Das Inselspital in Bern, Schweiz, ist ein renommiertes Zentrum für neurologische Forschung und Behandlung. Diese Übersicht beleuchtet die Schwerpunkte der Neurologie-Forschung am Inselspital und weiteren Standorten, die mit Forschung und Studien im Bereich neurologischer Erkrankungen in Verbindung stehen. Es ist wichtig zu beachten, dass diese Übersicht keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und eine individuelle Beratung durch Fachärzte nicht ersetzt.
Bedeutung von Forschungszentren
Spezialisierte Forschungszentren spielen eine entscheidende Rolle bei der Verbesserung der Versorgung von Patienten mit komplexen neurologischen Erkrankungen. Sie verfügen oft über besondere Expertise und Erfahrung in der Behandlung seltener Erkrankungen wie der Multisystematrophie (MSA) und sind an Registern, Natural-History-Studien (Beobachtungsstudien zum Krankheitsverlauf) und klinischen Prüfungen beteiligt. Durch die Nutzung standardisierter Verlaufsinstrumente wie der UMSARS (Unified Multiple System Atrophy Rating Scale) ermöglichen sie eine präzise Einschätzung des Krankheitsverlaufs. Zudem sind sie oft in internationale Netzwerke wie die EMSA-SG und das ERN-RND eingebunden.
Forschungsschwerpunkte in Deutschland
In Deutschland gibt es mehrere Einrichtungen, die über Netzwerke und Studien eng in die Versorgung von Patienten mit neurologischen Erkrankungen eingebunden sind. Zu den wichtigsten Zentren gehören:
- Charité - Universitätsmedizin Berlin: Die Ambulanz für Bewegungsstörungen der Charité konzentriert sich auf atypische Parkinsonsyndrome.
- Universitätsklinikum Tübingen: Das Zentrum für Seltene Neurologische Erkrankungen in Tübingen ist ein offizielles Fachzentrum im ERN-RND für untypische Parkinson-Erkrankungen.
- LMU Klinikum München (Großhadern): Das LMU Klinikum München ist führend in der Genetik und bei Verbundprojekten wie „MSA-omics“.
- Weitere Standorte im Netzwerk: Über das europäische Referenznetzwerk ERN-RND lassen sich weitere Kliniken identifizieren, darunter Standorte in Lübeck, Bonn und Ulm.
MSA-Forschungszentrum Innsbruck, Österreich
Innsbruck gilt als das zentrale europäische MSA-Forschungszentrum. Hier wurden wesentliche Meilensteine wie die UMSARS-Skala und das europäische MSA-Register mitentwickelt. Die Forschungsgruppe MeDeMSA (Medical Decision Making in MSA) an der Medizinischen Universität Innsbruck entwickelt personalisierte Versorgungsmodelle speziell für Menschen mit MSA.
Universitäre Expertise in der Schweiz
Obwohl die Schweiz kein EU-Mitglied ist und daher keine offiziellen ERN-RND-Zentren hat, erfolgt die spezialisierte Betreuung von Patienten mit neurologischen Erkrankungen auf hohem Niveau in universitären Bewegungsstörungs-Zentren. Zu den wichtigsten Zentren gehören:
Lesen Sie auch: Neue Behandlungsmethoden der Neurologie gegen Depressionen
- Universitätsspital Zürich: Das Universitätsspital Zürich ist das größte Zentrum der Schweiz mit Schwerpunkt auf Bewegungsstörungen und funktioneller Neurochirurgie.
- Kantonsspital St. Gallen: Das Muskelzentrum/ALS Clinic in St. Gallen ist als Referenzzentrum durch die nationale Koordination Seltene Krankheiten (kosek) anerkannt.
Inselspital Bern: Neurologische Forschung im Fokus
Die Universitätsklinik für Neurologie am Inselspital ist die grösste neurologische Klinik der Schweiz und bietet eine qualitativ hochstehende Behandlung sowohl in der neurologischen Grundversorgung als auch in der hochspezialisierten Medizin. Ambulant werden jährlich über 30'000 Patienten und stationär ca. 2'000 Patienten behandelt. Das interdisziplinäre universitäre Zentrum für Seh- und Wahrnehmungsstörungen (ZSWP) und die Schwindelsprechstunde im ambulanten Neurozentrum, die mit dem ZSWP eng zusammenarbeit, bietet das ganze Spektrum der modernen Diagnostik und Therapie von Patient:innen mit neuro-ophthalmologischen und neuro-otologischen Beschwerden an.
Tiefe Hirnstimulation bei Depression
Ein interdisziplinäres Ärzteteam des Universitären Neurozentrums Bern hat zum ersten Mal am Inselspital eine tiefe Hirnstimulation bei Depression durchgeführt. In der Behandlung von Bewegungsstörungen wie zum Beispiel Morbus Parkinson hat sich die tiefe Hirnstimulation in den letzten zehn Jahren etabliert. Das Inselspital kann diesbezüglich auf eine lange Tradition zurückblicken: 1998 wurde die erste Patientin mit der Technik der tiefen Hirnstimulation behandelt.
Kooperation für hochpräzise Neurochirurgie
Die Insel Gruppe und das Swiss Medical Network kooperieren für modernste Hirnchirurgie. Im Kanton Bern entsteht ein neues Zentrum für hochpräzise Neurochirurgie: Die Insel Gruppe und das Swiss Medical Network haben eine Kooperation zur Weiterentwicklung der funktionellen Neurochirurgie geschlossen. Das gemeinsame Ziel: neue Standards für die Behandlung chronischer und therapieresistenter Erkrankungen zu setzen.
