Harninkontinenz, oft als "unwillkürlicher Urinverlust" oder "Blasenschwäche" bezeichnet, ist ein ungewollter und unwillkürlicher Abgang von Urin, der Menschen jeden Alters betreffen kann. Während die Blasenkontrolle bei Mädchen in der Kindheit tendenziell früher entwickelt ist als bei Jungen, ist Bettnässen (Enuresis nocturna) bei Mädchen seltener. Im Erwachsenenalter tritt Harninkontinenz bei Frauen deutlich häufiger auf als bei Männern, hauptsächlich aufgrund anatomischer Unterschiede im Beckenbereich sowie Veränderungen durch Schwangerschaft und Geburt. Um die verschiedenen Ursachen der Inkontinenz und die Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu verstehen, ist es wichtig, die normale Funktion einer gesunden Blase zu kennen.
Die Funktionsweise einer gesunden Blase
Die Blase ist ein ballonförmiger Muskel im Beckenraum, der von den Beckenbodenmuskeln gestützt und in Position gehalten wird. Ihre Hauptaufgabe ist die Speicherung und Abgabe von Urin. Die Harnröhre verbindet die Blase mit den Genitalien und dient als Ausleitungsweg für den Urin. Ringförmige Muskeln, die Schließmuskeln, verschließen die Harnröhre, um einen vorzeitigen Urinaustritt zu verhindern. Die Blasenmuskulatur entspannt sich, wenn sich die Blase füllt, und zieht sich zusammen, wenn der Urin abgegeben werden soll.
Ursachen der Harninkontinenz
Harninkontinenz kann verschiedene Ursachen haben, die von schwachen Muskeln bis hin zu Nervenschäden reichen.
Schwache Muskeln
Die meisten Kontinenzprobleme entstehen durch eine geschwächte Beckenbodenmuskulatur. Wenn die Blase absinkt, kann die Öffnung zur Harnröhre überdehnt werden, was zu unkontrolliertem Urinverlust führen kann. Regelmäßiges Beckenbodentraining kann helfen, diese Muskeln zu stärken und die Kontinenz zu verbessern.
Nervenschäden
Geschädigte Nerven können entweder falsche Signale an die Blase senden, was zu einem unvorhersehbaren Harnabgang führt, oder gar keine Signale senden, sodass das Gehirn nicht erkennt, wann die Blase voll ist. Nervenschäden können durch Krankheiten oder Traumata verursacht werden.
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Funktionelle Inkontinenz
Funktionelle Inkontinenz tritt auf, wenn Patienten geistige oder körperliche Einschränkungen haben, die sie am normalen Wasserlassen hindern, obwohl ihre Harnwege strukturell intakt sind. Erkrankungen wie die Parkinsonkrankheit, die Alzheimerkrankheit und andere Formen von Demenz können zu funktioneller Inkontinenz führen.
Dranginkontinenz
Dranginkontinenz ist gekennzeichnet durch einen plötzlich auftretenden, extrem starken Harndrang, der zum unkontrollierten Harnverlust führt. Diese Form der Inkontinenz wird durch eine Überaktivität der Blasenmuskulatur verursacht und kann verschiedene Auslöser haben, darunter psychische Belastungen, Nervenschäden (durch Diabetes, Schlaganfall, Infektionen oder andere Erkrankungen), Infektionen, Tumore oder Blasensteine. Eine gründliche Untersuchung der Ursachen ist für die Behandlung unerlässlich.
Dranginkontinenz beginnt oft mit einem anhaltenden Harndrang, obwohl der Urin zunächst gehalten werden kann. Eine Verschlimmerung führt dann dazu, dass der Harn irgendwann nicht mehr gehalten werden kann. Die Behandlung umfasst Medikamente, die die Blasenaktivität beeinflussen, Beckenbodentraining zur Stärkung der Muskulatur und gezieltes Blasentraining zur Verringerung der Häufigkeit des Wasserlassens.
Stressinkontinenz (Belastungsinkontinenz)
Belastungsinkontinenz, von der bis zu einem gewissen Grad eine von fünf Frauen über 40 betroffen ist, tritt auf, wenn beim Husten, Lachen, Niesen oder Sport Harn abgeht - also immer dann, wenn Druck auf den Beckenboden ausgeübt wird. Diese Form der Inkontinenz tritt fast ausschließlich bei Frauen auf und hängt mit einer Schwäche der Beckenboden- und Schließmuskeln zusammen, nicht mit emotionalem Stress. Eine Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur kann helfen, und es besteht die Möglichkeit der Elektrostimulation oder eines chirurgischen Eingriffs zur Korrektur der Position von Blase und Harnröhre.
