Influencer und Hirntumordiagnosen: Zwischen Wahrheit, Täuschung und öffentlicher Wahrnehmung

Die Welt der sozialen Medien ist voller Geschichten, die inspirieren, unterhalten und informieren sollen. Doch hinter der glänzenden Fassade von Influencern und Internetstars verbergen sich manchmal auch Täuschungen und fragwürdige Praktiken. Dieser Artikel beleuchtet den schmalen Grat zwischen Wahrheit und Lüge im Kontext von Influencern und Hirntumordiagnosen, wobei sowohl reale Fälle wie der von Belle Gibson als auch fiktive Darstellungen wie die Netflix-Serie "Apple Cider Vinegar" betrachtet werden. Zudem wird auf aktuelle Fälle wie den von Kim Gloss und Ischtar Isik eingegangen, die öffentlich über ihre Hirntumordiagnosen und Operationen sprachen.

Der Fall Belle Gibson: Eine Geschichte von Lügen und Betrug

Die Geschichte von Belle Gibson ist ein Paradebeispiel dafür, wie eine junge Frau ein ganzes System aus Falschbehauptungen, Täuschungsmanövern und Betrug aufbauen konnte, um Ruhm und Reichtum zu erlangen. Gibson behauptete, einen Hirntumor gehabt und diesen durch gesunde Ernährung und alternative Behandlungsmethoden besiegt zu haben. Diese vermeintliche Wunderheilung teilte sie auf Instagram und baute sich so eine große Fangemeinde auf.

Aufstieg und Fall eines Wellness-Imperiums

Anfang 2013 startete Belle Gibson einen Instagram-Account, auf dem sie Ernährungstipps und Verhaltensweisen teilte, die zu ihrer angeblichen Genesung beigetragen haben sollen. Sehr schnell hatte sie Tausende Follower:innen, und sehr schnell ging es auch um Geld. „The Whole Pantry”, so der Name der Anwendung, wurde kurz darauf als beste iOS-App im Bereich Essen und Getränke ausgezeichnet. 2014 veröffentlichte Gibson ein begleitendes gleichnamiges Kochbuch bei einem renommierten Verlag, voll mit Rezepten ohne Gluten, Zucker und Milchprodukte. Apple wollte ihre App sogar als Standardanwendung auf die Apple Watch bringen, und das Buch sollte auch in den USA und in Großbritannien erscheinen. Belle Gibson (gespielt von Kaitlyn Dever) ließ sich als großer Star feiern. Aber nicht nur ihre Follower:innen im Netz waren begeistert, auch traditionelle Medien stiegen auf die Geschichte ein, etwa die Cosmopolitan und Elle Australia. Zuvor hatte sie zudem behauptet, sie sei mehrere Male am Herzen operiert worden, dabei dem Tode nahe gewesen und habe auch noch einen Schlaganfall erlitten. Dort nannte sie auch den angeblichen Grund für die Krebserkrankung: Die sei eine Reaktion auf eine Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs gewesen.

Die Entlarvung des Betrugs

Im März 2015 deckten Journalist:innen des australischen Verlags Fairfax Media auf, dass Belle Gibson eine Betrügerin ist. Wenig später brach das gesamte Konstrukt aus Leidensgeschichte, Wunderheilung und Start-up-Erfolg zusammen. Im April 2015 gab Gibson in einem Zeitungsinterview zu, niemals Krebs gehabt zu haben. Apple beendete die Zusammenarbeit, der Verlag nahm das Kochbuch vom Markt, Belle Gibsons Social-Media-Konten verschwanden aus dem Netz. Im September 2017 wurde Gibson zu einer Geldstrafe von umgerechnet 410.000 US-Dollar verurteilt - wegen falscher Angaben zu Spenden an wohltätige Organisationen. Zunächst: Gibson behauptete 2019, sie sei nicht in der Lage, die Strafe zu zahlen. Im Januar 2020 und im Mai 2021 wurde ihr Haus durchsucht, um Geld und Wertgegenstände sicherzustellen, die ihre Strafe begleichen sollten.

