählich abnimmt.
  • Leichter Schlaf: Die Hirnaktivität geht von kürzeren Alpha- in längere Theta-Wellen über, im weiteren Verlauf erkennt man im EEG sogenannte K-​Komplexe, wenn das Gehirn Reize von außen bemerkt, Schlafspindeln, die das Gehirn gegenüber Reizen von außen abschirmt, sowie weiterhin Theta-Wellen.
  • Tiefschlaf: Ein extrem tiefer Deltaschlaf, durch seine langwelligen Hirnströme, die Deltawellen, gekennzeichnet. In dieser Phase finden die körperliche Regeneration, Muskelaufbau, Stärkung des Immunsystems, Zellregeneration und Hormonproduktion statt.
  • REM-Schlaf: REM steht für Rapid Eye Movement und bezieht sich auf die unterbewussten, schnellen Augenbewegungen, welche unter den geschlossenen Augenlidern während dieser Schlafphase häufig beobachtet werden können. Die Hirnaktivität ist dem Wachzustand ähnlicher als dem Schlaf. Puls, Energieverbrauch und Durchblutung der primären Geschlechtsorgane sind gesteigert. Träume sind hier besonders lebhaft und emotional, da unser Gehirn die Erlebnisse des Tages verarbeitet. Unsere Muskulatur ist währen dieser Schlafphase übrigens weitgehend gelähmt. Die REM-Schlafphase ist die vierte und letzte Phase innerhalb des menschlichen Schlafzyklus.

Die Schlafphasen sind nicht gleichmäßig über die Nacht verteilt. Zunächst dominiert der Tiefschlaf, in der zweiten Hälfte der Nacht der REM-Schlaf.

Die Rolle des REM-Schlafs beim Träumen

Obwohl Träume in verschiedenen Schlafphasen auftreten können, sind sie besonders intensiv und lebhaft während des REM-Schlafs. In dieser Phase ist das Gehirn hochaktiv, ähnlich wie im Wachzustand. Bestimmte Hirnregionen sind besonders aktiv, während andere weniger aktiv sind.

  • Aktive Regionen:
    • Limbisches System: Dieses System ist für Emotionen zuständig und im REM-Schlaf hochaktiv, was die emotionalen und oft bizarren Inhalte von Träumen erklären kann.
    • Visueller Kortex: Diese Region ist für die Verarbeitung visueller Informationen zuständig und erklärt, warum Träume oft sehr visuell sind.
    • Motorischer Kortex: Obwohl unsere Muskeln während des REM-Schlafs weitgehend gelähmt sind, ist der motorische Kortex aktiv, was dazu führen kann, dass wir im Traum Bewegungen ausführen.
  • Weniger aktive Regionen:
    • Präfrontaler Kortex: Diese Region ist für logisches Denken, Planung und Selbstbewusstsein zuständig. Die geringere Aktivität des präfrontalen Kortex im REM-Schlaf erklärt, warum Träume oft unlogisch und bizarr sind.

Gehirnregionen, die am Traumerleben beteiligt sind

Die Forschung hat gezeigt, dass verschiedene Gehirnregionen an der Entstehung und dem Erleben von Träumen beteiligt sind.

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  • Hirnstamm: Das Startsignal zu jeder REM-Phase kommt aus dem Hirnstamm durch rhythmische elektrische Reize. Gleichzeitig strömt der anregende Botenstoff Acetylcholin durchs Gehirn. Teile der Großhirnrinde erwachen aus dem Tiefschlaf.
  • Hippocampus: All die Informationen, die wir während des Wachlebens aufnehmen, landen vorläufig im Hippocampus, mitten im Gehirn. Dieser saugt Daten auf wie ein Schwamm. Irgendwann müssen Großhirnrinde und Hippocampus sich abgleichen, und das geschieht im Schlaf. Wichtige Erinnerungen wandern vom Hippocampus in die Großhirnrinde, unwichtige werden verworfen.
  • Amygdala: Die Amygdala spielt eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen, insbesondere von Angst. Sie ist im REM-Schlaf sehr aktiv, was erklären kann, warum viele Träume angstbesetzt sind.
  • Parietaler Kortex: Der parietale Kortex ist an der räumlichen Wahrnehmung und der Integration von sensorischen Informationen beteiligt. Er könnte eine Rolle bei der Erzeugung der lebhaften, immersiven Erfahrungen spielen, die wir in Träumen erleben.
  • Temporaler Kortex: Der temporale Kortex ist an der Verarbeitung von auditorischen Informationen, dem Gedächtnis und der Sprachverarbeitung beteiligt. Er könnte eine Rolle bei der Entstehung von Trauminhalten spielen, die mit diesen Funktionen zusammenhängen.

Klarträume: Bewusstsein im Traum

Eine besonders faszinierende Form des Träumens ist das luzide Träumen oder Klarträumen. Dabei handelt es sich um einen Traum, in dem der Träumende sich darüber bewusst ist, dass er träumt. Dieser Bewusstseinszustand ermöglicht das Beeinflussen der Traumhandlung.