Überlaufinkontinenz (Harnretention)
Überlaufinkontinenz tritt besonders häufig bei älteren Männern auf und wird meist durch eine Verengung der Harnröhre aufgrund einer altersbedingten Vergrößerung der Prostata (benigne Prostatahyperplasie, BPH) verursacht. Die vergrößerte Prostata kann auf die Harnröhre drücken und den Harnabfluss behindern. Symptome sind Probleme beim Wasserlassen, wie Startverzögerung, Unterbrechung und Abschwächung des Harnstrahls, heftiger Harndrang und Harnabgang oder Nachträufeln, häufigerer Harndrang (besonders nachts) und Dranginkontinenz.
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Mischinkontinenz
Mischinkontinenz bezeichnet das gleichzeitige Vorliegen von Belastungs- und Dranginkontinenz.
Reflexinkontinenz (Neurogene Inkontinenz)
Die Reflexinkontinenz, auch neurogene Inkontinenz genannt, ist eine vergleichsweise seltene Form der Harninkontinenz, bei der die Nervenbahnen im Rückenmark, die die Blase mit dem Gehirn verbinden, oder die Nervenregionen im Gehirn, die die Blasen- und Schließmuskelfunktion steuern, unterbrochen oder in ihrer Funktion gestört sind. Typisches Symptom ist der umfassende Kontrollverlust über die Blasenfunktionen, der sich in Form einer "schlaffen Blase" oder einer "spastischen Blase" äußern kann.
Bei der schlaffen Blase zieht sich der Blasenmuskel aufgrund der Nervenschädigung nicht mehr zusammen, sodass die Blase sich meist unbemerkt vollständig füllt und sich ab einem bestimmten Blasendruck unkontrolliert über einen Reflex entleert. Bei der spastischen Blase kommt es aufgrund der Hirn- bzw. Rückenmarkschädigung zu übermäßig häufigen, unwillkürlichen und unkontrollierten reflexartigen Kontraktionen des Blasenschließmuskels, was zu häufigem, imperativem Harndrang und unkontrollierter Blasenentleerung führt.
Die Ursachen der Reflexinkontinenz können angeboren sein, wie z.B. bei einer Spina bifida, oder durch Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Querschnittlähmung oder einen schweren Bandscheibenvorfall verursacht werden. Betroffene können in der Regel weder den Füllstand ihrer Blase spüren noch den Blasenmuskel willentlich kontrollieren.
Supraspinale Reflexinkontinenz
Die supraspinale Reflexinkontinenz entsteht in Folge einer Hirnleistungsstörung, wie sie bei fortgeschrittenen Demenzerkrankungen oder Morbus Parkinson vorkommt. Informationen aus der Blase erreichen zwar das Gehirn, werden dort aber nicht mehr richtig verarbeitet, was zu verspäteten, falschen oder ausbleibenden Antworten des Gehirns auf die Blasensignale führt. Dies führt zu unwillkürlichen und unkontrollierten Blasenentleerungen zu unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlichen Harnmengen.
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Neurogene Blasenentleerungsstörung
Das zentrale Nervensystem (ZNS) ist an sämtlichen Vorgängen im Körper beteiligt. Störungen des ZNS können sich unter anderem auch durch eine neurogene Blasenentleerungsstörung äußern, die sowohl zu häufigem Harndrang und unkontrolliertem Harnverlust als auch zu einem Harnverhalt führen kann. Schäden der Nervenbahnen im Gehirn oder Rückenmark, die durch neurologische Erkrankungen wie Parkinson, Multiple Sklerose, Epilepsie oder durch einen Unfall, einen Schlaganfall oder Diabetes Typ 2 verursacht werden können, können die bewusste Kontrolle über die Blasenentleerung beeinträchtigen.
Störungsmuster bei neurogener Blasenentleerungsstörung
- Die schlaffe (atonische) Blase: Durch fehlende Kontraktionsfähigkeit der Blasenmuskulatur kommt es zum Harnverhalt. Ursache sind in der Regel akute Rückenmarksverletzungen.
- Die spastische Blase (Reflexblase): Durch Spasmen der Blasenmuskulatur kommt es zu einer häufigen und unkontrollierten Entleerung der Blase. Auch die Reizübertragung zum Gehirn ist gestört. Auch hier ist eine Rückenmarksverletzung die Ursache.
- Unkontrollierte (enthemmte) Blase: Sie äußert sich durch einen häufigen und sehr starken Harndrang und völligem Kontrollverlust über die bewusste Entleerung der Blase. Ursache sind neurologische Schädigungen im Gehirn, beispielsweise aufgrund eines Schlaganfalls, eines Schädel-Hirn-Traumas oder bei Multipler Sklerose.