Zentrum für Parkinson und Bewegungsstörungen
Dr. med. Ines Debove ist stellvertetende Leiterin des Zentrums für Parkinson und Bewegungsstörungen am Inselspital Bern. Seit mehr als 10 Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit der Parkinsonkrankheit. Für die Schweizerische Neurologische Gesellschaft arbeitete sie am aktuellen Konsensus zur Parkinsonkrankheit mit.
Forschungsgruppe Zerebrale Amyloid- und Kleingefäßerkrankungen
Die Forschungsgruppe befasst sich mit der Diagnostik und Therapie von zerebralen Amyloid- und Kleingefäßerkrankungen („small vessel disease“) sowie deren klinischen Folgen und Komorbiditäten (Alzheimer-Erkrankung und Zerebrale Amyloidangiopathie, Intrazerebrale Blutung, Ischämischer Schlaganfall, Delir). Die multimodale und translationale Herangehensweise umfasst Inhalte der neurologischen Symptomatik und Neuropsychologie, Bildgebung, Liquoranalyse sowie Sozioökonomie. Diese werden vor dem Hintergrund der diagnostischen und therapeutischen Sicherheit und Effektivität, des Patienten-bezogenen Outcomes und der Krankheitslast betrachtet.
Lesen Sie auch: Expertise in Neurologie am Inselspital
Forschungsschwerpunkte der Gruppe
- Diagnostik des Liquor cerebrospinalis zur Stratifizierung verschiedener Demenz- und Kleingefäßerkrankungen sowie der damit assoziierten bildmorphologischen, neuropsychologischen und vaskulären Krankheitslast
- Sicherheit und Monitoring von potenziell krankheitsmodifizierenden Amyloid-gerichteten, vasoprotektiven oder revaskularisierenden Therapien
- Individualisierte Analyse der Prognose, Therapie, Läsion und Sozioökonomie hinsichtlich des langfristigen Outcomes und des Auftretens von Sekundärereignissen nach intrazerebraler Blutung und ischämischem Schlaganfall
- Intensivmedizinischer Einsatz von ciradianen Beleuchtungssystemen zur Delirprävention und ultraschallgestützten Methoden zur nicht-invasiven intrakraniellen Druckmessung nach intrakranieller Blutung
Das übergeordnete Ziel ist die umfassende Integration der diagnostischen, prognostischen, risikobezogenen und therapeutischen Parameter bei Patientinnen und Patienten mit zerebralen Amyloid- und Kleingefäßerkrankungen. Dies dient dem Zweck, für die Betroffenen ein individualisiertes klinisches Behandlungskonzept zu entwickeln, welches bestmögliche Ergebnisse bei größtmöglicher Sicherheit gewährleistet.
Multiple Sklerose (MS) Forschung
In kaum einem Bereich der Neurologie wurden in den vergangenen 30 Jahren so viele Medikamente entwickelt wie gegen Multiple Sklerose (MS). Die Lebensqualität der Patient:innen hat sich dadurch sehr verbessert. Trotzdem gibt es Patient:innen, denen die Medikamente nicht helfen. Vor allem für die chronisch progrediente Form gibt es zu wenige Präparate.
Funktionelle Neurologische Störungen
Funktionelle neurologische Störungen (FNS) sind ein weiterer Schwerpunkt der neurologischen Forschung. Diese Störungen umfassen eine Vielzahl von Symptomen, die das Nervensystem betreffen, aber nicht durch strukturelle Schäden oder organische Erkrankungen erklärt werden können. Die Forschung in diesem Bereich konzentriert sich auf das Verständnis der zugrunde liegenden Mechanismen, die Entwicklung von Diagnosekriterien und die Verbesserung der Behandlungsmethoden.
Einige wichtige Aspekte der Forschung zu FNS sind:
- Psychosomatische Aspekte: Die Forschung untersucht die Rolle psychologischer Faktoren wie Stress, Trauma und emotionale Belastung bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von FNS.
- Neurobiologische Grundlagen: Es werden die neuronalen Korrelate von FNS untersucht, um die Veränderungen in der Hirnfunktion und -struktur zu verstehen, die mit diesen Störungen einhergehen.
- Therapeutische Ansätze: Die Forschung konzentriert sich auf die Entwicklung und Evaluation von psychotherapeutischen, physiotherapeutischen und medikamentösen Behandlungen für FNS.
Ausblick
Die neurologische Forschung am Inselspital und anderen führenden Zentren leistet einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Diagnose, Behandlung und Lebensqualität von Patienten mit neurologischen Erkrankungen. Durch die enge Zusammenarbeit von Klinikern und Forschern werden neue Erkenntnisse gewonnen und innovative Therapieansätze entwickelt. Die Schwerpunkte liegen dabei auf der Erforschung von neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson und MSA, zerebralen Amyloid- und Kleingefäßerkrankungen, Multipler Sklerose und funktionellen neurologischen Störungen.
Lesen Sie auch: Schwerpunkte Neurologie Bern
Die Früherkennung von Krankheiten wie Parkinson ist eine grosse Herausforderung. Wenn es gelingt, die Krankheit früher zu erkennen und zu therapieren, können die Erkrankungen grundlegend verändert werden. Die aktuellen Therapieangebote sind insbesondere symptomorientiert, aber sie sind effizient und gut. Es kann vielen, wenn auch nicht allen Patient:innen eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität über einen sehr langen Zeitraum ermöglicht werden, wenn sie ein gutes multidisziplinäres Team haben und in einem guten sozialen Umfeld eingebettet sind, wo sie einen supportiven Partner haben.
tags: #inselspital #neurologie #forschung