Die Motive und Folgen

Als klar wurde, dass ihre Masche aufgeflogen ist, tauchte Belle Gibson ab. So warten auch heute noch viele (betrogene) Fans und ehemalige Geschäftspartner:innen auf die Antworten auf etliche Fragen, die um die Person Belle Gibson und ihr Geschäftsmodell kreisen. Antworten könnte ihre Vergangenheit liefern, aber auch da scheint es nur wenige verlässliche Angaben zu geben. Gibson selbst führt ihr betrügerisches Verhalten auf ihre schwierige Kindheit zurück. Stimmt nicht, behauptet wiederum ihre Mutter Natalie Da-Bello, ebenfalls per Interview. Sie sei zwar an MS erkrankt, habe aber bis zur Selbstaufgabe für ihre Kinder gesorgt, auch für Belle. Unbestritten ist, dass Belle schon mit zwölf Jahren von zu Hause fortzieht, allerdings mit Unterstützung ihrer Mutter. Der abwesende Vater, wechselnde Partner der Mutter und deren Erkrankung - es gibt sicher Kindheiten, die sorgloser verlaufen. Natalie Da-Bello liefert eine mögliche Erklärung. Belle habe schon immer über ihre Verhältnisse leben wollen. Sie sei nie glücklich mit dem gewesen, was sie hatte, entwickelte einen teuren Geschmack. Zudem sei sie süchtig nach Social Media gewesen.

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Nach den Enthüllungen über Belle Gibson äußerten Expert:innen den Verdacht, die Influencerin leide an einer Form des Münchhausen-Syndroms. Die Gründe für dieses Verhalten sind unklar, aber die Forschung bringt sie unter anderem in Verbindung mit erkrankten Angehörigen. Aber sie erklärt nicht, warum so viele Menschen, naive Fans genauso wie Medienprofis und Großkonzerne, auf diesen Betrug hereinfallen konnten.

"Apple Cider Vinegar": Eine Netflix-Serie über Täuschung und Wahrheit

Die Netflix-Miniserie "Apple Cider Vinegar" (Start: 6. Februar 2025) erzählt, wie eine junge Frau ein bizarres Netz aus Falschbehauptungen, Täuschungsmanövern und Betrug auswirft, um damit zu Ruhm und Reichtum zu gelangen. Die Serie basiert auf dem Buch "The Woman Who Fooled the World" von Beau Donnelly und Nick Toscano. Die Story der sechsteiligen Netflix-Serie entspricht in ihren Grundzügen den Erkenntnissen aus dem Buch, einzelne Charaktere und Ereignisse sind jedoch fiktiv.

Die Serie erzählt nicht nur die Geschichte von Gibson, die im Zentrum von „Apple Cider Vinegar“ steht, sondern auch von anderen Frauen und deren Erfahrungen mit der Wellness-Industrie. Lucy (Tilda Cobham-Hervey), die wirklich an Krebs erkrankt ist und auf Belles Schwindel reinfällt, weil sie so wieder Hoffnung auf Heilung hat. Milla (Alycia Debnam-Carey), die nach ihrer Krebsdiagnose ein Konkurrenz-Unternehmen startet, weil sie glaubt, genauso wie Belle die Heilung für ihre schwere Krebsform finden zu können.

Kim Gloss und Ischtar Isik: Offene Worte über Hirntumordiagnosen

Im Gegensatz zu Belle Gibson haben Kim Gloss und Ischtar Isik ihre Hirntumordiagnosen öffentlich gemacht und offen über ihre Erfahrungen gesprochen.

Kim Gloss: Zufallsfund nach Sportunfall

Anfang Juni 2024 schockierte die ehemalige "Deutschland sucht den Superstar"-Kandidatin Kim Gloss ihre Instagram-Follower mit der Nachricht, dass sie wegen eines Hirntumors operiert werden musste. Die Diagnose sei ein Zufallsfund nach einem Sportunfall gewesen, bei dem ihr eine Hantel ins Gesicht gefallen war. Im Krankenhaus wurde ein Meningeom entdeckt, ein meist gutartiger Hirntumor.