Mittels Elektroenzephalografie können Forscher inzwischen erklären, was im Gehirn eines Klarträumers passiert. So fand Ulrike Voss im Stirnhirn eine vermehrte Aktivität im 40-Hertz-Bereich, dem sogenannten Gamma-Band. „Diese hochfrequenten Wellen begleiten üblicherweise die bewusste Konzentration auf einen Gegenstand“, sagt Voss. Andere Hirnbereiche wie etwa im Scheitel- und Schläfenlappen zeigten hingegen jene Muster, die man auch vom normalen Traumschlaf her kennt. Das Stirnhirn funktioniert also beim Klarträumer als Aufpasser, der die Kontrolle über andere Hirnbereiche behält. Wie überhaupt die einzelnen Hirnareale bei ihm relativ koordiniert zusammenarbeiten.

Techniken zum Auslösen von Klarträumen

Es gibt verschiedene Techniken, um Klarträume auszulösen.

  • Realitätstests: Mehrmals täglich die Frage stellen, ob man träumt oder ob man sich im Wachzustand befindet. Die Idee ist, dass man diese Routine auf den Schlaf überträgt.
  • Wake Back to Bed (WBTB): Fünf bis sechs Stunden nach dem Einschlafen wecken lassen, einige Zeit wach bleiben, bevor man wieder einschläft. Die mentale Wachsamkeit soll in der weiteren Schlafphase die Wahrscheinlichkeit eines luziden Traums fördern.
  • Mnemotechnische Induktion luzider Träume (MILD): Vor dem Einschlafen den Satz: „Das nächste Mal, wenn ich träume, werde ich mich daran erinnern, dass ich träume.“ laut vorsprechen.

Die Bedeutung von Träumen

Obwohl die genaue Funktion des Träumens noch nicht vollständig geklärt ist, deuten wissenschaftliche Studien darauf hin, dass Träume eine wichtige Rolle für unser Gehirn spielen.

  • Gedächtniskonsolidierung: Träume helfen unserem Gehirn dabei, Informationen zu verarbeiten und langfristig zu speichern.
  • Emotionale Verarbeitung: Träume helfen unserem Gehirn dabei, emotionale Erfahrungen zu verarbeiten und Stress abzubauen.
  • Problemlösung und Umgang mit Gefahrensituationen: Träume fördern kreatives Denken und helfen bei der Problemlösung.

Methodische Herausforderungen in der Luzidtraumforschung

Die Erforschung der Neurophysiologie des luziden Träumens steht vor einer Reihe methodischer Herausforderungen.

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  • Heterogenität und Ungenauigkeit der Ergebnisse: Der bisherige Forschungsstand zu neuronalen Korrelaten des luziden Träumens ist geprägt von nichtreproduzierten oder nichtreproduzierbaren Befunden. Die Ungenauigkeit und Heterogenität der Befunde und Interpretationen sind wahrscheinlich auf eine Vielzahl von methodischen Unzulänglichkeiten zurückzuführen.
  • Unterschiedliche EEG-Datenverarbeitung: Ein Großteil der Unstimmigkeiten könnte auf die unterschiedliche Art der anfänglichen Verarbeitung der EEG-Daten zurückzuführen sein.
  • Mangelnde Berücksichtigung der Schlafzeit: Eine potenzielle Alternativerklärung, die nur selten beachtet wird, ist, wie viel Schlafzeit schon bei einem jeweiligen Traum vergangen ist.
  • Geringe Elektrodenabdeckung der Kopfhaut: In früheren Studien wurde häufig eine eher geringe Elektrodenabdeckung der Kopfhaut verwendet, die nicht geeignet ist, um räumlich selektive Effekte aufzudecken.
  • Fehlende zuverlässige Methode zur Induktion von Luzidträumen: Es gibt noch keine zuverlässige experimentelle Methode, Luzidträume zu induzieren.

Zukünftige Forschungsrichtungen

Trotz der methodischen Herausforderungen ist die Forschung zum luziden Träumen ein spannendes und vielversprechendes Feld. Zukünftige Studien sollten sich auf die folgenden Bereiche konzentrieren:

  • Verbesserung der Methoden zur Induktion von Luzidträumen: Um in diesem Bereich möglichst schnell Fortschritte zu machen, müssen wir besser darin werden, luzides Träumen auszulösen.
  • Entwicklung automatischer und standardisierter EEG-Datenverarbeitungspipelines: Um Interpretationsunterschiede zu vermeiden, sollten künftige Studien automatische Methoden verwenden, die sich bereits etabliert haben oder sich derzeit in Entwicklung befinden.
  • Berücksichtigung der Schlafzeit und anderer Störfaktoren: Studien sollten systematische Verzerrungen in Bezug auf die Nachtzeit berücksichtigen.
  • Verwendung von hochdichten EEG-Systemen: Eine größere Elektrodenabdeckung der Kopfhaut ist erforderlich, um räumlich selektive Effekte aufzudecken.
  • Untersuchung der neuronalen Korrelate des Zeitpunkts der luziden Einsicht: Fragen zu den neuronalen Korrelaten des Zeitpunkts der luziden Einsicht selbst haben dagegen weit weniger Aufmerksamkeit erhalten.
  • Berücksichtigung von Breitbandeffekten (neuronales Rauschen): Insgesamt scheint die gleichzeitige Beachtung von einzelnen Oszillationsbändern sowie Breitbandeffekten in der Klartraumforschung überfällig zu sein.
  • Kombination von EEG mit anderen bildgebenden Verfahren (z.B. MRT): Die gewonnenen Einsichten der Quellaktivität mittels EEG werden die bisherigen Befunde der Magnetresonanztomografie (MRT) bereichern.

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