Bei einem Harnverhalt kann es aufgrund des steigenden Drucks zu einer Überlaufblase kommen, die sich wiederum in unkontrolliertem Urinverlust oder Harnträufeln äußert. Außerdem besteht die Gefahr eines Rückstaus bis in die Nieren.
Diagnose der Harninkontinenz
Um die Ursache der Harninkontinenz zu ermitteln, führt der Arzt zunächst ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten, um die Symptome, die Krankengeschichte und mögliche Risikofaktoren zu erfragen. Anschließend erfolgt eine körperliche Untersuchung, bei der der Bauch- und Beckenraum abgetastet werden.
Zur weiteren Abklärung können folgende Untersuchungen durchgeführt werden:
- Urinuntersuchung: Zum Ausschluss von Infektionen oder anderen Erkrankungen der Harnwege.
- Miktionsprotokoll: Der Patient dokumentiert über einen bestimmten Zeitraum seine Trinkmenge, die Häufigkeit des Wasserlassens und eventuellen Urinverlust.
- Ultraschalluntersuchung: Zur Beurteilung der Blase und der Nieren.
- Blasendruckmessung (Urodynamik): Zur Messung der Druckverhältnisse in der Blase und der Harnröhre während der Füllung und Entleerung.
- Zystoskopie (Blasenspiegelung): Zur direktenVisualisierung der Blasenschleimhaut.
Behandlung der Harninkontinenz
Die Behandlung der Harninkontinenz richtet sich nach der Ursache und dem Schweregrad der Erkrankung. Es gibt verschiedene Therapieansätze, die einzeln oder in Kombination eingesetzt werden können:
Konservative Maßnahmen
- Beckenbodentraining: Gezielte Übungen zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur.
- Blasentraining: Erlernen von Techniken zur Kontrolle des Harndrangs und zur Erhöhung der Blasenkapazität.
- Gewichtsreduktion: Bei Übergewicht kann eine Gewichtsabnahme die Belastung des Beckenbodens reduzieren.
- Anpassung der Trinkgewohnheiten: Vermeidung von harntreibenden Getränken wie Kaffee und Alkohol.
- Ernährungsumstellung: Vermeidung von blasenreizenden Lebensmitteln wie Zitrusfrüchten und scharfen Gewürzen.
Medikamentöse Therapie
- Anticholinergika: Entspannen die Blasenmuskulatur und reduzieren den Harndrang bei Dranginkontinenz.
- Beta-3-Agonisten: Wirken ähnlich wie Anticholinergika, haben aber oft weniger Nebenwirkungen.
- Östrogen: Kann bei Frauen nach den Wechseljahren die Symptome der Dranginkontinenz lindern.
Operative Eingriffe
- Spannungsfreie Bänder (TVT/TOT): Werden bei Belastungsinkontinenz unter die Harnröhre gelegt, um diese zu stabilisieren.
- Kolposuspension nach Burch: Anhebung der Harnröhre und des Blasenhalses bei Belastungsinkontinenz.
- Sakrale Neuromodulation (Blasenschrittmacher): Stimulation der Nerven, die die Blasenfunktion steuern, bei Dranginkontinenz.
- Injektion von Botulinumtoxin (Botox) in die Blase: Lähmt die Blasenmuskulatur und reduziert den Harndrang bei Dranginkontinenz.
- Blasenaugmentation (Blasenvergrößerung): Vergrößerung der Blase mit einem Stück Darm bei schwerer Dranginkontinenz.
Spezifische Behandlungen bei Reflexinkontinenz
- Regelmäßige Katheterisierung: Um die Blase vollständig zu entleeren und Harnwegsinfektionen vorzubeugen.
- Medikamente: Zur Entspannung der Blasenmuskulatur oder zur Reduktion des Harndrangs.
- Chirurgische Maßnahmen: In seltenen Fällen zur Korrektur von Fehlbildungen oder zur Implantation eines Blasenschrittmachers.
Hilfsmittel bei Harninkontinenz
Unabhängig von der Ursache und der Behandlung der Harninkontinenz können Hilfsmittel den Alltag erleichtern und die Lebensqualität verbessern. Dazu gehören:
- Inkontinenzvorlagen und -slips: Zum Auffangen von Urin.
- Urinalkondome: Für Männer mit Harninkontinenz.
- Toilettensitzerhöhungen und Haltegriffe: Für eine sichere und bequeme Toilettenbenutzung.
Leben mit Harninkontinenz
Harninkontinenz kann eine erhebliche Belastung für die Betroffenen darstellen. Es ist wichtig, sich nicht zu schämen und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Mit der richtigen Diagnose und Behandlung können die Symptome gelindert und die Lebensqualität deutlich verbessert werden.
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