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Gloss erzählte im Interview mit RTL-Moderatorin Frauke Ludowig, dass sie die Diagnose zunächst für sich behalten habe und dass auch ihre Mutter ein Meningeom gehabt habe. Nach einer Kontrolluntersuchung wurde festgestellt, dass der Tumor minimal gewachsen war und sich in der Nähe einer wichtigen Vene befand, weshalb die Ärzte zu einer Operation rieten. Gloss entschied sich für den Eingriff und berichtete offen über ihre Ängste und Sorgen. Sie betonte, wie wichtig die Unterstützung ihres Mannes Alexander Beliaikin in dieser schwierigen Zeit gewesen sei.

Ischtar Isik: Zweite Hirntumordiagnose

Auch die YouTuberin Ischtar Isik machte 2018 ihre Hirntumordiagnose öffentlich. Nach wochenlangen Kopfschmerzen wurde bei ihr ein Tumor gefunden, der kurz darauf operativ entfernt wurde. Im Jahr 2024 teilte Ischtar ihren Fans mit, dass bei ihr erneut ein Hypophysenadenom diagnostiziert wurde, ein gutartiger Tumor an der Hypophyse am Gehirn. Sie betonte jedoch, dass sie zuversichtlich sei, dass auch diese Operation gut verlaufen werde und dass sie von ihrem Mann Tommy unterstützt werde.

Die Rolle der Medien und die Verantwortung der Konsumenten

Die Fälle von Belle Gibson, Kim Gloss und Ischtar Isik zeigen, wie wichtig es ist, Informationen kritisch zu hinterfragen und sich nicht von vermeintlichen Wundermitteln oder Heilsversprechen blenden zu lassen. Die Medien spielen dabei eine wichtige Rolle, indem sie Geschichten wie die von Belle Gibson aufdecken und die Öffentlichkeit für die Gefahren von Fake News und Betrug sensibilisieren. Gleichzeitig tragen auch die Konsumenten eine Verantwortung, indem sie Informationen aus verschiedenen Quellen prüfen und sich nicht blind auf die Aussagen von Influencern oder Internetstars verlassen.

Die Mahnung hinter den Geschichten

Die wahre Geschichte hinter "Apple Cider Vinegar" und den realen Fällen von Influencern mit Hirntumordiagnosen sollte eine Mahnung sein: Scheinbar spektakuläre Behauptungen von Influencer:innen, Internetstars und selbst ernannten Expert:innen bei Instagram, TikTok und Co. sollten stets kritisch hinterfragt werden. Es ist wichtig, sich nicht von der glänzenden Fassade blenden zu lassen und sich stattdessen auf fundierte Informationen und wissenschaftliche Erkenntnisse zu verlassen. Nur so kann man sich vor Betrug und Täuschung schützen und informierte Entscheidungen treffen.

Von der Fiktion zur Realität: Eine Analyse der Parallelen und Unterschiede

Die Geschichten von Belle Gibson und die fiktive Darstellung in "Apple Cider Vinegar" werfen wichtige Fragen auf: Wie konnte es passieren, dass so viele Menschen auf den Betrug hereingefallen sind? Welche Rolle spielen soziale Medien und die Sehnsucht nach einfachen Lösungen in unserer Gesellschaft? Und wie können wir uns besser vor Täuschung und Manipulation schützen?

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Die Fälle von Kim Gloss und Ischtar Isik zeigen, dass es auch Influencer gibt, die offen und ehrlich über ihre gesundheitlichen Probleme sprechen und ihre Erfahrungen mit anderen teilen. Diese Geschichten können Mut machen und Betroffenen helfen, sich nicht allein zu fühlen. Gleichzeitig verdeutlichen sie, wie wichtig es ist, Informationen kritisch zu hinterfragen und sich nicht von vermeintlichen Wundermitteln oder Heilsversprechen blenden zu lassen.

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